Die Acht (2)

Nachlese zum Workshop von Hans Neidhardt: Focussing, Musterstreit, Plattform, Gleichgewicht.

Mein unausgeglichenes Muster: Wenn ich mich nicht ernst genommen fühle, wenn ich Unwahrheit oder unfaire Übertreibung wittere, mir unberechtigte Kritik, Anklagen und Vorwürfe anhöre, reagiere ich ärgerlich, wütend, laut, falle meinem Kontrahenten ins Wort, versuche ihn platt zu machen. Das hat eine durchaus gewalttätige Komponente. Das ist ein selbstgängiger Mechanismus. Das läuft seit frühester Kindheit so.
Da ich das jeweils zu spät erkenne, habe ich bereits viel wertvolles Porzellan zerschlagen, Werkzeug zertrümmert, Freunde vor den Kopf gestoßen. Wohlwollende ernste Freunde sehen mir viel nach. Er ist halt so, er meint es nicht so. Arabische Geschäftsfreunde sagten: Don’t worry, it’s his nature.
Das hatte ich in Form meiner letzten Kollision mit Parteifreunden vor Augen, als Hans Neidhardt die Übung mit der Plattform mit uns machte. Ich hatte in meiner Vorstellung einen dreibeinigen ovalen Tisch konstruiert, der wenn auch schräg so doch stabil stand. Auf diesen Tisch plazierte ich meine Wut und alles, was so in meinem Bauch rumort hatte, Verletztheiten, Frust und den Reflex, etwas zusammenschlagen zu wollen. Dabei breitete sich in mir eine Art Nebel, ein Gefühl der Schwerelosigkeit, eine diffuse, angenehme Entspannung aus, auch der Tisch war dann im Nebel, dadurch war die Aufgabe, das Ganze wahr zunehmen, nicht mehr zu lösen, aber damit konnte ich leben. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden.
Ich „verweilte also achtsam“ bei meinem Tisch im Nebel.
Die erste Gelegenheit der live-Erprobung bot sich bereits einen Tag nach Mainz. Unsere Landtagsabgeordnete versuchte mich mit ermahnendem Geschwafel zur Geschlossenheit und Disziplin zu bewegen. Das war genau das was ich brauchte. Ich ließ sie gar nicht erst ausreden, sondern brachte die Dinge auf den Punkt, auf meinen, lautstark und mit einem verächtlichen Unterton.
Der Kreisvorstand war natürlich empört. Ich sah, daß meine Plattform zu spät aus dem Nebel aufgetaucht war, aber sie tauchte auf, ich benutzte sie und der Rest des „Gespräches“ verlief etwas kontrollierter und zuletzt durchaus versöhnlich. Da aber war keine Gelegenheit zu achtsamem Verweilen. Vielleicht aber doch, indem ich begann, mir den ärgerlichen Schwachsinn zu notieren und mich damit für Minuten aus dem Gespräch auszuklinken. Aus dem Gesprächsnebel drang auch Zustimmung an mein Ohr.
Ich begann zu üben: Mit Heide habe ich täglich normalerweise ein halbes Dutzend Gelegenheiten. Interessanterweise boten die sich jetzt seltener. Der erste ordentliche Anlaß war dann erst etliche, vielleicht 10 Tage später. Ein nicht abgeräumter Frühstückstisch oder zu wenig Diesel im Tank oder so etwas, was zu Zurechtweisung oder Panik führt. Ich sah Heides Muster und mein eigenes rechtzeitig. Anstatt zu kontern, berichtete ich ihr von Neidhardts Plattform. Seitdem üben wir gemeinsam. Das ist eine absolut neue Erfahrung, ich glaube, ihr hat dieses Modell eingeleuchtet. Unser Mechanismus ist je ein Teil von uns und nicht wir selbst, aber er ist auch ein Teil von uns, also eine Komponente, die uns definiert, ich sage, worin ein Haufen meiner Energie steckt, die wichtig ist und die ich für etwas anderes brauchen könnte. Halleluja.
Und dann war da noch was: Ein kleiner Junge (7), der fürchterlich Angst vor dem Friseur hatte, weil er sich dort schämte, in viel zu großem Umhang auf einem erhöhten Kinderstuhl zwischen lauter alten Herren zu sitzen, die sich Späße auf seine Kosten machten. Vielleicht kam da der Gedanke in ihm auf: Ich bin ich, die anderen sind Fiseure, er konnte darüber nicht lachen, mit Gegenwehr hätte er noch mehr Lächerlichkeit erzeugt, also abschotten und warten, bis es vorbei ist, vielleicht frech zurückgrinsen.
Es war nie vorbei, was gestern der Friseur war, war später eine unbändige Angst, sich zu blamieren, Imponiergehabe, mal vor dem Haufen der Mitschüler, mal beim freien Sprechen vor Gruppen: Schneller sein, schneller denken, schneller reagieren, schneller zuschlagen, erkennen, wo ich überlegen bin, die Schwächen des Anderen erkennen. Ich hatte immer längere Arme, konnte Angriffe auch von Stärkeren leicht abwehren. Um mich im Orchester durchzusetzen, nutzte ich die Lautstärke des Basses. Das war hörbar nicht schön aber damit konnte ich selbst große Orchester zusammenhalten. (Erst spät begriff ich, daß ich mit leisem Spiel mehr Aufmerksamkeit und schöne Töne erzeugen konnte, da fing es an beglückend zu sein).
Immer noch: die Mehrheit, die der kleine Junge verachtet, mit der er noch nicht umgehen kann, außer, sie in seine Gewalt zu bekommen. Inzwischen bekommt das Konturen, die nicht beglückend sind. Immerhin, da ist jetzt die Plattform. Und, da ist auch einiges, was gelungen ist, was zu tun hat mit sanfter Hartnäckigkeit, mit Freundlichkeit, mit Humor. Auf der anderen Seite vom Pferd ist der intellektuelle Sarkasmus. Am Trostpunkt der 2 bin ich noch kurzatmig aber das ist ausbaufähig. Die Nebel steigen.
Reinhart Förster

Aus EnneaForum 26 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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