Das Labyrinth – Lebenswege einer VIER

Der rote Faden in meinem Leben war immer schon meine Sehnsucht nach Liebe. Seit ich denken kann, befand ich mich auf der Suche nach Geborgenheit, Verstanden- und Gehaltensein, allerdings lange Zeit ohne zu wissen, wonach ich eigentlich suche. So ist es nicht verwunderlich, dass ich immer wieder romantischen Irrtümern erlegen bin.
Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht irgendwie verliebt gewesen bin, und immer waren es Menschen, die unerreichbar waren. Ich lebte in einer teils glücklichen, teils dramatischen Traumwelt mit heftigen Zusammenbrüchen und jähen Abstürzen. Meine Mutter sagte mir, dass ich einer Illusion nachjage, aber je mehr sie mich mit Vernunftgründen davon abbringen wollte, umso heftiger und trotziger hielt ich daran fest. Ein Leben ohne “die große Liebe” – was für eine grauenhafte Vorstellung!
Mein erster Freund hatte dann eher mit Torschlusspanik und geschmeichelter Eitelkeit zu tun. Ich bekam nichts von dem, was ich mir so sehnlich wünschte: Umworbensein, Zärtlichkeit, Auf-den-Händen-getragen-werden. Er wollte mit mir einfach nur ins Bett, und als er das nicht bekam, bändelte er auch noch mit anderen an. Erst als ich irgendwann merkte, dass es mir mit meinen guten alten Träumen viel besser ging als mit ihm, entdeckte er seine romantische Ader und fing an, sich um mich zu bemühen, aber da war es schon zu spät. Wenig später fuhr ich ins Chorlager und verliebte mich in den nächsten Unerreichbaren.
Einen Sommer später lernte ich Thomas kennen. Nach seiner gerade beendeten Armeezeit sah er wie ein lieber Junge aus, und gar nicht so verwegen langhaarig wie ich mir das gewünscht hätte. Dafür konnten wir uns umso besser unterhalten, und nach einer der vielen Partys fragte er mich schließlich, ob er mir einen Kuss geben dürfe. Am nächsten Tag besuchte er mich bei meinen Eltern und begrüßte mich mit den Worten “Tag mein Schatz”, was mich in tiefste Panik stürzte, weil es schon so verheiratet und nach Ewigkeit klang. Nur – für die Ewigkeit hatte ich mir doch noch etwas anderes vorgestellt.
Dennoch, mit Thomas blieb ich 15 Jahre zusammen, er ist auch der Vater meiner beiden Kinder. Je länger wir getrennt sind, umso mehr werden mir auch die gemeinsamen guten Zeiten bewusst. Aber wir sind sehr verschieden, und ich glaube, es hätte einer sehr großen Reife und sehr viel mehr Wachheit bedurft, um ein ganzes Leben miteinander zu bewältigen. Die hatten wir beide nicht. Ich zog mich in meine Traumwelten zurück, wann immer es mir notwendig erschien und verhinderte damit, mich jemals wirklich auf Thomas einzulassen. Ich habe oft um diese Beziehung gekämpft, aber leider mit einem falschen Ziel: ich wollte ihn ändern, anstatt zu schauen, was mit diesem Menschen möglich ist, einem NEUNer mit gelegentlich heftigem EINSERflügel, der kein Interesse daran hatte, sich selbst, geschweige denn MICH zu erkennen. Mehrere Male bin ich innerhalb unseres Zusammenlebens Männern begegnet, von denen ich ganz sicher glaubte, sie könnten meine Sehnsucht stillen. Ich habe mich jedes Mal ganz und gar in diese “wahre Liebe” hinein gestürzt. Aber was ich statt dessen bekam, war zu DDR-Zeiten eine Briefbeziehung zu einem Wessi, der mich zwar, ohne mich je gesehen zu haben, heiraten wollte, letztlich aber jedes Mal kniff, wenn er mich besuchen sollte. Am Ende stellte sich heraus, dass er in einer festen Beziehung lebte, aus der er sich wohl seinerseits gelegentlich wegträumte.
Jahre später ließ ich mich sogar auf eine richtige Affäre ein, mit heimlichen Treffen, Essengehen und dann … nun ja. Zwei Jahre lang habe ich an diese Beziehung geglaubt und darauf gehofft, dass sich eines Tages die Liebe durchsetzen wird. Erst nach einem Urlaub in Schottland begriff ich, dass dem nicht so ist. Da wusste ich dann allerdings auch, dass es kein Zurück zu Thomas gab, obwohl der die ganze Zeit alles geduldig ertragen und abgewartet hatte. Vielleicht hätte er kämpfen oder mit der Faust auf den Tisch hauen sollen. Oder wünsche ich mir das nur in der Hoffnung, dass ich dann weniger Schuldgefühle hätte? Auch heute noch kann ich es schwer aushalten, wie sehr ich Thomas damit verletzt habe, und dass unsere Kinder in einer kaputten Familie aufwachsen mussten.
Wir blieben danach noch vier Jahre zusammen, eine Zeit, in der wir beide grenzenlos einsam waren und die Entfremdung und die Verbitterung immer intensiver wurden. Es gab auch in diesen Jahren Männer, die mich interessierten, doch sie waren nicht der entscheidende Trennungsgrund. Wir waren müde geworden und sahen keine Hoffnung mehr.
Der Abschied tat trotzdem weh. Es tat weh, die vertrauten Möbel von Thomas im Hof zur Abholung bereit stehen zu sehen, der Anblick des leeren Zimmers tat weh, und es war schrecklich, als er endgültig ging. Zugleich war es eine unglaubliche Erleichterung. Ich machte mich mit einem Gemisch aus Trauer und Begeisterung daran, MEIN Leben zu entdecken, zwei wunderbare Monate lang. Dann traf ich meinen Jugendfreund Olaf wieder. Wir waren sicher, dass uns nun, da wir uns endlich nach so vielen Umwegen gefunden hatten, nichts mehr würde auseinander bringen können. Doch dann dauerte es kaum drei Monate, bis uns ein wilder Strudel in die tiefsten Abgründe der Seelen gezogen und verschlungen hatte. Es waren nicht nur zwei unterschiedliche Lebenswelten aufeinander geprallt (er war erfolgreicher Anwalt, ich arbeitete damals zehn Stunden pro Woche im Museum), sondern vor allem zwei Bedürftige. Olaf als DREIER war geradezu süchtig nach Erfolg und Wichtigkeit und Im-Mittelpunkt-Stehen. Selbst wenn er zugleich auch Idealist war, seine Welt mit so suspekten Vergnügungen wie Rennautoprobefahrten und Fischkochen mit irgendwelchen Finanzgrößen, erschien mir ebenso oberflächlich wie bedrohlich, und letztlich war darin kein Platz für mich. Die Trennung war schlimm, manchmal tut sie heute noch weh. Manchmal denke ich, ich habe einen Seelenfreund verloren, der es nicht aushielt, sich in mir gespiegelt zu sehen, und umgekehrt ist es nicht viel anders.
Die drei Jahre ohne Beziehung, die dann folgten, waren das Beste, was mir passieren konnte. Auch wenn die Einsamkeit manchmal sehr schmerzlich war und ich noch immer Zuflucht in Traumwelten suchte, ich lernte endlich laufen, und damit ging es mir gut.
Meine Anfangszeit mit Wieland war stürmisch. Da gab es die Ex-Freundin, der ich mich lange Zeit unterlegen fühlte, und abgesehen davon sind auch wir sehr verschieden. Wieland ist ein FÜNFer, der am liebsten stundenlang ein und dieselbe Seite eines Bildbandes anschaut und über tote Dinge spricht, es jedoch hasst, über sich selbst oder Gefühle und Probleme zu reden. Ich habe oft das Gefühl gehabt, kämpfen zu müssen, oft auch an Stellen, wo es nicht nötig gewesen wäre. Aber das erkannte ich erst allmählich. Nachdem ich es endlich “geschafft” hatte und wir in unsere gemeinsame Wohnung eingezogen waren, wurde nämlich schnell spürbar, dass all meine Unsicherheiten und Ängste immer noch da waren. Und dann dauerte es noch einmal eine lange mühsame Zeit, bis ich begriff, dass mir kein Mann dieser Welt die Auseinandersetzung mit mir selbst und mit meiner Lebensgeschichte abnehmen kann. Auf dieser Basis kann unsere Beziehung nun wachsen. Wir brauchen auch weiterhin viel Geduld und Wachheit füreinander, und natürlich sind wir nie vor Missverständnissen und Irrwegen gefeit, aber – auch wenn es mir selbst heute noch manchmal schwer fällt – ich bleibe auf dem Boden der Realität und entdecke, dass diese aufregend und vielfältig genug ist – selbst für eine VIER.
Caroline Weiss

[aus: EnneaForum 28, November 2005, S. 22-25

Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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