Das Enneagramm und die Ratifizierung der Wirklichkeit

von Hans Peter Niederhäuser

Der amerikanische Psychologe Asch (1) veröffentlichte 1955 ein geradezu klassisch gewordenes Experiment:

Sieben Versuchspersonen haben die Aufgabe anzugeben, welche von drei Linien auf einer Tafel gleich lang ist wie die Linie auf einer anderen Tafel:Bild zum Experiment Ratifizierung der Wirklichkeit

Ein völlig problemloser Auftrag.

Nun sind allerdings sechs Versuchspersonen angewiesen, vom dritten Durchgang an immer gemeinsam eine vorher abgesprochene falsche Linie anzugeben. Dadurch fühlt sich die siebte und eigentliche Versuchsperson so verunsichert, dass sich in ihren Antworten Zögern, leiseres Sprechen und peinliches Lächeln bemerkbar machen. Nicht nur das. Asch wies nach, dass sich unter diesen Umständen 37% der Versuchspersonen der falschen Gruppenmeinung unterwarfen. Dabei waren bei diesen Personen starke Gefühle und Angst zu beobachten, bei einer Versuchsperson soll es sogar zu einem schizophrenen Schub gekommen sein.

Dieses Experiment weist uns darauf hin, wie stark wir davon abhängig sind, dass andere das, was wir für wirklich halten, ebenfalls als wirklich bestätigen. Watzlawick verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff der Ratifizierung:

„Wir hängen auf Gedeih und Verderb von der Ratifizierung unserer Wirklichkeit durch die anderen ab, die ihrerseits ihre eigene Wirklichkeitserklärung von uns fordern.“ (2) Wo ein Mensch diese Ratifizierung nicht oder nicht in genügendem Masse bekommt, ist die Gefahr groß, dass er psychisch krank wird.

Hinsichtlich des Enneagramms ist es nun interessant, dass Watzlawick auf drei Bereiche hinweist, in denen wir in hohem Masse auf Ratifizierung angewiesen sind: in unseren Wahrnehmungen, in unseren Gefühlen und in unseren Handlungen.(3) Es ist unschwer zu erkennen, dass sich diese drei Bereiche den Zentren des Enneagramms zuweisen lassen:Grafik 2 Ratifizierung der Wirklichkeit

Alle drei Bereiche spielen für das menschliche Leben eine wichtige Rolle. Deshalb sind wir darauf angewiesen, Vertrauen in unsere Handlungen, Gefühle und Wahrnehmungen entwickeln zu können. Wenn wir genügend Bestätigung bekommen, entwickelt sich ein Grundvertrauen, das zwar wie im Experiment von Asch erschüttert, aber doch nur bei einer Minderheit grundsätzlich in Frage gestellt werden kann. Wo dieses Grundvertrauen in hohem Masse fehlt, findet sich der Mensch in seinen Beziehungen nicht mehr zurecht und es fällt ihm schwer, Sinnzusammenhänge zu erkennen. Ist die Wahrnehmung in Frage gestellt, tendiert sein Verhalten zum klinischen Bild der Schizophrenie, kann er seinen Gefühlen nicht trauen, neigt er zu Depression, werden seine Handlungen in Frage gestellt, kann er seinen inneren Halt verlieren und wird im schlimmsten Fall gar kriminell.

Nun zeigt das Experiment von Asch allerdings auch, dass die Richtigkeit von Handlungen, Gefühlen und Wahrnehmungen niemals definitiv festgestellt werden kann, denn sie ist abhängig von der Konvention, die wir Wirklichkeit nennen. Es ist nicht die Wirklichkeit selbst, die uns Bestätigung gibt, sondern es sind die anderen Menschen, welche die gleichen Wahrnehmungen als wirklich bezeichnen, die gleichen Gefühle als wirklichkeitsadäquat entwickeln und die selben Handlungen als situativ angemessen vollziehen. Die Richtigkeit oder Wirklichkeitsadäquatheit ist demzufolge stets eine relative. Es ist für uns lebensnotwendig, dass sie in den Beziehungen immer wieder von Neuem ratifiziert wird.

Das Enneagramm weist uns darauf hin, dass für die meisten Menschen die Ratifizierung in zwei Bereichen eher unproblematisch ist. Das lässt sie ihre Beziehungsstrukturen so aufbauen, dass der für sie unsichere dritte Bereich häufiger und intensiver ratifiziert wird. Als Kopftyp beispielsweise steht meine Wahrnehmung im Vordergrund und ich suche in diesem Bereich nach Bestätigung. Das, was am stärksten in Frage steht, darauf richtet sich unsere Aufmerksamkeit. Das führt dazu, dass wir gerade in diesem gefährdeten Bereich am unmittelbarsten erkennen, wo die Ratifizierung in einer Beziehung nicht eintritt. Dabei handelt es sich um ein sehr subjektives, musterspezifisches Empfinden. Objektiv und von aussen betrachtet bekomme ich gerade im gefährdeten Bereich am meisten Bestätigung. Schließlich habe ich ja mein Leben daraufhin ausgerichtet. So entwickelt sich das Zentrum, in dem mein Typ angesiedelt ist, objektiv zum stärksten, im eigenen Empfinden aber zum fragilsten Bereich mit der größten Gefährdung. Dieses Paradox hält uns in unserem Muster gefangen.

So kann für jeden Typ des Enneagramms eine spezifische Grundproblematik hinsichtlich der Wirklichkeitserfahrung formuliert werden, welche sowohl die Genese des Typs wie auch das lebenslange Festhalten am Muster verständlich macht.

Herz: Gefühle

Typ 2 Was ich fühle, ist problematisch,denn die Gefühle der andern entgleiten mir immer wieder.Indem ich für andere da bin, versuche ich mich der emotionalen Beziehung zu ihnen zu vergewissern.

Typ 3 Was ich fühle, ist problematisch,denn es hindert mich, Erfolg zu haben.Wenn ich meine eigenen Gefühle unterdrücke, spüre ich besser, was mich bei anderen ankommen lässt.

Typ 4 Was ich fühle, ist problematisch,denn wirkliche Gefühle müssen viel tiefer sein.Wahren Gefühlen bin ich näher, wenn mir andere zu verstehen geben, dass ich ganz anders bin.

Kopf: Wahrnehmungen

Typ 5 Was ich wahrnehme, ist problematisch,denn die Wirklichkeit ist viel komplexer.Deshalb beschränke ich mich lieber auf Bereiche, in denen mich andere als kompetent erleben.

Typ 6 Was ich wahrnehme, ist problematisch,denn dahinter verbirgt sich etwas, zu dem ich keinen Zugriff habe.Ein gesundes Misstrauen lässt mich bei anderen erkennen, worauf ich mich wirklich verlassen kann.

Typ 7 Was ich wahrnehme, ist problematisch,denn es ist nur ein kleiner Teil des Ganzen.Je mehr erfreuliche Begegnungen ich habe, desto sicherer bin ich mir.

Bauch: Handlungen

Typ 8 Was ich tue, ist problematisch,denn ich kann nicht alles unter Kontrolle halten.Wenn ich stark bin, reagieren die anderen auf meine Handlungen und ich kann sie besser kontrollieren.

Typ 9 Was ich tue, ist problematisch,denn es führt immer wieder in Konflikte hinein.Wenn ich mich nicht durch eigenes Handeln hervortue, bin ich am ehesten in Harmonie mit den anderen.

Typ 1 Was ich tue, ist problematisch,denn es ist niemals vollkommen. Ich versuche deshalb die anderen dazu zu bringen, mit mir zusammen nach mehr Vollkommenheit zu streben.

1 Asch, S.E.: Opinions and Social Pressure. Scientific American, 193, 1955

2 Watzlawick, Paul: Münchhausens Zopf oder Psychotherapie und „Wirklichkeit“, 1988, S. 56

3 Watzlawick, 1988, S. 33f.

[aus: EnneaForum 22, November 2002, S. 12-13

Aus EnneaForum (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930