Mitten in der Nacht

von Heike Heinze

Ich verlasse das Haus und trete hinein in die sternklare Nacht. Es ist still, nur das leise Rauschen des Windes ist in den Baumwipfeln zu hören. Und die laue Nachtluft schmiegt sich um mich wie ein Mantel aus Samt. Es ist dunkel, der Mond steht nicht am Himmel. Doch über mir wölbt sich ein Meer von unzähligen Sternen.
Was war es, was mich aus dem Schlaf aufschreckte, mich trieb, mitten in der Nacht mein Bett zu verlassen und hinauszulaufen in die Kühle der Nacht?? Welchen Ruf hatte ich vernommen?? War es die Stimme meines Herzens, die, einmal geweckt, mich nicht wieder zur Ruhe kommen ließ?? War es eine uneingestandene Sehnsucht, die nun, von den Geräuschen des Tages nicht mehr übertönt, plötzlich wieder in mir lebendig wurde?? War es der Durst, den ich auf einmal so intensiv fühlte und der gestillt werden wollte??
Ich gehe los, ein paar Schritte in die Dunkelheit, und die Nacht nimmt mich sanft in ihre Arme. Wohin wird mich mein Weg führen?? Behutsam tasten sich meine Füße vorwärts, über trockenes Gras und steinigen Boden. Im Licht der Sterne sieht alles so anders aus, wie verzaubert. Und langsam gehe ich Schritt für Schritt.
Ich habe den Hügel erklommen, und meine Füße zögern einen Augenblick. Dunkel liegt der Tannenwald vor mir und streckt mir seine Zweige entgegen. Ich zögere. Sollte ich mich fürchten?? Was wird mich erwarten, wenn ich den schmalen Pfad betrete, der mich nach unten führt?? Doch ist meine Sehnsucht stärker, und noch intensiver spüre ich meinen Durst. Er treibt mich weiter in dem Verlangen, die Quelle zu finden.
Meine Füße gehen über Tannennadeln und trockene Erde, die noch die Wärme des Tages in sich birgt. Hier ist kein Laut mehr zu vernehmen. Selbst meine Schritte kann ich nur noch spüren. Herunterhängende Zweige streifen sanft mein Gesicht, meine Arme, es ist wie ein Streicheln. Und langsam verliere ich meine Furcht, ich weiß mich geborgen.
Ich setze mich auf den Waldboden und lasse die Geborgenheit in mich eindringen, durch Augen, Nase, Mund, durch jede Pore meiner Haut. Und ich fühle, daß meine Augen feucht werden, mir Tränen über die Wangen laufen. Es sind die ungeweinten Tränen vergangener Tage und Wochen, in denen ich dem Leben nachjagte ohne Ruhe und Rast. Sie haben mein Herz schwer gemacht und mich immer langsamer werden lassen. Jetzt aber kann meine Seele ihre Lasten loslassen, und ich fühle mich leicht und frei.
Und dann sehe ich es, das Leuchten dort vorn, im Dunkel des Dickichts. Höre ein leises Plätschern, das mich wieder an meinen Durst erinnert. So stehe ich auf und lasse meine Tränen zurück, gehe dem Licht entgegen.
Ich entdecke eine kleine Kapelle aus Holz. Auf dem Dach hat sie ein Türmchen. Durch die offene Tür dringt ein Lichtstrahl. Langsam, doch voller Freude, trete ich näher und werfe neugierig einen Blick in das Innere des Raumes.
Zunächst sehe ich eine Schale mit Kerzen. Sie steht vor der hölzernen Wand und erhellt ein Bildnis, das dort aufgestellt ist. Es ist mit Blumen geschmückt, und fast ist es mir, als könne ich ihren Duft riechen, ganz zart und süß. Auf dem Bild aber sehe ich das Gesicht einer jungen Frau, jung, sanft, die Haare unter einem Mantel verborgen. Sie hält ein Kind innig im Arm, lächelt ihm zu, wie nur eine Mutter lächeln kann. Das Kind aber schaut ernst und verständig, und erst als ich näher herantrete, entdecke ich, daß es etwas in seinen Händen hält?: ein Kreuz. Es ist ein Bild von großer Schönheit und Harmonie, doch auch von tiefem Ernst. Lange schaue ich es an, doch erst als ich meinen Blick abwende, entdecke ich, woher das Plätschern kommt. Zu ihren Füßen nämlich, auf dem Boden der Kapelle, nur noch wenig erleuchtet, entspringt eine Quelle. Zwischen Moos und Steinen dringt sie in einem hölzernen Rohr aus der Erde, und ein heller Strahl ergießt sich in ein kleines Becken.
Ich setze mich nieder, staunend, still. Blicke in das kristallklare Wasser, in dem sich das Licht der Kerzen tausendfach bricht und genieße die Stille, die nur von dem leisen Murmeln der Quelle durchbrochen wird. Fast ist es, als spürte ich eine Gegenwart, die größer ist als ich, eine tiefe Geborgenheit, die mich trägt. Und ich fühle den Frieden in meinem Herzen.
Behutsam tauche ich meine Hand in das kühle klare Wasser im Becken, benetze Stirn und Wangen damit. Und ich spüre meinen Durst wieder, einen unendlich tiefen Durst. Ich forme die Hände zu einer Schale, um das Wasser zu schöpfen, und ich trinke in großen Zügen. Und es scheint köstlicher als Honig und Wein, ich möchte trinken und trinken und nicht eher wieder aufhören als bis mein Durst ganz gestillt ist.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist. Doch wird es kühler, im Wald dämmert schon der Morgen. Ich spüre jetzt die Müdigkeit meiner Glieder und meinen Wunsch, zu schlafen. So will ich umkehren, zurück in mein Haus. Wenn ich morgen aufwache, werde ich nicht wissen, ob es ein Traum war. Doch das Bild wird mich begleiten, das Lächeln der Mutter und der ernste Blick des Sohnes, das Rauschen der Quelle und die Erinnerung an diese wunderbare Geborgenheit, die ich fühlte.
Und so hat mein Durst jetzt eine Richtung, einen Ort, zu dem es ihn immer wieder ziehen wird.
Irgendwann. Mitten in der Nacht.

Gesang aus Taizé?:
De noche iremos, de noche que para encontrar la fuente, sólo la sed nos alumbra, sólo la sed nos alumbra.

In dunkler Nacht wolln wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nichts als der Durst wird uns leuchten, nichts als der Durst wird uns leuchten.

[aus: EnneaForum 24, November 2003, S. 24

Aus EnneaForum 24 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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