Ausbildungs- und Berufswahl

Beispiel einer Problemlösung mit dem Typen-Prozess-Modell des Enneagramms (TPME)

von Wolfram Göpfert

Das Typen-Prozess-Modells des Enneagramms (TPME) – siehe EnneaForum 24, Seite 16 ff – stellt uns eine praktische Anwendungsmöglichkeit des Enneagramms zur Verfügung, mit der wir eine Vielzahl unterschiedlicher Prozessabläufe alltagsbezogen lösen können – und zwar unabhängig von den jeweiligen Prozessinhalten. Die nachstehenden Ausführungen beleben das im Grundsatz abstrakte TPME mit einem beispielhaften Ablauf. Es handelt sich um einen fiktiven Dialog zwischen zwei jungen Leuten, um ein plakatives Beispiel, das in der Lebenswirklichkeit natürlich erheblich breiteren Raum und mehr Tiefe einnehmen dürfte, als in dieser bewusst gerafften Darstellung.

Enneagramm-Muster 9 im Prozess

Eigentlich hat Peter Becher allen Grund zum Jubeln: Mit einem ganz ordentlichen Abitur frisch in der Tasche kann er den Turbulenzen seines Schülerdaseins endlich entfliehen, auch wenn der vertraute Mief des Klassenzimmers ihm doch eine gewisse Geborgenheit gab. Jetzt kann und muss er hinaus ins Leben, allerdings ohne dass er so recht weiß, was er nun tun soll. Denn Peter teilt ein Problem mit vielen seiner Altersgenossen: Er hat keine ausgeprägte Begabung, keine deutliche Neigung in die eine oder andere Richtung. Wie viel besser fühlt sich da doch sein Freund Klaus Schneider, das Mathe-Ass, der schon lange genau weiß, was er nach dem Abi anfangen will – ein Studium an der TH mit dem Ziel Diplom-Ingenieur.
Beide sitzen in Peters Zimmer und klönen. „Also um eine Entschließung, was ich mit dem Abi machen soll, komme ich letztlich nicht herum“, sagt Peter. „Was mir allerdings gegen den Strich geht ist die Angst vor einer Fehlentscheidung. Wenn ich bei der Berufswahl die falsche Richtung einschlage, dann kann mir ein Studienabbruch oder der falsche Job teuer zu stehen kommen. Da wäre ich nicht der erste Fall.“
„Ok, bei mir ist die Entschließung klar und vielleicht kriegst du deine Sache ebenfalls auf die Reihe, wenn du dein Problem mal systematisch Schritt für Schritt angehst“, erwidert Klaus. „Überleg doch mal als erstes, mit welchen Schlagworten du dein Problem knapp, aber deutlich umreißen könntest. Dann denk mal darüber nach, welche Lösungswege und welche Endergebnisse du dir überhaupt vorstellen könntest und mach dazu eine ausführliche Liste. Anschließend beschäftige dich mit den Gesichtspunkten, die gegen deine Vorstellungen sprechen könnten. Und wenn du dich nach gründlichen Abwägungen schließlich zu einer Lösung durchringst, so befass dich damit, wie du sie praktisch umsetzen kannst und mit welche Schwierigkeiten du bei der Umsetzung rechnen musst.“
„Hm, ein solchen Schema zur Problemlösung hört sich gut an, so könnte ich es mal versuchen. Also wie war da gleich der erste Schritt?“

Enneagramm-Muster 8 im Prozess

„Als erstes musst du dein Problem möglich klar und deutlich formulieren – natürlich mit Blick in die Richtung, die für dich überhaupt in Betracht kommt. Gib deiner Vorstellung so etwas wie einen Namen, dann wird sie griffig und schau zugleich, wo sie hinpassen könnte, wenn sie fertig ist. Damit hast du einen Ausgangspunkt, zudem schon eine Art Weg und ein vorläufiges Ziel und bist bereits über den Anfang hinaus.“ Nach einigem Hin und Her legt sich Peter auf zwei Fragen fest, um die Ausgangsposition zur Lösung seines Berufswahlproblems schlaglichtartig zu umreißen:
?-Welche Ausbildungsmöglichkeiten gibt es gerade für mich nach dem Abitur?
?- Und zu welchen Berufstätigkeiten führen sie mich?
„Gut so“, sagt sein Freund, „jetzt hast du die Aufgabenstellung handfest formuliert. Damit können wir nun zum nächsten Punkt übergehen – Brainstorming. Jetzt wird Vielseitigkeit gefordert, im Idealfall ohne Bewertung, doch zur Vermeidung von Spinnereien letztlich doch mit einem Seitenblick auf deine persönlichen Einstellungen. Komm, schieß los, wir spielen mal Ideenfabrik.“

Enneagramm-Muster 7 im Prozess

Die nächste Zeit vergeht fast im Fluge, während die beiden Freunde sich mit Einfällen zu diversen Ausbildungsmöglichkeiten und zu den damit verbundenen Berufstätigkeiten für Peter zu übertreffen versuchen. Nach einer Weile haben sie ihre Ideen in zwei Listen zusammen gefasst – zum einen zur Ausbildungsfrage, zum anderen zu den sich daraus ergebenden Tätigkeitsfeldern, von denen Peter meint, dass sie ihm liegen könnten.

Ausbildungsmöglichkeiten:

· Hochschulstudium
· Fachhochschulstudium
· Betriebliche Ausbildung
· Soziales Jahr
· Duale Ausbildung
· Betriebliches Praktikum
· Berufskolleg
· Auslandsaufenthalt
· Bachelor
· Selbständigkeit
· Bundeswehr
· Behördliche Ausbildung
· Berufsakademie
· ......
· ......

Berufliche Tätigkeitsfelder:

· Unterrichtswesen
· Rechtspflege
· Gesundheitswesen
· Soziale Dienste
· Sprachen
· Künstlerische Tätigkeiten
· Ingenieurwesen
· Öffentlicher Dienst
· Allgemeine kaufmänn. Tätigkeiten
· Marketing
· Finanzwesen
· Bauwesen
· Informatik
· Neue Medien
· Biologie
· Verkehrswesen
· Verteidigung
· Forschung
· ......
· ......

Enneagramm-Muster 6 im Prozess

Die beiden Freunde sind sich einig: Sie könnten ihren Ideen­findungsprozess noch länger fortsetzen und ihren Auflistungen noch weitere Gesichtspunkte hinzufügen, doch letztlich geht es ihnen ja gar nicht darum, eine möglichst vollständigen Aufzählung von Ausbildungsmöglichkeiten und sich daraus ergebenden Berufstätigkeiten generell zu erstellen, vielmehr sind sie ja im Kern damit befasst, es Peter zu ermöglichen, aufgrund dieser Ideenvielfalt zu einer konkreten Entschließung über sein weiteres Vorgehen zu gelangen.
„Beim nächsten Schritt zur Lösung deines Problems müssen wir nun unsere Ideen kritisch bewerten, um diejenigen Gesichtspunkte heraus zu filtern, die für dich praktisch in Frage kommen“, sagt Klaus. „Unser nächstes Zwischenziel ist es also herauszufinden, welche Ausbildungswege und welche beruflichen Tätigkeiten aus unseren Listen mutmaßlich für dich doch nicht in Betracht kommen und welche dir aller Voraussicht nach eher liegen dürften. Am Ende dieses Bewertungsprozesses sollten dann zwei, drei Ideen übrig bleiben, die du dir dann mit der Lupe ansehen solltest. Am besten wäre es, wir lassen uns hierfür ein paar Tage Zeit und treffen uns in aller Ruhe ein anderes Mal wieder.“

Enneagramm-Muster 5 im Prozess

Nach einer Woche sitzen die beiden erneut zusammen. Peter hat sich in der Zwischenzeit schon mit jedem einzelnen Punkt der beiden Listen befasst und das Für und Wider abgeschätzt, nicht nur nach rein sachlichen Gesichtspunkten, sondern auch nach seinem Empfinden zur Ausgewogenheit und mutmaßlichen Umsetzbarkeit seiner Vorstellungen, die er mehr und mehr zu konkretisieren vermag.
„Es ist doch interessant, wie sich beim näheren Hinsehen die Spreu vom Weizen trennt“, meint Klaus. „Jetzt lass uns die verbliebenen Punkte, die dir am meisten zusagen, mal ganz genau ansehen, damit du deinen wirklichen Favoriten herausfiltern kannst.“
Mit konzentriertem Eifer und Gewissenhaftigkeit widmen die beiden Freunde sich Peters Notizen. Sie gehen jede Einzelheit seiner Überlegungen nochmals im Detail durch, wobei Klaus insbesondere zuhört, mit sowohl kritischen als auch weiterführenden Fragen nachfasst und auf diese Weise Peter dahin führt, letztlich selbst die ihm angebracht erscheinenden Entschließungen zu den einzelnen Punkten zu treffen. Nach intensiver Detailarbeit fasst Peter schließlich folgendes zusammen:

Ausbildungswege für ihn:

Betriebliche Ausbildung
oder Fachhochschulstudium
oder Ausbildung im Ausland

Tätigkeitsfelder für ihn:

Allgemeine kaufmännische Tätigkeit
oder Neue Medien
oder Marketing

Enneagramm-Muster 4 im Prozess

„Damit bist du nahe am Ziel“, sagt Klaus. „Was jetzt noch hinzu kommen muss ist der entscheidende Kick, das Tüpfelchen auf dem I.
Das bedeutet: du musst den Gesichtspunkt herausarbeiten, der deine Entscheidung zu etwas ganz Besonderem für dich persönlich hervorhebt. Mit anderen Worten:
Du musst aus den verbliebenen Vorüberlegungen über deinen Ausbildungsweg und zu deiner Berufstätigkeit dir genau das heraus picken, was betont gerade auf dich zugeschnitten wirkt. Du musst mit dir selbst darüber im Reinen sein, wofür genau du dich letztlich entschließen willst. Denn nur dann wirst du voll und ganz, mit deiner ganzen Persönlichkeit auch hinter deiner Entscheidung stehen. Und eine, gerade eine Entscheidung, deine persönliche Entschließung, musst du jetzt treffen, bevor du zur praktischen Umsetzung übergehen kannst.“
Natürlich weiß Peter, dass er ins Wasser springen muss, wenn er schwimmen will, und dass er sich für einen bestimmten Schwimmstil entscheiden muss, um nicht nur planlos herum zu rudern. In der letzten Zeit hat er zu seinen ohnehin schon herausgefilterten Vorüberlegungen alle möglichen Gesichtspunkte miteinander verglichen, gegeneinander abgewogen, manche hat verworfen, anderen ist er genauer nachgegangen. Dabei wurde ihm ein Aspekt immer wichtiger, und zwar nicht nur aus dem Kopf heraus, sondern auch vom Gefühl her: Er möchte bei seiner späteren beruflichen Tätigkeit mit Menschen umgehen, sie beraten und motivieren, er möchte Projekte veranlassen und sie dann nicht nur einfach durchführen, sondern sie mit seiner individuellen Handschrift versehen. Von dieser ganz persönlichen Warte her bringt Peter sich den entscheidenden Schritt voran und trifft jetzt seine Entschließung:
„Ich beginne ein Fachhochschulstudium mit dem Ziel einer späteren Tätigkeit im Marketing!“

Enneagramm-Muster 3 im Prozess

„Super“, sagt Klaus, „der Würfel ist gefallen, du hast für dich die Entscheidung getroffen, die dir nach deinem persönlichen Zuschnitt am meisten zusagt. Jetzt bleib dabei, vergiss die Alternativen und befass dich im nächsten Schritt mit der Umsetzung deines Vorhabens.“
„Damit habe ich bereits begonnen“, sagt Peter. „Ich habe mich bereits näher mit den Rahmenbedingungen meiner zukünftigen Ausbildung befasst. So habe ich bereits die hiesige Stadtverwaltung wegen der notwendigen Beglaubigungen kontaktiert, ich habe mir aus dem Internet Muster über Studienpläne beschafft und ich habe dafür gesorgt, schon in der nächsten Woche bei der Studienberatung in N. einen Termin zu erhalten. Außerdem steht meine Schwester bereit, mir bei der Anfertigung der erforderlichen Kopien zu helfen.“

Enneagramm-Muster 2 im Prozess

„Und wie nimmt es deine Freundin auf, dass du wahrscheinlich nach N. umziehen musst?“ fragt Klaus. „In der Tat, das ist noch ein offener Punkt“, erwidert Peter. „Gejubelt hat sie nicht gerade. Aber ich denke, wir werden zunächst einmal versuchen, unsere Beziehung auf die Wochenenden zu konzentrieren, da kann ich ja regelmäßig hierher zurück kommen. Und wir wären ja nicht die Einzigen, die eine Wochenendfreundschaft führen müssen, viele Andere kommen damit auch zurecht. Dann werde ich eben ein paar Euro mehr als bisher fürs Telefonieren aufwänden.“

Enneagramm-Muster 1 im Prozess

„Da kommt noch einige Detailarbeit auf dich zu“, meint Klaus. „Du hast zwar mehr als nur ein grobes Raster erstellt, aber jetzt dürfte es sinnvoll sein, wenn du zum Feinschliff übergehst. Sozusagen von höherer Warte aus solltest du mal schauen, was du eventuell noch übersehen hast oder was du noch verbessern könntest und insbesondere, welche ergänzenden, welche zusätzlichen Schritte du noch ausführen solltest.“?„Mir fällt da ein“, sagt Peter, „ich könnte beispielsweise Kontakt aufnehmen zur N-Zeitung vor Ort, um zu erfragen, wie ich hier an deren Samstagsausgabe komme, das könnte mir bei der Suche nach einer passenden Wohnung sehr nützlich sein. Außerdem sollte ich mir rechtzeitig noch einen neuen Akku für mein Handy kaufen, das Ding werde ich jetzt viel häufiger brauchen als bisher. Da wird sicher noch eine ganze Reihe von Kleinigkeiten zusammen kommen, bevor ich wirklich an Ort und Stelle etabliert bin und mich wohl fühlen kann.“ – „Du bist bisher ja ganz systematisch vorgegangen“, sagt Klaus, „vor allem stehst du innerlich hinter deinem Vorhaben, damit bewerkstelligst du den Rest fast von selbst. Du kannst die Dinge ganz gelassen angehen, du bist gut vorbereitet.“

Ausblick

Das vorstehende Beispiel bezieht alle 9 Schritte des Typen-Prozessmodells des Enneagramms (TPME) in idealer Abfolge ein – vom Muster 9 über Muster 8 usw. entgegen dem Uhrzeigersinn bis zum Muster 1 und schließlich wieder zum Muster 9. Dieser Ablauf gibt uns einen Leitfaden an die Hand, mit dessen Hilfe wir über das Beispiel hinaus systematisch von einer Problemstellung zur passenden Problemlösung gelangen können.
Unser Weg führt uns
?- von der Ausgangssituation (9)
?- zur Problemdefinition und zum ersten Handlungsansatz (8)
?- zunächst zur wertungsfreien Ideenproduktion (7)
?- sodann zum vorsichtigen Filtern der gefundenen Einfälle (6)
?- weiter zur Vertiefung der realistisch erscheinenden Ideen (5)
?- und dann zum individuellen Entschluss (4)
?- in der Folge zur Umsetzung der getroffenen Entschließung (3)
?- unter Berücksichtigung der sozialen Belange (2)
?- mit kritischem Blick auf die Feinarbeit zur Problemlösung (1)
?- schließlich zum Leben mit der getroffenen Entschließung (9)
Das Enneagramm als gedankliches System bringt uns in unserem Alltag nur dann weiter, wenn wir stets seinen praktischen Nutzen für uns selbst und für unsere Mitmenschen im Auge behalten. Anderenfalls bliebe es nur ein „Glasperlenspiel“, „l’art pour l’art“, halt eine interessante Idee unter vielen.
Dies anders – alltagsgerecht – zu handhaben, liegt an uns als Anwendern des Enneagramms.

[aus: EnneaForum 26, November 2004, S. 24-26

Aus EnneaForum 26 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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