Die Acht

Erfahrungen und Reflexionen der achten Art ...und plötzlich geht das Licht aus.

Wir sitzen im großen Raum, bereiten gerade ein Bibliodrama zur Heilung des Gelähmten vor der schönen Pforte des Tempels vor – da geht das Licht aus.
Was geht in mir vor? Was geht in mir als Acht vor?

Ich finde es spannend. Plötzlich sind wir alle blind und die Dunkelheit schafft ganz neue Möglichkeiten, das Bibliodrama weiter zu spielen. „Wie würde das im Dunkeln funktionieren? Bibliodrama für Blinde mit Fühlen und Hören? Tolle Möglichkeit. Endlich mal was anderes. Mal sehn, was daraus wird.“
Das ist die ACHT. Eine schwierige Situation ist erstmal eine Herausforderung.“ Das schaffe ich schon. Das wollen wir doch mal sehen. Endlich mal was anderes“. Wenn es schwierig wird, wird die Acht wach. Und extreme Situationen sind was Spannendes. Da spürt man, was man kann.

Um mich herum entsteht Unruhe. Menschen rufen aufgeregt nach Licht, nach einer Kerze oder einer Taschenlampe. „Bin ich zuständig? Nein. Hier gibt es genug, die sich um das Licht kümmern. Da kann ich ruhig abwarten.“
Meine Acht ruht in sich. Erst mal abwarten. Es ist ja keine wirklich gefährliche Situation – sonst hätte die Acht die Sache längst in die Hand genommen. Aber hier sind so viele fähige Menschen – da kann die Acht, jedenfalls meine Acht – abwarten. Warum sollte sie auch die Situation klären helfen, da das ja den Reiz der Herausforderung wegnehmen würde. Die Acht braucht das Licht nicht.

Ich nehme wahr, dass es wirklich ganz dunkel ist. Auch draußen auf der Straße kein Licht. Auch nicht in den anderen Häusern. „Das ist doch bestimmt nicht üblich für Rotenburg. Sollte das was mit Terrorismus zu tun haben? Dann sind wir nicht direkt bedroht – man hört und sieht ja keine Gefahr; aber es kann was Schlimmes passiert sein, etwas Undurchschaubares, was ganz Deutschland betrifft.“ Der Gedanke lässt mich nicht mehr los. Er bleibt im Hintergrund – aber drohend im Hintergrund.
Das Undurchschaubare ist für die Acht bedrohlich. Sie verliert die Kontrolle. Sie ist ausgeliefert. Sie ist hilflos – ein Gefühl, dem die Acht entgehen will. Stark sein funktioniert nicht als Strategie zur Lebensbewältigung, wenn der Feind nicht zu erkennen ist. Die Acht tendiert dazu, undurchschaubare Bedrohungen vergrößert wahrzunehmen. Denn die daraus entstehende Hilflosigkeit würde sie im Kern bedrohen. Die Acht fürchtet ihre totale Hilflosigkeit – das wäre die größte Bedrohung. Ausgeliefert sein – das ist das Schlimmste für die Acht.

– Ich beobachte weiter das Bemühen der Menschen, Licht zu besorgen. „Immer dasselbe. Manche fühlen sich halt für alles zuständig. Lass sie mal machen. Wenn es wirklich gefährlich wäre und ich etwas ändern könnte, würde ich auch zugreifen. Aber so – mal sehn, was daraus wird.”

Meiner Acht fehlt der Impuls, sich für alles zuständig zu wissen, solange kompetente Menschen die Sache in die Hand nehmen. Sie muss sich ihre Wichtigkeit nicht beweisen – die ist eh gesichert. Sie blickt etwas herab auf die Leute, die in Hektik versuchen, die Lage zu klären. „Kinder, macht doch nicht so ein Theater. Wie kann man sich nur so aufregen. Na ja, wenn man es nötig hat.” Im Hintergrund bleibt die Bedrohung. Gegen die kann man jetzt sowieso nichts unternehmen. Also vorsichtig abwarten. – Und dann brennt die Taschenlampe – und kurz danach geht das Licht an. „Schade eigentlich, im Dunkeln war es auch schön. Obwohl – wenigstens das Terrorismusproblem ist nun geklärt. Man kann halt nicht alles haben. Gut, dann kann es ja jetzt weitergehen.”

Die Acht kann sich schnell auf die neue Situation einstellen und bedauert es, dass der Nervenkitzel jetzt weg ist. Er macht das Leben spannend, holt aus der Routine. Die Acht lebt lieber etwas herausgefordert; dann spürt sie ihre Kraft gut. Dann ist sie wirklich lebendig.

Und dann soll die Acht all das aufschreiben. Sie hat es nicht nötig, alles bis ins Kleinste und ausführlich darzustellen. Das macht viel zu viel Arbeit – jedenfalls für die Acht mit Neunerflügel. Lieber kurz und knapp das Wesentliche sagen, als so ausschweifend sich ausbreiten.

Halle, am 27. Januar 2004
Friedrich-Karl Völkner

[aus: EnneaForum 26, November 2004, S. 27

Aus EnneaForum 26 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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