Typische Szenen - Eins

Rüdiger Hagens, Typisch Eins !

Im März 2003 war ich mit einem meiner Pfarrgemeinderäte zu einer Klausur-Tagung in Aachen. Thema sollte sein: „Gemeinde im Neuen Testament – Ämter, Strukturen, Impulse von damals für heute“. Ein Referent war geladen, ich hatte nur die Aufgabe zu moderieren. Der Referent begann mit seinem Vor­trag. Je länger der Vortrag dauerte, desto mehr bekam ich ein ungutes Gefühl im Bauch, gepaart mit dem Gedanken: Nein, so kann man das nicht sagen. Das stimmt doch nicht. Die Leute werden ja ganz verwirrt!
Ich konnte das nicht so stehen lassen. Unter Verletzung aller Regeln der Gruppendynamik und Moderation ergriff ich das Wort und meldete beim Referenten erhebliche inhaltliche Bedenken an. Nun kam es zu einem theologischen Fachgespräch zwischen dem Referenten und mir, der Pfarrgemeinderat (ca. 10 Personen) musste sich für eine Viertelstunde darauf beschränken, zuzuhören. Manche bekamen fra­gende Gesichter, andere schalteten ab, wieder andere waren vielleicht sogar ein bisschen sauer auf mich.
Für mich aber war es eine Genugtuung und innere Befriedigung, dem Referenten die Meinung gesagt und einige Dinge richtig gestellt zu haben. Denn hätte ich nichts gesagt und mir auf die Zunge gebis­sen. hätte ich mich den ganzen Abend lang nur noch geärgert.

Werner Pfister,Wenn ich unter Druck bin

Wenn ich unter Druck bin, werde ich kleinkariert und verliere das wohlwollende Vertrauen, das mir sonst so wichtig ist. Ich komme dann genervt nach Hause – vorher habe ich mich noch bemüht, mir nichts anmerken zu lassen von meiner Verärgerung –, und was mir zu Hause sofort auffällt, sind die Hundehaare im Entrée oder die Fensterscheiben, die wirklich nicht mehr sauber sind, oder sonst irgendetwas, was nun wirklich nicht so sein sollte …
So wie damals, als mich massiv störte, dass meine Frau trotz ihrer vagen Zusicherungen ihren Teil des Gartens mit den Himbeeren noch immer nicht in Ordnung gebracht hatte. Weil ich den Rasenmulch jeweils zwischen den Beerenreihen verteile und jetzt vor lauter wild wuchernden Wicken und überlangen Himbeerruten, die kreuz und quer standen, diese gutgemeinte Hilfe meinerseits unmöglich war, ging mich das nicht nur ästhetisch, sondern auch ganz praktisch etwas an, abgesehen davon, dass meine Frau diese gutgemeinte Hilfe offenbar nicht einmal besonders schätzte. Ich beschloss also, meine Frau bei ihrer Rückkehr am Abend zur Rede zu stellen.
Allerdings gefiel mir dieses Vorhaben nun eben doch nicht: Warum bin ich so pingelig und so kleinlich; eigentlich möchte ich das gar nicht. Ausserdem ist es ja ihr Gartenteil und nicht meine Verantwortung. Und überhaupt das Wichtigste, was ich ihr sagen möchte, ist doch, dass ich sie liebe. Und mit meiner Kritisiererei gehe ich ja bloss auf den Wecker. Was bin ich doch für ein Dummkopf?
Fast eine halbe Minute lang tat mir dieser Gedanke sehr wohl: Sie soll doch spüren, das ich sie von Herzen liebe! Dann aber kam sofort wieder mein Zorn. Aber es ist doch wirklich nicht in Ordnung, dass sie nicht endlich … Warum kommt bei ihr alles andere zuerst; aber ich mit meinen ja sehr bescheidenen Ansprüchen bleibe auf der Strecke. Ich spürte die Wut deutlich im Bauch.­
Dann aber wieder meine hohen Ideale: Meine Frau doch gelten lassen, wie sie ist, und sie nicht ändern wollen. Sie ist schliesslich eine wunderbare Frau – die beste Frau, die ich finden konnte – eigenständig, mit ihren eigenen Stärken und Begabungen. Vielleicht hat sie ja vor, die längst fällige Gartenarbeit bald einmal zu erledigen …

Christel Sander,?Eine für mich typische Geschichte

Es ist am späten Vormittag. Unsere 13 Monate alte Tochter spielt gerade im Wohnzimmer mit ihrer Kugelbahn. Ich verschnaufe kurz – die meiste Arbeit für heute morgen ist gemacht. Eigentlich ist es ein normaler Wochentag mit den üblichen Arbeiten und Erledigungen. Nur dass ich recht müde bin. In den vergangenen Tagen gab es eine Menge Kontakte, Besuche und Begegnungen. Schade, dass das Wochenende schon wieder vorbei ist. Ein paar Nischen zum ‚Abhängen‘ könnte ich jetzt gut gebrauchen.­
Doch es geht auf Mittag zu, und Lynn braucht etwas zu essen. Wir beiden ‚Großen‘ natürlich auch. Und dass heißt noch etwa eine Stunde Arbeit. Ich spüre meine Erschöpfung.
Ein Gläschen mit Babykost würde es natürlich auch tun. Aber das will ich Lynn ja morgen mittag schon geben. wenn wir von der Krabbelgruppe zurückkommen und nicht viel Zeit bleibt zum Vorbe­reiten.
Doch zwei Mittage hintereinander Gläschenkost und kein frisch zubereitetes Essen – das ist nicht gut Also, Kochen muss heute mittag sein. (Obwohl die Babygläschen natürlich Bioerzeugnisse, also be­ste Qualität sind.)
Also raffe ich mich auf, putze und rasple Möhren und Kohlrabi, enthäute Tomaten, koche Nudeln usw. Lynn sitzt derweil auf ihrem Hochstühlchen am Küchentisch und ‚hilft‘ mir. Geduldig hebe ich so manches wieder auf. Dass ich heute hier und da genervt bin, behalte ich möglichst für mich. Ich finde es nun mal gut und wichtig, dass Lynn beim Kochen dabei ist, den Umgang mit Lebensmitteln kennenlernt und Freude findet an all den Dingen rund ums Kochen, Essen und Trinken (die wir mei­stens ja auch tatsächlich haben). Auch wenn die Vorbereitung dadurch natürlich noch länger dauert. Zudem hält auch die Autorin unseres Kinder-Kochbuches dieses Vorgehen für ideal.
Irgendwann ist alles fertig. Auch der Papa ist mittlerweile nach hause gekommen und begrüßt uns mit der Frage: „Na, habt ihr Spass gehabt heute morgen?“ Wahrscheinlich wohlwollend gemeint, ist es doch die etwas falsche Frage; ich muss seine Sicht der Dinge etwas korrigieren „War halt viel Ar­beit …“‘
Wir beginnen mit dem Essen. Und Lynn, die gerne isst, futtert die ersten Löffel auch mit Begeiste­rung.
Dann wird es schwierig. Immer häufiger lässt sie alles wieder aus dem Mund fallen. Die Nudelstück­chen sind ihr offensichtlich zu groß; ich versuche es mit Zerkleinern. Es wird nicht besser. Das gute Essen – das meiste purzelt über’s Lätzchen nach unten. Vielleicht doch zu stark gewürzt – ich weiß es nicht. Letztes Mal gab es jedenfalls mit dem gleichen Gericht keine Probleme.
Ich bin mit meiner Weisheit gerade am Ende. Und mit meiner Kraft. „Am besten gebe ich ihr nur noch Gläschen, dann mache ich jedenfalls nichts falsch“, höre ich mich sagen. Mein Mann muntert mich auf „Ist doch nur dieses eine Essen – alles andere hat doch bisher prima geklappt“. Das ist mir zu einfach. Wir versuchen noch ein paar Löffel. Es wird nicht besser. Also, für heute mittag reicht’s. Sie hat zwar weniger gegessen als sonst, aber wahrscheinlich doch genug. Also auf ins Bett.
Als ich Lynn aus dem Hochstuhl hebe, fällt mein Blick auf den Fussboden. Auch das noch! Überall Essen verteilt, zum Teil verschmiert. Jetzt muss ich auch noch putzen. Ich spüre eine Mischung aus Ärger und Erschöpfung, aber ich reiße mich zusammen. „So’n Mist, heut mittag geht alles schief“, zischt es durch meine Zähne. „Nicht so schlimm“, antwortet Jörg. Wie kann er das nur runterspielen! Ich habe recht, und das werde ich ihm gleich mal deutlich sagen.
Als ich nach einer Weile wieder in die Küche komme, ist der Boden bereits sauber, und Jörg berührt mich zärtlich am Arm.
Mein Arger geht weg, ich fühle mich nur noch unendlich müde. Jetzt kann ich es mir endlich zuge­stehen: mich selbst hinlegen und abtauchen. Was ich dann auch tue.
Erst später kann ich dann auch über mich schmunzeln.

[aus: EnneaForum 26, November 2004, S. 29-30

Aus EnneaForum 26 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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