Bibliodrama in Walberberg

Ein persönlicher Bericht von Marianne Nitzsch

Es ist erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit man immer wieder annimmt, dass andere Menschen oder zumindest einige Menschen in ein und derselben Welt mit uns leben. Natürlich bewegen sie sich auf der gleichen Erde oder haben den gleichen Himmel über sich und sehen objektiv die gleichen Gegenstände. Das hat aber mit dem tatsächlichen Erlebnis des Einzelnen nur bedingt zu tun. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das, zumindest meistens, begriffen habe. Auch Überlegungen, Gedanken, Ansichten oder Träume der anderen, die mit den eigenen identisch zu sein scheinen, sind oft absolut nicht die gleichen, denn sie entspringen einem anderem Hintergrund, anderen Zielen, einer anderen Welt.
Dies gilt es zu berücksichtigen, wenn ich, egal in welchem Beruf oder auch privat, Menschen ein Stück begleiten will. Das Enneagramm ist eine Hilfe. Wobei der Weg, den anderen zu begreifen, zunächst der Weg zu sich selbst ist.
Einen weiteren Schritt auf diesem Weg durfte ich während des Seminars in Kloster Walberberg im Juni tun. Richard Rohr und Helen Palmer zeigten uns Möglichkeiten, wie wir es lernen können, im Augenblick präsent zu sein, um zu begreifen, wer wir sind oder sein können. Dann können wir auch den andern entsprechend wahrnehmen. „Die Lampe des Körpers ist das Auge“, sagte Richard Rohr und „ so wie du schaust“ ( mit welchen Gedanken oder mit welcher Einstellung), „so wirst du sehen“.
Im Rahmen dieses Seminars wurden auch workshops angeboten. Friedrich Carl Voelkner leitete einen Bibliodramakurs (eine kurze Einführung, nannte er es). Ich hatte schon oft von dieser Methode gehört und war sehr neugierig, sie kennen zu lernen. Ich konnte mir ehrlich gesagt noch nicht so recht vorstellen, dass eine Geschichte, die man gemeinsam liest oder auch spielt, eine so verändernde Kraft haben kann wie mir erzählt wurde.
Die Geschichte, mit der wir uns beschäftigten, handelte von einem Blinden (Markus 10, 46–52). Wenn man sich in eine solche Geschichte einfühlen will, muss man versuchen, für eine Weile blind zu sein. Dieser Versuch, in einem fremden Raum unter fremden Menschen mit geschlossenen Augen herumzulaufen berührte mich sehr. Meine Lampe, mit der ich meine Umwelt normalerweise so exakt wie möglich wahrnehme, war ausgeschaltet. Ich musste mich voll auf den Augenblick konzentrieren und landete im „Jetzt“. Nicht ganz so vielleicht, wie Richard Rohr das verstehen würde, aber alle anderen Gedanken an ein Vorher oder Nachher wurden in dem Moment abgeschaltet. Erstaunlicherweise gingen Notlampen an, die ich sonst nicht so sehr benutze. Einen Teilnehmer erkannte ich am Schritt, eine Frau am Klingeln des Armbandes, und zwei weitere konnte ich mit Hilfe ihres Parfums bzw. Rasierwassers identifizieren. Doch das Bild dazu fehlte. Während ich anfangs noch mutig mit ausgestreckten Händen durch den Raum getappt war, überkam mich bald das Bedürfnis, mich auf einen sicheren Stuhl am Rand des Raumes zurückzuziehen. Diese Geschichte würde ich nicht mit Distanz spielen können.
Das folgende Gespräch zeigte, dass die Situation sehr unterschiedlich empfunden worden war. Und plötzlich waren wir nicht mehr nur Teilnehmer des gleichen Seminars sondern verschiedene Individuen.
Die Geschichte zu lesen, immer abwechselnd, jeder einen Vers, war dagegen harmlos. Zunächst. Die nächste Lesart, einen beliebigen Teilsatz oder -abschnitt zu lesen, und der folgende macht da weiter, wo man aufgehört hat, zeigte schon wieder, wie individuell der Text empfunden werden kann. Danach wählte jeder einen Satz oder einige Worte, von denen er das Gefühl hatte, dass sie ihn betreffen. Ich muss gestehen, ich wusste anfangs nicht, warum ich diesen Satz gewählt hatte. Das änderte sich.
Dann hieß es: „Sprecht euren Satz und begebt euch an die Stelle des Raumes, wo ihr glaubt, hinzugehören. Zum Beispiel zu jemandem, der etwas Ähnliches gesagt hat, oder ganz nach vorn oder hinten.“ Bei diesem Versuch entstand die Gruppe. „Habt ihr gesehen wie wir stehen?“ fragte Friedrich Carl. Haben Sie schon einmal eine Formation Wildgänse am Himmel fliegen sehen? Genau so standen wir. Damit waren sehr verschiedene Individuen zu einer Art Arbeitseinheit geworden. Ich hatte das Gefühl: Hier würde man sich nichts tun und vielleicht auch füreinander einstehen.
Dies zeigte sich dann auch in der Selbstverständlichkeit, mit der man einem Partner erzählen konnte, was dieser gewählte Satz einem bedeutete und darin, dass man dankbar dafür war, etwas über das Gegenüber erfahren zu dürfen. Es zeigte sich auch in dem Mut und Vertrauen in dem diese Worte, wieder sehr individuell, dargestellt wurden. Ich wusste gar nicht, auf wie viele völlig verschiedene Arten man um Erbarmen bitten kann.
Schade, dass wir dann aufhören mussten. Besonders schade, weil Friedrich Carl uns erzählte, wie es hätte weiter gehen können.

[aus: EnneaForum 28, November 2005, S. 6

Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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