Das Gebet des Jabez und das Enneagramm

Marion Küstenmachers Predigt gehalten bei der Thomasmesse.

Eine kleine Vorbemerkung: Seit einiger Zeit ist das Gebet des Jabez ein „Renner“ in evangelikalen Kreisen, bekannt geworden durch Bruce Wilkinson, der ein Bestsellerbüchlein darüber geschrieben hat. Seine Interpretation ist mir allerdings zu dualistisch und mechanistisch. Außerdem kann sie, mißverstanden, zu einer materialistischen Frömmigkeit führen. Mit meinen Ausführungen versuche ich dem entgegenzuwirken und den Text in einer anderen Richtung zu deuten. Die 4 weisen Bitten im kurzen Gebet des Jabez an Gott spiegeln für mich in 4 Schritten den Prozeß der Verwandlung wieder, zu dem das Enneagramm uns einlädt.

Jabez war angesehener als seine Brüder. Und seine Mutter nannte ihn Jabez, denn sie sagte: Ich habe ihn mit Kummer geboren.
Und Jabez rief den Gott Israels an
und sprach:
Segne, ach segne mich,
und erweitere mein Gebiet!
Lass deine Hand über mir sein,
und halte Schmerz und Unglück
von mir fern.
Und Gott ließ geschehen, worum er bat.

1. Buch der Chronik, Kapitel 4, Vers 10

Der Ausgangspunkt: Kummer und Schmerz

Jabez, ein Mann aus dem Stamm Juda, hat unter schwierigem Vorzeichen beginnen müssen. Über seinem Leben hängt die dunkle Wolke seines Namens. Denn Jabez heißt Schmerz. Sein Name transportiert erfahrenes Leid. Mag sein, sein eigenes, das der Mutter, vielleicht auch des Vaters, der Sippe. Die jüdische Bibel erklärt uns die Hintergründe des Falls nicht, aber sie benennt das Problem: Das Leben tut weh, manchen kann es furchtbar viel Kummer und Leid bringen. Wer wüßte nicht, daß zum Leben viele schmerzliche Erfahrungen gehören? Allein schon die Beschäftigung mit dem Enneagramm mutet uns ja auch zu, uns der via negativa, dem schmerzlichen Weg der Verneinung zu stellen. Unsere Illusionen, Fixierungen, Abwehrmechanismen und Passionen sind Versuche, die Not unseres Lebens zu verdecken. Sobald wir sie aufdecken, ist der Schmerz da, der uns von Typ EINS bis NEUN gezeichnet hat. Es gibt keine Bewußtwerdung ohne Schmerzen, sagt der Seelenarzt C.G. Jung. Auch so kann man sich dem Schmerz nähern: der Schmerz, der Jabez in uns, ist eine Art Vorbote. Er ist vorläufig und „nur das Aufbrechen der Schale, die unser Verstehen einschließt“ (Khalil Gibran). Einsicht und Verstehen sind Ziele des transfomatorischen Prozesses und der Schmerz ist ihr erster Verbündeter.

Jabez, der vom Schmerz Gezeichnete, kann sich noch nicht einmal vormachen, daß alles nicht so schlimm sei – zu klar, zu direkt, zu deutlich hat die Mutter die mit ihrem Kind verbundene Not benannt. So einer wie Jabez kann nur verzweifeln – oder einen guten, heilsamen Weg heraus aus dem Schmerz finden. Wie sonst soll es in seiner Seele hell werden? Jabez entscheidet sich nicht für Stillstand und Verzweiflung, sondern für den guten Weg des Heilwerdens. Er mobilisiert in sich das Vertrauen darauf, daß Gott das Gleiche will.

Der Verwandlungsprozeß

1. Schritt: Segne, ach segne mich!

Jabez erste Bitte an Gott ist die um Segen. Er will den Großen Segen Gottes. Jabez will den Wechsel von der Via negativa zur Via positiva. Am Anfang seiner neuen Entwicklung steht der vertrauensvolle Blick auf Gottes Fülle und Reichtum und Liebenswürdigkeit und Großzügigkeit. Jabez öffnet sich für Gott. Das Geheimnis dieses ersten Schrittes liegt in der Selbstwürdigung. Jabez legt die Festlegung auf die Minderwertigkeit seines bisherigen Lebens ab. Er schaut nicht mehr auf seine innere Armut und Not, er schaut auf den Reichtum Gottes und sagt: Vor dir Gott bin ich es wert, gesegnet zu werden und selber ein Segen zu sein. Du meinst es doch gut mit mir. Deine guten Möglichkeiten sollen zu meinen werden! Auch wenn es mir – ach, sagt der Seufzer – gerade besonders schwer fällt, um den Segen zu bitten, dann wiederhole ich es einfach noch einmal. Segne, ach segne mich. Da muß sich doch Fülle erbarmen!

Was mag dieser 1. Schritt für uns im ÖAE bedeuten? Jedem Enneagrammpunkt ist ein geistliches Amt zugesprochen. Wir sollten für diesen Segen beten! Gott selbst beruft Menschen in ihrem Muster und durch ihr Muster zu diesem Dienst. Sie sind Anwälte, Schutzpatrone, Tröster, Beistand für andere, die mit diesem Punkt selbst ringen oder sich an diesem Punkt reiben, weil sie hier schon einmal verletzt oder abgewiesen wurden. Jeder Enneagrammtyp kann ein Durchflußkanal werden für Gottes Liebe, Heilung, Kraft und Segen. Hinter dem Wunsch nach Segen steht also kein Egoismus, sondern eine wachsende Bewußtheit für den Ruf in einen Liebesdienst. Mit den Worten von Augustinus: Ich nenne Liebe die Bewegung der Seele dahin, Gott wegen seiner selbst, sich und den Nächsten aber wegen Gott zu lieben.

2. Schritt: Und erweitere mein Gebiet!

Auf die Bitte um Segen folgt kein gieriger Wunschzettel. Jabez bittet um mehr Weite für seinen Lebensraum, aber er überläßt Gott die Wahl der Mittel. In dieser Zurückhaltung äußert sich eine heilige Sachlichkeit, die vor dem Gegenteil des Minderwertigkeitsgefühls bewahrt, der Überwertigkeit. Jabez vertraut sich lieber der Weisheit Gottes an. Gott kann uns erweitern wie und wann er will. In jeder Bereitschaft zur Entwicklung liegt ja auch ein Risiko, eine Herausforderung. Ab jetzt führe nicht ich mein Leben, sondern Gott führt mich in meinem Leben zu neuen Ufern. Neue ungeahnte Möglichkeiten und Überraschungen warten auf mich, ich bin offen dafür. Ein solches Gebet ist eigentlich eine Anrufung des Heiligen Geistes:

Es ist die schöpferische Energie des Heiligen Geistes, meine Trösterin, meine Verbündete und Unterstützerin, die mich in den Prozeß der Veränderung und Horizonterweiterung führt und darin begleitet. Der Heilige Geist überwindet meine Sprach- und Kommunikationsprobleme, meine enge Sichtweise, meine typischen Festlegungen. Er macht das mal direkt oder indirekt, mal witzig oder dezent, aber immer liebevoll und hartnäckig zugleich. Er nutzt das „agere contra“ und lockt mich, mein Leben „gegen den Strich“ zu bürsten. Wie bei Josef mit dem bunten Rock, dem Träumer und Ästheten aus dem Alten Testament, dem Patron der extravaganten VIER. Sieben „fette“ Jahre lang im Auftrag des Pharao nur Kornspeicher füllen und inspizieren zu müssen, das war ein Verwaltungsjob und kein Höhenflug der Gefühle. Aber der emotionale Gewinn für Josef war enorm: Sein erweitertes Gebiet lag in der inneren Balance, zu der er in diesen Jahren fand und mit denen man „magere“ Lebensphasen und emotionale Tiefpunkte durchstehen kann. Josef, die VIER, hatte die Ökonomie des Herzens gelernt.

Was heißt das für uns im ÖAE? Der Heilige Geist befreit mich aus dem „Gefängnis“ meines Musters in ein weites offenes Gebiet, wo ich den anderen Mustern begegnen kann. Wo ich lernen kann, das Fremde, das „Ausland“ zu lieben und mich dort wohl zu fühlen. Er fördert das Lebensprinzip der Mit-Menschlichkeit, das „Sein-Können des Einen in oder bei dem Anderen“ (Lessing). Der Heilige Geist lehrt mich, den Reichtum der anderen 8 Felder als Gottes Geschenk an mich zu entdecken. Der Heilige Geist verschenkt sich ja auch selbst in seine Gaben hinein (2. Ökumen. Konzil von Konstantinopel 381 n. Chr.). So ist er in allen präsent, er wohnt in uns allen. Der Heilige Geist stiftet durch jeden und in jedem einzelnen von uns ein heiliges Feld, ein neues gesegnetes Gebiet für das Zusammenspiel und die Fülle sämtlicher Charismen und Geistesfrüchte. „Reich Gottes mitten unter Euch“ hat Jesus dazu gesagt. Ich bin sicher, daß wir durch diese Gebetsbitte auch für den ÖAE neue Gebiete erschließen können, zum Beispiel bei der Entwicklung eines eigenen spirituell durchdrungenen Ausbildungskonzepts. Lassen wir uns überraschen!

3. Schritt: Lass deine Hand über mir sein

Jabez weiß: Gottes Hand über mir ist eine wunderbare Schutzmacht, die mir Beistand und Sicherheit bei meinen Entwicklungsprozessen gewährt. Unter diesem Schutzschild kann ich mich entfalten. Jabez sagt aber noch mehr mit dieser Bitte, denn der Begriff „Die Hand Gottes“ repräsentiert im AT Gottes Souveränität, die über unserem Leben steht. Die Hand Gottes gewährt Gutes oder Böses. Gott macht das Licht und die Finsternis. Er gibt Frieden und schafft Unheil (Jesaja 45,7). Die Hand Gottes ist damit ein Korrektiv unserer Seelen: sie zieht das Minderwertige, Vernachlässigte, Mißachtete in uns nach oben und ehrt es. So viel Gutes steckt in unseren inferioren Anteilen! Die Hand Gottes drückt aber auch das Überwertige, das Inflationäre und Aufgeblasene in uns nach unten, rückt uns zurecht und hindert uns am Abheben (Stolz). Gregor der Große meinte: „Gott hält so durch wunderbare Fügung die Seele im Gleichgewicht, daß sie weder im Guten übermütig wird noch im Bösen zu Fall kommt“. Die Erfahrung von Gottes Hand bei der Entfaltung unserer Gaben führt zu einem Satz des Johannesevangeliums: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.“(Joh 3,30)

Die Hand Gottes kann ich auch über mir spüren, wenn ein Ruf an mich erfolgt. Wenn ich gerufen bin in den Dienst. Ich spüre dann die Wirkung des Geistes direkt auf mich zielen, ich weiß, nun bin ich gemeint und kein anderer. Das fällt uns oft schwer. Bei den Propheten sieht man, daß dann die einen lieber davon rennen wie Jona, und die anderen versuchen, mit Gott zu verhandeln. Ich bin zu jung, sagt Jeremia. Die Hand Gottes ist stärker. Sie macht aus Johannes den Täufer. Aus verfolgten Christen macht sie Apostel (Apg 11,21), die anderen das Evangelium nahe bringen. Und was ist mit uns? Die Hand Gottes besteht darauf, daß wir zu uns selbst finden. Sie führt uns zu unserem Wesen. Zu unseren Gaben, zu unserer Schönheit, zu unserer tiefsten und eigentlichsten Bestimmung. Zu unserer Gottesebenbildlichkeit. Zu unserer Bereitschaft, uns dieser Hand Gottes anzuvertrauen und unser Wollen seinem Willen anzuschmiegen. In unserer persönlichen Praxis kann das bedeuten: Wir üben uns im ÖAE mehr darin, diese Schönheit und eigentliche Bestimmung im Anderen zu entdecken und zu fördern.

4. Schritt: Halte Schmerz und Unglück von mir fern!

Menschlich, gesund und sympathisch ist diese letzte Bitte. In ihr steckt kein naiver Kleinkinderglaube vom lieben Gott. Der 4. Schritt ist das erwachsene Gebet eines entwicklungsfähigen Menschen, der weiß, was einseitige Identifizierung mit Schmerz bedeutet. Jetzt will Jabez die Hypothek seiner Kindheit in einen Schatz verwandeln. Er bittet mit dem Urvertrauen eines Kindes, zu dem uns Jesus gerufen hat: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…

Das menschliche Gebet des Jabez ist aber auch kein Märtyrergebet um übermenschliches Leid und Verfolgung. Seine Bitte richtet sich gegen falsche Hingezogenheit zum Leid, wie sie in manchen christlichen Köpfen ihr Unwesen treibt. Jabez traut sich, Gott um sein Lebensglück zu bitten. Er weiß, daß Gott seinem Leben ein neues Vorzeichen gegeben hat: Der Segen, die Freude, die Hoffnung Gottes sollen sein Leben bestimmen. Ganz von der GNADE her will er leben. Und die Gaben der Gnade im eigenen Leben sichtbar werden lassen. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Antwort Gottes auf Jabez Gebet: Und Gott ließ geschehen, worum er bat.

Wie einfach sich nun alles fügt. Wie von Gott gewollt. Und das ist es ja! Gott hat kein anderes Ziel mit uns als unser Wohlergehen. Bei allen fruchtbringenden Entwicklungsprozessen, zu denen wir mit Hilfe des Enneagramms gelangen können, die Gottesliebe ist das eigentliche Ziel unserer Pilgerreise, ganz gleich, welchen religiösen Hintergrund (und Schmerz) wir mitbringen. Die Liebe Gottes ist es, die ihre unendliche Freude an unserer guten Entwicklung hat. Gott hat sich in uns verliebt und kann nicht aufhören, unsere Liebenswürdigkeit und Schönheit ans Licht zu bringen.

Und Gott ließ geschehen, worum Jabez ihn bat. –

Lassen wir geschehen, daß Gott uns segnet wie ihn.

Amen

[aus: EnneaForum 21, Mai 2002, S. 14-16

Aus EnneaForum 21 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 21 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

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Christian · 18.10.2009 22:31 → Kommentarlink 001368

Hallo,
ich habe ähnliche Probleme wie Jabez und immer zu Gott gesprochen ihn um Hilfe gebeten und gebetet. Ich habe erfahren, dass es das Gebet von Jabez gibt und ich bete es seid ein paar Tagen. Heute ist der 18.10.2009 22:30 Uhr und ich bete das Gebet nun gleich wieder und werde hier mitteilen, ob sich in den nächsten Tagen und Wochen oder Monaten, etwas zum positiven ändert.

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