Einzelne Prozess-Modelle

Einzelne Prozess-Modelle des Enneagramms

Wolfram Göpfert

Einleitung

In Heft 24 des EnneaForums habe ich das kombinierte „Typen-Prozess-Modell des Enneagramms – TPME“ vorgestellt. Es bietet uns die Möglichkeit, eine Vielzahl komplexer Prozesse unter Einbezug aller 9 Enneagramm-Muster anhand der Zeichnung des Enneagramms zu entwickeln, und zwar unabhängig vom jeweiligen Inhalt der Prozesse. Praktisch anwendbar ist das TPME beispielsweise zur Problemlösung, zur Teambildung, zur Konfliktbewältigung, zur Zielfindung. Es ermöglicht uns damit den vielfältigen Gebrauch des Enneagramms in unterschiedlichen Situationen unseres Alltags
Ein wesentliches Merkmal des TPME besteht darin, sowohl jedes einzelne der 9 Enneagramm-Muster als auch die vollständige Grafik des Enneagramms bei der Prozessgestaltung einzubeziehen..
Losgelöst von dieser mannigfaltigen Nutzbarkeit des Enneagramms zur Handhabung komplexer Prozesse gehe ich im weiteren nun der folgenden Frage nach?:
Bietet das System des Enneagramms über das TPME hinaus noch zusätzliche Möglichkeiten, anhand von Enneagramm-Mustern und mit einzelnen – insbesondere grafischen – Elementen Prozesse zu gestalten, und zwar wiederum unabhängig von ihren Inhalten??

Zur ersten Annäherung an dieses Thema erscheint es angebracht, zunächst den Sinngehalt eines „Prozesses“ wenigstens anzureißen. Eine allgemein verbindliche Begriffsbestimmung gibt es nicht, ausgehend vom Wortlaut und angelehnt an unser alltägliches Sprachverständnis vermögen wir jedoch einen Prozess als eine geordnete Vorgehensweise zu bezeichnen. Unter diesem Blickwinkel können wir folgende wesentliche Komponenten eines Prozesses hervor heben?:

  • Eintritt von Veränderungen, die Unterschiede erkennen lassen
  • Energien, die zu den Veränderungen führen und sie ausrichten
  • Interaktionen und Rückkoppelungen aus dem Veränderungsgeschehen

Sehen wir uns nun im einzelnen an, welche Möglichkeiten der Prozessgestaltung im System des Enneagramms sich uns eröffnen.

Moderation – ein Prozess der Ganzheitlichkeit

Elemente dieses Prozesses?: die Kreislinie, die 9 Enneagramm-Punkte

Wenn wir eine Diskussion zu moderieren haben, so sollten wir uns stets vergegenwärtigen, dass die Teilnehmer typbedingt von unterschiedlichen Enneagramm-Positionen her argumentieren. Wir sollten die Vielzahl der möglichen Betrachtungswinkel als Bereicherung und Förderung der Diskussion, als Tanz der Meinungen und zugleich als gemeinschaftliche Arbeit am Thema begrüßen und nicht etwa als störenden Faktor ansehen. Zudem sollten wir berücksichtigen, dass jeder Beitrag sich rückkoppelnd auf die Entwicklung der gesamten Diskussion auszuwirken vermag. Wenn wir diese Gegebenheiten auch noch den Teilnehmern vermitteln können, so wird sich dies positiv auf den gesamten Diskussionsverlauf auswirken.

Bezüge zum Enneagramm?:
Es ist ohne weiteres möglich, die gesprächsweise Begegnung der 9 Enneagramm-Muster nicht als ein Zusammentreffen strikt getrennter Einzeltypen zu betrachten, sondern – wie Farben auf der Palette eines Malers – die jeweiligen Positionen ineinander übergehen zu lassen. Mit einer derartigen bewussten Unschärfe rücken wir davon ab, jedes Muster als Einzelpunkt auf der Kreislinie zu sehen und heben statt dessen ihre Verbundenheit hervor. Der Ring aller 9 Punkte vermag bei einer solchen Ansicht die Kreislinie sogar so zu überdecken, dass es ihrer gar nicht mehr bedarf, weil die 9 Muster sich selbst unmittelbar zum Kreis schließen. Die ihnen je innewohnenden Energien teilen sich jetzt direkt einander mit und bewirken den neuen Eindruck einer umfassenden Ganzheitlichkeit. Die Gesamtheit der Entfaltungsmöglichkeiten aller 9 Enneagramm-Muster steht dann jedem einzelnen von ihnen gleichermaßen abgebend und annehmend zur Verfügung.

h2- Balance – ein Prozess des Umgangs mit äußeren Einflüssen

Elemente dieses Prozesses?: das gleichseitige Dreieck, die Enneagramm-Punkte 9, 3, 6, 9

Wir kennen die Situation, in guten Beziehungen zu den Menschen in unserem Arbeitsumfeld zu stehen?: Beispielsweise als Lehrerin halten wir erfreulichen Rapport zu den Schülern und Eltern unserer Klasse und zu den Kollegen. Der Unterricht bereitet Freude und die Kinder kommen gut voran. Doch dann ergeben sich durch den Zuzug einiger ausländischer Familien Veränderungen in der Klasse, die nach unserer Einschätzung auf sprachliche Defizite und kulturelle Unterschiede der neuen Kinder zurück zu führen sind. Bevor sich nun diese Gegebenheiten zu Problemen auswachsen, eignen wir uns kurzerhand einige Grundkenntnisse der fremden Sprache an und befassen uns mit dem religiösen Hintergrund des Heimatlandes der Kinder. Mit diesen Kenntnissen, so fragmentarisch sie auch sein mögen, gelingt es uns, eine Brücke anfänglichen Vertrauens zu den Neulingen zu schlagen. Insbesondere im Verhältnis zu den Eltern baut sich überflüssiges Misstrauen so gar nicht erst auf, sondern statt dessen ein wechselseitiger Eindruck guten Willens. Bei allem Holpern gelingt uns so letztlich eine hinreichende Integration der neuen Schüler in unseren anfänglich gut funktionierenden Klassenverband.

Bezüge zum Enneagramm?:
Ausgangspunkt dieses Prozesses ist eine ausgeglichene Situation, die wir vom Enneagramm-Muster 9 her kennen. Infolge der von außen einwirkenden Veränderungen ergibt sich Handlungsbedarf, der mit der pragmatischen Ausrichtung des Enneagramm-Typs 3 am ehesten zu decken ist. In der Akzeptanz der eingetretenen Herausforderung, die sich zugleich als Anreiz zur Suche nach förderlichen Ansätzen der Problemvermeidung auswirkt, zeigt sich die positive Seite des Enneagramm-Musters 6. Im Zuge der hierdurch eintretenden Beruhigung des zuvor im Gleichgewicht bedrohten Systems schließt sich wieder der Kreis zu einer stabilen Lage mit Ausrichtung zum Enneagramm-Punkt 9.

Wandel – ein Prozess des beständigen Fortschreitens

Elemente dieses Prozesses?: das unregelmäßige Sechseck, die Enneagramm-Punkte 1, 7, 5, 8, 2, 4, 1

Nach unseren Erfahrungen ist die einzige „Konstante“ im Leben der ständige Wandel. Jedwedes Geschehen von einiger Gewichtung unterliegt einem stetigen Fluss, auf den wir nur beschränkt einzuwirken vermögen. Ein Beispiel dafür ist das Arbeitsleben?: Hier sind wir besonders oft gehalten, uns in rascher Folge auf neue Anforderungen, auf personellen Wechsel, auf technische Umstellungen, auf innovative Leistungen einzustellen. Es ist eine Illusion, mit den einmal erworbenen Fähigkeiten über lange Jahre erfolgreich einer beruflichen Tätigkeit nachgehen zu wollen. Wir sind gehalten, uns ständig den Umgang mit neuen Gegebenheiten zu erarbeiten und uns vielfachen Wandlungen anzupassen, wenn wir nicht scheitern wollen. Allerdings bedeutet dies keineswegs zwangsläufig, dass alles, was uns vertraut ist, permanent überrollt wird und keinerlei Bestand hat. Vielmehr erleben wir immer wieder, dass wir zu schon berührten Positionen zurückkehren und bereits bekannte Abläufe sich in nur veränderter Gestalt wiederholen. Mitunter mag allerdings die Sprunghaftigkeit des lebendigen Geschehens, das um uns abläuft, unseren Blick für diese Abbilder uns vertrauter Vorlagen trüben.

Bezüge zum Enneagramm?:
Dieser Prozess kann bei jedem der 9 Enneagramm-Muster seinen Anfang nehmen. In der Abfolge der Punkte des unregelmäßigen Sechsecks tritt aber die Wandelbarkeit des Geschehens mit ihren Umbrüchen deutlicher hervor als im eher ausgeglichen wirkenden inneren Dreieck.
Wenn wir den Umgang mit neuen Anforderungen beispielsweise am Enneagramm-Punkt 1 beginnen, so können wir uns von der dort kennzeichnenden Tendenz, unsere beruflichen – und auch sonstigen – Aufgaben perfekt erledigen zu wollen, lösen und uns der Haltung des Enneagramm-Musters 7 zuwenden. Im entwickelten Bereich des Typs 7 finden wir das Maß an Gelassenheit, mit dem wir ohne übermäßiges Streben nach Perfektion auf den uns angetragenen Wandel zugehen können. Diesen Vorgang können wir verstärken, wenn wir die anstehenden Veränderungen möglichst objektiv zu betrachten versuchen und uns gründlich mit ihren Inhalten befassen, also Fähigkeiten im gesunden Bereich des Enneagramm-Musters 5 entfalten. Aktivieren wir nun auch den Willen zur kraftvollen Gestaltung der neuen Gegebenheiten, so steht uns die Stärke des Enneagramm-Typs 8 zum Umgang mit den neuen Aufgaben zur Verfügung. Hilfreich ist es dabei, wenn wir uns selbstsicher auf unsere eigenständigen Fähigkeiten verlassen und so der im Enneagramm-Punkt 2 erwünschten Entwicklung entsprechen. Kommt jetzt noch Zufriedenheit mit den ersten Ergebnissen der neuen Arbeitsabläufe als gesunde Haltung des Musters 4 hinzu, so werden wir in der positiven Haltung des Enneagramm-Musters 1 mit gutem Gewissen eine vertretbare Akzeptanz des anstehenden Wandels gewährleisten können.
Bezogen auf die Grafik des Enneagramms erfolgt dieser Ablauf alles andere als geradlinig. Wir sind immer wieder gefordert, unseren Vorgehensweisen andere Richtungen als gewohnt zu geben, mit ganz offenkundigen Ecken, Umbrüchen und Überschneidungen. Und doch folgen wir einem roten Faden, der geeignet erscheint, schon vertraute Stellen zu markieren und die beruhigende Erwartung auf eine erfolgreiche Bewältigung des anstehenden Wandels zu vermitteln.

Klassifizierung – ein Prozess der Ordnung

Elemente dieses Prozesses?: die Triaden, alle neun Enneagramm-Punkte

Wenn wir uns die Arbeitsplätze unserer Kollegen anschauen, so können wir verschiedene „Ausgestaltungen“ wahrnehmen?: Einige Schreibtische wirken wie das urflutliche Chaos, sie biegen sich unter scheinbar ungeordneten Papierstapeln, aus denen wie Inseln gebrauchte Kaffeetassen und überquellende Aschenbecher heraus ragen. Immerhin, wir vermögen deutliche Spuren des Arbeitslebens erkennen. Auf anderen Arbeitsplätzen befinden sich hingegen kaum ein paar Blätter, diese wenigen indes ordentlich abgelegt, gesäumt von einigen Schreibutensilien, dem Taschenrechner und dem Telefon. Ein gewisser Eindruck von Sterilität wäre keine offenkundig unzutreffende Beschreibung. Und eine dritte Art der Arbeitsplatzgestaltung vermögen wir zu unterscheiden?: Hier stehen zwischen den Arbeitsmaterialien Blumen, Fotos der Familie, auch eine private Zeitschrift mag gelegentlich dort liegen. Ein gewisses Empfinden menschlicher Wärme wirkt hier auf uns ein. Wenn wir nun an die Kollegen denken, die an diesen Schreibtischen ihre Arbeit verrichten –welche Schlüsse ziehen wir dann auf ihr Inneres??

Bezüge zum Enneagramm:
Das Leben entstammt dem Chaos. Am Anfang gab es noch keine Ordnung, sie hat sich erst später eingestellt, sei es durch die Evolution, sei es durch die spezifisch menschlichen Fähigkeiten. Doch die Lebendigkeit steht in der Mitte aller menschlichen Entfaltung – ohne Leben gäbe es nur Materie. Allerdings ist Leben auf unserer Erde nur in der materiellen „Behausung“ möglich. Deshalb bemühen wir uns mit einem zentralen Teil unserer Grundstrebungen um die Erhaltung unseres Dasein schlechthin. Wir bedienen uns einer Vielfalt von Möglichkeiten, unsere körperliche Existenz zu bewahren – von der Ernährung über die Gesundheitspflege bis zur Fortpflanzung. Mit gutem Grund steht deshalb die „Bauchtriade“ des Enneagramms mit den Mustern 8, 9, 1 im Zentrum der Triaden.
Doch erst die Fähigkeit zum Denken unterscheidet uns Menschen wesentlich von den anderen Lebewesen unseres Planeten. Ohne unser Denkvermögen wären wir nur eine „Tierart“ unter anderen. Durch unsere geistigen Fähigkeiten können wir komplexe Einteilungen vornehmen und subtile Maßnahmen ergreifen, mit deren Hilfe wir unsere Grundstrebung nach Sicherheit und Orientierung zu organisieren, zu ordnen suchen. Das reicht von einfachen persönlichen Bewertungen als „gut“ oder „inakzeptabel“ bis hin zu völkerübergreifenden Zusammenschlüssen mit all ihren komplexen Auswirkungen. Die „Kopftriade“ des Enneagramms und ihre Muster 5, 6, 7 erweitert somit unsere reine Existenz zum besonderen Mensch-Sein.
Dieses Mensch-Sein wird indes vollendet erst durch die Menschlichkeit, die in unseren Empfindungen ihren Platz findet. Erst in der gegenseitigen Anerkennung und in der Zuwendung zu unseren Mitmenschen rundet sich der Bogen unserer Grundstrebungen. Die „Herztriade“ als dritte Kategorie des Enneagramms mit den Mustern 2, 3, 4 verleiht unserem Dasein den tieferen Sinn und richtet es aus auf ein höheres Ziel als unsere bloße Existenz.
Die unterschiedlichen Grundstrukturen des menschlichen Lebens finden also ihren deutlichen Niederschlag im Enneagramm, in den Triaden dieses Systems. Jede der angesprochenen Teilordnungen bezieht sich auf einen notwendigen, nicht hinweg zu denkenden Aspekt unseres Mensch-Seins.

Qualifizierung – ein Floating–Prozess

Elemente diese Prozesses?: das Kontinuum, jeder einzelne Enneagramm-Punkt

Schneller, höher, weiter – das sind im Sport die Maßstäbe, nach denen Leistungen bewertet werden. Entsprechende Kriterien gelten auch als Messlatten in vielen anderen Bereichen unseres Lebensumfeldes, ganz gewiss auch in Bezug zu unserer beruflichen Tätigkeit. Nun zwingt uns in aller Regel aber niemand, ständig die Nummer Eins unter unseren Kollegen zu sein. Wenn wir dies gleichwohl versuchen, so stoßen wir bald an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit. Zudem liegt es nahe, dass wir uns Unwillen zuziehen – wohl weniger den des Chefs, wohl aber gewisse Vorhaltungen der anderen. Kaum einer von uns käme indes auf die Idee, sein Licht bewusst unter den Scheffel zu stellen oder gar ins sozial problematische Milieu abzugleiten. Gelegentliche Zurücknahme mag uns hingegen durchaus angeraten sein und sich dienlich auf die von uns je vertretene Sache auswirken. Im mittleren Bereich dürften wir am ehesten unsere Talente im Alltag ausleben können, ohne hoch oben an der Sonne zu verbrennen oder ganz unten zu versumpfen. Natürlich sind wir frei, wie auf einer Art y-Achse im Koordinatensystem zu floaten, zumeist sicherlich mit dem Bestreben nach oben. Dabei ist – mit einem Beispiel aus dem schulischen Bereich – die Steigerung von einem Ausreichend hin zu einem Befriedigend ein gleich wertvoller Schritt wie die Veränderung von einer Drei plus zu einer Zwei minus. Und es stellt einfach eine Lebensregung dar und keine Katastrophe, wenn wir statt der gewohnten Zwei mal eine Vier kassieren, denn gerade dies vermag uns anzuspornen. Wesentlich ist, dass es uns klar ist, mit welchen Vorgehensweisen, inneren Einstellungen und Kontrollmechanismen wir die förderlichen Bewegungen im Rahmen unseres Lebensumfeldes vornehmen können.

Bezüge zum Enneagramm?:
Nach einem Grundsatz des Enneagramms bleiben wir unser Leben lang einem der 9 Enneagramm-Muster wesentlich verhaftet. Eine Art Gefängnis stellt dieser besondere Bezug jedoch nicht dar, denn wir sind aufgefordert, uns auch zu den anderen Mustern hin zu bewegen. Mit innerem Gewinn wird uns dies aber erst dann gelingen, wenn wir zuvor uns im Bereich unseres eigenen Musters zurecht finden. Zuförderst sind wir gehalten, hier unseren Platz zu erkennen, wohl darum wissend, dass jeder Enneagramm-Typ eine Vielzahl von Stufen aufweist, die wir betreten können und auf denen wir uns hinauf, aber auch hinab zu bewegen vermögen. Wir müssten mit Blindheit geschlagen sein, wenn wir die jeweilige Richtung nicht wahrnehmen würden.

Spontane Reaktionen – Modelle automatisierter Prozesse

Elemente dieses Prozesses?: die zwischenmenschlichen Verhaltenskonzepte nach Karen Horney, die Enneagramm-Punkte 9, 4, 5 sowie 3, 7, 8 sowie 6, 1, 2

Wenn wir bedauerlicherweise mit unserem Wagen in das Heck des Vordermannes knallen, so gibt es drei grundverschiedene Möglichkeiten unserer spontanen Reaktion?: Wir können uns durch Fahrerflucht aus dem Staube machen, aus dem Schlamassel zurückziehen, wenngleich uns dann der Arm des Gesetzes um so härter strafen wird. Wir können aber auch die Flucht nach vorn antreten, aggressiv werden und den Idioten beschimpfen, der da seine Karre unserer Limousine in den Weg gebracht hat. Und wir können die Situation so nehmen, wie sie nun mal ist, uns ihr anpassen als einem Unfall, dessen Ablauf offenkundig gegen unser Fahrvermögen spricht.

Bezüge zum Enneagramm:
Sobald wir in eine derart unangenehme Situation geraten, läuft eines der Programme – Rückzug, Angriff oder Anpassung – automatisch an, als unsere spontane, nicht durchdachte erste Reaktion. Dieses bemerkenswerte Phänomen hat die Psychiaterin Karen Horney, die Claudio Naranjo oftmals zitiert, schon vor längerer Zeit hervor gehoben. Natürlich heißt dies keineswegs, dass wir mit dieser spontanen Reaktion dann die jeweilige Situation durchgängig beeinflussen, vielmehr wird sich unser „neurotisches Notprogramm“ oft nur auf die erste innere Reaktion oder auf eine mehr oder minder rasch korrigierte erste Handlung beschränken. Aber immer werden wir bei hinreichender Ehrlichkeit vor uns selbst einen stets gleichartigen ersten spontanen Reaktionsansatz bemerken.
Im System des Enneagramms lassen sich hierzu drei Gruppen bilden?: Zu spontanem Rückzug neigen die Enneagramm-Muster 9, 4, 5 – zu spontaner Aggression drängen die Enneagramm-Typen 3, 7, 8 – zu spontaner Anpassung neigen die Enneagramm-Muster 6, 1, 2.

Formen des mitmenschlichen Umgangs – Modelle sozialer Prozesse

Elemente dieser Prozesse?: die Unterscheidungen Selbsterhalt–partnerschaftlicher Umgang–soziale Beziehungen, jeder einzelne Enneagramm-Punkt

„Jeder ist sich selbst der Nächste?!“ – „Am Weibe hängt, zum Weibe drängt doch jeder?!“ – „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste was es gibt auf der Welt?!“
Drei unterschiedliche Aussagen, drei grundverschiedene Ausrichtungen?: Wir können, so wir dies denn wollen, uns selbst als den Nabel der Welt ansehen. Wir vermögen aber auch die Zweisamkeit auf den Schild zu heben und alles andere vergessend zweitrangig werden lassen. Und es ist uns eröffnet, zu einer Vielzahl unserer Mitmenschen mehr oder weniger enge Beziehungen zu knüpfen. In unserem Alltag werden wir uns aller drei Haltungen bedienen, je ausgerichtet nach der konkreten Situation. Aber wenn es hart auf hart kommt, wenn wir bedeutsame Entscheidungen in unserem Leben zu fällen und wichtige Weichen zu stellen haben, dann werden wir einer der drei Ausrichtungen zuneigen, zumindest aber eine von ihnen hinten an stellen und den beiden verbleibenden den Vorrang einräumen. In aller Regel wird die bevorzugte Haltung – eventuell eingefärbt durch eine der anderen – die gleiche sein.

Bezüge zum Enneagramm?:
Jedes der 9 Enneagramm-Muster kann sich jeder dieser drei unterschiedlichen Ausrichtungen bedienen. Sie rechnen nicht zu den spezifischen Inhalten des Enneagramms, wir können sie aber als nützliches „Zubehör“ dieses psychologischen Systems ansehen. Besonders dann, wenn jemand Schwierigkeiten empfindet, sein eigenes Enneagramm-Muster zu entdecken oder wenn wir – bei aller Sorgfalt – einen anderen Menschen nur mit Mühe einem Enneagramm-Typ zuzuordnen wagen, können uns diese Unterscheidungen von Nutzen sein. So mag es uns beispielsweise gelingen, eine sozial bezogene 8 oder eine selbsterhaltende 7 oder eine partnerbezogene 5 als entsprechendes Muster zu erkennen.

Nachbarschaft – ein Prozess der Affinität

Elemente dieses Prozesses?: die Flügel, jeder Enneagramm-Punkt mit seinen beiden Nachbarpunkten

Die meisten Pflanzen wurzeln nicht nur direkt unter sich, sondern strecken ihr Wurzelwerk auch seitlich aus. So ergibt sich ein in ihre nachbarschaftlichen Gefilde ausbreitender Wuchs, der oft zu engen Verwachsungen mit dem jeweils daneben stehenden Pflanzenwerk führt. Zwar mögen wir einerseits zwischen den benachbarten Pflanzen Konkurrenz um Licht und Wasser beobachten, andererseits bieten viele einander wechselweise Halt und Stütze gegen die Unbilden der Witterung. Hierzu bedarf es in der Pflanzenwelt wesensgemäß des unmittelbaren Kontaktes, jedenfalls der räumlichen Nähe. So oder so – verdrängend oder verflechtend – ist zwischen den einander nahe stehenden Pflanzen eine hervorzuhebende Beziehung gegeben, eine Nachbarschaft besonders ausgeprägter wechselseitiger Beeinflussung.

Bezüge zum Enneagramm?:
Im System des Enneagramms finden die Beziehungen zwischen einander benachbarten Enneagramm-Punkten ihren Ausdruck in der so bezeichneten „Flügeltheorie“. Zwar mag dieser Begriff vorrangig das Bild eines Vogels hervorrufen, der seinen Flug durch den Gebrauch seiner beiden Schwingen leitet, doch sehen wir auch in der Pflanzenwelt, dass sich etwa das Astwerk der Bäume zumeist nach mehreren Seiten ausdehnt. Es gibt aber auch Pflanzen, die sich ungleich seitlich ausbreiten, bevorzugt in die eine oder in die andere Ausrichtung oder manchmal gar gertenschlank nur nach oben wachsen. In aller Regel aber können wir davon ausgehen, dass zwischen einander benachbarten Objekten und damit auch zwischen nachbarschaftlich gelegenen Enneagramm-Mustern sich auf ganz natürliche Weise wechselseitige Beziehungen und Einflussnahmen zeigen, die so zu weiter entfernten Enneagramm-Punkten erfahrungsgemäß nicht gegeben sind. Dem Nachbarschaftsverhältnis der einzelnen Enneagramm-Typen gebührt deshalb zu Recht unsere besondere Aufmerksamkeit.

Ausblick

Die vorstehenden Ausführungen zu einzelnen Prozess-Modellen des Enneagramms (in Ergänzung zum „Typen-Prozess-Modell des Enneagramms – TPME“) stellen lediglich einen vorläufigen Rundblick über die Vielfalt der Prozessausprägungen dar, die das Enneagramm uns bietet. Der „Prozess der Prozessfindung“ ist damit keineswegs abgeschlossen. Vielmehr möchte ich dazu anregen, in jedem Prozess, mit dem wir im Alltag in Berührung kommen, nach Bezügen zum Enneagramm zu suchen, sie hervorzuheben und den jeweiligen Prozess unter Betonung der spezifischen Enneagramm-Aspekte zu handhaben. Wir haben die Wahl, unser Denken, Handeln und Fühlen, unser gesamtes Sein als Prozessgeschehen aufzufassen und es mit dem Enneagramm förderlich zu entfalten.
Siegburg, den 6.1.2004

[aus: EnneaForum 25, Mai 2004, S. 28-31

Aus EnneaForum 25 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 25 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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