"Wenn dein Kind dich morgen fragt ..."

Das Motto des diesjährigen Kirchentages „Wenn dein Kind dich morgen fragt“ lockte uns derart, dass wir es als Motto dieses Rundbriefs wählten. Wir, die mit dem Enneagramm leben und arbeiten, sind bemüht darum, nach unseren Werten zu fragen – und authentisch und in Gottes Sinn zu leben und uns zu dem zu entwickeln, was wir eigentlich schon sind: zu Gottes geliebten Menschenkindern, die in diese Welt gestellt sind.
Daher ist diese Frage nach Sinn und Ziel an Enneagramm-Kenner besonders interessant, wie die vielgestaltigen Statements zeigen:

EINS

Das Wichtigste im Leben ereignet sich in Begegnung, in liebevollem Wahr-nehmen und bedingungsloser Wertschätzung.
Würde mich ein Kind fragen, „nach dem, was in deinem Leben zählt“, dann wünschte ich mir spontan zu antworten – weil so unvollkommen und das als EINS, na, das geht doch eigentlich nicht … ts, ts, ts … Also ich würde …
„Ich habe dich sehr lieb“, würde ich sagen. Und ich würde es umarmen und liebevoll über den Rücken streichen. Denn ich glaube, das ist einfach das Wichtigste. Und wenn wir dann noch Zeit hätten, würde ich ihm vom Engel der Liebe erzählen oder besser vorlesen aus Anselm Grün, 12 Engel durch das Jahr. Ludger Temme

ZWEI

Ich freue mich darüber, dass Gott mich so liebt, wie ich mein Kind liebe. Ich kann ihm meine Sorgen anvertrauen, und manchmal habe ich den Eindruck, dass er direkt in mein Leben eingegriffen und mich bewahrt (hat) oder mir Ideen geschenkt hat, die völlig außerhalb meines bisherigen Denkens liegen. Diese Verantwortung Gottes mir gegenüber versuche ich auch anderen gegenüber zu leben. Uwe Neiss

Ich würde meinem Kind antworten: Das Leben ist wundervoll, und du gehörst dazu. Du bist wichtig, und das, was du tust, hat eine Wirkung. Lerne zuerst Achtung und Liebe für
dich, und dann für die anderen und für die Natur. Übernimm die Verantwortung für deine eigene Entwicklung im Leben, auch wenn es manchmal schwer ist. Sei neugierig auf deine natürlichen Gaben, lerne sie zu erkennen und entwickle sie weiter. Hab den Mut zu handeln für eine gute Evolution in der Welt. Gehe liebevoll mit Krisen, Fehler und Nichtwissen um, sie gehören zum Leben, und daraus können wir am meisten lernen, solange wir offen dafür sind. Suche Verständnis und höre nie auf zu lernen. Und glaube an das Gute in dir, glaube an die liebevolle Ordnung der Dinge – wir sind alle auf diesem Weg. Pamela Michaelis

Es ist schön, angefasst in einem Kreis zu stehen und zu sehen, dass der Kreis nur entsteht, wenn es Menschen gibt, die sich einbinden lassen. Es ist herrlich, sich um sich selbst zu drehen und die Balance nicht zu verlieren. Es tut gut, die eigene Kraft zu spüren, wenn man sich unter einer schweren Last beugt. Tille Beurer

DREI

Sinn: In der Liebe zu wachsen und alles Ungeordnete in eine Ordnung auf Gott hin zu bringen.
Werte: Möglichst das kultivieren, was weder Rost noch Motten zerstören können, z.B. tragende Beziehungen, einen inneren Raum der Ruhe.
Verantwortung: Zunächst beginnt diese bei mir selbst, dann weitet sie sich aus auf mein näheres und ferneres Umfeld und meinen Glauben. Sie sollte wachsen, mich aber nicht überfordern. Weniger ist mehr.
Zukunft: Wir sollten sie so gut wir können gestalten und den Rest Gott überlassen. Nichts ohne uns – nichts ohne ihn. Mein Glaube: Grund und Anker meines Lebens.
Sabina Breidung

VIER

Letztlich ist es der Glaube an etwas, was wirklich „höher ist als alle unsere Vernunft“, der mir immer wieder die Kraft zum Leben verleiht, und damit auch der Glaube an das Gute, an Liebe und an Schönheit. Es gibt Momente, da scheint mich dieser Glaube zu verlassen und alles sieht verzweifelt hoffnungslos aus, aber irgendwie muss doch eine ganz starke Hoffnung tief in mir stecken, denn wie sonst sollte ich immer wieder aufstehen und weitermachen? Ich glaube auch, dass ich die Verantwortung für mich und für das, was ich tue, mit auf meinen Lebensweg bekommen habe. Das heißt für mich zuallererst, meine Defizite nicht auf Kosten anderer aufzufüllen, und es heißt weiterhin, das, was ich kann, an andere weiter zu geben, also mit meiner Arbeit im Museum, hoffentlich bald wieder mit meiner Musik, mit meinen Bildern, mit meinen Briefen, eben mit allem, was ich bin, ein bisschen Farbe, Fantasie und Schönheit in die Welt zu bringen. Und wenn ich versuche, dieser Verantwortung wahrzunehmen (schwer genug ist das ja, und vielleicht gehört auch dazu, dass ich dazu stehe, mehr „Grille“ und weniger „Ameise“ zu sein), dann hat mein Leben auch einen Sinn. Caroline Weiss

Ich mache mich auf die Suche
nach mir selbst.
Im Finden wieder loslassen
um einfach zu sein,
wesentlich – so wie ich gemeint bin.
Gott wirkt und wird sichtbar
durch unser Tun und Sein.
Der Mensch – ein Ausdruck Gottes! Ursula Möckel

Fünf Gedanken aus der Sicht einer Vier:
Wenn mich mein Kind morgen fragt, möchte ich sagen können:
dass ich wichtige Entscheidungen immer gründlich geprüft, mutig vertreten und tapfer durchgetragen habe;
dass meine Freunde auf mich zählen konnten, egal, ob es ihnen gut oder schlecht ging;
dass ich trotz allen Leids auf der Welt die Hoffnung nicht aufgegeben habe, dass wir durch Freundschaft, Solidarität und Freude am Schönen dem Leben Licht und Wärme verleihen können;
dass es mir wichtig ist, dass jeder Mensch ein geliebtes Geschöpf Gottes ist, dem eine einmalige Lebensmelodie mitgegeben ist, die es gilt zu finden und in das große Konzert des Lebens einzubringen;
dass ich versucht habe, immer offen zu bleiben für die Anrufungen Gottes.
Margrita Appelhans

Stell dir vor, dein Kind fragt dich …
In meinem Leben ist es mir zunehmend wichtig geworden, bei mir selbst zu bleiben, wirklich ich zu sein. Die vielen Rollen, die es beruflich und privat auszufüllen gilt, verleiten mich leider viel zu oft dazu, etwas aus mir zu machen, was ich gar nicht bin. Dazu zu stehen, dass ich ein Mensch bin mit Stärken und Schwächen, dass ich nicht perfekt bin und auch nicht perfekt sein muss, ist eine wichtige Aufgabe für mich. Dass ich trotz meiner Unfertigkeit und manchmal gerade deshalb anderen Menschen etwas zu geben habe, ist für mich eine beglückende Erfahrung.
Meine Gaben möchte ich gern einbringen in etwas, das größer ist als ich, etwas, woran ich glaube, was meinem Leben Sinn gibt. Zum Beispiel in den ÖAE. Zum Beispiel in die Redaktion des EnneaForum, die ich ab der Herbstausgabe ohne Claudia weiterführen werde…
Deshalb wünsche ich dir, mein Kind, dass es dir gelingt, herauszufinden, wer du bist und welche deine speziellen Begabungen sind. Versuche nicht, jemanden anders aus dir zu machen. Du musst kein Filmstar werden und auch keine zweite Mutter Theresa. So wie du bist hat Gott dich gewollt und an deinem Platz gestellt. Du bist wunderbar. Versuche, dein Ureigenstes zu finden und zu leben. Und bleibe offen für die Herausforderungen, die das Leben immer wieder an dich stellt. Heike Heinze

FÜNF

Für mich macht es Sinn im Leben, wenn ich in der Nachfolge Jesu meinen Glauben praktiziere. Das heißt: Ich will so leben, dass ich zufrieden sein und in der Gegenwart Gottes reifen kann zu dem, wozu Gott mich berufen hat. Ich trage mit Verantwortung dafür, dass Mensch und Natur im Geiste Gottes respektiert werden und wachsen können. Gisela Engel

SECHS

Zu erfahren, dass ich ein geliebter Mensch bin.
Zu wissen: ich komme aus der Liebe und gehe zurück in die Liebe Gottes.
Nicht meine Leistung zählt, sondern dass ich Mensch bin.
Mensch sein bedeutet für mich, sich und andere anzunehmen, so wie wir sind, in aller Unterschiedlichkeit.
Wo (die) Liebe, Güte und Barmherzigkeit wohnen, da will ich auch wohnen und Menschen einen Raum freihalten in dieser Wohnung.
Mein Traum ist, dass in diesem angstfreien Miteinander Begabungen, Kreativität und Kraft freigesetzt werden, die diese Welt verändern.
Wenn das gelingt, dann ist auch das Leben gelungen.
Werner Lambach

„Weißt du, was das Paradies ist? Ja? Dort ist es wunderschön und alles ist gut. – Das Paradies auf Erden gibt es nicht. Manchmal aber gibt es Momente des Glücks, wo man eine Ahnung kriegt vom Paradies. Diese Momente tun so gut. Darum arbeite ich darauf hin, dass auch auf Erden das Paradies entstehen kann.“ Silvia Peter

Urteilt nicht voreilig über andere, vor allem redet nicht der Masse nach dem Mund. Wenn andere schlecht über jemanden reden, dann schau dir die Person erst einmal selbst unvoreingenommen an. Vielleicht siehst du diese Person ganz anders als das Gerede der Leute. Wer sind denn schon die Leute? Wir sind die Leute! Gebt jedem Menschen eine Chance. Aber es ist auch wichtig zu erkennen, wenn man ausgenutzt wird. Oft komme ich langfristig gesehen mit den Menschen am besten aus, die mir anfangs eher unsympathisch waren. Denn die haben ihren Mund aufgemacht und ihre echte Meinung gesagt.
Dann noch etwas ganz anderes. Wenn dich etwas ärgert, du wütend bist oder enttäuscht, sehr verletzt oder traurig bist, versuche dich trotzdem nicht zu verhärten, dich nicht zu verkrampfen. Lass deine Emotionen lieber raus als dass du sie in dich hineinfrisst. Natürlich in einem angemessenen Rahmen, ohne andere Menschen zu verletzen. Schau dir einen lustigen Film an, oder geh nach draußen und lauf eine Runde, oder schrei deine Wut raus. Atme ganz ruhig und entspannt und tief durch.
Denn wenn du dich verhärtest oder verkrampfst, dann schadest du nur dir selbst und nicht den anderen. Du baust Blockaden auf, die deine eigene Entwicklung hemmen.
Julia Wendzinski (Sechs)

SIEBEN

Stell Dir vor Dein inneres Kind fragt Dich!
Wenn Du inne hältst, dann spürst Du, was wertvoll ist. Du kannst es nicht erreichen, wenn Du hastig in dauernder Ablenkung lebst. Weniger ist mehr.
Es fällt Dir schwer, als ein Liebhaber der Dynamik für eine Sache, für eine Überzeugung einzutreten. Alles, was Dich irgendwie festlegen will, ist Horror für Dich, doch habe Geduld: Du wächst in die Antwort hinein.
Na, mein Lieber: Du hast schon ein gewisses Alter erreicht. Da ist es klug, auch an das Danach zu denken. Doch Du hast viele Freunde, die Dich als ein wohlgesonnenes Empfangskomitee in der anderen Welt empfangen werden, um ein Fest mit Dir zu feiern.
Doch noch lebst Du ja gerne, und jeder Tag ist wie ein Anfang, dem ein Zauber inne wohnt, wie Hermann Hesse sagt. Ludwig Zink

Ich würde die Frage vielleicht so formulieren: Was in deinem Leben ist dir am wichtigsten?
Antwort: Glücklich zu sein! Der Weg dorthin scheint mir darin zu bestehen, einzuüben, jeweils hier und jetzt ganz wach und da zu sein.
Dann werde ich vor allem wahrnehmen, dass ich Halt in mir selbst habe.
Dann kann ich mich an jedem Wetter erfreuen, denn alles hat seinen Reiz und seine Richtigkeit.
Dann nehme ich die Verletzlichkeit alles Lebens wahr und werde entsprechend behutsam mit ihm umgehen.
Dann werde ich sehen, wie liebenswert alle Menschen sind und werde alles tun, meinem Nächsten das jeweils Nötige zu geben. Martin Walther

Ich möchte mit zwei Zitaten antworten.
„Verurteile keinen Menschen und halte kein Ding für unmöglich, denn es gibt keinen Menschen, der nicht seine Zukunft hätte, und es gibt kein Ding, das nicht seine Stunde bekäme. (Tagore)“
Was man selber versuchen sollte: „In einer Sache schweigen, über die alles klatscht; über Menschen und Einrichtungen ohne Feindschaft lächeln; das Minus an Liebe in der Welt durch ein Plus an Liebe im Kleinen und Privaten bekämpfen: Durch vermehrte Treue in der Arbeit, durch größere Geduld, durch Verzicht auf billige Rache oder Spott“ (Hesse)...und durch ja sagen zu sich selbst.
Marianne Nitsche

ACHT

Wenn ich Dir etwas mitgeben kann für Dein Leben, dann ist es die Empfehlung, dass Du Dir etwas suchst, was Dich hält, wenn alle Stricke reißen.
Gott hat keine Großkinder – er hat nur KINDER. Er hat DICH gewollt, sonst wärst Du nicht. Ich als Mutter kann Dir nur meine unzulängliche Art zu glauben vorleben. Auch Du brauchst nicht vollkommen zu sein, aber Du wirst Deinen Weg finden. Wenn Du später mal sagen kannst, dass Du durch mich nicht abgeschreckt wurdest, sondern dass ich Dich ermutigen konnte, zu vertrauen, dann ist mir das genug….
Mein Wunsch ist, dass Du diesen Weg des Lebens in Vertrauen – auch in die Menschen – gehen kannst, weil Du daran glauben kannst, dass da eine höhere Macht ist, die mit liebender Kraft auch Dich hält und schützt und letztlich nichts anderes will, als dass Du Dein Leben in voller Fülle leben kannst.
Es ist keine Schande, hinzufallen, nur, nicht wieder aufzustehen.
Man kann sich nicht wirklich darauf verlassen, dass alles im Leben so kommt, wie man sich das wünscht. Manchmal werden Wünsche nicht erfüllt, weil etwas noch Besseres, Passenderes bereit steht.
Bleib aufmerksam und NEUGIERIG auf die „Geschenke“, die an Deinem Lebensweg auf Dich warten. Sie sind nur für DICH bestimmt.
Verschlossene Türen bleiben manchmal auch verschlossen – schau Dich dann einfach um, vielleicht steht gleich daneben eine offene!
Die Vergangenheit prägt Dich, das ist Deine Biografie, nicht mehr – auch nicht weniger – sie ist aber keineswegs ausschließlich dazu da, entsprechend dem hinter Dir Liegenden, Deine Zukunft zu gestalten. Regula Pavelka

NEUN

Du fragst mich, mein Enkelkind, was habe ich in der Zeit, als du zu jung warst, um deine Zukunft innerhalb unserer Gesellschaft vorbereiten zu können, also in der Zeit, in der ich für deine Zukunft mitverantwortlich war, dafür getan!
Ich spürte, dass das, woran ich beruflich und privat beteiligt war, nämlich die politische und soziale Richtungsweisung unserer Gesellschaft eben nicht mehr in die Richtung lief, die sich mit meinem inneren Gespür deckte.
In dieser Verantwortung gab ich meine berufliche „Karriere“ auf, und besann mich zunächst auf den inneren Konflikt, der in mir tobte, ließ dies dann ohne Widerspruch zu, kam in die Krise und wieder heraus mit dem zielgerichteten Wunsch, was ich in und durch diese Krise lernte, auch anderen weitergeben zu wollen: Es lässt sich plakativ mit einem Wort benennen: DAS ENNEAGRAMM, doch es beinhaltet unendlich viel. Frank Uekermann

Mein Kind hat mich anno dazumal gefragt, was ich mir unter Gott vorstelle.
Meine Antwort war: „Stell dir vor, da ist alles, alles gut“. Und wir haben stumm aus dem Fenster geschaut und uns „das“ angesehen. Dagmar Levsen

„Der Mensch wird am Du zum Ich. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“(von Martin Buber)

[aus: EnneaForum 27, Mai 2005, S. 12

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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