Wege - Seekers after Truth

Die beiden Ausbildungen zum Enneagramm sind nicht meine ersten persönlichkeitsorientierten Fortbildungen: Ich bin ausgebildete Supervisorin, habe ein Jahr Gestalttherapie gemacht und bin NLP-Practitioner.
Ich habe all das keineswegs gemacht, weil ich in meinem Leben Fragen gefunden habe, die mich bedrückt hätten oder weil ich mich selbst erkennen wollte – geschweige denn, mich verändern wollte. Der Grund war der, dass ich in der Erwachsenenbildung und in der Unternehmensberatung tätig bin und dass ich mich für meine Kunden so qualifizieren wollte, dass die Leistung, die ich anbiete, stimmt.
Mit dem Enneagramm war es ähnlich und anders. Mein Mann wollte an dem SAT-Programm in Spanien teilnehmen (SAT heißt übrigens Seekers After Truth und bezeichnet das von Naranjo entwickelte Programm zur Persönlichkeitsentwicklung in fünf Etappen). Und er wollte gern, dass ich teilnehme. Ich dachte, es könnte interessant sein, an einem Seminar in spanischer Sprache teilzunehmen – außerdem mit 80 Teilnehmern – mich interessierten vor allem die Sprache und die Leute.
Beim ersten Workshop habe ich mich dann auf die Suche nach meinem Enneatyp gemacht – ich hielt mich damals übrigens für eine 9 – und war am Ende des Workshops sehr enttäuscht, dass ich mich mit den Leidenschaften meines Musters nicht arrangieren sollte, sondern dass das Ziel der Enneagrammarbeit war, die Begrenzungen meines Musters zu transzendieren. Ehrlich gesagt – das wollte ich nicht wirklich. Ich hatte im Gegenteil sämtliche positiven Gründe, mich mit dem Muster 9 zu identifizieren, parat. Begrenzungen durch mein Muster wollte ich nicht erkennen.
Nach dem ersten Workshop bin ich – ganz normal – in meinen arbeitsreichen Alltag zurückgekehrt. Ich war zwar nicht in der Lage – und auch nicht Willens (ich halte nichts von Klassifizierungen) – andere Menschen in ihrem Muster zu erkennen – aber ich stellte fest, dass meine Toleranz gegenüber Eigenheiten anderer, insbesondere meiner Mitarbeiter irgendwie gewachsen war. Ich muss gestehen, dass ich darüber nicht viel nachgedacht habe – schließlich haben Dreien ununterbrochen Ziele zu erreichen und keine Zeit, nachzudenken – aber ich sah, wie ich begann, andere Menschen besser zu verstehen und vor allem, sie in ihrer gelegentlichen Sonderbarkeit wertzuschätzen.
Ich muss an dieser Stelle einfügen, dass das für mich ein großer Schritt war. Den Luxus, mich selbst zu verstehen, erlaube ich mir auch heute selten. Dreien funktionieren – unabhängig davon, ob sie sich verstehen oder nicht.
Im Laufe der nächsten Workshops (SAT 1 und SAT 2 und auch der Enneagramm-Trainerausbildung) konnte ich nun weiter arbeiten an der Möglichkeit der Transzendenz des eigenen Musters, die ich anfangs abgelehnt habe. Mit großem Widerstand habe ich akzeptiert, dass ich eine 3 bin. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es wichtig ist, sein Muster zu erkennen. Es ist der erste Schritt, sich seine Leidenschaften einzugestehen. Für mich ist es nach wie vor schwer, zu akzeptieren, dass mein Motor die Täuschung und die Eitelkeit ist. Aber wenn ich mich ernsthaft frage, was mich antreibt, dann ist es, dass etwas gelingt. Es ist wie etwas, dass mir Lebendigkeit gibt: Das unablässige Tun an dem, was letztlich gut funktioniert. Was mich am meisten erschreckt hat, als ich mein Muster erkannt habe, war, dass ich funktioniere – wie eine Maschine. Keine Bewegung zuviel, kein Umweg, keine Energieverschwendung. Und die Frage, die ich mir nie im Leben stellen wollte war: Und wo bleibe ich?
Diese Frage treibt mir auch heute noch die Tränen in die Augen, weil ich sie immer noch nicht beantworten kann. Aber ich bin auf dem Weg.
Die wichtigste Arbeit, die ich in SAT 1 gemacht habe, war, neben der Arbeit mit Menschen, die meinem Muster angehören, der Hoffmann-Quadrinity-Prozess. Er ist in SAT 1 integriert und hat mich mit meinem Gewordensein konfrontiert: Mit meinen Eltern. Mit meiner Kindheit. Das Ergebnis ist Versöhnung und Liebe. Ich weiß heute, dass es keine Ruhe gibt, solange wir mit unseren Eltern hadern.
Ein weiterer wichtiger Satz kam in der Enneagrammtrainerausbildung von Dietrich Koller: „Wir brauchen keine Religion, denn jeder von uns hat die Religion in sich tief drinnen.“ Die Vorstellung, dass die Unendlichkeit des Universums nicht nur außerhalb unserer selbst ist, sondern Teil unseres Inneren, auf das es sich einzulassen gilt, ist für mich sehr wichtig. So werden die Kämpfe des Alltags zu Nichtigkeiten und es gibt wichtigeres als immer nur Erfolg zu haben. Es ist schwer, die Besonderheiten anderer Menschen zu lieben – ich glaube, das ist mir weitgehend gelungen. Nach wie vor ist für mich das Schwerste, mich selbst wahrzunehmen, unabhängig von einem von außen diktierten Zweck. Ich wünsche mir, von dem Weg der Suche nicht abzukommen.
Petra Niemann

Petra Niemann ist „Zertifizierte/r Enneagrammtrainer/in (ÖAE)“. Einen ausführlicheren Bericht über einen Enneagrammworkshop nach dem Trainingskonzept von Claudio Naranjo können Sie im Internet finden unter www.öae.de

[aus: EnneaForum 27, Mai 2005, S. 30

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930