Unterwegs im Land der Götter

Erfahrungen aus Tibet

Rainer Fincke und Ulla Peffermann-Fincke

Im Oktober 2004 waren Ulla und ich für vier Wochen in Tibet. Wir hatten die Gelegenheit, auf eine intensive Weise das Land und die unterschiedlichen Energien des tibetischen und chinesischen Volkes kennen zu lernen.
Anlaß der Reise war der Kontakt zu Sabriye Tenberken, einer ungewöhnlichen blinden jungen Deutschen, die mit ihrer Achter-Energie viel bewegt hat.
Tibet ist nach wie vor kein gewöhnliches Urlaubsland, die Anreise von Deutschland über Kathmandu sehr lang. Aber dann kommt man in eine doch sehr andere Welt, voller Gegensätze.
Hier die chinesische Besatzungsmacht, die mit ungeheurem finanziellem und personellen Einsatz dem tibetischen Land eine chinesische Prägung gibt. Lhasa hat inzwischen wie alle tibetischen Städte eine chinesische Mehrheit. Han-Chinesen, die in sauberen sterilen Neubaugebieten leben. Schmutz auf den Strassen gibt es nicht, alles wird ständig gefegt. Kaufhäuser wachsen wie Pilze aus dem Boden und bieten eine Warenvielfalt wie im Westen. Plastikpalmen und Neonwerbung erinnern an amerikanische Vorstädte. Am westlichen Rand von Lhasa beginnt die Baustelle des Eisenbahnprojektes von Lhasa nach Golmund, ca. 950 km weiter nördlich. Dort endet z.Z. das chinesische Eisenbahnnetz. Vor 3 Jahren war dieses Projekt noch nicht begonnen, nicht einmal die Planungen waren abgeschlossen. Jetzt ist der gesamte Damm schon fertig, alle Tunnel sind gesprengt und die meisten Brücken schon gebaut. Nächstes Jahr wird die umstrittene Linie (man befürchtet wohl zu recht eine weitere Invasion von Chinesen) eingeweiht. Ein solches Projekt würde bei uns sicher 10 Jahre dauern!
Auf der anderen Seite die Tibeter, die wie unzählige Generationen vor ihnen ihren religiös geprägten Lebensrhythmus leben. Da laufen Tausende Pilger jeden Tag im Uhrzeigersinn auf dem Barkhor, dem Pilgerweg im Zentrum Lhasas um den Jokhang-Tempel, ihre Gebetsmühlen drehend oder Mantren rezitierend oder durch Prostrationen (Niederwerfungen) dem Heiligen ehrend.
Da sehen wir unzählige junge Mönche in Lhasa, aber auch in den wiederaufgebauten großen Klöstern Drepung oder Ganden.
Zwar ist der religiöse Unterricht von den Chinesen verboten, die buddhistische Lehre wird aber, so weit es geht, von den Eltern an ihre Kindern weitergegeben.
Bilder vom Dalai Lama, dem obersten religiösen Führer der Tibeter, sind nach wie vor streng verboten. Nur in einem Nonnenkloster in Lhasa haben wir ein Bild gesehen.
China ist ein repressiver Staat. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, man muß hinter die Fassade sehen. Dann spürt man Angst und Unsicherheit. Auf der Suche nach einer christlichen Gemeinde bekamen wir z.B. den Tip, in ein bestimmtes Café zu gehen. Wir fragten in dem netten Haus nach dem Manager. Nach prüfendem Gespräch seines „Freundes“ wurden wir in ein Büro geführt. Der Manager sagte uns, dass es nur eine Kirche im Untergrund gibt in Tibet. Christen werden in Tibet von der chinesischen Regierung nicht gerne gesehen. Man muss sehr vorsichtig sein.
In unserem Hotel hatten wir drei Tage keinen Strom. Niemand wusste weshalb, denn alle Häuser um uns herum hatten Licht. Und ein Techniker konnte im Haus nichts finden.
Der Hotelmanager sagte uns dann im Vertrauen, dass vermutlich die Sicherheitspolizei den Strom abgestellt hat, um das Hotel einzuschüchtern. Vermutlich hätten sich zu viele Gäste chinakritisch geäußert. Dann greift man wohl ganz gerne mal zu solchen Repressionsmethoden.
So schauten wir mit einem Auge etwas entsetzt, was die chinesischen Besatzer mit dieser wunderbaren tibetischen Kultur gemacht haben. Die fast totale Zerstörung der tibetischen Klöster während der Kulturrevolution, eines der größten Verbrechen des letzten Jahrhunderts, konnte durch Wideraufbauaktionen erst langsam rückgängig gemacht werden.
Und doch hat uns ermutigt, mit welcher Kraft und Selbstverständlichkeit die Tibeter an ihrem Glauben hängen! Da bleibt die Hoffnung, dass die spirituelle Erfahrung der Tibeter letztlich den materialistischen Drang der Chinesen verwandeln wird und die Hoffnung des Dalai Lama doch noch eine Chance hat: Tibet soll demnach eine Zone des Friedens und der Gewaltfreiheit werden.
Ein wichtiges Ziel unserer Reise war neben dem Kennenlernen des wunderschönen Landes der Besuch der Blindenschule von Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg in Lhasa. Sabriye ist 33 Jahre alt und blind. Sie ist vielen Menschen nicht nur in Deutschland bekannt geworden durch Fernsehauftritte und ihr Buch „Mein Weg führt nach Tibet“.
Ihre Geschichte ist wahrhaft abenteuerlich: Als blinde Tibetologiestudentin reiste sie alleine nach Tibet und ritt zu tibetischen Dörfern, um blinde Kinder zu finden. Sie wusste, dass Blindheit ein großes Problem ist in Tibet – wegen der großen Höhe ist die UV-Strahlung besonders intensiv und aufgrund des hohen Staubgehaltes in der Nähe von Straßen, haben viele Kinder Augeninfektionen. Beides führt zu einer besonders hohen Rate an blinden Menschen. Mit unglaublicher Energie und großem Selbstbewusstsein hat Sabriye es tatsächlich geschafft, mit den Kindern, die sie gefunden hat, eine Blindenschule zu gründen. In dieser Zeit lernte sie den holländischen Ingenieur Paul Kronenberg kennen und lieben. Die beiden sind seit 6 Jahren zusammen, leben in der Schule und leiten sie gemeinsam. Inzwischen hat das Projekt immer größere Dimensionen bekommen: In Lhasa werden 35 blinde Schülerinnen unterrichtet und in Shigatse (ca. 350 km westlich von Lhasa) wird gerade eine riesige Farm für Blinde aufgebaut. Wir haben mit dern Kindern in Lhasa viel unternommen (Ausflüge zum Norbulingka, dem Sommerpalast des Dalai Lama, Essen im Lokal, Besuch einer Karaoke-Bar). Unser Eindruck: Die Kinder haben das Selbstbewusstsein von Sabriye gelernt.
Ihr Motto:

Wir sind nur blind. Alles andere können wir!

Man hat den Eindruck, diese Kinder glauben an ihre Zukunft und nehmen sie in die Hand. Nicht umsonst sind alle Besucher fasziniert. Und es werden immer mehr: Im letzten Jahr zählten Paul und Sabriye 3500 Besucher aus aller Welt. Als wir dort waren, kam gerade ein Filmteam von National Geographics um einen Dokumentarfilm zu drehen mit Sabriye, den Kindern der Schule und Erik Weihenmeyer, dem ersten blinden Bergsteiger, der auf dem Mount Everest war. Bei der Expedition, die jetzt begann, sollten Sabriye und Erik mit 6 älteren Kindern der Schule einen 7000 m hohen Berg in der Nachbarschaft des Mount Everest besteigen. Diese Aktion wird das Projekt noch weiter bekannt machen, genauso wie die Auszeichnung „Asian heroe of the year“, die Sabriye im November vom Time Magazine erhält.

Was ist Sabriye für ein Typ? Welches Enneagramm-Muster wird deutlich? Wir haben ein Interview mit ihr gemacht und waren gespannt, ob sich unser erster Eindruck (Achter-Energie) bestätigte.

Sabriye, du bist eine starke Persönlichkeit. Woher kommt diese Stärke?
Eine Sache, die ich ganz oft erlebe: Wenn Leute es immer leicht gehabt haben, dann gibt es immer wenig Motivation etwas zu verändern. Meine Theorie ist, dass man einen „Punshing Point“ braucht, eine Stelle, die richtig weh tut. Und wenn man dann die Kraft hat, reinzuschauen in diesen Schmerz und diesen Schmerz mit vollem Bewusstsein zu empfinden und anzuerkennen und dann da rauskommt und einen Weg findet aus diesem Schmerz (es gibt ja auch andere, die gerne jammern und in ihrem Schmerz drinbleiben!), dann führt das zu innerer Stärke.

Hast du das bei dir erlebt?
Also ich war an einem Nullpunkt, total am Nullpunkt mit 10, 11 Jahren, als ich erfasste, dass ich blind werden würde. Meine zweite Geburt begann dann damit, dass ich meine Blindheit akzeptierte.
Als ich noch sehen konnte, hatte ich sehr viele Freunde, ich war beliebt in der Klasse. Ich war ganz normal, irgendwie mitten drin. Ich hatte immer viele Leute um mich herum.
Dann ging es mit dem Sehen rapide bergab und ich war plötzlich alleine, habe mich total einsam gefühlt, das war ganz schrecklich. Und da helfen die Eltern überhaupt nicht weiter, denn man will ja in dem Alter nicht zu den Eltern gehen und sagen: Bitte beschützt mich mal. Und ich kann euch sagen, Kinder können so grausam sein. Die haben mich, als sie merkten das ich blind war, nach Strich und Faden verarscht. Das war eine ganz ganz schlimme Situation. Ich hatte z.B. jahrelang einen ganz guten Freund als Kind (jetzt ist er wieder ein guter Freund), der sich plötzlich von mir abgewendet hat, weil keiner mehr mit mir zu tun haben wollte. Und das war ein Schmerz, einen totaler Schmerz.
Und bei mir kam das Gefühl: Warum? Warum bin ich anders als alle anderen? Ich habe nicht verstanden, dass es mit der Blindheit zu tun hat. Ich habe gedacht: Nur weil du jetzt blind bist, bist du doch kein anderer Mensch?
Der Null- und Auferstehungspunkt war für mich, als ich sagte: So, ich bin blind. Und die Leute reagieren bescheuert – auch die Erwachsenen übrigens, die mich dann plötzlich wie ein kleines Kind behandelt haben, die anfingen mit mir mit einer Babystimme zu sprechen, die mir dann plötzlich immer die größten Kuchenstücke gaben, was ich als unheimlich diskriminierend empfand, oder dass ich nicht bestraft wurde für Dinge, die bei anderen für eine saftige Strafe gesorgt hätten.
Diese positive „Verschonung“ war für mich viel schlimmer als jede Strafe hätte sein können, denn ich fühlte mich nicht ernst genommen. Meine Mutter hat mich z.B. einmal aus der Schule genommen, um mich zu schützen und ich habe zwei Wochen nicht mit ihr geredet. Ich war todtraurig.
Die Wende für mich kam dann dadurch, dass ich ein Mädchen kennenlernte, die konnte genauso wenig sehen wie ich, aber die hatte einen Stock und konnte Braille-Schrift lesen und wollte nach Marburg gehen zum Gymnasium für Blinde.
Und dieses Mädchen sagte: „Ich bin blind“. Ich sagte zu ihr „aber du kannst doch noch etwas sehen?“ Doch sie antwortete: „Ich bin blind und das ist ok“.
Und dann hab ich mir gesagt, wenn die blind ist, dann bin ich auch blind. Und ich gab mir plötzlich nicht mehr selbst die Schuld für mein schlechtes Gefühl, sondern ich fand die anderen ignorant. Ich fand die anderen blöd, dass die mich so behandeln.
Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich mich da an den Haaren aus der blöden Situation herausgezogen habe und wieder leben konnte.
Ich sehe das auch bei unseren Kindern hier, die haben alle dieses Trauma. Ich sage den Kindern, ihr müsst da reinschauen in diesen Schmerz und ihr müsst lernen, mit aller Kraft zu sagen: „Das ist nicht gut! Die anderen reagieren falsch!“

Der Weg, den du gegangen bist, um den Tiefpunkt zu überwinden ist ja sicher anders als bei anderen Menschen?
Du hattest z.B. ganz viel Energie.

Aber nicht in meiner Krise

Aber offenbar schon als Kind?
Ja, ich war sehr lebendig und ich hatte eine anregende Familienatmosphäre mit viel kreativen Aktionen von meinen Eltern. Wir haben viel Theater gespielt und Musik gemacht. Und wir haben viel diskutiert zu Hause, gerade auch über politische Dinge.

Spielte dabei Gerechtigkeit eine große Rolle?
Ja klar, schon als Kind waren für mich die Linken die Armen und denen musste geholfen werden, und die Rechten, das waren die Reichen, die auf den Armen rumtrampelten.
Als Kind hatte ich eine klare Trennung in Gut und Böse.
Und als Jugendliche hatte ich heftige Diskussionen mit meinem Onkel, weil ich meinte, dass man beim Militär zum Mörder ausgebildet wird. Für mich waren das Mörder.

Ist Gerechtigkeit ein Motor deines Handelns?
Ja, aber ich glaube nicht, dass ich ein Helfersyndrom habe. Ich habe vielmehr Lust, etwas neues aufzubauen und dabei gegen den Strom zu schwimmen.

Du bist dabei überzeugt von dem was du tust, hast gewissermaßen eine Vision? Und weil du so überzeugt bist, kannst du etwas bewegen?
Ich bin ganz klar in dem was ich mir vorstelle, aber ich bin – glaube ich – nicht starrsinnig. Ich lass mich auch überzeugen. Ich bin offen für neue Einflüsse und Ideen.

Wie gehst du mit Wut und Agressionen um?
In dem Moment wo ich mich mit der Blindheit identifiziert habe, entwickelte ich auch ganz viel Wut. Warum reagieren die Leute so? Warum verhalten sich die Menschen so ganz anders zu mir als vor meiner Blindheit? Und Wut ist etwas sehr Positives, denn sie führt zu Kreativität und Kraft. Ich habe mir gesagt, es muss doch möglich sein, dass sich etwas verändert, dass die Menschen kapieren: Blinde sind doch keine Exoten, sondern ganz normale Menschen.
Und ich bin ja aufgewachsen auch in der Diskussion über die Emanzipation von Frauen. Und das hat meine Wut noch weiter erhöht. Denn ich dachte, Frau zu sein und dann noch blind, dass ist ja noch schlimmer!! Und das geht nicht, das muss geändert werden! Es war bei mir ein Aufbegehren und eine Wut. Und eine Wut kann eine große Kraft sein!

Wie hat sich deine Wut entwickelt?
Es gibt viele Blinde in Deutschland, die sich zurückziehen, die unsichtbar werden wollen, die sich anpassen wollen, unheimlich anpassen wollen. Das wird ja auch eigentlich von der Gesellschaft gefordert.
Ich hab mich immer in den Weg gestellt, auch an der Uni. Ich war immer in den ganz linken Gruppen, war im ASTA, im Senat. Und da habe ich z.B. eine Rede gegen die Bundeswehr gehalten. Und dann sagt der eine Dekan zum anderen: „Erst blind und dann auch noch die Klappe aufreißen“.
Als ich das hörte, hat mich das nicht traurig gemacht oder frustriert, sondern wütend: „Na warte“, habe ich gedacht, „dir wird ich’s zeigen. Jetzt erst recht!“ Diese Haltung gibt mir Kraft!

Wie siehst du deine Blindheit heute?
Ich hab es niemals bereut, blind geworden zu sein. Ich seh es als ein Geschenk. Das klingt vielleicht komisch. Aber wenn ich nicht blind wäre, hätte ich doch so ein Projekt nie gemacht!

Wie kommst du mit anderen Menschen zurecht?
Ich war ja lange auf dem Blindengymnasium in Marburg und das war eine tolle Zeit. Ich habe dort so viel gelernt gerade auch im Zusammensein mit anderen Blinden. Wir haben reisen gelernt, gelernt, die Welt zu erobern und uns nicht unterkriegen zu lassen. Die Gemeinschaft mit Menschen, die in der gleichen Situation sind wie ich, hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben. Ich bin deshalb auch skeptisch gegen eine einseitige Integrationsphilosophie. Blinde, die in Integrationsschulen zusammen mit Sehenden aufwachsen, sind wesentlich unmobiler und unsicherer als die Blinden, die z.B. in Marburg waren.
In Marburg hab ich zuerst mal gestaunt, was die Blinden dort so alles können. Und wie selbstbewusst die sind. Wenn wir z.B. in Marburg von sehenden Kindern angemacht wurden, und das kam oft vor („Was wollt ihr hier? Geht doch ins Heim!“) dann haben wir denen gesagt: „Besser blind als blöd!“
Das ist ein ganz wichtiger Punkt für mich: Auch mal zurückschießen, sich nicht alles gefallen lassen! Das sage ich auch unseren Kindern: wenn die Menschen nett zu euch sind, dann seit nett. Aber wenn sie euch blöd kommen, dann lasst euch nichts gefallen. Dann könnt ihr ruhig mal Kontra geben.

Wie gehst du mit Rückschlägen um?
Wir haben immer wieder auch mit Rückschlägen zu tun, aber wir haben ja die Kinder. Damit haben wir eine große Verantwortung. Wenn wir diese Kinder nicht anvertraut bekommen hätten, wären wir vielleicht schon längst abgehauen, manchmal haben wir das schon gedacht. Man muss das so sehen: Am Anfang war viel Abenteuerlust dabei, d.h. es war auch ein Stück Egoismus. Ich wollte etwas erleben, wollte ein spannendes Leben. Es macht Spaß etwas zu verändern, die Welt ein Stück zu erobern. Am Anfang war ich dabei ganz alleine. Aber dann war es ein Segen, dass ich Paul getroffen habe. Ohne Paul hätte ich das alles psychisch gar nicht durchgestanden – er übrigens auch nicht ohne mich.
Wir hatten – als wir uns kennenlernten – gleich eine ähnliche Ebene. Auch er hatte einen Punching point. Paul hatte als Jugendlicher ein ganz schweres Leben. Auch er hat seine Kraft aus dem Schmerz bekommen.
Und das versuche ich unseren Kindern immer wieder beizubringen, dass man die Schmerzen nicht vermeiden kann. Ich will ihnen das nicht ersparen, was ich selber habe erleben müssen. Im Gegenteil: Ich will ihnen zeigen, wie sie sich diesem Schmerz stellen und ihn durch Wut, durch Kreativität und Kampf überwinden können.
Dann können sie ihren Schicksalsschlag als Chance sehen. So wie ich auch die vielen Höllen, durch die ich gegangen bin, letztlich auch als etwas Gutes erlebt habe, durch das ich weitergekommen bin..

Wenn du dich heute mit 33 mit der Sabriye vor 10 Jahren vergleichst, was hat sich geändert?
Also, ich hatte so mit 20, als ich aus der Schule kam, schon den gleichen Charakter, aber ich habe ihn anders umgesetzt: Ich habe ganz viel Politik gemacht, und zwar nicht Blindenpolitik, sondern Asylpolitik, Antirassistische Arbeit. Ich bin in Asylheime gegangen, habe mich für neue Unterrichtsmethoden an der Uni eingesetzt usw. Es hat mir damals Spaß gemacht, mich in den Weg zu stellen, zu kämpfen. Ich saß z.B. im Studentenparlament ganz links und meine Gegner waren auf der ganz rechten Seite die Studenten vom RCDS. Ich habe viele Reden gehalten und die RCDSler trauten sich nicht, mich anzugreifen, weil ich ja blind war. Bis sie sich dann irgendwann einmal trauten und das hat mich gefreut, da fühlte ich mich integriert. Mir hat es Spaß gemacht zu provozieren. Nur so kann man etwas verändern.
Und merkwürdigerweise hatte ich nachher ein ganz gutes Verhältnis zu den RCDSlern, die hatten Respekt vor mir.
Ich hatte nie Probleme, mich vor die anderen zu stellen und durch die Blindheit habe ich vielleicht eine noch größere Stärke. So bin ich strukturierter als viele Sehende (etwa meine Mutter), weil ich das einfach muss. Ich muss sehr viel mehr im Kopf behalten. Zum Beispiel wenn ich einen Schlüssel suche, kann ich nicht nachsehen, wo er ist. Also muss ich sehr achtsam sein.

Was hast du in den letzten Jahren für dich dazugelernt?
Wenn ich mich heute vergleiche mit der Zeit als 20-Jährige: Ich bin heute sehr viel geduldiger, obwohl ich nach wie vor kein geduldiger Mensch bin. Ich musste das mühsam lernen im Umgang mit den chinesischen Behörden. Das dauert Wochen, bis da mal was bearbeitet ist. Da kann man manchmal an die Decke gehen. Ich bin aufgrund meiner Ungeduld auch keine gute Lehrerin. Ich habe diese Rolle in der Schule schnell wieder abgegeben. Es ist eine echte Charakterschwäche von mir, obwohl es – wie gesagt – schon besser ist als vor 10 Jahren.

Welche Rolle spielt die Partnerschaft mit Paul für dich?
Ihr wirkt ja wie ein tolles Team.

Ja wir sind uns in vielen Dingen ähnlich. Wir wollen schnell und effizient etwas bewegen, sind oft ungeduldig.
Die Beziehung ist schon toll, wenn man bedenkt, wir sind oft 24 Stunden zusammen und das jetzt seit 6 Jahren. Wir haben gelernt, immer enger zusammenzurücken, so könnte ich bestimmt mit niemanden anders leben.
Wo wir unterschiedlich sind: Paul ist ein technischer Mensch, er baut alles, kann alles. Wenn wir unsere Arbeit als Computer sehen würden: Er macht die Hardware, ich die Software, er baut die Häuser, ich entwickle die Planungen, die Konzepte, habe die Ideen, gebe dem Projekt eine Richtung. Paul nimmt manche Dinge leichter, ich dagegen denke manchmal tiefer.
Beide ergänzen wir uns prima und sind trotz allen Stresses sehr glücklich. Ja ich glaube wirklich, ich bin ein sehr glücklicher Mensch und es gibt bestimmt nicht viele, die das von sich sagen. Und ich bin sehr dankbar auch für die schrecklichen Dinge, die passiert sind. Ich weiß nicht wem ich dankbar bin, denn ich bin eigentlich kein religiöser Mensch oder vielleicht bin ich doch religiös? Denn ich denke, es hätte ja gar nicht besser kommen können. Natürlich gibt es viele Erfahrungen wo ich sage „Muss das denn jetzt sein?“, aber im Nachhinein denke ich, das war wichtig.

Ihr habt beide eine große Kraft, mit der ihr Dinge bewegt. Viele Menschen haben Ideen, aber sie können es nicht umsetzen, ihr habt in den letzten Jahren unglaublich viel Gutes hier bewegt.
Aber ich bin kein Mensch, der zunächst etwas Gutes tun will. Das ist nicht meine Motivation. Ich opfere mich nicht auf. Ich habe nur den Eindruck, es ist total sinnvoll, was wir hier machen. Aber ich tue es auch für mich. Ich entwickle mich weiter und es macht Spaß. Auch wenn es stressig ist, macht es Spaß. Und ich genieße es, wenn mein Adrenalinspiegel steigt.

Weitere Informationen:
Sabriye Tenberken, Mein Weg führt nach Tibet
www.braille-without-boarders.org
www.climbingblind.org

[aus: EnneaForum 26, November 2004, S. 18-21

Aus EnneaForum 26 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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