Amerikanische Impressionen

Ein Bericht über Begegnungen mit Helen Palmer und Richard Rohr

Ulla Peffermann-Fincke und Rainer Fincke

Während wir diese Zeilen schreiben sitzen wir im Garten des Gästehauses „tepeyac“ des „Centers for action and contemplation“ in Albuquerque in New Mexiko. Es ist der Ausgangspunkt der Arbeit von Richard Rohr, es ist ein bezaubernder Ort der Ruhe und Kontemplation – und doch spürt man eine große Dynamik. Etliche Menschen aus verschiedenen Generationen arbeiten hier, um die Arbeit von Richard in Amerika und in der ganzen Welt bekannt zu machen. Und dann gibt es verschiedene spirituelle Angebote.
Wir sind hier am Ende eines zweiwöchigen usa-Aufenthaltes, der uns zunächst nach Kalifornien geführt hat, wo wir eine Woche bei Helen Palmer wohnen und viele ausführliche Gespräche mit ihr über die Zukunft des Enneagramms führen konnten. Helen ist sicher die weltweit bekannteste Enneagrammlehrerin, ihre Bücher sind in 21 Sprachen übersetzt, jetzt kommen gerade Hebräisch und Pakistanisch hinzu – in alle Kontinente wird sie eingeladen. Es war für uns ein großes Geschenk, so ausführlich mit ihr sprechen zu können und dabei auch die Person Helen näher kennenzulernen.
Helen ist geprägt von einer streng katholischen Erziehung in New York. Damit verbunden waren Erfahrungen tiefer Verletzungen und gleichzeitig einer großen Sehnsucht nach Spiritualität. Sie hat bei ihren spirituellen Weg viele Anregungen im tibetischen Buddhismus entdeckt und doch ist sie im Kontakt mit der christlicher Spiritualität geblieben .
Sie hat sicher die vollständigste Sammlung von christlicher Enneagrammliteratur, die wir kennen. In den letzten Jahren hat sich immer mehr ihr Kernthema herausgebildet?: die Verbindung von Psychologie und Spiritualität im Zusammenhang mit dem Enneagramm.
Es ist ihr sehr wichtig, eine gute psychologische Grundlage zu vermitteln. Eine wesentliche Zielgruppe ihrer Arbeit nicht nur in den USA sind deshalb Therapeuten, Berater, klinische Psychologen. Die Zusammenarbeit mit David Daniels in der Universität von Stanford hat mit dazu beigetragen, das Enneagramm seriös zu vermitteln.

Für Helen ist das Enneagramm aber nicht nur eine psychologische Methode, sondern eine Hilfe zum spirituellem Persönlichkeitswachstum. Dieses Thema ist ihr in den letzten Jahren immer bedeutsamer geworden – zur Zeit arbeitet sie am Konzept einer Weiterbildung für Enneagrammlehrer zu diesem Thema. Ein wesentlicher Bestandteil ist ihre Art der Meditation, die sie selbst jeden Morgen praktiziert.
Es ist eine Methode der Achtsamkeit und Wahrnehmung nach innen, mit dem Ziel der Erfahrung des „Eins-Seins“. Lange Diskussionen führten wir über die Frage, ob es bei dieser Art der Meditation um eine Gotteserfahrung geht. Es geht um die Frage, ob Gott eine Person ist, außerhalb meiner selbst erfahrbar, oder nur die Wahrnehmung eines inneren Zustandes. Wir müssen hierbei mit unserer Sprache sehr vorsichtig sein, denn manche Anreden für Gott wie „Vater“ oder „Herr“ sind für viele Menschen belastend, wenn z.B. mit dem eigenen Vater oder einem „Herren“ negative Erfahrungen verbunden sind. Je mehr wir uns davon lösen können, desto klarer wird aber auch die Möglichkeit, Gott als Person, als Gegenüber zu sehen, als jemand, der zugleich in mir und außerhalb zu finden ist. Gott, der mir als Person, aber nicht unbedingt personhaft begegnet, ein Gott, wie Paul Tillich ihn beschreibt, „über dem Gott des Theismus“.
Helen geht ihren spirituellen Weg weiter, sie hat mit den 66 Jahren gerade die Lebensphase begonnen, wo nach östlichem Denken Weisheit beginnt. So haben wir noch viel von ihr zu erwarten.
Faszinierend ist auch ihre Vergangenheit in der Antikriegsbewegung der usa. Sie war mit dabei als an der Universität in Berkeley die Proteste gegen den Vietnamkrieg begannen und der damalige Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, Scharfschützen auf den Seminagebäuden rund um den Campus aufstellte. Als wir dort mit ihr vor einigen Tagen entlang gingen, wurde mir deutlich, wieviel Mut es Menschen damals in Amerika gekostet hat, einen anderen Weg zu gehen. Bis heute repräsentiert Helen mit ihrem Mann Chris das „andere“ Amerika der Freiheit, der Gleichberechtigung und der Gerechtigkeit.

Nun befinden wir uns einige tausend Meilen weiter westlich in New Mexiko. Dort hatten wir die Chance mit einem anderen interessanten Enneagrammlehrer zu sprechen, Richard Rohr. Da muß allerdings gleich etwas zurechtgerückt werden?: Richard hat das Enneagramm in christlichen Kreisen in Amerika und Europa bekannt gemacht, aber er würde sich nicht als Enneagrammlehrer verstehen, sondern als spiritueller Lehrer oder Begleiter.
Richard ist dabei in der katholischen Kirche geblieben – ein für manche leitende Menschen in der Kirche unbequemer Mensch, aber einer der doch dazugehört, der regelmäßig in der katholischen Kirche 200 Meter vom Center entfernt die Messe hält, in enger Gemeinschaft mit seinen franziskanischen Brüdern steht, die bei dieser Kirche leben. Und doch ist er ein Mensch, der wie Helen weltweit unterwegs ist. Sein Thema?: die Integration von Kontemplation und sozialer Aktion, von geistlichem Wachstum in den verschiedenen Lebensphasen. Das Enneagramm ist dabei sein ständiger Begleiter, aber mehr selbstverständlich geworden. Das „Center for action and contemplation“ ist die Ausgangsbasis für diese Arbeit. Es ist eine Bildungseinrichtung und das Zentrum einer Bewegung, die in ganz Amerika wächst?: „radical grace“. Richard sitzt in seinem Sessel im „diskussion room“ und strahlt wie immer eine faszinierende Mischung aus innerer Ruhe und Dynamik aus. Sein aktuelles Projekt ist die Entwicklung einer „Spiritualität der beiden Lebenshälften“. Wir werden einen Artikel darüber im nächsten Enneaforum veröffentlichen.
Richard freut sich über die Entwicklung im Ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm. Ökumene ist ihm ein zentrales Anliegen geworden. Zu seinen Kursen
kommen auch in Amerika neben
Katholiken viele Menschen aus dem
anglikanischen und freikirchlichen
Kontext. Er grüßt uns alle ganz herzlich und nimmt unsere Einladung an, im Mai/Juni 2005 nach Deutschland zu kommen, als Gast des öae. Wir planen mit ihm 3–4 Seminare an verschiedenen Orten in Deutschland zum Thema „Transformation“.

Wir könnten jetzt noch sehr viel mehr schreiben, aber der Artikel soll noch in das neue Enneaforum hinein, und die Sonne scheint hier so schön …

[aus: EnneaForum 24, November 2003, S. 19

Aus EnneaForum 24 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 24 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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