Moral als lebenspraktische Anleitung zur spirituellen Entwicklung

von Jürgen Gündel

Mein Ausgangspunkt

Die meisten religiösen und spirituellen Schulen, so auch das Christentum und der Buddhismus, verbinden ihre Vorstellung von spiritueller Entfaltung und Erleuchtung mit einer Anleitung zur moralischen Lebensführung, ohne die Spiritualität letztlich nicht möglich sei, weil wir Menschen sonst unseren (wie wir es nennen würden) „emotionalen Fixierungen“ so ausgesetzt sind, dass wir einander bis in die Ewigkeit immer wieder die persönlichkeitsspezifischen Knöpfe so drücken, dass an eine Weiterentwicklung über die Persönlichkeit hinaus nicht mehr zu denken ist.

Es ist dabei oft die Tragik gerade derjenigen Systeme und Einzelpersonen, die uns zu Recht auf die Notwendigkeit der moralischen Lebensführung hinweisen, dass sie Moral dabei von dem tieferen Sinn der Hinführung zur Erleuchtung völlig abhängen, zum Selbstzweck erklären und damit zur moralinsauren Rechthaberei verkommen lassen. Das Enneagramm hilft hier zu relativieren. Es macht deutlich, dass bestimmte Typen und Schulen, zum Beispiel Typ-Nr.-1-orientierte, aufgrund ihrer typspezifischen Verzerrungen mehr zum Moralaposteltum neigen als andere. Es wäre zwar für uns andere gut und wichtig zu hören, was sie predigen, sie selbst jedoch sollten ihren eigenen Worten keinen allzu großen Wert beimessen, weil sie auf dem Hintergrund ihrer typspezifischen Verzerrungen entstanden sind.

In einem erweiterten Sinne gilt das aber für alle Typen. Jeder scheint der Welt und sich selbst einen spezifischen moralischen Imperativ zu vermitteln.

„Gut bist du dann und nur dann, wenn du …

korrekt bist (Eins)

hilfreich bist (Zwei)

erfolgreich bist (Drei)

tiefschürfend bist (Vier)

weise bist (Fünf)

loyal bist (Sechs)

glücklich bist (Sieben)

stark und gerecht bist (Acht)

harmonisch bist (Neun)“.

Im Konzert der neun Typen gesehen entsteht so ein ganzer, umfassender Katalog für rechte Lebensführung. Das Problem der einzelnen Typen ist jedoch, dass sie die gleichzeitig bei ihnen existierende gegenteilige Wahrheit als nicht existent verdrängen.

„Ich darf nicht sein also bin ich nicht ..

triebhaft (Eins)

bedürftig (Zwei)

erfolglos (Drei)

normal und oberflächlich (Vier)

leer und dumm (Fünf)

illoyal und gefährlich (Sechs)

unglücklich (Sieben)

schwach und ungerecht (Acht)

zornig und konfliktproduzierend (Neun)“.

Solange dieses Gegenteil, mein Schatten, was ich auch bin aber nicht sein will, von mir verdrängt wird, habe ich die Tendenz, es auf andere zu projizieren.

„Nicht etwa ich, sondern die anderen sind …

fehlerhaft und triebbestimmt (Eins)

bedürftig (Zwei)

flops (Drei)

oberflächlich (Vier)

leere Flaschen (Fünf)

illoyal und gefährlich (Sechs)

zu dunkel, ängstlich und depressiv (Sieben)

entweder Schwächlinge oder Bösewichte (Acht)

viel zu aufgeregt (Neun)“.

Durch die Verdrängung des gleichzeitig bei mir existierenden Gegenteils wird mein moralischer Fingerzeig an die Welt unglaubwürdig. Ich sollte mir nicht glauben, was ich der Welt moralisch sagen möchte, solange ich nicht die verdrängten Inhalte bei mir anerkenne. Das Enneagramm öffnet mich nun allerdings dafür, dass es neben meiner eigenen Moral mindestens acht weitere „Moralen“ gibt, die ich zur Kenntnis nehmen sollte.

Ein Vergleich mit buddhistischen Strömungen

Menschen sollten eine moralische Lebensführung praktizieren, wenn sie sich spirituell entwickeln wollen:

In meiner Erfahrungswelt der letzten Jahre wurde dies am spezifischsten von „Falun Gong“, einer chinesischen Meditationsbewegung mit buddhistischem und taoistischem Hintergrund mit ihrem Begründer Li Hongzhi ausgedrückt. Die Praktizierenden werden dabei aufgefordert, nicht nur (Bewegungs-) Meditationsübungen zu vollziehen, sondern im täglichen Leben immer wieder die als kosmische Grundeigenschaften gesehenen Qualitäten zu praktizieren:

Zhen: Wahrhaftigkeit

Shan: Barmherzigkeit, liebevolles Herz

Ren: Ertragen von Ungerechtigkeit und Üben von Nachsicht

Ohne das würden die Meditationsübungen einfach auf der Ebene der „Gymnastik“ landen. Das Praktizieren dieser moralischen Qualitäten führe zu einer spirituellen Entwicklung auf höhere Ebenen, die ohne das nicht erreicht werden könnten.

Ich habe in dieser Schule nicht weiter praktiziert, weil ihnen als „Typ 1“-Schule ein gewisses Maß an missionarischem Eifer des „wir haben den einzig richtigen Weg“ anhaftet, der mir nicht eignet.

Festhalten will ich dagegen an ihrem Grundgedanken, dass der Versuch spiritueller Entwicklungen ohne eine moralische Praxis nirgendwohin führt.

Dieses Prinzip finden wir in den Grundelementen des Buddhismus allerdings auch ohne den Exklusivitätsanspruch des „einzig richtigen Weges“ wieder. Hier zunächst die Grundprinzipien („die vier edlen Wahrheiten“) des Buddhismus:

1. Es gibt Leid im Leben.

2. Es entsteht durch Begierde/Durst/sich anklammern/Egoismus.

3. Die Befreiung von Leid ist möglich.

4. Der Weg dazu wird gezeigt im sogenannten „achtfachen Pfad zum rechten Leben“.

Der „achtfache Pfad“ besteht auf das Praktizieren folgender Elemente:

1. Rechte Ansicht/Einsicht: Unter anderem sollen die Dinge ohne persönliche Voreingenommenheiten so gesehen werden wie sie wirklich sind.

2. Rechtes Motiv/ rechte Gesinnung: Ich sollte mir und anderen gegenüber wahrhaftig über meine wahren Motive sein.

3. Rechte Rede: Ich sollte mich der Lüge, der Täuschung und auch unnötigen Geplappers enthalten (hier erhalten wir einen Hinweis auf die Notwendigkeit, Typ-3-Verhalten gegenzuhalten).

4. Rechtes Tun: Hierzu gehört das Praktizieren der fünf Sittenregeln: nicht töten, nicht stehlen, kein unerlaubter Sex, keine Rausch-/Suchtmittel, daraus abgeleitet Hunderte von Sub-Regeln, wobei die Befolgung der letzteren in vielen Lehrgeschichten immer wieder aus dem sklavischen Anhaften an einzelnen Vorschriften herausgelöst und in den größeren Sinnzusammenhang der spirituellen Entwicklung gesetzt wird.

5. Rechter Lebensunterhalt: Dazu gehören: kein Handel mit todbringenden Waffen, kein Töten von Tieren (Handel mit Schlachttieren), kein Handel mit Sucht-/Rauschmitteln, kein Geld verdienen durch Betrug und Schädigung, keine Berufe, die den fünf Sittenregeln zuwider laufen.

6. Rechte Anstrengung: Hierzu gehört das Einüben der vier Eigenschaften „loving kindness“ (Wohlwollen, Güte, unbegrenzte Liebe), Mitgefühl, Mitfreude, Gleichmut/Ertragen von Unangenehmem.

7. Rechte Achtsamkeit

8. Rechte Konzentration/rechte Meditation: Hier geht es um die Entwicklung der Fähigkeit zur punktgenauen Konzentration, und es müssen die „Fünf Geistesgifte“ bewältigt werden, da sie sich dabei als Konzentrationshemmer auswirken:

1. sinnliche Begierden (vgl. Acht)

2. Groll/Haß (vgl. Eins, Acht)

3. Stumpfheit/Trägheit (vgl. Neun)

4. Aufgeregtheit und Gewissensunruhe

5. Zweifelsucht (vgl. Sechs)

Wichtig ist mir insbesondere, dass diese moralischen Anweisungen nicht für sich selbst stehen, sondern instrumentell für die spirituelle Entwicklung, die Überwindung der Persönlichkeit mit dem Ziel der Erleuchtung gesehen werden. Es werden dadurch also verschiedene Ebenen und Tiefen der Erleuchtung erreicht.

Die Metamoralität des Enneagramms

Über die eingangs erwähnte Relativierung der moralischen Haltung hinaus scheint das Enneagramm vordergründig keine eigene Aufforderung zu moralischer Lebensführung zu beinhalten. Bei genauerem Hinsehen erweist sich jedoch im Material selbst und in unserem Umgang mit dem Enneagramm, dass es sehr wohl zu spezifischen, moralisch-technischen Praktiken auffordert, die der Überwindung der Persönlichkeitsfixierung dienen.

Hier eine kondensierte Fassung davon:

1. Lass dein typspezifisches Verhalten nicht einfach ablaufen, sondern stoppe es. Dieses Abstoppen des Verhaltens, das die deine typspezifische Leidenschaft nahelegt, wird dir Unbehangen bereiten, weil dir dadurch deine Leidenschaft schmerzhaft bewusst wird. Es gilt, dieses Unbehagen zu ertragen. Insbesondere in einem zwischenmenschlichen Konflikt wird dein typspezifisches Verhalten ohnehin von dem ebenfalls fixierten Partner unterbrochen. Dann gilt das gleiche: Handle nicht deinem Typus entsprechend, sondern stoppe diese Handlungstendenz, tue das Gegenteil und ertrage das dabei aufkommende unwohle Gefühl. (Für Typ Neun heiß das aber: handle!)

2. Sei diesem Gefühl gegenüber wahrhaftig. Nimm es mit all deiner Aufmerksamkeit und Konzentration wahr. Frage dich, was ist jetzt wirklich wahr in mir, was ist wirklich wahr über den anderen. Bereits durch die ungeteilte Aufmerksamkeit auf das körperlich wahrnehmbare unwohle Gefühl wird es sich verändern, transformieren. Es muss und wird dir seine tiefere Wahrheit enthüllen. Diese Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber sie führt dich heraus aus der Verstrickung, etwas getan zu haben, worauf der andere reagiert, worauf du reagierst, worauf der andere … .

3. Versuche nun, dich in den anderen hineinzuversetzen. Für die mentalen Typen ist das zunächst ein mentaler Vorgang, der Versuch, die Welt durch die Augen des Partners zu sehen. Eigentlich geht es hier um eine Herzqualität, nämlich darum, Empathie, Mitgefühl mit dem anderen zu entwickeln.

In dieser Weise sind die buddhistischen moralischen Forderungen, nämlich nach Wahrhaftigkeit (Punkt 1 und 2 des achtfachen Pfades), Aushalten des Unangenehmen (Ertragen, Gleichmut, Punkt 6), Entwicklung der Fähigkeit zur punktgenauen Konzentration, Anwendung auf das unwohle Gefühl (Punkt 7 und 8) und Mitgefühl (wieder Punkt 6) in unserer Handhabung der Enneagrammlehre wieder erhalten. Zusätzliche Freude macht es, dass der Buddhismus einige der uns bekannten „Leidenschaften“ im achtfachen Pfad benannt hat und das schon seit 3500 Jahren.

Dieser Artikel ist eine revidierte Zusammenfassung eines Vortrags von Jürgen Gündel beim Lehrertag 2001 in Ritschweier. Erstmals ist er erschienen im Rundbrief des EMT, August 2001. Wir bedanken uns herzlich für die Abdruckgenehmigung.

Wir empfehlen Ihnen einen Blick auf die Internetseiten des Enneagrammportals.

[aus: EnneaForum 22, November 2002, S. 18-19

Aus EnneaForum (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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