Literatur und Enneagramm

Ein enneagrammatischer Ansatz, literarische Werke zu verstehen

von Hans Peter Niederhäuser

Am Anfang seiner Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“1 wendet sich Friedrich Schiller an den „Menschenforscher“. Heute würde er ihn wahrscheinlich als „Psychologen“ bezeichnen. Wie dem auch sei – mit dem alten Begriff dürfen sich bestimmt alle angesprochen fühlen, die sich mit dem Enneagramm beschäftigen, denn was sind sie anderes als „Menschenforscher“?
Für jeden Forscher ist es wichtig, seinen Forschungsgegenstand möglichst präzise und deutlich wahrnehmen zu können. Der Biologe legt ihn unter das Mikroskop, um in der Vergrösserung vieles klarer erkennen zu können. Der Astronom bedient sich eines Teleskops, damit er die Gestirne des Himmels näher heranholen kann. Für Schiller ist das Verbrechen eine Art Vergrösserungsglas, unter dem die menschlichen Affekte „hervorspringender, kolossalischer, lauter“ zum Vorschein kommen. Von den Beobachtungen, welche der Menschenforscher beim Verbrecher anstellt, weiss er dann „analogisch zu schliessen“ – das heisst, das Beobachtete auf den ganz gewöhnlichen Menschen zu übertragen, der letztlich von den gleichen seelischen Kräften angetrieben ist wie der Verbrecher. Dass ein solcher Analogieschluss legitim ist, dürfte gerade den mit dem Enneagramm vertrauten Leserinnen und Lesern nicht fremd sein, wissen sie doch, dass es nicht die Handlungen, Verhaltens- und Wahrnehmungsweisen sind, welche den Menschen bestimmen, sondern die viel tiefer liegenden Motivationen und Leidenschaften. In Schillers Sprache klingt das so: „Eine und eben dieselbe … Begierde kann in tausenderlei Formen und Richtungen spielen, kann tausend widersprechende Phänomene bewirken, kann in tausend Charakteren anders gemischt erscheinen, und tausend ungleiche Charaktere und Handlungen können wieder aus einerlei Neigung gesponnen sein.“ „Begierde“ und „Neigung sind die Begriffe, die er für das verwendet, was in der Sprache des Enneagramms „emotionale Leidenschaft“ oder „Wurzelsünde“ genannt wird.
Wer Schiller so weit gefolgt ist, wundert sich nun auch nicht mehr, dass er sich einen Linné2 wünscht, welcher das Menschengeschlecht „nach Trieben und Neigungen klassifizierte“. Da möchte man ihm dann über die Jahrhunderte hinweg zurufen: Es gibt sie, diese Klassifizierung! Das Enneagramm setzt genau da an, wo Schiller es sich gewünscht hat. Nicht die Ähnlichkeiten von Verhaltensweisen machen einen Typ aus, sondern die eine, tiefsitzende Leidenschaft. Dass sich ein solches „Laster“ auf sehr unterschiedliche Weise äussern kann, liegt auf der Hand und war auch für Schiller evident: „Wie sehr würde man erstaunen, wenn man so manchen, dessen Laster in einer engen bürgerlichen Sphäre und in der schmalen Umzäunung der Gesetze jetzt ersticken muss, mit dem Ungeheuer Borgia3 in einer Ordnung beisammen fände.“ Nicht die Grösse der Handlungen (weder im Guten noch im Bösen) weist also auf den Typ hin, sondern das der Handlungsweise zugrunde liegende Muster. Dieses kann bei einem unbescholtenen Zeitgenossen das gleiche sein wie bei Idi Amin, oder bei einem kleinen Ganoven dasselbe wie bei Mutter Teresa.
Wenn Schiller seine Novelle über einen Verbrecher mit einer solchen theoretischen Einleitung versieht, geht es ihm darum, das Leserinteresse zu steuern. „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ soll gelesen werden nicht mit der Drohgebärde des erhobenen Zeigefingers, nicht mit dem Stein in der Hand, um ihn bei guter Gelegenheit auf den Unhold zu werfen, sondern mit dem Bewusstsein, dass das, was diesen zum verbrecherischen Handeln treibt, auch seine, des Lesers, Leidenschaft sein könnte. Gesetzt den Fall, auch hier sei ein Analogieschluss zulässig, gibt uns Schiller damit eine Kurzanweisung, Literatur mit enneagrammatische Brille zu lesen. Was das heissen könnte, habe ich in den letzten Jahren an verschiedenen Werken der deutschen Literatur erprobt.4 Es lohnt sich!

Anmerkungen

1 Schiller Friedrich: Der Verbrecher aus verlorener Ehre, Reclam UB 8891, Stuttgart 1964, alle Zitate S.3f. (anonyme Erstveröffentlichung 1786; stilistisch überarbeitete Fassung 1792)
2 Karl von Linné (1707–1778) stellte das nach ihm benannte Pflanzensystem auf.
3 Caesare Borgia: Sohn Papst Alexanders VI.; er war berüchtigt wegen seiner Verbrechen.
4 vgl. z.B. Enneagramm Rundbrief Nr. 10 / 1996, S. 24-27 (zu Gottfried Keller: Pankraz der Schmoller)

[aus: EnneaForum 26, November 2004, S. 23-24

Aus EnneaForum 26 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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