Probleme lösen mit dem Prozess-Modell

Gerhard Heck

Wie funktioniert das Prozess-Modell eigentlich konkret?? Wie lässt sich ein Problem mit seiner Hilfe lösen?? Wie ist es mir selbst plausibel geworden??
Ich werde erzählen, wie mir die Lösung eines Problems misslungen und 10 Jahre später gelungen ist. Das Prozess-Modell wird dann wie eine Folie über die Puzzlesteine dieser Erfahrung gelegt und es wird klar, warum es zuerst ein Misserfolg, später aber ein Erfolg wurde.

Erfahrungen zum Prozess-Modell

Der Start meiner Arbeit als Lehrer am Gymnasium war angenehm. Ich hatte die Fächer Ev. Religion und Pädagogik. Nach einiger Zeit bot mir die Schulleitung an, Psychologie als Abiturfach zu unterrichten. Ich nahm gerne an, weil mein Interesse an Psychologie groß war und ich bereits verschiedene psychotherapeutische Zusatzausbildungen abgeschlossen hatte. Als die Sache gut angelaufen war, bat mich ein Kollege um ein Gespräch. Ob ich nicht Lust hätte, die regelrechte Unterrichtserlaubnis in Psychologie per Staatsprüfung nachzuholen. Das sei besser so und er habe auch schon Informationen eingeholt. An der Uni Münster könnten wir einen Psychologie-Professor kontaktieren, der die Prüfung mit uns vorbereiten und abnehmen würde. „Fährst Du mit nach Münster, ich mache die Prüfung auch??“
Kurz entschlossen sagte ich zu. Er besorgte den Termin und wir fuhren nach Münster. Der Professor stellt sich als jung, dynamisch und knochenhart heraus. Wir seien ja schließlich beruflich gut versorgt, er sei nicht bereit, die Sache nur zu unserem Vergnügen zu betreiben, wir müssten schon bereit sein, auf dem Niveau des Vordiploms zu handeln. Und er präsentierte eine Liste von 50 Buchtiteln auf 2-3 Din-A-4-Seiten. Wir nahmen sie, verabschiedeten uns und sahen uns im Auto „bedröppelt“ an. Das war zuviel verlangt. Ab nach hause und vorbei.
Legt man die Folie des Prozess-Modells für Problemlösung über diese Erfahrung, kommt man zu folgender Diagnose?:
Probleme lösen, Grafik 1: Vorbereitung der Entscheidung (A)
Abb 1?: Vorbereitung der Entscheidung (A)
1. Der erste Schritt auf dem neunteiligen Kreis des Modells ist gegeben?: die Lehrerlaubnis für Psychologie soll nachgeholt werden?; Problem bewusst
2. Die nötigen Informationen werden eingeholt.
Problem-Kenntnis vertieft
3. Der Kollege selbst und indirekt die Schulleitung wirken als Außenimpuls, der das Problem und seine Lösung fördert.

Das Problem ist bewusst (1). Zu seiner Lösung benötigt man weitere Informationen (2). Dieser Vorgang ist bekannt. Weniger bekannt dürfte es sein, dass Anstöße zur Lösung von außen, als Außenimpulse (3/6), auftreten?: unerwartete Reize zur Lösung des anstehenden Problems. Meist erhalten wir sie durch Fremde oder Freunde. Ihre Anregung bekommt im Zusammenhang des gesuchten Lösungsweges die Bedeutung?: entscheidender Impuls in die richtige Richtung. Wer sich im Prozess der Suche nach der Lösung befindet, kann auf Außenimpulse regelrecht warten, kann sie einbeziehen.
Station 1 bis 3 bezeichne ich als Vorbereitung, Station 4 bis 5 im engeren Sinne als Entscheidung der Problemlösung.

An Punkt 4 wird die Lösung des Problems durch äußere bzw. innere Widerstände in Frage gestellt. Nach meiner Erfahrung gibt es kein echtes Problem, dessen Lösung nicht durch Widerstände behindert wird. Widerstand hat seine Funktion darin, dass die Motivation der Betroffenen, seine Lösung zu finden und in die Tat umzusetzen, auf den Prüfstand gestellt wird. Ohne echte Motivation kann man die Energie zur Überwindung des Widerstandes nicht aufbringen. In diesem Fall gerät das Problem in die Warteschleife für Unerledigtes. Ein Fuchs, der über die Trauben nörgelt, die ihm zu hoch hängen, hat meist ein Problem in der Warteschleife. So ging es mir auch. Ich brauchte ja nicht unbedingt die Lehrerlaubnis, solange die Schulleitung meine Abituraufgaben und meine Prüfungen weiterhin abnahm. Zwischendurch dachte ich?: „Schade dass ich die Prüfung nicht gemacht habe, aber es geht ja auch so. Wozu der Aufwand??“

Probleme lösen, Grafik 2: Warteschleife für Unerledigtes
Abb. 2?: Die Entscheidung gerät in die Warteschleife für Unerledigtes.
4. Die Problemlösung stößt auf Widerstand?:

  • äußerer Widerstand?: die Anforderungen sind unerwartet hoch?;
  • innerer Widerstand?: Motivation zum Überwinden des Widerstandes ist zu gering?: kein Muss zur Prüfung.

Folge?: Problemlösung kommt in die Warteschleife

Es dauerte 10 Jahre. Dann kam die Fachleiterin für Psychologie in einer Pause auf mich zu?: „Hallo Gerd, wir kriegen wahrscheinlich einen neuen Kollegen. Stell Dir vor, er ist jünger als Du, hat dieselben Fächer wie Du und er hat einen Vorteil?: er hat die Unterrichtserlaubnis für Psychologie.“ Meine spontane Reaktion?: „Das kommt überhaupt nicht in Frage ?! Warum soll ich damit einverstanden sein, dass mir einer die Nische wegnimmt, die ich hier habe??“

Was motiviert hier?? Es geht – subjektiv?! – ums Überleben, also ist die Typautomatik beteiligt. Dies ist einer der Punkte, an denen sich zeigen lässt, wie Typen-Modell und Prozess-Modell einander ergänzen und bedingen?: Bauch-Typen lösen ihre Probleme anders als Herz- oder Kopf-Typen. Die einen stolpern in die Arena der Problemlösung hinein, andere weigern sich, sie überhaupt zu betreten. An jedem der strategisch wichtigen Punkte, besonders aber an Punkt 4, wo es um die äußeren und inneren Widerstände geht, treten die Unterschiede typspezifischer Motivation sinnfällig auf.

„Dann musst Du eben die Lehrerlaubnis nachholen, es gibt keinen anderen Weg?!“ Nach so langer Zeit wurde mir das Problem aus der Warteschleife „zur Wiedervorlage“ serviert. Dass „das Leben“ eine zweite oder sogar dritte Chance zur Lösung einer wichtigen Aufgabe bietet, scheint kein Einzelfall zu sein.

Probleme lösen, Grafik 3: Entscheidung (B)
Abb. 3?: Entscheidung (B)

Meine Fachleiterin, die diesen „Außenimpuls“ auf sympathische, aber unnachgiebige Art präsentiert hatte, kannte einen Professor für Psychologie, den ich aufsuchen sollte?; seine Anforderungen schienen realisierbar. Es dauerte nicht lange, dann stand die Entscheidung fest?: „Das mach ich?!“ Eine vierstündige schriftliche Klausur und 14 Tage später eine einstündige mündliche Prüfung. Die Vorbereitung dauerte 3 Monate. Klausur und Prüfung verliefen erfolgreich.

Ich lege wieder die Folie des Problemlösungs-Modells über die berichtete Erfahrung und stelle fest?:

Mit dem Entschluss zur Prüfung springe ich über einen Lücke. Sie hat grundsätzliche Bedeutung für das Enneagramm (Vgl Judith Searle, The gap at the bottom of the Enneagram. enneagram monthly 1997). Die meisten Enneagramm-Grafiken mit durchgezogenem Kreis verdecken, dass hier die qualifizierte Offenheit des Modells, seine prinzipielle Unabgeschlossenheit symbolisiert wird.
Zudem eröffnet sich hier ein spirituelles Verständnis für die in jeder Entscheidung lauernde „Ungewißheit und Wagnis“, in der sich Unsicherheit, Angst vor Blamage, emotionales wie sachliches Chaos auftun. Ungewissheit und Wagnis sind keine lästigen Zufälligkeiten, sondern unvermeidbare Begleitung des Lebens. Peter Wust, unvergessener christlicher Existentialist des vergangenen Jahrhunderts, hat mit Recht darauf hingewiesen. Die spirituelle Bedeutung der Bewegung von 4 zu 5 kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Wo die Entscheidung ansteht, wo es scheinbar alles zu gewinnen oder zu verlieren gilt, da ist der Ort der Verheißung im Alten Testament (z.B. Josua 1,3.6.9), da ist der Ort, an dem der Betende die Zusage der Überwindung erfährt. Und zwar nicht nur ein Stück, sondern?:
„alles um was ihr betet und bittet, glaubt, dass ihr es empfangen habt und es wird euch zuteil werden“ (Markus11,24).

Die psychologische Raffinesse im zweiten Teil dieses Satzes nimmt die Form eines buddhistischen Koans an?:
Die Aussage ist logisch widersprüchlich, aber nur so wird ihre Weisheit erfahrbar?: indem ich voraussetze, dass die Verheißung der Problemlösung bereits erfüllt ist, gewinne ich den Mut zum Sprung über die konkrete Barriere. Verheißungen sind Affirmationen, die mir zusagen, dass das Gewünschte bereits ist.
Die psychologische Raffinesse und die Fülle der Zusage, an Gottes Macht teilzuhaben, ist so überschwänglich, dass sie bereits von Matthäus (21.18 ff) nicht mehr verstanden wurde.

Nach dem Sprung bin ich auf der 5 er Seite?; dort geht es zweckrational und handlungsorientiert zu, der Schritt vom bloße Vorstellen zum Tun ist getan. Freilich darf man nicht zurück blicken. Wer es doch tut, wird zwar nicht zur Salzsäule, landet mit dem ungelösten Problem aber leicht wieder in der Warteschleife. Dort kann der „rechte Zeitpunkt“ zum „Bringen der Frucht“ (Psalm 1, 3) auch verfaulen.

5. Ausrichtung auf das Ziel
„Diese Prüfung wird angemeldet und bestanden?!“
Probleme lösen, Grafik 4: Realisierung der Problemlösung (C)
Abbildung 4: Realisierung der Problemlösung©

6. zweiter Außenimpuls?:
weitere Besuche bei Prof. X engen den Bereich der Anforderungen weiter ein, die Anforderungen werden überschaubar?: es geht voran?!
7. erste Ergebnisse?: Prüfungsvorbereitungen schreiten unter Termindruck zügig und konkret voran
8. das Ziel wird erreicht?: die Prüfung wird in zwei Teilen erfolgreich durchgeführt

Die Integration der Lösungskompetenz©

Die meisten Problemlösungsmodelle haben 6 Stationen. Es fehlen ihnen die drei Außenimpulse.
Die Weisheit des Enneagramms geht hier weiter . Sie rechnet damit, dass wir nicht alles aus uns selbst hervorbringen können, sondern der Anregung durch Außenimpulse bedürfen.

Spirituell bedeutet uns das?: wenn wir selbstherrlich werden, gehen unsere Lösungen an der Sache vorbei. Unsere Via Negativa schließt ein?: Verzicht auf Selbstherrlichkeit. Wenn wir Gott die Ehre geben, warten wir aufmerksam und wach, betend auf den Außenimpuls, der uns der Lösung näher bringt. Das verringert den Stress, erhöht die Gelassenheit. Auf diese Weise befinden wir uns auf der Via Positiva, auf der er uns teilhaben lässt an seiner Power wie an seinem Leiden. Die Sache hat aber einen Haken?: sie lässt sich nicht als last-minute-Reise durchführen.

Punkt 9 als Außenimpuls rechnet damit, dass die erlangte Lösung durch den Handelnden selbst (Selbstüber-/unterschätzung) oder durch seine Umwelt (Übertriebene Anerkennung durch Starkult, Missgunst von Konkurrenten) in Frage gestellt und somit gefährdet wird. Die erreichte Problemlösungskompetenz kann verspielt werden, sodass die in ihr gegebenen Chancen ungenutzt bleiben.
Umgekehrt wird die in der Problemlösungsarbeit gewonnene Kompetenz dann optimal nutzbar, wenn sie in Selbstbewusstsein, Sachlichkeit und Bescheidenheit eingebettet der Gruppe, dem Ganzen, zur Verfügung gestellt wird. Das ist insofern wichtig, als mit dem nächsten Problem häufig eine Aufgabe von erhöhter Komplexität verbunden ist.
Der Komplexitätsgrad unserer Probleme hat sich im Lauf des letzten Jahrhunderts in Geschwindigkeit, Massivität und Abstraktheit dauernd potenziert. Es wird uns abverlangt, Probleme wahrzunehmen, die wir noch gar nicht kennen. Wir sollen Lösungsstrategien anwenden, die es noch gar nicht gibt. Die meisten sind darauf unvorbereitet.
Wenn wir nur die Chancen ökumenischer Arbeit nutzen wollen, die sich im Zusammenhang mit dem ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 eröffnet haben, wartet viel Arbeit auf uns. Auf die ÖAE-Diskussion im Anschluss an Berlin über?: „Wie geht es weiter mit der Ökumene in Deutschland??“ warten wir. Wer eröffnet sie wann und wo??

Probleme lösen, Grafik 5: Modell der Problemlösung
Abb. 5?: Das Modell der Problemlösung

[aus: EnneaForum 25, Mai 2004, S. 22-24

Aus EnneaForum 25 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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