Ausgefuchster Kenner des Enneagramms

Frühes Enneagramm-Buch entdeckt

von Wolfram Göpfert

Was Enneagramm-Experten bisher nur hinter vorgehaltener Hand zu flüstern wagten, kann ich in diesem Forum jetzt offen äußern: „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupéry ist eines der frühesten Enneagramm-Bücher.

Erste Entdeckungen

Schon der äußere Eindruck weist darauf hin: Der schmale Band schmeichelt die Hand des Enneagramm-Typs Vier, die Vielzahl der kindgerechten Bilder lässt den Typ Sieben auf seine Kosten kommen, der tiefgreifende Inhalt weckt die intellektuelle Neugier der Fünf, und sogar die Neun findet eine echte Herausforderung darin, sich die Mühe zu geben, den Namen des Autors korrekt auszusprechen.

Im ganzen Werk sind eindeutig die grundlegenden Elemente des Enneagramms wiedergegeben. So finden sich die Triaden des Enneagramms in verschiedenen Abschnitten: Das Kapitel über die Gefährlichkeit der Affenbrotbäume befasst sich offenkundig mit dem Grundbedürfnis nach Sicherheit, das Auftreten des Fuchses geschieht ohne Zweifel im Rahmen des Grundbedürfnisses nach Zugehörigkeit und Abstand und die Ausführungen über die Rose sind klar dem Grundbedürfnis nach einem reichen Gefühlsleben zuzuordnen.

Systematik

Bei einer derartigen Frühwerk des Enneagramms kann der geneigte Leser nicht erwarten, dass der Autor schon alle neun Enneagramm-Muster – noch dazu in der uns geläufigen Reihenfolge – eindeutig abhandelt. Gleichwohl lässt sich leicht folgendes erkennen:

Der Besuch des kleinen Prinzen beim König dürfte einer Acht gelten. Beim Eitlen trifft er wohl auf eine Vier. Der Säufer ist nach den Maßstäben des Enneagramms nicht leicht einzuordnen, möglicherweise handelt es sich um einen Vertreter des Musters Neun. Hingegen können wir wohl ohne Zweifel den Geschäftsmann dem Typ Drei zumessen. Der Laternenanzünder erscheint mutmaßlich als Sechs, der Forscher ist schon von der gewohnten Diktion des Enneagramms her als Fünf zu erkennen. Beim Weichensteller wird es ein bißchen schwierig, aber eine Zuordnung zum Muster Sieben erscheint jedenfalls nicht ganz abwegig. Den Händler schließlich, der noch übrig bleibenden Eins zuzuordnen dürfte fast als gewagt zu charakterisieren sein. Wenn man die Schlange dem Typ Zwei zurechnet, so besteht die Gefahr, dass diese Meinung zwar als vertretbar, aber auch als nicht unumstritten bezeichnet wird.

Integration und Desintegration

Beachtenswert sind auch erste Ansätze des Autors zu den Gesichtspunkten der „Pfeile“ im Enneagramm: Ausgehend von der vorstehenden Klassifizierung besucht der Kleine Prinz direkt nacheinander die Typen Neun, Drei und Sechs, er durchläuft also die Richtung der Integrationslinien des „inneren Dreiecks“ im Enneagramm. Ebenfalls lassen sich „Pfeilelemente“ im Sinne des Enneagramms in der oben aufgeführten Klassifizierung insoweit erkennen, als die Muster Fünf und Sieben sowie Zwei und Acht in der uns geläufigen Reihenfolge der Desintegrationslinien aufgesucht werden. Der Kleine Prinz scheint also auch nicht ganz frei von negativen Entwicklungstendenzen zu sein.

Selbst die „Flügeltheorie“ des Enneagramms kommt im Werk von Saint-Exupéry vor, wenngleich eher verschleiert in der mehrfachen Erwähnung des Flugzeuges. Schließlich ist auch der Kreisbogen des Enneagramms angesprochen: Der Kleine Prinz kehrt dorthin zurück, wo er her kam, zu seinem – runden – Planeten.

Weitere Forschung nötig

Falls einer der Leser dieser Buchbesprechung sich von den Schafen angesprochen fühlt, so ist eine entsprechende Meinungsäußerung – wie stets – willkommen, gleiches gilt für die Tiger und die Elefanten und alle sonstigen „Figuren“, deren sich Saint-Exupéry bedient.

Fazit

Der Kleine Prinz sollte für alle, die sich für das Enneagramm begeistern können, als Pflichtlektüre gelten, möglichst im französischen Original. Denn erst dort erschließt sich die wahre sprachliche Schönheit, wenn Saint-Exupéry statt auf Deutsch „Zähme mich“ den Fuchs sprachlich melodiös bitten lässt: „Apprivoise-moi“.

Ohne Zweifel war Saint-Exupéry ein ausgefuchster Kenner des Enneagramms.

Ein Schelm, der Böses dabei denkt …

Antoine de Saint-Exupéry
Der kleine Prinz
Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 1956
93 Seiten

Wolfram Göpfert, Juli 2001

[aus: EnneaForum 22, November 2002, S. 17

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