Die Frau neben dem Brunnen

Saki Santorelli

Es gibt eine alte keltische Sage von den fünf Söhnen des irischen Königs Eochaid. Der Sage nach gingen die Söhne zur Jagd und verirrten sich. Unfähig, den Weg aus dem Wald zu finden, wurden sie zunehmend durstiger Also machte sich einer nach dem anderen auf, um nach Wasser zu suchen. Fergus war der erste der Söhne, der losging Nach einiger Zeit fand er einen Brunnen und ging auf ihn zu. Allerdings fand er dort eine alte Frau, die die Quelle der Erfrischung bewachte. In seinem Buch Der Heros in Tausend Gestalten beschreibt Joseph Campbell diese Frau folgendermaßen:

Schwärzer als Kohle war jedes Glied und jeder Teil von ihr, vom Scheitel bis zur Sohle; dem Schwanz eines wilden Rosses vergleichbar die graue, strähnige Haarmasse, die aus dem oberen Teil ihrer Kopfhaut hervorwuchs; mit der Sichel eines grünlich anzusehenden Zahnes, der in ihrem Kopf saß und sich bis zum Ohr herumbog, konnte sie den grünen Zweig einer erwachsenen Eiche herunterziehen; geschwärzte und vom Rauch getrübte Augen hatte sie; die Nase schief und mit weiten Nüstern; einen faltigen und gefleckten Bauch, vielfach unnatürlich; krumme, schiefe Beine, geziert mit massigen Knöcheln und einem paar gewaltigen Schaufeln daran, knotige Beine hatte sie und aschfarbene Nägel.

Als Fergus vor ihr stand, gab er nur den Kommentar ab: So ist es, nicht wahr? Die schreckliche Frau antwortete: Das ist wahr. Dann fragte er sie, ob sie tatsächlich die Quelle bewache. Du tue ich, war alles, was sie sagte. Dann fragte er sie, ob er ein wenig Wasser fortnehmen dürfte, und sie war ihm gefällig, Aber zuerst gab es noch eine Vereinbarung zu erfüllen. Um das Wasser, die nährende Substanz aus der Quelle zu bekommen, musste Fergus sie küssen. Er lehnte geradeheraus ab, und sagte in unmißverständlichen Worten, dass er eher sterben würde, als der Dame einen Kuss zu geben, und dann ging er weg. Einer nach dem anderen begaben sich drei weitere Brüder auf denselben Weg wie Fergus. Jeder von ihnen fand den Brunnen. Jeder von ihnen weigerte sich, die Frau zu küssen, die ihn bewachte. Jeder gelobte, eher zu sterben, als in Kontakt mit der grauenerregenden Erscheinung vor ihm zu treten. Jeder wandte sich ab.

Schließlich nahm der fünfte Bruder mit Namen Niall die Suche auf. Er fand den Brunnen, begegnete der Frau, und als er die Bedingungen des Handels hörte, stimmte er ohne zu zögern zu, sie nicht nur zu küssen, sondern auch zu umarmen. Als er das bereitwillig getan hatte, verwandelte sich die Hüterin der Quelle direkt vor seinen Augen von einem hässlichen Weib in eine wunderschöne Frau. Der Geschichte nach beschrieb Niall, der über alle Maßen geblendet war, die Frau vor ihm als eine Milchstraße von Zaubern. Worauf sie nur entgegnete: Ja, das stimmt. Als er sie fragte, wer sie sei, offenbarte sie sich: Königin von Tara! Ich bin die Königliche Macht.

Sie stand in ihrer Fülle und ihrer wahren Natur da und bat Niall, sein Wasser zu nehmen und zu seinen Brüdern zurückzugehen. Bevor er sie verließ, segnete sie ihn , auf dass er mit dem Königreich und den höchsten Kräften gesegnet sei. Die große Dame wies außerdem darauf hin, dass Niall sich, obgleich er sie zuerst als hässlich und verzerrt gesehen habe, im Gegensatz zu seinen Brüdern von seinem tiefen und sanften Herzen leiten ließ und ihr liebevolle Güte entgegenbrachte anstatt Ekel. Das allein, erklärte sie, sei die königliche Macht: Dem Ungewollten mit Güte und Liebe zu begegnen, anstarr mit grober Ablehnung oder Verwünschungen.

Wenn wir mit unserer Reise zu der verbundenen Stelle in uns beginnen, dann kann uns diese Geschichte viel Führung bieten. Sie lädt uns ein, das zu sehen, was vor uns liegt. Tiefen Kontakt zu dem Ungewollten herzustellen, unsere Herzen in unserer eigenen Geschwindigkeit zu öffnen und mit Sanftheil vorzugehen anstatt mit der Absicht, zu leugnen, zurückzuweisen oder zu zerstören. Wie die Geschichte zeigt, wird uns jede andere Vorgehensweise durstig zurücklassen. Wir werden dann fest von Konzepten, Ideen, Ansichten und Meinungen festgehalten und sind nicht in der Lage, uns in das weitem Territorium des Seins hineinzubegeben. Es ist sehr viel Traurigkeit und Trauer damit verbunden, wenn wir unser Leben auf diese Weise leben. Nehmen Sie wahr, dass die anderen Brüder für ihre mangelnde Bereitschaft, das Ungewollte zu küssen, nicht verflucht, herabgesetzt oder bestraft wurden. Statt dessen blieben sie einfach nur durstig. Ausgedörrt. Hart und trocken. Da sie nicht bereit waren, die Hüterin der Quelle zu umarmen, sich mit dem Ungewollten in sich zu konfrontieren, ihm zu begegnen und mit ihm zu arbeiten, bekamen sie keine Nahrung.

Es gibt mehr als genug Wasser für uns alle. Die Geschichte zeigt uns einen Weg voranzugehen, einen Weg, um ohne Selbsthass oder lähmende Angst in die verbundene Stelle hineinzugehen. Zuerst ist es erschreckend, den Bereich unserer zerbrochenen oder ungewollten Stellen zu betreten. Später entdecken wir durch Unsere Bereitschaft, mit Sorgfalt vorzugehen, darin vielleicht eine unerschöpfliche Lebensquelle.

[aus: EnneaForum 22, November 2002, S. 29-30

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