Margrita Appelhans
Im Rahmen des Pilotkurses „Weiterbildung zum Enneagrammtrainer“ des ÖAE führte ich mit Matthias (Name geändert) ein Profilinterview, zu dessen Vorbereitung er zunächst den Baron-Wagele-Test ausfüllte. Auf dieser Grundlage interviewte ich ihn anschliessend. Interessante Ergebnisse kamen dabei heraus, die uns zunächst jedoch ziemlich verwirrten. Erst ein Hinweis von Gerd Heck auf die Enneade des Jesuiten Athanasius Kircher (1665) brachte uns weiter:
Matthias, während der Kindheit langsam erblindet, hat bereits vier Enneagrammkurse besucht und einige Literatur zum Thema gelesen. Die Zuordnung zu einem konkreten Muster ist ihm jedoch bisher nicht gelungen. Zeitlich befristete „Mitgliedschaften“ bei Muster Eins, Vier, Fünf ging er ein, sie waren für ihn aber letztendlich nie wirklich überzeugend. Um bei der Suche vielleicht ein wenig helfen zu können, schlug ich ihm das Profilinterview vor.
Bei der Hierarchie der Zentren fällt auf, dass Bauch und Kopf gleichwertig sind. 
Wäre also die Acht nicht so herausragend mit ihrem Wert, könnte man eine Dominanz des Kopfzentrums vermuten. Absolut signifikant ist als Muster aber zunächst einmal die Acht.
Markante Flügel (mit mittelwertiger Sieben und unterwertiger Neun) gibt es jedoch nicht. Der Trostpunkt Zwei wäre eher schwach ausgebildet, der Stresspunkt Fünf mittelwertig.
Ziel des Interviews muss es also sein, die Bedeutung der Werte bei Acht abzuklären (ein Muster, das Matthias bisher noch nicht näher in Erwägung gezogen hat; die Fünf [möglicher Stresspunkt] hingegen schon). Zu beachten sind auch Drei und Neun als unterwertige Muster.
„Ich schätze an meinem Beruf das Vielseitige, das Planen von Strategien und ihre Konkretisierung, das Umgehen mit Menschen und technischen Problemen. Weniger schätze ich die Überzeugungsarbeit an Menschen, die andere Überzeugungen haben, eher unflexibel sind und langsam denken.
Ich beschreibe mich selbst als klar, zugleich vielschichtig/kompliziert, verständnisvoll, phantasievoll, schnell. Andere charakterisieren mich als freundlich, verständnisvoll, verlässlich, angenehm, klar. Schwierig ist es zu sagen, was ich überhaupt nicht bin … jähzornig, gnadenlos, pessimistisch.
Leistung war lange Zeit wichtig, um zu beweisen, trotz meiner Behinderung mithalten zu können – und das bis zur konkreten Kollapsgefahr, die eine berufliche Veränderung nach sich zog. Ich verbinde mit ihr noch immer Souveränität, das lockere Umgehen auch mit schwierigsten Situationen. Dahinter steht die elementare Existenzangst, nicht genügen zu können, zerstört zu werden, und der Wunsch, unangreifbar zu sein, weil perfekt. Inzwischen ist ein innerer Kern gewachsen, der dem entgegenwirkt.
Mein Weg zum Erfolg: Konzentrierter Einsatz, hohes Tempo auf lange Dauer bei starkem Pendelausschlag zwischen Höchstleistung und Stillstand und der Austausch mit anderen, deren Ideen mein Konzept bereichern. Ich möchte dabei für mich und meine Ideen werben, nicht mit der Brechstange arbeiten, denn Konfrontationen liegen mir nicht.
Zorn auszudrücken hat für mich (noch immer) etwas Beängstigendes.
Eine eigene Position zu vertreten, fällt mir aber nicht schwer, wenn ich nach viel innerem ‚Wenn und Aber‘ und Austausch mit anderen meinen Standpunkt gefunden habe; und auch das Neinsagen habe ich gelernt.
Selbstzweifel kenne ich sehr gut. Die Wahrheit gibt es nicht für mich. Das hilft mir, andere in ihrem Verhalten zu verstehen – auch in dem, was ich nicht teile; es lässt mich mich selbst aber auch ständig in Frage stellen: Was entspricht mir, was ist für die Umgebung hilfreich?
Zu Autoritäten habe ich ein gespaltenes Verhältnis: Natürliche Autorität (Fähigkeiten, Erfahrungshintergrund) beeindruckt mich; lautstark auftretende Menschen, die sich auf Macht und Positionen berufen müssen (oft aufgrund von Ängstlichkeit), finde ich eher lächerlich.
Angst, Verunsicherung spielen eine ganz, ganz große Rolle in meinem Leben. Die in der Kindheit sich vollziehende Erblindung führte zu einer ständigen, latenten Verunsicherung, die zur Folge hatte, dass ich lieber erst aus der gesicherten Position des Beobachters heraus in ein Geschehen eingreife, statt mich einer ungeklärten neuen Situation zu stellen; und Perfektion soll mich auch hier vor Angreifbarkeit schützen.
Richtig und falsch sind für mich extrem relativ; was mir jetzt richtig scheint, kann mir z.B. aus zeitlicher Distanz als unangemessen erscheinen; etwas, das ich manchmal als sehr mühsam empfinde.
Das Gefühl des Ärgers ist mir sehr vertraut – aus Hilflosigkeit, wegen des Scheiterns an den Ansprüchen mir selber oder den Menschen gegenüber, die ich besonders liebe und hoch schätze.
Beziehungen sind mir nicht quantitativ wichtig, weder in Bezug auf Menge noch auf Häufigkeit des Kontakts. Eine gemeinsame Basis gibt mir ein gutes, warmes Gefühl. Erwartungen an ein bestimmtes Quantum Austausch macht mir Druck. Für mich zählt die Qualität: Verstehen, Unkompliziertheit, ähnliche Wellenlänge, ein Raum, in dem ich mich nicht beweisen muss.
Nach außen wirke ich sicher als Kopfmensch: Ein guter Beobachter kann gut Dinge auf den Punkt bringen, Chaos in Ordnung verwandeln. Doch Gefühle und Intuition sind, gerade wenn ich kreativ bin und im Austausch mit anderen stehe, ganz wesentlich für mich.
In mir ist die Grundsehnsucht nach Paradies, nach Schönem, Stimmigem, Perfektem und Wunderbarem sehr stark, und Menschen, die für mich einen Aspekt davon verkörpern, ziehen mich sehr an; dasselbe gilt für Musik, Bücher etc.
Konkurrenz mag ich nicht so. Im Leistungssport, den ich betrieben habe, war mir die Zeit wichtiger als der Rang. Deshalb habe ich wohl auch den großen Durchbruch nicht gehabt, obwohl ich als großes Talent galt. Mir ist wichtig zu sagen, ich habe gemacht, was ich konnte; jemanden niederzuringen, mag ich nicht.
Etwas, was an mir besonders ist, ist, dass ich unglaublich viel Power konzentrieren kann.
Bedürfnisse anderer kann ich sehr gut wahrnehmen; eigene Bedürfnisse dagegen, mir z.B. Ruhezeiten ohne schlechtes Gewissen zu nehmen, das ist ein Lernfeld für mich.
Wenn jemand etwas von mir nicht annimmt, das mit meinem Herzblut zu tun hat, und dies auf rüde Weise tut, werte ich den Menschen ab. Wenn ich aber das Gefühl habe, es ist eine Entscheidung dieses Menschen, ist es in Ordnung. Eine Rolle spielt dabei auch, wie wohl ich mich in diesem Moment mit mir selber fühle.
Stolz hängt für mich zusammen mit souverän sein. Ich habe Mühe damit, das Gesicht zu verlieren, besonders vor Menschen, mit denen ich nicht vertraut bin. In dem Sinne hat Stolz viel mit mir zu tun.
Gerechtigkeit ist mir sehr wichtig – im Kontext von Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Sicherheit; sie ist ihre Grundlage. Auch wenn andere Ungerechtigkeit trifft, ärgere ich mich und setze mich ein (Paradieswunsch). Es ist für mich auch die Attraktivität der jesuanischen Botschaft. Mich hierfür einzusetzen, wird nur gebremst durch meinen „Relativierungsfimmel“, allem zunächst auf den Grund zu gehen, alle Seiten zunächst zu hören, bevor ich mir ein Urteil erlaube.
Kontrolle hat für mich damit zu tun, Sicherheit herzustellen; habe ich die Kontrolle, ist es einerseits entspannend, wächst aber andererseits der Druck, und ich suche die Balance zwischen beiden Aspekten. Andere zu manipulieren, finde ich nicht lustig; Leute zu überzeugen, zu begeistern und mitzureißen schon, aber nur über Konsensfindung – was mir beruflich durchaus auch als Schwäche ausgelegt wird.
Aus offenem Widerspruch versuche ich, die Emotionen herauszunehmen und eine sachliche Ebene zu finden; mit anderem habe ich extrem Mühe, und es macht mich hilflos.
Ich spüre, dass es eine Tendenz zu Exzessen gibt, etwas Selbstzerstörerisches, ein Spiel mit dem Feuer; es gibt aber einen inneren Punkt der Entscheidung. Beim Sport ging es sicher eine Zeit auch in diese Richtung.
In Bezug auf das Zusammensein mit anderen brauche ich zeitlich und räumlich meinen Freiraum; das Quantum an Ansprüchen entscheidet darüber, sowohl das meiner eigenen als auch das der anderen. Ich brauche hier ein gutes Gleichgewicht.
Wissen an sich interessiert mich nicht, es ist bei mir mehr die Neugierde; ich weiß von sehr vielem etwas, aber wenig vertieft. Es widert mich geradezu an, Sach- und Fachbücher regelmäßig zu lesen. Neue Ideen können mich begeistern, im Gespräch mit anderen, aus den Medien, aber ich lese keine 10 Bücher darüber. Was mich wirklich interessiert, sind die Randgebiete des Möglichen, und dort lässt sich weniger wissen als erahnen und erspüren. Wissen muss für mich mit Erfahrung verbunden sein, um mich wirklich zu fesseln.
Die Gier nach Besitz – besonders nach CDs – habe ich eine zeitlang gekannt. Jetzt hat Besitz für mich deutlich etwas mit Perfektion zu tun: Die Stereoanlage muss den perfekten Sound haben, das Musikstück die perfekte Interpretation. Über das Haus, das wir jetzt bauen, freue ich mich, weil wir es von Anbeginn an mitgeplant haben, nicht weil es dann meins ist.
Unangenehme Dinge auszuhalten, ist für mich ein Lernweg. Ich gehe eher in die Lethargie oder den Aktivismus. Es ist noch neu für mich, das Gefühl wahrzunehmen und auszuhalten.
Kurz und prägnant liegt mir mehr als durchhalten. Ich habe die berufliche Tätigkeit häufig gewechselt. Bei eintretender Regelmäßigkeit suche ich nach Ergänzung; wofür ich aber Verantwortung übernommen habe, da bin ich verlässlich.
Bei Stress zünde ich meinen Turbo und fahre mein System extrem hoch, bis das System überhitzt ist. Inzwischen habe ich gelernt, dass es Warnzeichen gibt. Und ich übe Strategien ein. Wichtig ist für mich die Verlangsamung (Atem, Bewegungen, Herzensgebet, bewusstes Gehen des Arbeitsweges); es sind oft kleine Dinge, die mich wieder in Kontakt mit mir selber bringen, heraus aus dem kopflastigen Rotieren.“
Im Ergebnis bleiben Eins, Vier, Fünf, Sechs, Sieben besonders interessant. Damit ist das Kopfzentrum mit allen Mustern vertreten; im Bauchzentrum scheint die Acht sich als nur aus der augenblicklichen Lebenssituation heraus erklärlich zu erweisen, und die Neun bleibt unterwertig. Im Herzzentrum bleibt die Zwei unterwertig, während Dreierthemen (Stress) im Interview mehr Raum einnehmen, als im Test sichtbar war.
Verbindet man nun die herausgearbeiteten Punkte im Profil, so fällt die Konstellation Sieben (im Test eigentlich gar nicht so markant) mit Stresspunkt Eins, Trostpunkt Fünf und Flügel Sechs ins Auge. Auch die zur Zeit aktive Acht wäre in diesem Fall als (ansonsten vielleicht nicht so vertrauter) Flügel aktiviert. Doch was ist mit der Vier?

Die von Johannes Bartels in Enneaforum 19 und 20 beschriebene und in Bezug auf die für uns relevante Persönlichkeitstheorie überprüfte Enneade Athanasius Kirchers (1665) kann uns hier vielleicht weiterhelfen. Sie enthält nämlich, vergleichen wir sie mit der uns vertrauten Graphik, sowohl zwischen Vier und Sieben als auch zwischen Zwei und Fünf eine zusätzliche Linie – die sogenannten „hidden lines“, zu deren Relevanz für die Enneagrammarbeit zur Zeit z.B. Jürgen Gündel arbeitet. (Er veranstaltete ein Panel dazu anlässlich des Ökum. Kirchentages in Berlin.)
Für die Punkte Zwei, Vier, Fünf, Sieben gilt in der herkömmlichen Zeichnung, dass sie jeweils zu einem Zentrum keinen unmittelbaren Kontakt haben: Zwei und Vier zum Kopfzentrum, Fünf und Sieben zum Herzzentrum. Durch die „hidden lines“ wird dieser fehlende Kontakt nun hergestellt. Und weil er für die vier besagten Punkte die sonst fehlende Balance zwischen den drei Zentren ermöglicht, gebe ich ihm im Folgenden den Namen „Balancepunkt“, um die Qualität dieses zusätzlichen Punktes vorläufig zu benennen.
Für Matthias bedeutet die Einbindung des Balancepunktes Vier, dass ein im Test und im Gespräch wesentliches Muster Berücksichtigung finden kann. Bei dessen Übergehen würden die in seinem Profil bedeutsamen Themen Sehnsucht, Kreativität, Intuition, Image (und damit das gesamte Herzzentrum) wegfallen, die über Simili allein nicht zu erklären sind. Mehrfach unterstreicht er, dass Gefühle, (ausgewählte) Beziehungen, Austausch und konkrete Erfahrungen für seine Balance entscheidend sind; ein Ignorieren des Herzzentrums in seinem Musterprofil ist also unmöglich.

Weder Muster Sechs noch Sieben sind Matthias bisher je in den Sinn gekommen. In beide Konstellationen muss er sich in der kommenden Zeit einarbeiten, einfühlen und sie durchleben, um sie auf ihren Gehalt zu prüfen.
Das Profil mit dem Hauptaugenmerk auf Sieben – mit Stresspunkt Eins, Trostpunkt Fünf, Balancepunkt Vier und dominantem Sechser-Flügel – scheint ihm zwar nicht ganz abwegig, und die neue Perspektive, durch die hidden line die Vier zu integrieren, überzeugt ihn sofort, liegt ihm sogar besonders am Herzen; meine vorläufige Benennung des dazugewonnenen Punktes als Balancepunkt leuchtet ihm unmittelbar ein; doch die Sieben als zentrales Muster dieser Profilkonstellation ist sehr überraschend und fremd. Die Alternative der Sechs – mit Neun und Drei sowie den Flügeln Fünf und Sieben – verlocken ihn ebenfalls zum Experimentieren.
Eine reizvolle und wahrlich nicht anspruchslose Aufgabe für die kommende Zeit!
Das Fazit von Matthias heißt jedoch jetzt schon:
„Es ist eine große Bereicherung, nun einen Zugang zum gesamten Profil erhalten zu haben und nicht mehr allein auf die Suche nach dem Muster fixiert zu sein.“
[aus: EnneaForum 26, November 2004, S. 12-15, herausgegeben vom Ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.]
ich schwanke auch zwischen zwei Persönlichkeitstypen des Enneagramms. Wie komme ich an den Baron-Wagele-Test, um meiner Suche eine weitere Richtung zu geben?
Vielen DAnk und mit freundlichen Grüßen,
Katja Kampmeier
Liebe Katja,
den BW-Test finden Sie in
BaronWagele, das E. leicht gemacht 1996, notfalls antiquarisch besorgen (ZVAB Internet). Aber für Ihr Frage:ie kriege ichd e n einen Typ heraus? nützt das nichts. Es gibt keinen E-Test, der das im Normalfall zuverläsig schafft. Das ist auch gut so, weil Sie das selbst herausfinden müssen.
Mit freundl.Grüßen
Gerd Heck
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