Unterwegs mit Richard Rohr

ein Erlebnis besonderer Art

Reiseeindrücke von Ulla Peffermann-Fincke

In New Mexico im Oktober 2003 sind wir von Richards Präsenz, seiner Energie und der positiven Ausstrahlung so inspiriert, dass wir gerne mehr von ihm haben möchten. Also machen wir die Sache fest: Ende Mai 2005 nach dem Kirchentag wollen wir mit ihm zehn Tage durch Deutschland reisen.
Und nun ist er da. Am Freitag, dem 27. Mai holen wir ihn in Hannover am Flughafen ab. Wir sind viel zu früh, trinken noch einen Milchkaffee und schlendern dann zum Terminal. Gähnende Leere erwartet uns, weit und breit kein Richard Rohr. Mehrfach gehen wir den Gang auf und ab, zunehmend irritiert und mit wachsender Unruhe. Haben wir irgend etwas falsch verstanden ?! Doch dann kommt plötzlich wie aus dem Nichts ein strahlender Richard, zwei kleine Köfferchen hinter sich her ziehend auf uns zu; seine Maschine aus Österreich war viel zu früh gelandet! Herzliche (und erleichterte) Begrüßung, er entschuldigt sich für die „Verfrühung“, denn wir hätten uns ja nun bestimmt schon Sorgen gemacht !
Erste Eindrücke vom Kirchentag: große Hitze, viel Volk, eine friedliche Atmosphäre. Richard ist angetan von der guten Organisation, den vielen Jugendlichen, die sich in kleineren Gruppen auf der herrlichen Rasenanlage niedergelassen haben, diskutieren, auf die nächste Veranstaltung warten oder einfach dösen. Stolz zeigen wir ihm unseren Enneagramm-Stand auf dem Markt der Möglichkeiten. Da er an diesem Tag noch nicht verplant ist, hält er einen Mini-Workshop und ist einfach präsent. Zum Mittagsimbiss stößt Pam zu uns; sie wird Richard fast auf der gesamten Tour übersetzen. Bei Gyros und Quarkspeise finden die beiden direkt einen Draht zueinander. „No problem!“
Richards Bibelarbeit am Samstagmorgen in der größten Vortragshalle ist gut besucht. Es geht um die Spiritualität der beiden Lebenshälten: in der ersten Lebenshälfte sind Normen und Gesetze wichtig – um sie in der zweiten Lebenshälfte loszulassen. In der ersten Lebenshälfte ist Logik und Konsequenz unverzichtbar: 2 + 2 = 4. In der zweiten Lebenshälfte sind 2 + 2 oft nicht mehr 4…. Inhalte sollten in der zweiten Lebenshälfte wichtiger werden als die Verpackung („the contents is more important than the container“)
Nach dem Abschlussgottesdienstes des Kirchentages fahren wir nach Lübeck. Im Vorfeld hatten wir uns viele Gedanken gemacht, wo man einen so weit gereisten Referenten unterbringt: in einem Nobel-Hotel oder entsprechend franziskanischer Einfachheit bei uns im Gästezimmer? Wir haben uns dann für ein kleines Appartement in Travemünde entschieden, mit Blick auf die Trave und die riesigen Schiffe. Richard ist sehr angetan, besonders allerdings vom Internetanschluß in seinem Zimmer. Wenn möglich, möchte er täglich auf seine mails reagieren können.
Die Abendveranstaltung in Lübeck, Thema: „Aufbrüche – Wege zur Veränderung“, findet im Burgkloster statt, einem ehemaligen Dominikanerkloster. Etwa 130 Interessierte haben sich eingefunden, die Stühle reichen nicht aus, Hocker werden dazu gestellt. Zu einem Statement nach Richards Vortag sind Frau Bischöfin Wartenburg-Potter und katholischerseits Herr Generalvikar Spiza aus Hamburg eingeladen. Richards Art ist offen und humorvoll; er schafft eine Atmosphäre, in der seitens der Bischöfin und des Generalvikars erstaunlich viel Persönliches gesagt wird. Das Publikum dankt mit einem großen Applaus – und einem guten Umsatz am Büchertisch.
Richard geht früh zu Bett, da er gewohnt ist, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen. Da das Frühstückscafe, das wir für ihn ausgeguckt haben, ist um diese Uhrzeit noch geschlossen ist; frühstückt Richard in einer Bäckerei, wo er, wie er sagt, am liebsten „die ganze Theke durchprobieren würde“.
Für Dienstag steht die Besichtigung der berühmten Lübecker Marienkirche auf dem Programm. Dank Rainers guter Beziehung zur Geistlichkeit wird uns eine spezielle Führung ermöglicht, die uns erlaubt, in den Türmen herumzuklettern und sogar die Glocke zu läuten. So sehr Richard auch staunend vor diesen großen, alten Lübecker Kirchen steht, die richtige Begeisterung kommt nicht auf; beim anschließenden Kaffeetrinken im Cafe´ Nideregger diskutieren wir das ambivalente Gefühl beim Anblick solcher Bauten: einerseits Zeichen der Ehrfurcht Gott gegenüber, andererseits demonstrieren sie Macht und Reichtum.
Jeden Dienstag Abend meditieren wir mit einer Gruppe in unserem Pastorat, diesmal mit Richard. Schön, dass er dabei sein will und genau so engagiert in dieser Kleingruppe Fragen beantwortet wie vor einem großen Publikum. Wie lässt sich Meditation stärker in den Alltag integrieren? „Darum geht es gar nicht!“ ist die verblüffende Antwort. Das Sitzen in der Meditation ist lediglich ein Einüben, die Dinge anzunehmen, wie sie sind. Dies entspricht der Aufgabe, die uns tagtäglich immer wieder gestellt wird. Der Tag ist nur eine „Verlängerung“ der Morgenmeditation.
Ab Mittwoch sind wir mit ihm wieder „on the road“. Gerade das Unterwegssein, die Gespräche im Auto, die kleinen Pausen zwischendurch genieße ich sehr. Da geht es um Kirche und Politik, um Lebensgestaltung und Sinnfindung, um Deutschland und die USA, aber auch ums Essen, Trinken, das Wetter …..
Interessant: Immer wieder werden der alte und neue Papst diskutiert. Während Rainer (als protestantischer Pfarrer – aber eben auch als Neuner) versucht, ein paar gute Seiten des Papstes anzuführen, lässt Richard kein gutes Haar an ihm; der Papst habe sich nicht wirklich für Armut und Unterdrückung eingesetzt. Vom neuen Papst ist Richard auch nicht begeistert; „sorry about the new german pope“ schrieb er uns vor der Reise in einer mail.
Mittagessen im Priorat St.Benedikt in Damme. Die Brüder empfangen uns sehr herzlich. Der älteste Bruder, ein über 90 jähriger Herr, schwerhörig und mit dicken Brillengläsern, strahlt über beide Ohren, als er Richard herzlich die Hände drückt. Richard fühlt sich sehr wohl und ist beeindruckt vom nahe gelegenem Waldlabyrinth, das im letzten Jahr von einer Seminargruppe angelegt worden ist.
Nächstes Ziel ist die berühmte Wallfahrtskirche in Neviges, wo am nächsten Tag eine Trauung durch Richard und Rainer stattfinden soll. Richard studiert in unserem Aral-Straßenatlas den Weg nach Neviges und kontrolliert, ob das Navigationssystem im Auto uns den richtigen Weg weist ( Typ Eins lässt grüßen).
Selber noch nicht ganz vertraut mit dieser modernen Technik, nennen wir die Stimme aus dem Off „Uncle Sams voice“. Uncle Sams voice führt uns statt zum Parkplatz der Kirche auf einen Aldi-Parkplatz – und behauptete dann auch noch: „Sie haben jetzt ihr Ziel erreicht!“ Uncle Sams voice bringt uns noch des öfteren zum Lachen.
Der Vortrag in Wuppertal, Thema: „Wer loslässt wird gehalten“, findet ebenfalls viel Anklang. Richard hat die Gabe, Christen unterschiedlicher Konfessionen anzusprechen. Erfreulicherweise besteht am Rande auch ein großes Interesse an der Vereinsarbeit des ÖAE, wir haben viel Material ausgelegt und es gibt wieder einen Büchertisch.
Am nächsten Morgen findet die Trauung statt; früh morgens noch Nieselregen, aber dann kommt rechtzeitig die Sonne heraus, als das Brautpaar vorfährt. Und wenn eine VIER eine NEUN heiratet, ist dies natürlich etwas ganz Besonderes. Tommeln beim Einzug, Pozession durch die Kirche während des Gottesdienstes … Richard: „I´ve never had such a wedding before !”
Den Hochzeitskuchen müssen wir uns sparen, da wir zeitig im Kloster Walberberg ankommen wollen; abends findet Richards Vortrag in der Baptistengemeinde in Bonn (Thema: „Spiritualität des Wandels“) statt. Dies ist die einzige Veranstaltung ohne Anmeldung, so dass wir überhaupt keine Ahnung haben, wie viele Interessierte kommen werden, zumal das Gemeindezentrum außerhalb der Bonner Innenstadt liegt. Persönliche Kontakte zu Herwig Mauschitz, dem ökumenisch orientierten Baptistenpfarrer, haben uns veranlasst, die Veranstaltung dort zu planen.
Für das gemeinsame Abendessen habe ich (als Bonnerin) ein nettes Restaurant direkt am Rhein gelegen mit Blick auf das Siebengebirge und den Drachenfels ausgesucht. Richard – wie alle Amerikaner – genießt diese Idylle. Und ich finde es auch wunderschön, wieder in der Heimat zu sein.
Rund 200 Zuhörer füllen das supermoderne und technisch perfekt ausgestattete Gemeindezentrum. Die Veranstaltung läuft nach bewährtem Konzept ab: eine Stunde Vortrag von Richard, dann eine Pause, Gelegenheit etwas zu trinken u. signierte Bücher von Richard zu kaufen, anschließend noch Zeit für Fragen. „Sind Leiderfahrungen unvermeidlich auf dem spirituellen Weg?“ fragt ihn eine Teilnehmerin. Richard zitiert C.G. Jung: dort wo du stolperst, findest du pures Gold. Die reifsten Menschen, die er kennt, sind die Menschen, die durch schwere Krisen gegangen sind und diese bewältigt haben.
Spät abends stößt Helen Palmer zu uns. Sie hat eine anstrengende Zeit hinter sich, möchte direkt ins Bett, Richard ebenso. Pam, Rainer und ich sind zwar auch müde, stoßen aber nach Mitternacht noch auf Rainers 51. Geburtstag an – und darauf, dass bisher alles so gut gelaufen ist.
Das Wochenendseminar in Walberberg, Thema: „Das Ewige im Jetzt – Verwandlung geschieht im Augenblick“, ist für Rainer und mich der Höhepunkt der Tour. Die Vorbereitungen waren sehr umfangreich und intensiv; wie schön, dass wir so gut mit Pam zusammen arbeiten können. Erstmalig treffen sich also nun beide Enneagramm-Vereine zu einem gemeinsamem Wochenende, ein spannendes und interessantes Unternehmen. Toleranz und Neugierde sind Voraussetzung, dass so etwas klappt. Beides wird an diesem Wochenende gelebt.
Für mich ist beeindruckend, mit welcher gegenseitiger Achtung sich Richard und Helen begegnen, keine Spur von Konkurrenz oder Besserwisserei. Helens Panel-Arbeit finde ich immer wieder faszinierend; die Enneagramm-Muster werden lebendig, authentisch wird berichtet auf die Frage: „Wie steht mein Muster mir im Wege, im Hier und Jetzt zu sein, Verwandlung im Augenblick zuzulassen?“ Richard bereichert mich durch seine authentische Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben bzw. der Konfession: es ist Katholik und möchte es bleiben – bei all seiner Kritik am „eigenen Stall“. Großen Dank verdienen auch alle Workshopleiter. Das Feedback ist rundum positiv, für jeden war offensichtlich etwas dabei und auch möglich: glücklicherweise verteilten sich die rund 160 Teilnehmer irgendwie passend auf alle 5 Workshops. Nicht zu vergessen die afrikanischen Gospelmusik mit Ya Beppo und Gisela, die das ganze Wochenende untermalt und für eine lockere und frohe Stimmung sorgt. Und es gibt ja auch Grund genug zu feiern: 15 Jahre ÖAE und 10 Jahre EMT, sozusagen ein Doppeljubiläum. Strahlende Gesichter auf der Bühne, Blumen, kleine Geschenke für die Hauptverantwortlichen, und zum Abschluss singen wir in der Klosterkirche afrikanische Gospels. Danach vergnügt man sich in der klosterüblichen Kellerbar; open end.
Ein Highlight für mich, wie für viele andere auch ist die Messe am Sonntagmorgen, zu der alle eingeladen sind. Die Predigt von Richard, die feierliche Eucharistiefeier und die Musik prägen sich mir tief ein. Wobei ich mich jedoch auch frage, wie kirchenferne Teilnehmer mit diesem „Programmpunkt“ umgehen, denn der EMT hat diese christliche Anbindung nicht. Helen jedenfalls ist bei diesem Gottesdienst mittendrin und „voll dabei“, was mich sehr freut.
Einige kritische Stimmen bei der Abschlussrunde: der rote Faden habe gefehlt, die Struktur. Teilnehmer, die sich direkt über das Kloster Walberberg angemeldet haben, sind teilweise enttäuscht: sie waren von einem Workshop mit Richard in kleinem Kreis ausgegangen. Die überwiegende Mehrheit aber zieht beglückt von dannen.
Sonntagnachmittag sind wir ein letztes mal mit Richard „on the road“. Wieder studiert er unsere „roadmap“ und zeigt uns auf der Karte ein kleines Dorf namens „Busendorf“ (Nähe Nürnberg ?). Dort sind seine deutschen Wurzeln zu finden. Seine Großeltern waren Wolgadeutsche; seine Eltern sind in die USA ausgewandert und haben, was Richard sehr bedauert, nie deutsch mit ihm gesprochen !
Nach kurzem Stopp in Bingen geht´s schnurstracks zum Kloster Münsterschwarzach. Dort werden wir um 19.00 Uhr erwartet, um an einer Jubiläumsfeier der Mönche teilzunehmen. „Just in time“ kommen wir an, werden herzlich vom Abt begrüßt und nehmen an dieser besonderen Feier teil, die normalerweise nur unter den Brüdern, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, gefeiert wird. Welche Ehre, dass ich als einzige Frau unter all den Mönchen dabei sein darf. Klassische Musik, life gespielt, zur Einstimmung, dann soll Richard das Buffet eröffnen. Bier fließt aus riesigen Blechkannen, einen Schnaps zum Abschluss und als Dessert köstliches Bananeneis mit Eierlikör – beides selbstgemacht ! Ich freue mich einmal mehr über unsere Kontakte zu diesem Kloster !!!
Montagmorgen heißt es dann Abschied zu nehmen von Richard, ein letztes gemeinsames Frühstück, und dann „good bye“. Ich bin traurig, es ist eine so intensive gemeinsame Zeit gewesen; ich hätte noch gut weiterfahren können. Aber nun wird Richard an Heidi von Wedemeyer „weitergereicht“, die das Seminar in Crahheim vorbereitet hat.
Ein bisschen Zeit hat Richard noch, um das Klosterleben in Münsterschwarzach kennen zu lernen; von Anselm Grün hat er viel gehört und ist nun gespannt auf die Begegnung mit ihm. Rainer und ich machen uns auf den Weg Richtung Norden, nach Lübeck. Verständlich, dass ich mich auf ein Wiedersehen mit Richard freue, das – so Gott will – im Oktober diesen Jahres in New Mexico möglich sein wird.
Mal sehen, was sich aus diesem Besuch weiter entwickelt. Vielleicht ja ein Wiedersehen 2007 in Deutschland mit Richard und Euch ?!

[aus: EnneaForum 28, November 2005, S. 3

Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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