Buchbesprechung - Jetzt ?! - Die Kraft der Gegenwart

Eckhart Tolle
Jetzt ?! – Die Kraft der Gegenwart
J.Kamphausenverlag Bielefeldt, 2003
Preis?: 19,50 €

Als wir Richard Rohr im Oktober letzten Jahres in den USA besuchten, zog er zum Thema „Tranformation“ und „spirituelles Wachsen“ obengenanntes Buch aus dem Regal (engl.Titel?: The Power Of Now – A Guide to Spiritual Enlightment), war erstaunt, dass wir es nicht kannten, und legte es uns sehr ans Herz.
Zurück in Deutschland habe ich mir das Buch sofort besorgt und es gelesen – häppchenweise, denn, trotz einfacher Sprache ist es nicht gerade „leichte Kost“. Eckhart Tolle hat im Alter von 29 Jahren eine tiefe, spirituelle Erfahrung gemacht, hatte eine Art „Erleuchtung“, wonach sich sein Leben grundlegend veränderte. Bis zu diesem Erlebnis lebte er mit Angstgefühlen und zunehmender Depression.
Dann trat die Wende ein. Ich zitiere aus seiner Einleitung?:
„‚Ich kann mit mir selber nicht mehr weiterleben.‘ Dieser Gedanke kreiste endlos in meinem Verstand. Plötzlich wurde mir bewusst, was für ein sonderbarer Gedanke das war. Bin ich einer oder zwei?? Wenn ich nicht mit mir selbst leben kann, dann muss es zwei von mir geben?: das ‚Ich‘ und das ‚Selbst‘, das mit dem ‚Ich‘ nicht mehr leben kann.
‚Vielleicht‘, dachte ich, ‚ist nur eins von beiden wirklich‘. Ich war so fassungslos über diese seltsame Erkenntnis, dass mein Verstand anhielt. Ich war bei vollem Bewusstsein, aber es waren keine Gedanken mehr da.“
E.Tolle wurde also das Vorhandensein eines Ichs und eines Selbst existenziell bewusst. Unter ‚Ich‘ wird das Ego verstanden und unter dem ‚Selbst‘ der wahre Wesenskern.
Es stellt sich nun die entscheidende Frage, mit welchem Anteil ich überwiegend identifiziert bin?: sind es Anteile meines Egos oder ist es das wahre Selbst?? Gerade dies beschäftigte uns ja auf der letzten JHV, angeregt durch den Vortrag und die Übungen von Hans Neidhart.
E.Tolle zeigt auf, wie sehr wir mit den permanenten Aktivitäten unseres Verstand identifiziert sind und wie unfrei und eingeengt wir dadurch sind, da der Verstand uns auf das Ego fixiert. Erst das Anhalten des Verstandes, wie er oben schildert, ermöglicht die tiefe Erfahrung reinen Bewusstseins. Die Beschreibung dieser Tatsache zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch.
Der Verstand an sich sei nicht schlecht, im Gegenteil, ein hervorragendes Instrument, wenn es bewusst eingesetzt wird. Tolle?: „Der Verstand ist nicht gestört?; die Störung beginnt, wenn du dein Selbst in ihm suchst und ihn fälschlicherweise für das hältst, was du bist. Du hältst dich für deinen Verstand. Das ist die Wahnidee.“
Und da unser Verstand – so meine Gedanken dazu – „enneagrammatisch“ geprägt ist, bedeutet die Dis-Identifikation vom Verstand die Dis-Identifikation von meinem Muster im Sinne einer Befreiung meiner Fixierung.
Helen Palmer dazu per email befragt (ich ging davon aus, dass sie das Buch kennt – so war’s dann auch) ist ähnlicher Ansicht?: das Buch beschreibe sehr gut den Wechsel vom Zustand der Typ-Aktivität zu einer rezeptiven Haltung?; alles was mir hilft, bewusst im ‚Jetzt‘ zu sein, bedeutet eine Befreiung von der Automatik meines Muster.
E.Tolle spricht in diesem Zusammenhang von Hingabe, und meint damit die tiefe Weisheit, sich dem Lebensfluss anzuvertrauen, statt sich ihm zu widersetzen. Wobei Hingabe nicht Passivität meint oder sich aufgeben, sondern vielmehr, dass im Zustand der Hingabe eine völlig andere Energie eine ganz andere Qualität in unser Tun fließt. Normalerweise werden wir aber von unseren gewohnheitsmäßigen Gedankenabläufen beherrscht.
E.Tolle beschreibt anschaulich, wie der Verstand funktioniert und womit er „gefüttert“ wird (Kindheitsverletzungen und Erfahrungen, Ängste und Selbstwertzweifel). Die einzige Möglichkeit, sich von seiner Dominanz zu befreien, sieht er im Gewahrsein des jetzigen Momentes, wo (Prägungen der) Vergangenheit und (Sorgen der) Zukunft keine Rolle spielen.
Wie man dies erreicht, dazu gibt er in seinem Buch, das sehr übersichtlich gegliedert ist, viele Anregungen. Manchmal beschreibt er diesen Zustand des Gegenwärtig-Seins, wo es kein Bewerten mehr gibt, wo nur tiefer Friede herrscht, so paradiesisch, dass mir beim Lesen der Gedanke kam?: „zu schön, um wahr zu sein“ oder „das Leben / der Alltag ist einfach anders ?!“. Trotzdem?: warum sollte man nicht eine Ahnung vom Paradies bekommen, einen kleinen Geschmack davon???! Und da ich selber punktuell solche wunderbare Erfahrungen von Gegenwärtig-Sein (für mich als DREI im Enneagramm besonders befreiend, das ‚Sein‘ statt ‚Tun‘ genießen zu lernen) schon gemacht habe, ist mir das Buch eine Bestätigung und Ermutigung zugleich.
Danke, Richard, für den Buchtipp, den ich hiermit gerne weitergebe ?!

Ulla Peffermann-Fincke

[aus: EnneaForum 25, Mai 2004, S. 15

Aus EnneaForum 25 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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