Typische Szenen - Vier

Sonntagabend-Blues – eine Vierer-Geschichte

Der Mond ist eine Sichel vor dunkelblauem Himmel. Zunehmend. Ab und zu ziehen kleine Wölkchen darüber hinweg. Es ist kalt, ich kann nicht draußen sitzen. Habe mir den Sessel vor die schrägen Dachfenster gerückt und ein Glas Rotwein eingegossen. Jetzt sitze ich hier und starre durch die Glasscheibe. Morgen ist Montag.
Das ganze Wochenende hat es geregnet. Statt draußen mit den Rädern über die Felder zu fahren, auf der Wiese in der Sonne zu liegen oder auf der Terrasse Kaffee zu trinken, haben wir im Haus rumgesessen. Haben gelesen, Videos geguckt, langweiligen Besuch bewirtet. Nichts ist schön in diesem kalten verregneten Frühjahr. Und nun ist das Wochenende schon wieder vorbei.
Von der CD tönt schwermütige Musik durch den Raum. Amelie, kennst du den Film? Genau so fühle ich mich. Ich schaue durchs geschlossene Fenster. Ja, in Frankreich, da wäre ich jetzt gern. Wenn ich an die lauen Abende denke, die Straßencafes, die charmanten Menschen. Erinnerungen an den vergangenen Sommer werden wach. An das Meer, die kleinen Städte mit ihren winkligen Gassen, den azurblauen Himmel. Es war wunderbar. Aber es ist vorbei.
Ob es in diesem Jahr wirklich noch Sommer wird? Ich zweifle daran. Und selbst wenn. Sieben Wochen, sieben ganze langweilige mühsame Wochen stehen noch zwischen mir und meiner Reise in die Ferne. Mein Gott, wie soll ich sie überstehen? Und morgen ist auch noch Montag.
Über mir zieht eine Wolke vorüber. Sie hat die Form eines Huhns. Ja, tatsächlich. Schade, dass Hans nicht hier ist. Es würde ihm gefallen. Er mag so was, albern wie er ist. Aber natürlich hockt er noch im Keller an seinem PC. Kann sich wieder mal nicht losreißen. So als ob es das Wichtigste auf der ganzen Welt sei. Und ich sitze hier oben und warte. Allein. Doch das stört ihn nicht.
Heute morgen im Gottesdienst hat sich der neue Pfarrer vorgestellt. Er hat eine ganz nette Art. Aber seine Predigt war oberflächlich, nichtssagend. Ich konnte mich kaum konzentrieren. Wie es wohl werden wird, mit ihm zusammen zu arbeiten? Noch immer bin ich traurig wenn ich an seinen Vorgänger zurückdenke. Sein Lächeln, seine schlichten ehrlichen Worte, sein Humor. Ja, und ich muss es zugeben, natürlich sein wohltuender Charme. Mit ihm zusammenzuarbeiten war etwas Besonderes. So wird es nie wieder werden. Ich nehme mein Glas und trinke auf sein Wohl. Ja, er hat seinen Ruhestand verdient, soll er ihn genießen. Aber er fehlt mir so sehr.
Der Himmel ist voller Sterne. Ist das nicht verrückt? Den ganzen Tag solches Wetter und jetzt das. Dabei hätte ich ein bisschen Sonne so gut gebrauchen können. Wenn ich an morgen denke. Sechs Stunden Schule. Sechs nervige Klassen, die ich bändigen muss. Ach, dieser Job ist eine Katastrophe. Vor allem montags.
Schlangengleich windet sich eine schwarze Wolke über die Mondsichel hinweg. Es muss eine Versuchung gewesen sein. Warum habe ich nur noch sechs Stunden mehr dazu genommen? War mir der Halbtagsjob nicht genug? Ich hatte es mir so schön vorgestellt. Aber die Realität sieht ganz anders aus. Nun muss ich es ertragen, wie es ist, wenigstens bis zum Sommer. Tiefe Melancholie erfasst mich bei dem Gedanken.
Lange noch sitze ich da. Sinne darüber nach, was sein könnte, trauere um das, was nicht ist. Die Musik erfüllt mich, sie tut mir gut. Auch der Himmel, der, von wenigen kleinen Wolken übgesehen, jetzt sternklar ist. Ich schaue in die Mondsichel und fühle ich mich in meinem Kummer verstanden. Das Gefühl von leiser Schwermut tröstet und trägt mich. Als ich Hans’ Schritte später endlich im Treppenhaus höre, tut es mir fast ein bisschen leid.

Heike Heinze

[aus: EnneaForum 27, Mai 2005, S. 33

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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