Typische Szenen - Sechs

Sechser-Panel

Vor dem Kirchgang – eine Sechser-Geschichte

Es ist der Tag der Verabschiedung meiner Tochter von der Grundschule. Es soll ein Gottesdienst in unserer evangelischen Kirche stattfinden. Die Kinder versammeln sich aber erst an der Grundschule und gehen danach von dort gemeinsam zur Kirche. Da ich noch einen Arzttermin habe, bringe ich die Kinder vorher zur Schule und komme dann im Anschluss vom Arzttermin direkt zum Gottesdienst, der schon begonnen hat.
Bis hierhin war ich nur in Hektik zu meinen Terminen unterwegs und hatte gar keine Zeit über etwas anderes als den zeitlichen Ablauf an diesem Morgen nachzudenken. In dem Moment jedoch wo ich auf den leeren Kirchplatz zugehe, erlebe ich eine unsichere Sekunde, einen unsicheren Gedanken und das gesamte Gedanken-Karussel der 6 wird in Gang gesetzt. Am Rande des Kirchplatzes stehen 2 Frauen die die Aushänge im Glasschaukasten der Gemeinde erneuern. Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Sind sie auch Eltern von Grundschulkindern? Wieso sind sie dann nicht auch in der Kirche? Findet der Gottesdienst vielleicht gar nicht statt? Ist er bereits zu Ende? – Wobei das zeitlich gesehen unmöglich ist. Zu meiner Linken unterhalten sich 2 Gärtner auf dem Rasengelände vor dem Kindergarten. Der Kirchvorplatz ist gähnend leer! Niemand ist sonst zu sehen. – natürlich nicht, denn der Gottesdienst hatte ja schon angefangen.
Die Kirchentür ist geschlossen.
Auch logisch, wenn der Gottesdienst schon begonnen hatte, aber … ein Fahrrad steht angekettet vor der Kirche. Das könnte ja bedeuten, dass zumindest eine Person in der Kirche ist. Vielleicht findet der Gottesdienst ja auch gar nicht hier in der evangelischen Kirche sondern in der katholischen Kirche am Ende der Straße statt.
Obwohl ich am Abend vorher noch auf den Mitteilungszettel der Schule geschaut hatte und dieser auch in meiner Jackentasche ist. Was mir in dem Moment aber nicht einfällt. Da kommt von rechts hinter der Kirche eine Frau mit einem Kinderwagen hervor. Eine Sekunde lang denke ich, na vielleicht geht die in die Kirche, dann sehe ich schon ob es richtig ist oder nicht, bevor ich alleine über den offenen, leeren Kirchplatz laufen muss. Aber nein, sie geht an der Kirchtür vorbei, links um die Kirche herum Richtung Kindergarten. Ich gehe irritiert und verunsichert weiter um dann doch über den offenen, leeren Kirchplatz zu laufen. Erst in dem Moment, als ich die Türklinke in der Hand halte (hier ist noch ein Moment der Anspannung: geht die Tür wirklich auf oder nicht?) und sie runterdrücken kann und die Tür dann auch aufgeht, bin ich erleichtert, erlöst und „glaube“ endlich, dass ich richtig bin. Wobei – so ein Quatsch. Warum sollte der Gottesdienst nicht hier um die Uhrzeit, wie auch angekündigt, stattfinden? Nur weil der Kirchvorplatz leer ist?
Diese irrationale Unsicherheit kann mich ganz plötzlich übermannen, aus heiterem Himmel. Und erwischt mich dann manchmal eiskalt und kann mich in den banalsten Situationen total verunsichern. An anderen Tagen wiederum gehe ich ohne jegliche Verunsicherung und ohne diese Gedankenspiralen der 6 direkt und glatt durch den Tag.

Julia Wendzinski

Der Einbrecher – auch eine Sechser-Geschichte

Der Schein einer Taschenlampe huscht über den Boden der Terrasse vor dem Schlafzimmer. Aus dem Tiefschlaf aufgeschreckt, springe ich aus dem Bett und stürze aus dem Schlafzimmer. „Geht es eigentlich noch?! Was soll denn das?! So nicht mit mir!!!“ schiesst es mir durch den Kopf. Wutentbrannt gehe ich auf den Einbrecher los. – Da erkenne ich im letzten Moment meinen Mann.
Aus Rücksicht auf mich, damit ich nicht erwache, hat er nicht die Außenbeleuchtung angezündet, sondern sucht sich mit der Taschenlampe den Weg durch die Dunkelheit.
Schäumend vor Wut stehe ich vor ihm. Wohin soll ich jetzt mit meiner ganzen Wut??!!! So ein Mist, dass dies kein Einbrecher war!
An Schlafen war natürlich nicht mehr zu denken.

Silvia Peter Pfister

[aus: EnneaForum 27, Mai 2005, S. 34

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930