Talente, Gaben, Charismen nach Paulus

Vortrag von Andreas Ebert

Wir sprechen davon, dass jemand „Charisma“ hat. Er vermag Menschen durch seine Ausstrahlung zu faszinieren. Das ist allerdings nur zum Teil identisch mit dem, was die Bibel unter Charisma versteht. Das Wort kommt vom Substantiv „charis“, d.h. „Gnade“, und bedeutet „die Gratifikation, die ein Beamter … etwa an Kaisers Geburtstag bekam“ (Koller 57). Im christlichen Sprachgebrauch ist Charisma eine Gnadengabe des Heiligen Geistes. Es ist die Konkretion und Individuation der Gnade Gottes. „Jeder Christenmensch hat in seiner Taufe eine bestimmte Bündelung von Charismen erhalten“, sozusagen „als Geburtstagsgeschenk des Heiligen Geistes“ zur Neugeburt, sagt Dietrich Koller. Unsere Anlagen, die uns Gott mitgegeben hat, werden zu Charismen, wenn sie „unter die Regie des Gottesgeistes kommen. Insofern ist jeder Mensch ein potentieller Charismatiker, jeder normale Christ ein Träger von Charismen“ (ebd).

Ich möchte mit Euch die Kapitel 12–14 des 1. Korintherbriefes durcharbeiten, in denen sich Paulus grundsätzlich zu diesem Thema äußert. Ein paar Sätze zur Situation, in die hinein er diesen Brief geschrieben hat. Paulus hatte anderthalb Jahre in der pulsierenden Hafenstadt Korinth gewirkt. Dann war er weiter gezogen. Und schon bald hatte die von ihm gegründete Gemeinde Probleme. Es gab Meinungsverschiedenheiten – unter anderem über die rechte Praxis der Geistesgaben. Einige Gemeindeglieder korrespondieren mit Paulus. In den beiden Korintherbriefen geht er auf die Probleme der Gemeinde ein. In den Kapiteln 12–14 des 1. Korintherbriefes steht das Wesentliche zu unserem Thema.

Die neun Gaben

Über die Gaben des Geistes aber will ich euch, liebe Brüder, nicht in Unwissenheit lassen. Ihr wisst: als ihr Heiden wart, zog es euch mit Macht zu den stummen Götzen. Darum tue ich euch kund, daß niemand Jesus verflucht, der durch den Geist Gottes redet; und niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.
(1 Kor 12, 1–3)

Paulus beginnt mit einer Bemerkung, die auf den ersten Blick nichts mit dem Thema zu tun hat. Er erinnert die Korinther an die Zeit, als sie Christus noch nicht kannten. Damals waren sie den „stummen Götzen“ verfallen, die dennoch zu faszinieren, mitzureißen und geradezu zu vergewaltigen vermögen. Das war einst. Der Geist des lebendigen Gottes, dem sie jetzt dienen, wirkt anders. Er vergewaltigt nicht. Er manifestiert sich, indem er hilft, heilt und vollendet.

Dann erklärt Paulus: Niemand, der im Geist Gottes redet, kann sagen „Verflucht sei Jesus!“. Seltsam! Offenkundig muss es im Gottesdienst in Korinth Leute gegeben haben, die aufgesprungen sind und gerufen haben: „Verflucht sei Jesus!“ Waren das Verrückte? Abgefallene? Jüdische Spitzel? Wieso aber fragen die Korinther Paulus dann, ob diese Menschen womöglich im Geist Gottes reden? Diese „Jesus-Verflucher“ müssen sich als Christen verstanden haben. Ihr Credo könnte in etwa so gelautet haben: „Wir glauben an den kosmischen Christus oder an ein Christusprinzip. Aber wir wollen mit dem irdischen Jesus nichts zu tun haben. Der war vielleicht eine Zeitlang eine Verkleidung des göttlichen Prinzips, aber er hat vor der Kreuzigung die fleischliche Hülle abgestreift, deswegen geht uns der irdische Jesus nichts mehr an. Verflucht sei er! Er ist für unsere Spiritualität belanglos.“ Diese „Christuspartei“ verwarf die Gleichsetzung Jesus = Christus. Ähnliche Auffassungen existieren bis heute, zum Beispiel in der Anthroposophie Rudolf Steiners und in manchem esoterischen Zirkel.

Das älteste christliche Bekenntnis dagegen lautet ausdrücklich „Kyrios Iesous!“, „Herr ist Jesus!“ Paulus ist davon überzeugt, dass Geistesgaben nur dort angemessen praktiziert werden können, wo sie Ausdruck einer Lebensverbindung mit der Person Jesus Christus sind, der zugleich der menschgewordene Gott als auch der kosmisch erhöhte Mensch ist. Der Mensch Jesus und der kosmische Christus dürfen nicht auseinander gerissen werden.

Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller. (1 Kor 12, 4–7)

Paulus betont, dass die Lebensäußerungen des einen Gottes ihrem Wesen nach vielgestaltig sind. Es gibt unzählige Charismata = Gaben, aber sie alle haben einen Ursprung, den Geist Gottes. Es gibt ebenso mannigfache Dienste. Leider hat Luther hier fälschlich Ämter übersetzt; das griechische Wort diakoniai bedeutet „bereitwillig und beflissen geleistete Dienste“, von fixierten Ämtern kann in Korinth noch nicht die Rede sein. Aber es gibt nur einen Herrn, nämlich Jesus Christus. Und schließlich gibt es unterschiedliche energemata, Energien, Wirkkräfte. Sie kommen von dem einen Gott.

Nach Verständnis des Paulus gibt es Menschen, die den Geist Christi haben und solche, die ihn nicht haben. Er unterscheidet „psychische“ Menschen und „pneumatische“ Menschen. Der psychische Mensch besteht aus Leib, Seele und einer gottförmigen Leere. Er erlebt diese Leere unter Umständen als Lebensdurst und Lebenshunger, versucht, diese Leere mit allem möglichen auszufüllen und bleibt doch unbefriedigt. Das ist die Ursache dessen, was die Bibel „Götzendienst“ nennt: Der Versuch, die Gottesleere durch Geschaffenes auszufüllen. Dabei kann alles, was nicht Gott selbst ist, zum Götzen werden. Der psychische Mensch ist unruhig, bis er „Ruhe findet in Gott“ (Augustinus). Der pneumatische Mensch hingegen wird vom Geist Gottes regiert, der ihm die Gewissheit schenkt, Gottes Kind zu sein.

Dieser Gottesgeist wird im Charisma sichtbar. Das Charisma bekommt der Gläubige nicht zum eigenen Nutzen, sondern „zum Nutzen aller“. Alle Charismen dienen dem Ganzen, der Heilung und Wiederherstellung der Schöpfung. „Eine Tätigkeit kann nur dann als Charisma bezeichnet werden, wenn sie beiträgt zur Heilung der kranken Welt“ (Bittlinger). Umgekehrt: Jede Tätigkeit, die dies tut, ist ein Charisma – selbst wenn es der Handelnde nicht weiß.

„Einem jedem“ werden Charismen gegeben, sagt Paulus. Sie sind kein Ausdruck besonderer spiritueller Reife. Deshalb können sie durch Hochmut oder Machtstreben verdorben werden. Es gibt nach Bittlinger drei Mittel, um das Charisma immer wieder zu läutern und zu erden: Die Beichte, das heißt, die Bereitschaft, vor Gott den eigenen Schatten anzusehen; Leiden, wie es auch Paulus auferlegt wurde, damit er sich angesichts seiner grandiosen Charismen nicht überhebt (so hat er selbst sein Leiden gedeutet), und schließlich Gemeinschaft auf Augenhöhe, in der wir einander erlauben uns herauszufordern und zu korrigieren.

Dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist; einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen. Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will. (1 Kor 12, 8–11)

Wir finden bei Paulus mehrere Aufzählungen von Geistesgaben, zum Beispiel auch in Römer 12, 5–8. Diese Aufzählung ist also nicht vollständig, sondern exemplarisch. Es scheinen vor allem die neun Gaben zu sein, über die in Korinth Unklarheit geherrscht hat.

1. Das Wort der Weisheit ist keine Dauergabe, sondern die situative Fähigkeit, in einer schwierigen Lage eine frappierende Lösung zu finden, bei der es keine Gewinner und Verlierer gibt oder eine Frage so zu beantworten, dass die Antwort den Fragesteller menschlich und spirituell herausfordert und ihn zur Vertiefung oder Reifung einlädt. Beispiel König Salomo und Jesus: der Zinsgroschen.

2. Das Wort der Erkenntnis ist die Fähigkeit, die alte Botschaft in einer neuen Situation so zu aktualisieren, dass sie die alte Botschaft bleibt und dennoch die neue Lage erleuchtet. Viele Schriftgelehrte zur Zeit Jesu haben alte Erkenntnisse mechanisch wiederholt. Jesus hingegen hat in „Vollmacht“ gepredigt. In der Bergpredigt hat er die alten Gebote neu ausgelegt, so dass sie voll ins Leben seiner Hörerinnen und Hörer trafen.

3. Die Gabe des Glaubens meint nicht allgemein den Glauben an Gott, sondern jenen Glauben, der Berge versetzen kann – und den nur wenige haben, etwa der Hauptmann von Kapharnaum, der Jesus zutraut, seinen Diener auch aus der Ferne zu heilen oder die syrophönizische Frau, die sich von der groben Reaktion Jesu nicht abschütteln lässt und weiter um die Heilung ihrer Tochter bettelt oder die blutflüssige Frau, die von hinten nach dem Gewand Jesu greift, um durch diese Berührung geheilt zu werden. „Dein Glaube ist groß“ sagt Jesus zu solchen Menschen. Sie trauen Gott das Unmögliche zu.

4. Heilungsgaben nennt Paulus im Plural, auch hier hat Luther ungenau übersetzt. Schon im AT heilt Gott manchmal, wenn auch nicht immer und nicht alle. Die Propheten erwarten, dass der verheißene Messias heilt, und Jesus zitiert diese Verheißung, als Johannes der Täufer ihn fragt, ob er der Messias sei. Es ist kein Fall überliefert, wo ein Mensch in der Nähe Jesus krank geblieben ist. Er war der Heiler und Heiland schlechthin. Wilhard Becker vermutet, dass viele Menschen krank sind, weil sie zu wenig geliebt werden. Und die eigentliche Heilkraft Jesu hatte seiner Meinung nach nichts Magisches, sondern bestand in purer Liebe. Jesus muss in einem Maße „integriert“ gewesen sein, dass dies ungeheuer ausgestrahlt hat. Von ihm ging eine „ansteckende Gesundheit“ aus. Auch von den Aposteln Jesu wird berichtet, sie hätten Kranke geheilt, wenn auch nicht immer und nicht alle. In der Gemeinde von Korinth gab es zahlreiche Kranke. Paulus führt das auf die vielen Spaltungen und den Mangel an Liebe zurück. Paulus selbst war vermutlich krank und wurde nicht geheilt, sein Freund Timotheus hatte ein Magenleiden. Paulus empfiehlt ihm mäßigen Weingenuss, anstatt ihn durch ein Wunder zu kurieren. Und der Beruf des Arztes wird in der Bibel mehrmals positiv gewürdigt. Auch Erfahrungswissen der Schul- oder Alternativmedizin kann zum Charisma werden. Heilungsgaben gibt es tatsächlich im Plural!

5. Die Kraft, Wunder zu tun, wörtlich Krafttaten: Bei Jesus erleben wir Dämonenaustreibungen, Naturwunder wie die Stillung des Sturmes, Totenerweckungen. Ähnlich wie beim Wort der Weisheit liegt jeweils eine bedrohliche Situation vor, die aber mit Weisheit allein nicht behoben werden kann. Vor allem aus der Mission – sei es in der Urchristenheit, sei es zum Beispiel in Afrika im letzten Jahrhundert – gibt es glaubwürdige Berichte, wie Gott die Verkündigung des Wortes durch Zeichen und Wunder bekräftigt hat. Freilich kann in religiös aufgeheizten Situationen eine Art Wundersucht entstehen. Schon Augustinus hat davor gewarnt, sensationelle religiöse Erfahrungen zu suchen. Er nennt solche Phänomene „kleine Wunder“. Die „großen Wunder“ dagegen seien diejenigen, an die wir uns schon gewöhnt haben: Dass die Sonne jeden Tag aufgeht sei ein größeres Wunder als dass die Sonne in der Bibel einmal einen Tag lang stehen geblieben sein soll. Dass das Korn heranwächst und Brot hervorbringt sei ein größeres Wunder als die Speisung der 5000. Dass die Rebe Wein produziert sei ein größeres Wunder als die Verwandlung von Wasser in Wein. Dass durch die Zeugung neues Leben entsteht sei ein größeres Wunder als die Auferweckung einiger Tote durch Jesus.

6. Prophetische Rede ist in der Bibel weniger Vorhersage als vielmehr treffsichere Analyse der Situation und Wegweisung für die Gegenwart. Durch innere Bilder, inneres Hören und unmittelbare Inspiration erfassten die Propheten den Willen Gottes und sprachen ihn aus. Am Ende des AT wird für die letzte Zeit eine Ausgießung des Heiligen Geistes verheißen, die sich darin manifestieren soll, dass alle, insbesondere aber „kleine Leute“, zu Propheten werden. Auch Jesus verstand sich als Prophet, hatte Visionen, hörte Gottes Stimme, brachte die Dinge auf den Punkt. Ähnliches wird von den Aposteln berichtet. Paulus hielt die prophetische Gabe für das wichtigste Charisma. Er wünschte sich eine Gemeinde von „Hell-Sehern“, die durchblicken und sich und anderen nichts vormachen. Er wünschte sich eine Gemeinde von „Wahr-Sagern“, die sich nicht scheuen, zur Zeit und zur Unzeit die Wahrheit zu bezeugen.

7. Unterscheidung der Geister ist die Fähigkeit, Göttliches, Menschliches und Okkultes auseinander zu halten. So gab es schon im AT falsche Propheten, die angebliche Gottesworte verkündigten, die opportun waren oder die aus Geldgier prophezeiten. Die echten Propheten hatten keine Beweismittel gegen die falschen – außer die künftige Erfüllung ihrer unbequemen Botschaft. Im 1. Johannesbrief werden alle Christen aufgefordert, die Geister zu prüfen, ob sie von Gott kommen, Und wieder ist das Kriterium das selbe wie 1 Korinther 12: Das Bekenntnis zu Jesus, dem fleischgewordenen Gottessohn (1 Joh 4,1).

8. Mancherlei Zungenrede, man würde besser übersetzen: viele Sprachengaben. Dieses Charisma, das als ausgestorben galt und erst im 20. Jahrhundert wieder auftauchte, ist die Fähigkeit, das Unaussprechliche in einer dem Sprecher unbekannten Sprache auszusprechen. An Pfingsten vermochten die Apostel in Sprachen zu reden, die sie nie gelernt haben. Paulus selbst sagt von sich, er bete mehr in Sprachen als alle anderen. Er nennt diese Gabe auch „Beten im Geist“ im Gegensatz zum „Beten im Verstand“. In Korinth galt diese Gabe bei einigen als Beweis höherer geistlicher Weihen. Wer sie nicht hatte, wurde oft zum Christen zweiter Klasse gestempelt – ein Phänomen, das auch in der „charismatischen Bewegung“ im 20. Jahrhundert aufgetaucht ist. Paulus, der selbst gern und oft „in Zungen“ redet, kritisiert in Kapitel 14 diejenigen, die diese Gabe egozentrisch missbrauchen.

9. Die Gabe der Auslegung: Die Auslegung der Sprachengabe ist eine intuitiv geschenkte Deutung, vergleichbar mit der Gabe der Traumdeutung, die im AT eine wichtige Rolle spielt. Nach Paulus ist die Auslegungsgabe vor allem im öffentliche Gottesdienst notwendig. Sonst hat die Gemeinde nichts vom Sprachengebet – und vor allem werden Neulinge den Eindruck gewinnen, in einem Irrenhaus zu sein, wenn alle unverständlich durcheinanderreden. Gerade an dieser Stelle sehen wir, dass es für Paulus immer die anderen sind, die durch die Charismen bereichert und erbaut werden sollen.

An anderen Stellen des NT werden viele weitere Charismen genannt, so Organisations- und Leitungsgaben, Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Hilfeleistung, Seelsorgegaben, aber auch die Gabe der Ehe und der Ehelosigkeit. Und ich bin mir sicher, dass wir nachher in der Einzel- und Gruppenarbeit noch viele weitere Geistesgaben entdecken werden.

Der Leib und die Glieder

Die Frage, die Paulus bewegt, lautet: Wie verhalten sich die Charismen zueinander? Wie sollen die Geistbegabten miteinander umgehen?

Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn aber der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte er deshalb nicht Glied des Leibes sein? Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte es deshalb nicht Glied des Leibes sein? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib? Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer. Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand; denn die anständigen brauchen‘s nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied. Und Gott hat in der Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wundertäter, dann Gaben, gesund zu machen, zu helfen, zu leiten und mancherlei Zungenrede. Sind alle Apostel? Sind alle Propheten? Sind alle Lehrer? Sind alle Wundertäter? Haben alle die Gabe, gesund zu machen? Reden alle in Zungen? Können alle auslegen? Strebt aber nach den größeren Gaben! Und ich will euch einen noch besseren Weg zeigen. (1 Kor 12, 12–31)

Der Vergleich irdischer Ordnungen mit einem Körper ist alt. Berühmt-berüchtigt ist die Fabel vom Magen und den Gliedern, die Menenius Agrippa der streikenden Unterschicht Roms erzählt hat, um sie wieder zum Funktionieren zu bewegen. Die Körperteile verweigern dem vermeintlich faulen Magen die Nahrungszufuhr. Aber in Folge des Streiks werden sie selber kraftlos und sehen ein, dass der Magen, den sie ernähren, ihnen seinerseits Kraft zuführt. Im Unterschied zu dieser Geschichte will die paulinische Lehre vom Leib Christi nicht als Bild oder Fabel verstanden werden, sondern als Beschreibung der Realität: Ihr seid der Leib Christi! Während die Geschichte des Menenius die Funktion hat, die Ständegesellschaft zu stabilisieren, stellt Paulus die hierarchische Struktur durch die Rede vom Leib gerade in Frage. Der Leib Christi hat kein Oberhaupt. Erst im späteren Epheserbrief ist von einem Kopf des Körpers die Rede – und der ist der erhöhte Christus!

In der Taufe werden Menschen Christus „einverleibt“. Die Teilhabe am Leib überholt alle irdischen Bindungen und ist deshalb sozialrevolutionär: Juden und Nichtjuden, Männer und Frauen, Sklaven und Freie gehören dazu. Aber dieser eine Leib ist alles andere als einförmig. Er hat viele Organe und Körperteile. Jeder Teil ist ein Original.

Gefährdet ist die Einheit durch zweierlei: Durch Minderwertigkeitsgefühle und durch Überheblichkeit. Es fällt uns schwer, nicht in Kategorien von Oben und Unten zu denken, obwohl Jesus diese Hierarchien auf den Kopf gestellt hat. In seinem Reich ist der Kleinste der Größe und die Mächtigen werden vom Thron gestürzt. Er wäscht seinen Jüngern die Füße. Den Minderwertigkeitsgefühlen begegnet Paulus mit Humor. Er vermittelt den Korinthern das monströse Bild eines Leibes, der nur aus Augen oder Ohren besteht. Dem Hochmut begegnet Paulus, indem er betont, dass die unscheinbarsten Körperteile am wichtigsten sind. Er nimmt damit Erkenntnisse vorweg, die Bert Hellinger in seiner Version der systemischen Familientherapie formuliert hat: Das Ganze kann nur geheilt werden, indem die ausgeschlossenen, übersehenen und verachteten Mitglieder gesehen, gewürdigt und integriert werden. Das gilt auch für die Heilungs- und Integrationsarbeit des Einzelmenschen. Nur wenn wir jene Aspekte von uns annehmen, die wir nicht mögen, werden wir ganz. Jesus kann als derjenige charakterisiert werden, der fortwährend die Ausgegrenzten in die Gemeinschaft geholt hat. Der Kirchenvater Athanasius hat es so formuliert: Nur was angenommen ist, kann erlöst werden. Das ist meines Erachtens eine der tiefsten theologischen und psychologischen Einsichten überhaupt.

Die gegenseitige Würdigung der Organe manifestiert sich im Mitleiden und in der Mitfreude. Sie sind gleichsam der Lackmustest, ob meine Gaben vom Ego regiert werden oder vom Geist Gottes: Kann ich mich über die Erfolge und das Gelingen anderer freuen? Kann ich ihre Trauer und ihr Leid mitempfinden und mittragen? Der Leib Christi ist der Ort wo wir einander dienen mit den Gaben, die wir empfangen haben – und wo einer des anderen Last und Leid trägt.

Deshalb endet die paulinische Abhandlung über die Charismen mit der Beschreibung des „besseren Weges“, mit dem sogenannten „Hohenlied der Liebe“, das manche für den wichtigsten Text der Weltliteratur halten.

Das Hohelied der Liebe

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Kor 13)

Höher als jene Geistesgaben, derer sich manche Korinther gerühmt haben, steht die Liebe. Entscheidender als die präziseste prophetische Situationsanalyse ist die Liebe. Bedeutsamer als alle ethischen Großtaten ist die Liebe. Stärker als der stärkste Glaube ist die Liebe, gewichtiger als alle Leidensbereitschaft einschließlich des Martyriums. Alles was wir tun und lassen, was wir fühlen und denken bekommt seinen letzten Wert durch jene Liebe, die Jesus verkörpert hat. Und ohne diese Liebe bleibt alles, auch das Edelste und Bewundernswerteste, unter der Herrschaft des Ego, verpufft oder zerstört am Ende sich und andere. Alles Menschliche, selbst das höchste spirituelle und religiöse Bewusstsein bleiben unvollkommenes Stückwerk, solange wir leben. Vollendung gibt es nicht in dieser Welt. Unser Denken, Reden und Urteilen verhält sich zur wirklichen Wahrheit wie das Denken des Kindes zum Bewusstsein des Erwachsenen. Es ist im Blick auf die künftige Vollkommenheit gleichsam pubertär. Vor allem unsere Gotteserkenntnis ist noch nicht ausgereift. Und dennoch dürfen wir glauben, dass wir selbst bereits erkannt und geliebt sind, als wären wir schon vollendet. In der Liebe strecken wir uns aus zu dem Gott, der die Liebe in Person ist. Diese Liebe wird auch dann bleiben, wenn Glaube und Hoffnung überflüssig sein werden. Am Ende, davon ist Paulus überzeugt, wird Gott alles in allem sein und wir werden in Gott sein, Teil jener Liebe, die sich selbst liebt.

Gnadengaben und Gottesdienst

In Kapitel 14 geht es zunächst um den Umgang mit der Sprachengabe und der Prophetie. Diesen Abschnitt überspringe ich, weil er für unsere Situation nicht viel hergibt. Nur soviel: Für Paulus ist die Prophetie das überlegene Charisma, weil sie auch den Fernstehenden anspricht, der die Zungenrede für verrücktes Gelalle halten muss. Für Paulus ist es wichtig, dass die christliche Gemeinde kein esoterischer Geheimbund ist, der sich selbst genügt, sondern dass sie ihre Botschaft verstehbar kommuniziert. Am Ende von Kapitel 14 folgt die Beschreibung des urchristlichen charismatischen Gottesdienstes:

Wie ist es denn nun, liebe Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung! Wenn jemand in Zungen redet, so seien es zwei oder höchstens drei, und einer nach dem andern; und einer lege es aus. Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde und rede für sich selber und für Gott. Auch von den Propheten lasst zwei oder drei reden, und die andern lasst darüber urteilen. Wenn aber einem andern, der dabeisitzt, eine Offenbarung zuteil wird, so schweige der erste. Ihr könnt alle prophetisch reden, doch einer nach dem andern, damit alle lernen und alle ermahnt werden. Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan. Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens. (1 Kor 14, 26–33)

Urchristlicher Gottesdienst ereignet sich, indem die Fülle des Geistes wirken darf. Jede und jeder hat etwas zu geben: einen Psalm, eine spirituelle Einsicht, ein Gebet, ein Lied, eine prophetische Analyse. Für die Gemeinde in Korinth ist die Überfülle das Problem. Sie muss strukturiert werden. Ganz anders als bei uns. Für Paulus ist es undenkbar, dass ein Hauptamtlicher die Charismen des Lehrens und Predigens, der Organisation und der Verkündigung, des Betens und womöglich auch noch – wie in der katholischen Kirche gefordert – der Ehelosigkeit in sich vereinigt, während der Rest der Gemeinde zum Publikum wird. Die Einsichten des Enneagramms schärft den Blick für die Problematik zusätzlich: Jede Gemeinschaft lebt davon, dass die Vielfalt der Gaben gewürdigt und genutzt wird. Das monarchische Pfarramt führt zwangsläufig dazu, dass eine Energie die Gemeinde dominiert. In diesem System bleiben die meisten Charismen unentfaltet. Eine Erneuerung der Kirche kann es nur geben, wenn wir zum urchristlichen Zusammenspiel der Kräfte zurückfinden. Die Thomasmesse, wie wir sie morgen feiern werden, ist ein Schritt auf dem Weg von der Vesorgungs- zur Beteiligungskirche.

Zuletzt sagt Paulus: „Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan“. Der Heilige Geist ist höflich. Er nötigt niemanden. Wir werden gefragt, ob, wann und wie wir Charismen erbitten und praktizieren und unter wessen Regie wir unsere Gaben stellen wollen. Wenn wir bitten, gibt Gott gerne.

Ein letzter Punkt: In Galater 5, 22 und 23 spricht Paulus von der „Frucht des Geistes“:

Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit…

Wie unterscheiden sich Geistesgaben und diese neunfache Geistesfrucht? Charismen sind besondere Fähigkeiten und Fertigkeiten, die unter die Regie des Heiligen Geistes kommen. Nicht jeder hat alle Charismen. Sie sind so vielfältig wie das Leben selbst. Die neunfache Geistesfrucht hingegen ist jedem geisterfüllten Menschen als Lebensqualität des neuen Seins verheißen. Wo diese Frucht bei uns und anderen wächst, können wir der göttlichen Geistesgegenwart gewiss sein. Und sie wird dort wachsen, wo wir unsere Charismen entfalten und verantwortlich mit ihnen umgehen.

(Wichtige Gedanken zur Auslegung stammen aus dem leider vergriffenen Buch “Im Kraftfeld des Heiligen Geistes” von Arnold Bittlinger.)

[aus: EnneaForum 21, Mai 2002, S. 4-9

Aus EnneaForum 21 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Aus EnneaForum 21 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930