Das kombinierte Typen-Prozess-Modell

Das kombinierte Typen-Prozess-Modell des Enneagramms – TPME Linksherum geht es!

von Wolfram Göpfert

Die Ausgangslage

Allgemein geläufig ist uns das herkömmliche Typen-Modell des Enneagramms. Es besteht aus der bekannten Grafik (Kreis, inneres Dreieck, unregelmäßiges Sechseck) und den der Kreislinie zugeordneten 9 Persönlichkeits-Typen. Inhaltlich befasst sich das Typen-Modell mit den Entwicklungsmöglichkeiten der Persönlichkeits-Muster.
Weniger bekannt sein dürften Ansätze zum so bezeichneten Prozess-Modell des Enneagramms, in dem es keine Persönlichkeits-Typen gibt. Vielmehr dient hier die Zeichnung des Enneagramms dazu, die generellen Grundzüge eines Prozessablaufs, die Abfolge einer geordneten Vorgehensweise allgemein abzubilden und diese losgelöst von den 9 Persönlichkeits-Mustern darzustellen.
Ansätze zu einem derartigen Prozess-Modell haben in der Enneagramm-Literatur Klaus Vollmar (1) sowie – breiter ausgeführt – Christoph Mächler (2) vorgelegt. Beide scheinen sich auf Praktiken von Gurdjieff zu beziehen und damit auf die Zeit vor der Entwicklung des Typen-Modells.
Viele, die sich mit dem Enneagramm befassen, wünschen sich neue Möglichkeiten, dieses System über das Typen-Modell hinaus auszubauen, etwa um es verstärkt und gezielt im gesellschaftlichen Umfeld und im beruflichen Alltag einzusetzen. Schon deshalb hat das Prozess-Modell des Enneagramms Interesse geweckt. Die Ansätze von Vollmar und Mächler zum Prozess-Modell weisen nach meiner Einschätzung allerdings so erhebliche Schwachstellen auf, dass sie nicht geeignet erscheinen, die erwünschte Ausweitung des Enneagramms zu fördern.

Kritik am bisherigen Prozess-Modell

Ich sehe folgende Nachteile in den bisherigen Ansätzen zum Prozess-Modell von Vollmar und Mächler?:
Das bisherige Prozess-Modell und das herkömmliche Typen-Modell weisen keinerlei Verbindungen zueinander auf. Beide beziehen sich zwar auf die Grafik des Enneagramms, jedoch in je völlig unterschiedlicher Weise.
Im bisherigen Prozess-Modell soll es drei „Schockpunkte“ geben, und zwar als „Außenimpulse“, die – grafisch betrachtet – genau an den Berührungspunkten des inneren Dreiecks mit der Kreislinie auf den Prozess Einfluss nehmen sollen.
Die Zeichnung des Enneagramms wird im bisherigen Prozess-Modell zweigeteilt, rechts in einen mentalen Bereich und links in einen kreativen Bereich. Triaden gibt es im bisherigen Prozess-Modell gar nicht.
Eine Bewegung in der Grafik von Punkt 4 zu Punkt 5 soll im bisherigen Prozess-Modell als „Übergang“ vom rechten Bereich zum linken, als „Paradigmenwechsel“, gelten.
Die vorstehend angerissenen Aspekte des bisherigen Prozess-Modells wirken schon auf den ersten Blick befremdlich, jedenfalls unvertraut zu den uns bekannten Inhalten des Typen-Modells. Es ist zu befürchten, dass sie in dieser Ausgestaltung einer unerwünschten esoterischen Einfärbung des Enneagramms Vorschub geben und uns deshalb am praktischen Gebrauch des Enneagramms im Alltag eher hindern werden.
Andererseits drängt es sich angesichts der dynamisch angelegten Grafik des Enneagramms geradezu auf, über das Typen-Modell hinaus auch ein Prozess-Modell zu entwickeln, um mit seiner Hilfe das Enneagramms zur Gestaltung vieler Vorgänge in unserem alltäglichen Umfeld wirksam einzusetzen. Ideal wäre es, beide Modelle so miteinander zu verbinden, dass sie wie „aus einem Guss“ geformt erscheinen.
Dies leistet das neue kombinierte Typen-Prozess-Modells des Enneagramms – TPME.

Das kombinierte Typen-Prozess-Modell des Enneagramms – TPME

Nachstehend stelle ich erstmals das kombinierte Typen-Prozess-Modell des Enneagramms vor. Schon zum Einstieg bietet es den großen Vorteil, uns auf vertrautem Terrain abzuholen. Dieses Modell geht von den uns geläufigen Inhalten des Enneagramms aus, indem es das uns bekannte Gedankengut zu den 9 Persönlichkeits-Mustern voll einbezieht. Darüber hinaus – und das ist neu – zeichnet es unter ausdrücklichem Bezug auf die 9 Persönlichkeits-Muster den Ablauf von Prozessen in allgemeingültiger Form nach, losgelöst von ihren jeweiligen Inhalten. Es zeigt uns im Rahmen des Enneagramms strukturierte Vorgehensweisen auf, die wir auf viele Situationen des Alltags übertragen und damit sogleich praktisch anwenden können.
Die revolutionierende Idee dieses neuen kombinierten Typen-Prozess-Modell des Enneagramms – TPME – beruht auf der zeichnerischen Ausrichtung des Prozessablaufs entgegen dem Uhrzeigersinn?: Prozesse im TPME verlaufen – grafisch gesehen – vom Enneagramm-Muster 9 zum Typ 8, zum Typ 7 und in dieser Folge fortlaufend schließlich über Typ 2 und Typ 1 zurück zum Typ 9 – also linksherum. Gerade diese neuartige Ausrichtung des Prozessverlaufs in der Zeichnung des Enneagramms bewirkt, dass wir jetzt das uns vertraute Typenmodell des Enneagramms und Überlegungen zum Prozess-Modell kombinieren können.
Mit gezieltem Blick auf die Alltagstauglichkeit des TPME stelle ich in den nachstehenden Erläuterungen das TPME bewusst in der Alltagssprache vor. Wer wissenschaftlich angehauchte Formulierungen vorzieht, kann mir gern eine E-Mail senden. Meine Adresse steht am Ende dieses Artikels.

Prozessabläufe im Enneagramm – das kombinierte Typen-Prozess-Modell in Aktion –

Das TPME eignet sich zur Darstellung einer Vielzahl von Prozessabläufen unter ausdrücklichem Bezug auf die 9 Persönlichkeits-Typen, jedoch losgelöst von den jeweiligen Prozessinhalten. Im folgenden Text verwende ich zur beispielhaften Anschauung einen Problemlösungs-Prozess – konsequenterweise ohne inhaltliche Bezüge.

Enneagramm-Muster 9 im Prozess

Stellen wir uns als Ausgangslage mal einen relativ ruhigen Tag vor, an dem uns die Arbeit leicht von der Hand geht. Unsere kleine Welt ist in Ordnung. Eine gewisse Anlehnung an die innere Ruhe, an die Ausgeglichenheit des Enneagramm-Musters 9 macht sich angenehm bemerkbar.
Doch dann kommt es unverhofft wie so oft?: Ein plötzlich eintretendes Ereignis, ein Anstoß aus uns selbst heraus, eine Aufforderung unseres Chefs – was immer es konkret sein mag. Jedenfalls ergibt sich eine Störung, ein Problem tritt auf und mit unserer inneren Ruhe ist es vorbei.

Enneagramm-Muster 8 im Prozess

Als Spezialist für störende Einflüsse gilt der „Boss“ vom Enneagramm-Punkt 8, allerdings nicht nur für deren Beseitigung, sondern oft genug auch für ihre Entstehung. Wie dem auch sei – es liegt auf der Hand, zuerst ihn und seine Führungstalente zur Problemlösung in Anspruch zu nehmen.
Der „Boss“ ist nun gut beraten, wenn er das Problem nicht sogleich und allein „durchlöst“, einfach „den gordischen Knoten zerschlägt“ oder aber sich – in Ausrichtung auf das Enneagramm-Muster 5 – in die Tiefenstrukturen des Problems verbohrt. Vielmehr erscheint es sinnvoll, wenn er seine Bemühungen zunächst darauf konzentriert, die Problemstellung möglichst klar und deutlich zu formulieren, sie thematisch herauszuarbeiten und zugleich auch schon erste Hinweise in Richtung auf eine Problemlösung anzureißen. Optimal wäre es, wenn der „Boss“ – mit einem Blick auf das Enneagramm-Muster 2 – von vornherein auch die sozialen und fürsorglichen Aspekte einer in Betracht kommenden Lösung mit ins Auge fasst.
Genau dies – die erste Fokussierung eines Problems sowie die ersten Direktiven zu seiner Lösung, so vorläufig sie auch sein mögen – gehört typischerweise zu den Kernaufgaben von Führungskräften.

Enneagramm-Muster 7 im Prozess

Weil aber die Problemlösungen nicht immer und überall offenliegend lauern, bietet es sich an, dass der „Boss“ sich an seinen Kollegen, den „Vielseitigen“ vom Enneagramm-Punkt 7 wendet mit dem Ansinnen, doch seinen Geist sprühen zu lassen und beispielsweise im Zuge eines Brainstormings zunächst möglichst viele Ansätze zur Problemlösung einfach mal aufzuzeigen. Einen größeren Gefallen als diese Bitte, seine Gabe zur Fantasie spielen zu lassen, können wir uns für den Enneagramm-Typ 7 kaum ausdenken. Und schon bringt er Ideen und Einfälle hervor und wird wohl nur mit Mühe zu bremsen sein. Dem Prozess dienlich wäre es, wenn er das Enneagramm-Muster 5 anvisiert und sich bei seiner Ideenproduktion von vornherein auf Aspekte beschränkt, die nicht schon bei der ersten gründlichen Sichtung wie Seifenblasen zerplatzen. Zurückhaltung hingegen sollte der „Vielseitige“ walten lassen im Hinblick auf das Enneagramm-Muster 1, indem er sich vor Besserwisserei bei seiner Ideenproduktion hütet.

Enneagramm-Muster 6 im Prozess

Spätestens jetzt ist es an der Zeit, dass sich der „Skeptiker“ vom Enneagramm-Punkt 6 einschaltet und der vom „Boss“ und auf dessen Veranlassung vom „Vielseitigen“ ausgelösten Ideenflut ersten Einhalt gebietet. Mit seinen zur Vorsicht mahnenden Einwürfen, mit seinen Warnungen vor Lösungsvorschlägen, die letztlich doch nichts taugen, holt der „Skeptiker“ seine Kollegen auf den Boden der rauen Wirklichkeit zurück. Er korrigiert den eingeleiteten Problemlösungs-Prozess als Team-Mitglied und somit von innen heraus. Es kann aber durchaus sein, dass sich inzwischen ein unerwarteter äußerer Umstand zeigt, der schon jetzt eine Revision der bisherigen Bemühungen erfordert. Insoweit ist an einen „Außenimpuls“ zu denken, der im Prozess-Modell von Vollmar und Mächler ja gerade am Enneagramm-Punkt 6 als „Schockpunkt“ ansetzen soll – allerdings geben die genannten Autoren keine hinreichende Begründung hierfür.
Ob innere Veranlassung zur Vorsicht oder „Außenimpuls“ – bedeutsam für die Aufgabenerfüllung des „Skeptikers“ im Prozessablauf ist es, dass er seine Einwände schon jetzt an dem orientiert, was später am Enneagramm-Punkt 3 zur praktischen Umsetzung gelangen kann. Hingegen wäre es kontraproduktiv, wenn der „Skeptiker“ statt dessen den weiteren Prozessfortgang mit einem Schwenk zum Enneagramm-Muster 9 durch Warnungen vor Scheinproblemen lähmen würde.

Enneagramm-Muster 5 im Prozess

Schon allein der Umstand, dass sich die am Prozess Beteiligten mit Einwänden auseinandersetzen müssen, gibt den Anstoß für den „Weisen“, von der Position des Enneagramm-Punktes 5 aus tiefer in die Materie einzudringen. An dieser Stelle des Prozessablaufs ist sein Rat gefragt – und es steht zu erwarten, dass er nach einiger Zeit des Nachdenkens aus dem Kreis der Ideen, die der „Boss“ angeregt, der „Vielfältige“ aufgezeigt und der „Skeptiker“ bereits eingeschränkt hat, drei oder vier Lösungsmöglichkeiten als Favoriten vorschlägt. Der „Weise“ sollte dabei beachten, dass seine Vorschläge sich im Rahmen der Vorgaben des „Bosses“ – des Enneagramm-Musters 8 – halten, denn sonst läuft er Gefahr, praxisferne Gedanken vorzutragen, denen nur im Ideenreigen des Enneagramm-MuEnneagramm-Musters 7 theoretische Bedeutung zukommt, die aber wenig zur Problemlösung beitragen.
Spätestens an dieser Stelle, am Enneagramm-Punkt 5 erscheint es dringend angebracht, dass wir den gesamten bisherigen Prozessverlauf nochmals überdenken und einen gezieltem Blick auf den konkreten Auftrag werfen, von dem wir beim Enneagrammpunkt 8 ausgegangen sind. Denn es ist ja sinnlos, einen Prozess zu durchlaufen, wenn dabei der rote Faden verloren geht. Sollten wir im Einzelfall merken, dass diese Gefahr gleichwohl droht, so sind wir gut beraten, wenn wir jetzt besser einen neuen Prozessdurchlauf vom Enneagramm-Punkt 8 aus beginnen.
Denkbar ist es auch, mit den unter Beteiligung der Enneagramm-Muster 8, 7, 6 und 5 bislang erarbeiteten drei oder vier Vorschlägen jetzt gezielt an den „Boss“ heranzutreten mit der Bitte um sofortige Entscheidung. Das kann als Schnellschuss klappen, birgt aber die Gefahr in sich, dass die vom Enneagramm-Typ 8 daraufhin getroffene Entschließung wegen noch unzureichender Vorbereitungen letztlich doch neben der angestrebten Lösung liegt. Als Folge müsste der ganze Prozess erneut gestartet werden, jetzt womöglich unter erheblichem Zeitdruck.

Enneagramm-Muster 4 im Prozess

Wenn wir jedoch keinen Schnellschuss wagen, sondern uns zur Fortsetzung des Prozessablauf entschließen, ohne dass unser Vorhaben in der Versenkung, in der Lücke zwischen den Enneagramm-Mustern 5 und 4 verschwindet, so kommt jetzt dem „Individualisten“ am Enneagramm-Punkt 4 Bedeutung zu. Sein Beitrag zur Problembearbeitung liegt darin, dass er die Besonderheiten des Einzelfalls, um den es geht, heraushebt. Bekanntlich steckt der Teufel im Detail, und so tun wir gut daran, uns nicht etwa einer Null-Acht-Fünfzehn-Lösung anzunähern, sondern auf ihren individuellen Zuschnitt zu achten. Unter diesem Blickwinkel wird der „Individualist“ darauf drängen, dass sich alle Beteiligten am Problemlösungsprozess jetzt, bevor es zur Tat kommt, einmütig auf einen bestimmten Lösungsweg aus dem Kreis der bislang vorformulierten Möglichkeiten zur praktischen Umsetzung verständigen.
Die Überleitung von der Phase der Meinungsbildung zur Phase der praktischen Umsetzung einer Entscheidung mag im Einzelfall von erheblichem Gewicht sein und uns deutliche Überwindung kosten. An dieser Stelle aber – wie Vollmar es tut – von einem „Paradigmenwechsel“ zu sprechen – das geht doch entschieden zu weit.
Es schadet bei der erwähnten Vorgehensweise sicher nicht, wenn der „Individualist“ sich Unterstützung vom Enneagramm-Muster 1 her holt, und zwar im Hinblick darauf, dass nur ein optimal zugeschnittener Lösungsansatz auch zur einer zufriedenstellenden Lösung führen wird.
Vermeiden sollte der „Individualist“ es hingegen, die Einzigartigkeit der Sache, um die es geht, zu überzeichnen, denn dann läuft er Gefahr, die anderen am Prozess Beteiligten von der Warte des Enneagramm-Musters 2 her zu manipulieren.
Ein besonderer Gesichtspunkt, auf den der Enneagramm-Typ 4 achten sollte, kann im Einzelfall die zeitliche Ausgestaltung des Prozesses sein. Insbesondere mit einem deutlichen Hinweis auf eventuell drohenden Zeitdruck kann der „Individualist“ womöglich wochenlange Vorarbeiten retten, bevor es zu spät zum Handeln wird. – Den Zeiteinfluss beim Prozessablauf können wir als weiteren „Außenimpuls“ ansehen, den wir spätestens am Enneagramm-Punkt 4 bedenken sollten.

Enneagramm-Muster 3 im Prozess

Nach einmütig gefasstem Entschluss über den Weg zur Lösung des im Einzelfall vorliegenden Problems kann nun der „Macher“ am Enneagramm-Punkt 3 zur praktische Umsetzung der bisherigen gedanklichen Entwicklungen in die Tat schreiten. Ihm obliegt es zunächst, die faktischen Rahmenbedingungen für die notwendigen Handlungen abzustecken. Er muss sich kümmern um die Organisation der personellen und finanziellen Voraussetzungen, um die Raumplanung, um die Preisgestaltung, um den Terminkalender, auch um die Öffentlichkeitsarbeit und die Werbung, um Alles und Jedes.
Natürlich muss der „Macher“ diese Dinge nicht alle eigenhändig erledigen, denn dann würde er seine Aktivitäten alsbald selbst blockieren, wie es dem Enneagramm-Typ 9 widerfahren kann. Vielmehr geht es darum, dass er – immer hart der Sache dienend und mit der loyalen Einstellung des Enneagramm-Musters 6 – die Hintergrundarbeit leistet, die zur tatsächlichen, nicht nur intellektuellen Lösung des Problems erforderlich ist. Bei dieser Aufgabe kann der „Macher“ durchaus vorrangig die Rolle des Koordinators übernehmen und einzelne Belange an andere delegieren. Hüten sollte sich der „Macher“ aber davor, mit seinen vielfältigen Leistungen und den sich zeigenden Erfolgen glänzen zu wollen, denn er ist und bleibt nur einer der am Prozess Beteiligten unter vielen anderen.
h2. Enneagramm-Muster 2 im Prozess

Gerade angesichts aller Aktivitäten, die an der jetzt erreichten Stelle des Prozessfortgangs im Vordergrund stehen, wird die Haltung des Enneagramm-Musters 2 wichtig. In der Gestalt des „Gebers“ meldet sich das soziale Gewissen und mahnt zur Menschlichkeit, zum rücksichtsvollen ökologischen Umgang bei der Umsetzung der Prozesses. Was nützte es, wenn wir das wirtschaftlich beste Ergebnis erreichten, richteten aber Schaden im zwischenmenschlichen Bereich oder an unserer Umwelt an.
Es wäre allerdings kontraproduktiv, wenn der „Geber“ seine soziale Haltung zur einzigen Messlatte erheben und sich zum Herrn des Prozesses in der Position des Enneagramm-Musters 8 aufschwingen würde oder sich mit dem gleichen Ansinnen durch Psycho-Spielchen beim „Boss“ einzuschmeicheln versuchte. Vielmehr wird es den Prozessfortgang eher fördern, wenn der „Geber“ darauf drängt, mit einem Blick auf das Enneagramm-Muster 4 die sozial bedeutsamen Gegebenheiten des Einzelfalles zu beachten, weil ohne Menschlichkeit jeder Prozess pervertiert.

Enneagramm-Muster 1 im Prozess

Nach Berücksichtigung auch der sozialen Komponente bedarf der Prozess jetzt noch des letzten Feinschliffs, bevor schließlich das gesamte Enneagramm-Team seine Bemühungen zur Lösung des Problems außenwirksam umsetzt. Diese Feinarbeit ist Aufgabe des „Perfektionisten“ am Enneagramm-Punkt 1. Er hat jetzt, bevor es zu spät sein könnte, auf noch bestehende Unzulänglichkeiten, auf letzte Ungereimtheiten, auf noch zu verbessernde Einzelaspekte hinzuweisen.
An dieser Stelle des Prozesses sind natürlich nicht nörgelnde Besserwisserei oder pharisäerhafte Selbstgerechtigkeit gefragt, das wäre eine Fehlhaltung des „Perfektionisten“ zur verbogenen Form der Individualität des Enneagramm-Musters 4 hin. Vielmehr können wir vom „Perfektionisten“ erwarten, dass er distanziert, von höherer Warte her die bisherigen Prozessaktivitäten nochmals sorgfältig prüft und dort korrigierend ansetzt, wo dies zum Nutzen des ganzen Prozesses, zur Optimierung der Lösungsbemühungen notwendig erscheint. Nicht Borniertheit ist hier angebracht, sondern Gelassenheit in Ausrichtung auf das Enneagramm-Muster 7, idealerweise Souveränität.
Dem „Perfektionisten“ steht aufgrund seiner erst in diesem späten Stadium des Prozessablaufs angesiedelten Prüfungs- und Kontrolltätigkeit insbesondere die Befugnis zu, den Prozess sozusagen in letzter Minute zu stoppen und Aktivitäten an einen bereits durchschrittenen Punkt des Prozessablauf zurück zu verweisen. Je nach der Schwere der Einwände des „Perfektionisten“ kann dies jede Stelle im Kreis der Enneagramm-Muster sein. Bei guter Vorarbeit des Enneagramm-Teams – und ohne den Eintritt unvorhersehbarer Ereignisse – dürfte es aber selten geschehen, dass eine Verweisung weiter zurück erfolgt als bis zum Enneagramm-Muster 4, an dessen Position die Beteiligten am Prozess sich einmütig auf einen bestimmten Lösungsvorschlag verständigt hatten, der die individuellen Gegebenheiten des Einzelfalls berücksichtigt. Im Falle einer Rückverweisung ist es erforderlich, dass die Beteiligten von dem Punkte des Enneagramms aus, auf den die Verweisung hinzielt, die einzelnen Prozessschritte nochmals durchlaufen, bis der „Perfektionist“ schließlich keine Einwände mehr erhebt.
Enneagramm-Muster 9 im Prozess
Der Kreis schließt sich nun, der Prozessablauf ist wieder am Enneagramm-Punkt 9 angelangt – auf die Grafik es Enneagramms bezogen linksherum, entgegen dem Uhrzeigersinn. Die gemeinsame Prozessgestaltung hat zu Einigkeit, innerer Balance, Ausgeglichenheit im Sinne des Musters 9 geführt. Jetzt sind alle Voraussetzungen dafür geschaffen, die vom kompletten Team der Enneagramm-Typen sorgfältig vorbereitete, einmütig gebilligte, abschließend geprüfte Lösung zu verwirklichen.

Umsetzung des Lösungsansatzes

Im Alltagsleben werden wir die einzelnen Phasen des Prozessablaufs oft nicht so sauber trennen, wie es die vorstehenden Ausführungen nahe legen. Die spätestens vom Enneagramm-Muster 3 einzuleitenden Schritte zur Verwirklichung des bis dahin erarbeiteten Lösungsvorschlages werden in aller Regel direkt zur Umsetzungsphase führen. Dem Enneagramm-Muster 1 fällt dann vorrangig die Aufgabe einer kritischen Ergebniskontrolle zu.
Jedenfalls sind bei der praktischen Umsetzung des erarbeiteten Lösungsansatzes wieder die Qualitäten aller Enneagramm-Muster gefragt – und zwar idealerweise in dieser Folge?: Die Führungskraft es Enneagramm-Typs 8 Die Vielseitigkeit des Enneagramm-Typs 7 Die Vorsicht des Enneagramm-Typs 6 Die Gründlichkeit des Enneagrammtyps 5 Die Neigung zur Individualität des Enneagramm-Typs 4 Die Leistungsfähigkeit des Enneagramm-Typs 3 Das soziale Gespühr des Enneagramm-Typs 2 Die Sorgfalt des Enneagramm-Typs 1 Die Ausgeglichenheit des Enneagramm-Typs 9

Schlussbemerkungen

Das von mir hier erstmals vorgestellte kombinierte Typen-Prozess-Modell des Enneagramms – TPME – erachte ich als stimmigen Vorschlag zur weiteren Arbeit in dieser Richtung, zur Verbindung des uns vertrauten Typen-Modells des Enneagramms mit neuen weiterführenden Gesichtspunkten. Mit dem kombinierten Typen-Prozess-Modell eröffnen wir neue Anwendungsmöglichkeiten für das System des Enneagramms, insbesondere im beruflichen Bereich. Über den hier als Bespiel dargestellten Problem-Lösungs-Prozess hinaus können wir das TPME ohne weiteres einsetzen bei Prozessen zur Teambildung, zur Konfliktbewältigung, zur Zielfindung und so fort – das TPME ist unabhängig von den jeweiligen Prozessinhalten zu nutzen.
Wer mit mir das kombinierte Typen-Prozess-Modell des Enneagramms fortentwickeln will, kann mich gern kontaktieren unter der E-Mail-Adresse lupine@freenet.de

Literaturangaben?:
(1) Klaus Vollmar, Das Arbeitsbuch zum Enneagramm, München 1994; (2) Christoph Mächler, Der sanfte Weg zur Umgestaltung, München 1998

[aus: EnneaForum 24, November 2003, S. 16-19

Aus EnneaForum 24 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Anmerkung der Redaktion:

Zu diesem Artikel gab es zwei kritische Leserbriefe in der folgenden Ausgabe von EnneaForum:
Einen von Klausbernd Vollmar und einen von Ludwig Zink.

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