Das feststeckende Periskop

Helen Palmer und die „mündliche Tradition“ des Enneagramms

von Johannes Bartels

Kaum jemand hat die internationale Enneagramm-Szene so sehr geprägt wie sie: Helen Palmer. Seit den siebziger Jahren hat die amerikanische Psychologin Tausende in das Enneagramm eingeführt. Dabei hat sie eine ganz eigene Form der Vermittlung gefunden: die „mündliche Überlieferung“, bei der methodisch das „Podiumsinterview“ im Mittelpunkt steht. Johannes Bartels hat Palmers Methode untersucht.

Der Saal ist gut gefüllt. Etwa 90 Männer und Frauen schauen konzentriert nach vorn, zum Podium. Dort sitzt Helen Palmer mit drei Gesprächspartnern, die sie der Reihe nach interviewt. Das Thema: Typ Sechs im Enneagramm, der Zweifler. Möglichst unauffällig sitzen sie da, die Zweifler. Es dominieren gedeckte Farbtöne und minimale Gestik. Und doch liegt höchste Spannung in der Luft.

Es ist schon erstaunlich, welche Wirkung Helen Palmer mit ihren Podiumsinterviews erzielt. Kaum jemand im Publikum kann sich dem entziehen. Warum ist das so? Was fasziniert so daran, dass Menschen von ihren Ängsten oder ihrem heimlichen Stolz oder ihren Lebenslügen reden? Und was bringt diese Menschen überhaupt dazu, das zu tun? Liegt das nur an der persönlichen Ausstrahlung der Referentin? Oder verwendet sie bestimmte Gesprächstechniken, die man versuchen kann zu beschreiben?

Dies herauszufinden war mein Ziel, als ich im Sommer 2000 an einem von Frau Palmer angebotenen Enneagramm-Seminar in Zürich teilnahm. Da die Podiumsinterviews auf Band aufgenommen wurden und die Befragten mir erlaubten, die Aufnahmen zu kopieren und auszuwerten, war ich glücklicherweise nicht auf mein Gedächtnis angewiesen, sondern konnte die Bänder zuhause wieder und wieder abhören und einzelne Passagen verschriftlichen.

Ich möchte hier nun ein solches Podiumsinterview vorstellen. Dem Gesprächspartner von Palmer, einem Mann um die 50 mit wachem Blick und einem selbstironischen, sympathischen Lächeln, habe ich das Pseudonym „Herr Taucher“ gegeben – es wird noch deutlich werden, wieso. Hier also der Wortlaut des Gesprächs zwischen Herrn Taucher (T) und Frau Palmer (P):

P:Wie weißt du, dass du eine Sechs bist?

T:Ja, es gibt viele Gründe. Aber einer ist wirklich der, wenn ich jemandem zuhöre, frage ich immer sehr schnell, was will der eigentlich? Nicht: was sagt der jetzt? Sondern: was will er eigentlich? Also ich versuche sehr schnell, hinter die Oberfläche zu sehen.

P:Worum gehts dem eigentlich wirklich? Was führt der im Schilde? Was ist sein Motiv?

T:Ja.

P:Und du sagst, das ist praktisch automatisch so?

T:Ja, es ist automatisch, aber ich bin es mir bewusst geworden.

P:Gefällt’s dir?

T:Eigentlich schon, ja. [lacht]

P:[lacht] Was gefällt dir denn daran, dass du einen so in Frage stellenden Verstand hast?

T:Hm ja, also wenn ich heute schaue, vor allem von der Wirtschaft her, diese vielen Verlogenheiten und diese einfach falschen Botschaften, die da gesendet werden, bin ich eigentlich stolz, dass ich dem nicht einfach erliege. [lacht]

P:[lacht] Keine Drei kann dir so leicht was verkaufen, he?

T:Nein. [lacht]

P:Du glaubst, du kannst die Werbung durchschauen. Du kannst die Oberfläche durchschauen.

T:Ein Stück weit, ja.

P:Das gibt dir als Resultat ein Gefühl der Sicherheit.

T:Ja, wahrscheinlich ist das ja die Absicht, dass ich nicht an der Nase herumgeführt werde und deshalb mich sicherer fühlen kann, weil ich merke, worum es wirklich geht.

P:Aber wie kann das dann ein Hindernis sein, wenn dir das doch Sicherheit vermittelt? Wie kann dieser in Frage stellende Verstand für dich ein Hindernis sein?

T:Es kann natürlich dazu führen, dass ich während des Hinterfragens gewisse Informationen gar nicht mitkriege.

P:[lachend] Die offensichtliche Information, das stimmt natürlich. Wir sind immer noch mit dem Hinterfragen beschäftigt.

T:Ja, die Aufmerksamkeit ist dann, was steckt dahinter? Und vielleicht projiziere ich dann was in den hinein, das gar nicht stimmt. [lacht]

P:Ich glaube, das ist sehr wahrscheinlich. [lacht] Vielleicht steht der nur da und sagt mir die Wahrheit. Kann ich das glauben? Ist das wirklich so? So was. Es macht manchmal das Vorankommen schwierig. Wir zögern dann Dinge hinaus und stellen immer noch in Frage. Schiebst du Sachen raus?

T:Oh ja. [lacht]

P:[lachend] Wollt’s nur so wissen mal. Wegen des Über-Analysierens?

T:Ja, und es ist auch eine Angst da, agieren zu müssen, bevor alles geklärt ist. Also ich ärgere mich immer fürchterlich an einem Trend, der heute sehr stark ist: dass man unbedingt agieren muss. Weil ich mach’s umgekehrt: Lieber denken und nicht agieren als vorschnell agieren.

P:[lacht] Aber nicht agieren ist auch eine Position. Sie hat Konsequenzen. Wenn ich etwas nicht tue, dann hat es auch Konsequenzen.

T:Leider, ja. [lacht]

P:[lachend] Ja, das ist uns aufgefallen, hm? Wenn es also um die spirituelle Frage jetzt geht, wie kommt der Zweifel in deine spirituelle Suche hinein?

T:Also da ist mir ein Bild aufgegangen, gestern. Ich stelle mir vor, wenn es heißt: „geht in euch“, ich bin ein U-Boot, und da ist ein Periskop, das schaut immer rum, und jetzt bringe ich das verdammte Periskop nicht rein. [lacht]

P:[lacht] Das hätte ich nicht schöner ausdrücken können. [lacht] Du kommst immer wieder in das Denken zurück. Du meditierst, und plötzlich bist du in deinem Denken drin.

T :Ja, und einfach die Tatsache, dass ich dieses Suchgerät nicht mehr habe und sozusagen blind da versinken soll, das macht sehr Angst. Da geht eine Alarmglocke hoch. [lacht]

P:William [William Meninger, der Co-Referent des Seminars] hatte ein Beispiel von Moses. [lacht] Man muss in das Meer bis zur Nase reingehen. [lacht] Du musst einfach drauf vertrauen, dass sich das Meer öffnen wird, wenn du einfach hingehst. So erscheint es einem aber manchmal nicht.

T:Ja, dieses Beispiel hat mich sehr getroffen.

P:Ja … mir ist das auch so gegangen. [lacht] Du zeigst uns auf sehr humorvolle Weise das Problem, das Instrument loszulassen, das dir soviel Sicherheit vermittelt. Wie hast du denn eine Möglichkeit gefunden, mit deinem spirituellen Leben fortzufahren, inmitten all dieses Hinterfragens?

T:Ja, also sehr weit bin ich da sicher noch nicht. Wobei das, was du vorher gesagt hast, also du hast direkt die Probleme angesprochen, die mich eigentlich beschäftigen.

P:Sag das doch bitte mal in deinen eigenen Worten. Was bedeutet es dir?

T:Eben es kamen immer wieder die Fragen, ja, eben, welche Methode? Wie kann ich unterscheiden, was ist Einbildung? Wo agiert jetzt der Typ? Wo kommt wirklich etwas aus dem Grund? Eigentlich diese stets kreisenden Fragen, die sind wirklich meine Fragen.

P:Sie sind auch meine, ganz offensichtlich. Ich will ja nichts erfinden und fälschlicherweise glauben, dass die Gnade mich betrifft. … Es geht darum, ob man es wert ist. Es ist schon in Ordnung, wenn man eine spirituelle Erfahrung macht. Es wird nicht unsern ganzen zweifelnden Verstand auseinandernehmen … So erscheint es uns nur manchmal.

T:Ja.

P:Jeder Typ geht den spirituellen Weg aus seiner eigenen Perspektive an. Ich will nicht projizieren, dass ich eine spirituelle Erfahrung habe, wenn es in Wirklichkeit nur mein Ego ist. Und du hast eine ähnliche Sorge. Aber sag uns, wie du auf dem Weg weiter fortgeschritten bist.

T:Na, ich kann nicht behaupten, dass ich hier schon weit fortgeschritten bin. Ich suche eigentlich immer noch den Eingang, [lachend] wenn man so sagen will … denjenigen, der eben, ja, sagen wir, der wenig Angst macht. Oder die Erlaubnis, irgendwie. [lacht]

P:Und was ist die Angst der Sechs, die dann aufsteigt und die die Tür sozusagen zumacht, den Eintritt verweigert?

T:Also … das habe ich relativ schmerzhaft festgestellt, dass ich immer darauf warte, bis ich irgendwoher die Erlaubnis kriege oder das Okay kriege: „Du kannst jetzt diesen Weg gehen.“

P:Deine eigene Autorität. Wo kann ich meine eigene Autorität finden, um auf dem Weg fortzuschreiten? Wie kann ich die Autorität finden, die es mir ermöglicht, meine eigene spirituelle Erfahrung zu glauben? Wir sind schrecklich gut darin, die Autorität der Kirche und alle anderen Autoritäten zu hinterfragen, das ist dir aufgefallen.

T:Ja.

P:Das gefällt dir, ne? [lacht]

T:[lacht]

P:Warum? Was gefällt dir daran?

T:Ja, ist doch schwer zu sagen. Also, vielleicht ist’s auch, dass, wenn jemand postuliert: „ich will jetzt das tun“, dann kommt ein sehr starker Widerstand. Also zum Beispiel, die Art, wie ein Einser redet, provoziert bei mir sehr schnell Widerstand. [lacht]

P:Das ist in Ordnung, du hast jetzt mich hier sitzen. [lacht] Es ist wahrscheinlich von allen neunen die antiautoritärste Position. Weil wir Angst vor der Autorität haben. Es fängt an, durch die Augen eines Kindes: Ich habe Angst vor den Menschen um mich herum.

T:Ja, aber da ist ein Widerspruch. Eben einerseits…

P:Aha! Die Sechs hat einen Widerspruch entdeckt! [lacht]

T:Einerseits habe ich gespürt, dass es natürlich sehr wichtig ist, beispielsweise im Beruf, dass mir der Chef sozusagen auf eine Art das Okay gibt: „Du kannst jetzt diesen Weg gehen.“ Da bin ich also offenbar sehr abhängig von der Autorität.

P:Richtig. Es ist eine ambivalente Beziehung zur Autorität. Das ist es, genau. Wir wollen das Imprimato haben, wir wollen, dass es in Ordnung ist, und wir widerstehen dem auch. Weil wir der Autorität dann doch nicht trauen. Egal, was die Autorität macht, es ist immer verkehrt. [lacht] Das ist der Schluss, den das Kind zieht. Aber wenn du mit der Aufmerksamkeit von der Autorität weg gehst und in deine eigene Erfahrung hineingehst – es ist dann schwierig, die eigene Autorität zu sein, für dich selbst. Und das ist es, glaube ich, was einen dann weiter bringt: Dass wir unseren eigenen Weg machen können und unseren eigenen Erfahrungen trauen. Wie hast du deine eigene Autorität gefunden?

T:[zögernd] Naja, das geht eigentlich stückweise oder in kleinen Schritten. Wobei, ich muss, ja, ich muss mich einfach wieder fragen hier, was ist hier eigentlich wichtig? Was ist vielleicht noch ein Eingang?

P:Es ist ein sehr tiefer Eingang für uns. Für einen anderen Typen ist das vielleicht gar nicht so großartig, aber für uns ist es ganz was Wichtiges: „Ich habe für mich selbst einen Weg gefunden, und ich kann alleine diesen Weg gehen. Nicht widerstehend und auch nicht Schutz suchend. Ich bin auf meinem eigenen Weg.“ Es ist sehr bewegend, nicht wahr?

T:Ja.

P:Vielen Dank.

Was passiert in diesem Gespräch eigentlich?

Frau Palmer beginnt das Interview schlicht und einfach mit der Frage: „Wie weißt du, dass du eine Sechs bist?“ Und Herr Taucher antwortet, es sei vor allem die ständige Suche nach einem verborgenen Motiv bei anderen Personen, die ihn dazu veranlasse, sich mit diesem Muster zu identifizieren. Die Frage, ob ihm dies gefalle, bejaht er. Allerdings enthält seine Antwort zugleich eine gewisse Relativierung („eigentlich“). Frau Palmer geht zunächst auf die positive Seite ein, doch ihre Formulierung nimmt die angedeutete Spannung auf: ‚Was ist für dich das Positive an einem solch kritischen, mitunter misstrauischen Verstand?‘ Es stellt sich heraus, dass Herr Taucher sein Misstrauen manchmal für durchaus berechtigt hält, z.B. wenn es darum geht, die suggestiven Methoden der Werbung zu durchschauen.

Nachdem also die positive Seite erst einmal festgehalten ist, wendet sich Frau Palmer der negativen Seite zu. Daraufhin angesprochen, fällt Herrn Taucher ein, dass sein Verstand vielleicht manchmal zu sehr darauf fokussiert ist, das verborgene Motiv des Gegenübers zu durchschauen, während er den eigentlichen Gehalt der Aussage („die offensichtliche Information“) überhört.

Frau Palmer bestätigt dies und gibt zugleich zu erkennen, dass auch sie selbst mit diesem Problem zu tun hat („wir“). Dabei lacht sie, und der Teilnehmer stimmt in dieses selbstironische Lachen ein. Selbstironisch klingt es auch, wenn Frau Palmer es als unwahrscheinlichen Ausnahmefall („vielleicht“) annimmt, dass jemand einfach „nur“ die Wahrheit sagt.

Frau Palmer ergänzt dann das Bild, indem sie eine weitere negative Konsequenz übertriebenen Misstrauens nennt: das „Zögern“. Sie vergewissert sich zunächst, ob auch ihr Gesprächspartner mit dem Problem des Zögerns vertraut ist, was dieser lachend bejaht. Wieder gewinnt das Gespräch einen selbstironischen Klang, wenn Herr Taucher sein Motto ‚zum Besten gibt‘: „Lieber denken und nicht agieren als vorschnell agieren.“ Ob ihm dabei bewusst ist, dass die Handlungen „nicht agieren“ und „vorschnell agieren“ keine sinnvolle Alternative darstellen? Der Referentin jedenfalls scheint die Komik nicht entgangen zu sein, was sie mit einem weiteren Lachen quittiert, bevor sie Herrn Tauchers Schein-Alternative auch sachlich entkräftet: „nicht agieren ist auch eine Position“.

Was in dieser Sequenz herausgearbeitet worden ist, ist die innere Ambivalenz des zweifelnden Verstandes: Positiv ist die Immunität gegen manipulative Suggestion, negativ ist dagegen die Einschränkung der Wahrnehmungs- und Handlungsfähigkeit.

Nachdem dieses Zwischenergebnis erreicht ist, geht Frau Palmer dazu über, die spirituelle Dimension dieser Ambivalenz anzusprechen. Sie benennt das Thema, das sich im bisherigen Gesprächsverlauf immer deutlicher als das spirituelle Problem des Teilnehmers herauskristallisiert hat: die Suche nach der eigenen Autorität. Sein Misstrauen ist so stark, dass es auch vor der eigenen Person nicht halt macht und sogar die eigene spirituelle Erfahrung in Frage stellt. Autorität zu hinterfragen, ist nicht grundsätzlich unangemessen – im Gegenteil: Man kann sich in der skeptischen Rolle des advocatus diaboli geradezu „gefallen“, wie die Referentin meint – und wie Herr Taucher bestätigt. Damit ist wieder zunächst die positive Seite der Ambivalenz zum Ausdruck gekommen. Auch in spiritueller Hinsicht, so zeigt sich, gibt es Fälle, in denen das Misstrauen durchaus angemessen ist, beispielsweise wenn es um den Machtanspruch geht, der oft mit Autorität verbunden ist und der sich für Herrn Taucher exemplarisch in der Redeweise der (rechthaberischen) Eins manifestiert.

Es folgt eine kurze humorvolle Zwischensequenz. Frau Palmer beruhigt ihren Gesprächspartner, indem sie darauf hinweist, dass er im Moment nichts derartiges zu befürchten habe, da er ihr, Helen Palmer, gegenübersitze (und nicht etwa einem Vertreter von Typ Eins). Diese Auflockerung fördert das gegenseitige Vertrauen der Gesprächspartner und schafft damit die Voraussetzung dafür, dass nun auch die problematische Seite des Zweifels benannt werden kann. Frau Palmer führt die bei Typ Sechs zu beobachtende antiautoritäre Haltung auf eine früh erworbene Angst zurück.

Daraufhin bemerkt Herr Taucher einen „Widerspruch“. (Bevor er dazu kommt, ihn zu beschreiben, wird er von Frau Palmer mit einer weiteren humorvollen Zwischenbemerkung unterbrochen. Als hätte sie nur darauf gewartet, kennzeichnet sie gerade dieses Aufspüren von Widersprüchen als ein typspezifisches Verhaltensmuster der zweifelnden Sechs.) Doch Herr Taucher ist nun ‚in Fahrt gekommen‘ und lässt sich nicht irritieren. Er fährt fort, den entdeckten Widerspruch zu entwickeln: „Einerseits“ erkennt er bei sich selbst eine Abhängigkeit von Autorität, wofür er als Beispiel das Verhältnis zu seinem Chef anführt. Zu dem Punkt ‚andererseits‘ kommt er dann jedoch nicht mehr, da er vorher erneut von Frau Palmer unterbrochen wird, die nun ihr Fazit zieht: Das unterschwellige Thema ihres Gesprächspartners ist für sie eine „ambivalente Beziehung zur Autorität“, die durch die Spannung von Abhängigkeit und Selbständigkeit gekennzeichnet ist.

Die von Herrn Taucher repräsentierte typspezifische Ambivalenz ist im Verlauf der analysierten Passage also als eine Spannung zwischen Abhängigkeit von und gleichzeitigem Widerstand gegen Autorität sichtbar geworden. Dabei hat der kritische Widerstand in manchen Fällen durchaus sein gutes Recht; zu einem spirituellen Problem wird er jedoch, da Herr Taucher nicht nur anderen Autoritätsfiguren widersteht, sondern zugleich seiner eigenen Autorität, ja, sogar der eigenen spirituellen Erfahrung misstraut.

Indem Frau Palmer diese Ambivalenz gemeinsam mit ihrem Gesprächspartner herausgearbeitet hat, ist deutlich geworden, dass Herrn Taucher die Wirklichkeit zum Teil sehr verzerrt wahrnimmt. Seine Perspektive – oder, wie die Erziehungswissenschaftler sagen: sein Deutungsmuster – offenbart hier eine „Bruchstelle“, die im pädagogischen Prozess ausfindig zu machen ist, wenn das Angebot zum Umlernen akzeptiert werden soll. Nur wenn der Teilnehmer erkennt, dass es nicht so weitergeht wie bisher, wird er bereit sein, seine Sichtweise in Frage zu stellen und wirklich nach Alternativen zu suchen. Das Herausarbeiten von Ambivalenzen kann also als eine Art pädagogische Gesprächstechnik bezeichnet werden, die Frau Palmer anwendet, um die Perspektive ihres Gesprächspartners zu ‚öffnen‘ und ein Umdenken einzuleiten.

„Ambivalenzdarstellung“ – so könnte man die herausgearbeitete Gesprächstechnik kurz und bündig nennen. Es gibt noch andere pädagogische Gesprächstechniken, die in den Podiumsinterviews immer wieder zu beobachten sind. Dazu gehört etwa die Interaktionsfigur „Geständnis und Solidarisierung“. Auf Herrn Tauchers Aussage etwa, das Bild des im Meer versinkenden Mose habe ihn „sehr getroffen“, bekennt Frau Palmer, ihr selbst sei „das auch so gegangen“. Und als Herr Taucher gesteht, die zuvor von der Referentin angesprochene tiefe Unsicherheit in der Unterscheidung zwischen eingebildeter und realer Spiritualität sei auch bei ihm besonders ausgeprägt („diese stets kreisenden Fragen, die sind wirklich meine Fragen“), bekennt die Pädagogin sich noch einmal persönlich zu diesem Problem („sie sind auch meine“). Die Referentin zeigt damit an, dass die Probleme, die sie in ihren Interviews erörtert, grundsätzlich auch ihr selbst nicht fremd sind. Sie tritt nicht distanziert als professionelle Erwachsenenbildnerin auf, sondern verkörpert und veranschaulicht selbst die Themen, um die es hier geht. Es handelt sich dabei um eine vertrauenbildende Maßnahme, die die Teilnehmenden darin unterstützen soll, sich selbst zu erforschen und zu ‚outen‘.

Weitere pädagogische Gesprächsfiguren finden sich weniger in dem Interview mit Herrn Taucher als in anderen Dialogen: „Karikierende Überzeichnungen“ zum Beispiel, oder „Identifikationsangebote“. Mit all diesen Techniken verfolgt Frau Palmer das Ziel, die festgefahrenen oder verzerrten Perspektiven der Teilnehmenden zu lockern und ihren Horizont zu erweitern. Dabei wirft sie ihren Gesprächspartnern normalerweise nicht einfach an den Kopf, dass sie etwas falsch sehen und wie die Dinge wirklich sind. Vielmehr bringt sie die Teilnehmenden dazu, von sich aus zu neuen Einsichten zu gelangen. In der Erziehungswissenschaft wird solches Vorgehen als „Mäeutik“ (= Hebammenkunst) bezeichnet: Die Pädagogin bringt das Neue nicht selbst hervor, sondern sie erspürt die Erkenntnisse, mit denen der Lernende gewissermaßen ‚schwanger geht‘, und hilft dabei, diese Einsichten zu ‚entbinden‘.

Nicht dass die Wirkung der Podiumsinterviews allein auf die – grundsätzlich auch von anderen erlernbare – Hebammenkunst zurückzuführen ist. Ganz sicher spielt daneben auch Palmers persönliche Ausstrahlung eine wichtige Rolle. Doch mir ist folgendes aufgefallen: Die Interviews, in denen die Referentin nicht so sehr mäeutisch vorgegangen ist wie in dem Gespräch mit Herrn Taucher, sondern ihre Deutungen in stärkerem Maße selbst präsentiert hat – also stellvertretend für ihre Gesprächspartner – diese Interviews liefen zum Teil deutlich weniger gut als das hier vorgestellte Gespräch. Manche dieser Gespräche gerieten bald ins Stocken oder man redete aneinander vorbei. Insofern liegt das Erfolgsgeheimnis der „mündlichen Tradition“ jedenfalls nicht nur in dem persönlichen Charisma von Helen Palmer, sondern zu einem guten Teil in einer präzise beschreibbaren pädagogischen Technik – eine ermutigende Erkenntnis für all diejenigen, die auf ähnliche Weise erwachsenenbildnerisch tätig sind.

Johannes Bartels ist Vikar in Leipzig.

[aus: EnneaForum 22, November 2002, S. 8-11

Aus EnneaForum (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930