Irrwege einer VIER

das Leben des Komponisten Max Reger

von Heike Heinze

Es ist, als hätte man das Enneagramm aufgeschlagen neben sich liegen, wenn man über die Studienjahre Max Regers in Wiesbaden liest. Da ist diese überdurchschnittliche Begabung, aber auch die Unfähigkeit, damit umzugehen, das Schwanken zwischen Größenwahn und Depression, und die tiefe Sehnsucht, verstanden zu werden, Gleichgesinnte zu finden – eine Sehnsucht, die nur allzu oft enttäuscht wird. Die „reine Musik“ muss es sein, tief, erhaben, eben besonders, Ausdruck der „reinsten Empfindung“. Alles andere lohnt nicht der Erwähnung. Da werden Kollegen vor den Kopf gestoßen, mit vernichtenden Kritiken für immer zu Feinden gemacht, weil alles mit dem übertriebenen Qualitätsanspruch gemessen wird, den er auch an seine eigenen Werke anlegt. Dabei auch hier immer wieder Selbstzweifel. „Du schaffst es nicht. Alles, was du schreibst, ist Unsinn. Du erlebst es nicht mehr, dass eins deiner Werke wie eine Bombe einschlägt.“ (S. 82)
Kein Wunder bei dieser Biografie. Der Vater, Schullehrer im bayrischen Weiden, weigert sich in seiner Engstirnigkeit, das Talent seines Sohnes anzuerkennen, bezeichnet seine Musik als Unmusik und verachtet seinen Sohn. Die Mutter, die es als strenggläubige Katholikin bereits als Sünde ansieht, wenn ihr Sohn evangelische Choräle bearbeitet, barmt und bereut es bitter, ihren Sohn anfänglich unterstützt zu haben. Seine Schwester Emma, die den Bruder um seine Begabung beneidet, beschimpft ihn als „sündhaft und verworfen“. Was für ein enormer Druck für den jungen Reger, gegen die Ablehnung seiner Familie den Weg seiner Berufung als Musiker und Komponist zu gehen. Wenige nur sind es, die an ihn und sein Talent glauben. Sein alter Lehrer Adalbert Lindner in Weiden. Fritz Riemann in Wiesbaden, der ihn aber zunehmend kritischer sieht. Denn auch hier zeigt sich der Komponist keinesfalls nur von der sympathischen Seite. Er lässt sich gehen, gerät immer mehr in den Sog des Alkohols und stößt auch die Leute, die ihm wohl wollen, so nachhaltig vor den Kopf, dass ihm immer weniger Freunde bleiben. Die VIER auf dem Weg in die Krise, so könnte man den ersten Teil des Romans beschreiben. Was ihm bleibt, ist die Musik, die aus ihm herauszuquellen scheint, ganz gleich, wie gut oder schlecht es ihm geht. Der Künstler.
Der Künstler in ihm ist es auch, der ihn ein neues Leben aufbauen lässt, als er, fürs erste gescheitert, krank und tief verschuldet zu den Eltern nach Weiden zurück kehrt. Sein Talent und die Gespräche mit Lindner, der sich als treuer Freund erweist. Mit unermüdlichem Fleiß komponiert er, so bald es ihm wieder besser geht, es gelingt ihm, seine Werke zu verkaufen und sich langsam eine Existenz als Komponist und Künstler aufzubauen. Der Umzug nach München bringt ihm seinen Ziel ein großes Stück näher. Später wird er eine Frau und Kinder haben, seine Familie und seine alt gewordenen Eltern versorgen und sich als Künstler einen Namen machen. Dass äußerer Erfolg nicht gleichbedeutend mit innerer Reife ist, weiß die Autorin genau so gut aufzuzeigen wie die Licht- und Schattenseiten der komplizierten Psyche des hoch begabten Musikers, der leider schon im Alter von 43 Jahren starb.
Ein lesenswerter und sehr interessanter Roman, nicht nur für Musikbegeisterte:

Max Reger
Ein biografischer Roman
von Bettine Reichelt
Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2005
ISBN 3-374-02210-3, 275 Seiten

[aus: EnneaForum 28, November 2005, S. 24

Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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