Achtsamkeit – eine Tagung

Dorota Niedzwiecka & Nils Altner

Es regnet in Strömen. Die großen Fenster des Saales sind weit geöffnet. Es ist kurz vor zehn Uhr abends. Langsam wird es dunkel. Im Raum brennt kein Licht. Die Vögel draußen singen ihr Abendlied. Nur ihre Stimmen und das laute Rauschen des heftigen Regens sind zu hören, obwohl der Saal voller Menschen ist. 35 Frauen und Männer und der Hund Tori sitzen still im Saal auf dem Boden und meditieren nicht. Kaum jemand sitzt hier in Frieden und stiller Versenkung. Judith leidet seit 20 Jahren unter nagenden chronischen Schmerzen in den Gelenken. Ihr Leben kreist um den Schmerz und den verzweifelten Wunsch ihn loszuwerden. Karolina kämpft gegen ihre immer wiederkehrende Müdigkeit und Schwermut, die ihr die Lebenskraft rauben. Henrik sehnt sich nach Verbundenheit mit anderen Menschen. Das wiederkehrende Gefühl, nicht dazuzugehören trennt ihn von seiner Vitalität. Petra fühlt sich nach dem qualvollen Tod ihres Mannes von ihren Kindern und deren Familien feindselig gemieden. Sie ist einsam und sie verzweifelt fast vor Trauer und Wut.
Wir 35 Menschen sind nach St. Arbogast in Vorarlberg gereist, weil wir uns vom Konzept der Achtsamkeit angesprochen fühlen. Seit einer dreiviertel Stunde sitzen wir im immer dunkler werdenden Saal. Dann klingen die Zimbeln. Bevor wir schweigend von unseren Kissen aufstehen und den Raum in Stille verlassen, schlägt Saki Santorelli vor, wir mögen doch versuchen, unseren letzten Atemzug vor dem Einschlafen bewusst zu atmen und auch am Morgen den ersten Atemzug des neuen Tages mit voller Aufmerksamkeit in uns aufzunehmen.
Am nächsten Morgen sitzen wir um sechs Uhr wieder auf den Kissen. Nach einer dreiviertel Stunde schweigendem Beieinandersein gehen wir für eine weitere halbe Stunde draußen im Garten ohne von außen ersichtliches Ziel auf und ab. Bei diesem achtsamen Gehen heißt die Einladung?: Sei im Moment, nimm so direkt du kannst das wahr, was jetzt hier vorhanden ist?: deine Füße auf dem Boden, deinen Körper im Raum, deine Gefühle, Gedanken, die Menschen und Welt, die dich umgeben. Nimm all das wahr und lass es liebevoll sein.
Nach dem üppigen von den Mitarbeiterinnen des Tagungshauses wunderschön zubereiteten Frühstück öffnen Jon Kabat-Zinn und Saki Santorelli den Raum zum Austausch. Während die TeilnehmerInnen Fragen stellen oder Erlebtes berichten, hören Jon und Saki konzentriert zu, und ihre Antworten und Fragen kommen aus dem Herzen heraus in einer Sprache, die klar und kraftvoll ist. Liebe und Mitgefühl schwingen spürbar in allem, was sie sagen. Eine Teilnehmerin berichtet, wie sie in der langen stillen Zeit zunehmend Mühe hatte, sich selber auszuhalten, und wie sie sich dabei immer schlechter fühlte. Jon lädt sie ein, alle auftauchenden Gefühle anzuschauen, ohne sie zu bewerten. Es gehe nicht darum, positiven inneren Erlebnissen nachzujagen, sondern für alles, was da ist, präsent zu sein, auch für die sogenannten negativen Gefühle und die Energie, die mit ihnen verbunden ist.
Während der dreieinhalb Tage des Retreats haben wir genügend Zeit, das zu praktizieren. Der Tag beginnt um sechs Uhr mit stillem Sitzen, es folgen achtsames Gehen, geführte Visualisierungen, Yoga und eine Reise durch den Körper. Dazwischen finden immer wieder Gespräche statt, für uns persönlich die kraftvollsten und schönsten Momente des Retreats. Berührung und Austausch finden hier am innigsten statt, und alles, was auftaucht, wird willkommen geheissen. Die liebevolle Offenheit und das authentische bedingungslose Interesse, mit dem Jon und Saki jedem von uns begegnen, sind genau die Qualitäten, die sie uns nahelegen, für uns selbst zu entwickeln. Mit ihrem Programm der Stressbewältigung durch Achtsamkeit (Mindfulness-based Stress Reduction) haben sie seit 1979 über 20 000 PatientInnen und Medizinstudierenden der Klinik der University of Massachusetts dazu eingeladen und befähigt.
Und die begleitende Forschung kann nachweisen, dass auch Menschen mit Migräne, mit chronischen Schmerzen, mit der Neigung zu Angst, Panik und Depression, mit inneren Erkrankungen, Schuppenflechte, Krebs und Fibromyalgie nachhaltig von der Kultivierung der Achtsamkeit profitieren. Bei den meisten gehen die Beschwerden signifikant zurück und die Praxis der Achtsamkeit ermöglicht ihnen, sich regelmäßig selbst liebevoll, wertschätzend und bedingungslos akzeptierend Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Einladung heißt?: nimm diesen Moment, diesen Atemzug achtsam mit vollem Bewusstsein wahr. Es ist der einzige, in dem du wirklich lebst.

Informationen?:

An der geschilderten Tagung haben wir, Gerd + Ute Heck, teilgenommen. Nils und Dorota haben dort kongenial als Übersetzer gearbeitet. Jon Kabat-Zinn und Saki Santorelli haben wir dort als überaus angenehme, lebendige und überzeugende Meditationslehrer kennengelernt.
Nils selber hat das Meditieren bei Jon und Saki in den USA gelernt und ist berechtigt es hier zu lehren. Wir hoffen, dass sich dazu die Möglichkeit ergibt.

Gerd+Ute Heck

Internet-Info-Seiten

zur Arbeit an der Universität?: www.umassmed.edu/cfm
zu Büchern von Prof. Dr. Kabat-Zinn und
Prof. Dr. Santorelli?: www.arbor-verlag.de
zum Tagungshaus?: www.arbogast.at

[aus: EnneaForum 24, November 2003, S. 26-27

Aus EnneaForum 24 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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