Kinder fragen – Lernen mit Hand, Herz und Kopf

Im Rahmen einer Tagung zum Thema „Die Würde des kleinen Kindes“ verlas der Pädagoge Christopher Clouder das folgende Gedicht von Louis Mac Neice.
Das Recht auf eine unversehrte Kindheit wird von keinem vernünftig denkenden Erwachsenen in Frage gestellt. Doch leben viele Kinder heute in einer Welt, in der ein gesundes, glückliches Aufwachsen gefährdet ist, wie das Gedicht zeigt. Versuchen wir, unseren Kindern Würde und Achtung zu erhalten.

Prayer Before Birth (Vorgeburtliches Gebet)
I am not yet born; console me.
I fear that the human race may with tall walls wall me,
With strong drugs dope me, with wise lies lure me,
On black rackcs rack me, in blood baths roll me.

I am not yet born; forgive me.
For the sins that in me the world shall commit, the words
When they speak me, my thoughts when they think me,
My treason engendered by traitors beyond me,
My life when they murder by means of my
Hands, my death when they live me.

I am not yet born. O fill me
With strength against those who would freeze my
Humanity, would dragoon me into a lethal automaton,
Would make me a cog in a machine, a thing with
One face, a thing, and against all those
Who would dissipate my entirety, would
Blow me like thistledown hither and
Thither or hither and thither
Like water held in the
Hands would spill me.
Let them not make me a stone and let them not spill me.
Otherwise kill me.

( Ich bin noch nicht geboren; tröste mich.
Ich fürchte, dass die Menschen mich mit hohen Mauern umgeben,
mit starken Drogen betäuben, mich mit klugen Lügen betören,
mich auf Folterbänken foltern, mich in Blutbädern rollen werden.
Ich bin noch nicht geboren; vergib mir.
Die Sünden, die die Welt in meinem Namen begehen wird, die Worte
wenn sie mich sprechen, meine Gedanken, wenn sie mich denken,
meinen Verrat, ausgeführt von Verrätern, die klüger sind als ich,
mein Leben, wenn sie mich ermorden mit meinen eigenen
Händen, meinen Tod, wenn sie mich leben.
Ich bin noch nicht geboren. Oh, erfülle mich
Mit Stärke gegen die, die danach trachten, meine
Menschlichkeit zu erfrieren, mich zum tödlichen Automaten zu machen,
zum Zahnrad in einer Maschine, zu einem Ding mit
einem Gesicht, einem Ding, und gegen all die,
die meine Ganzheit zersplittern wollen, die mich
wie Watte pusten wollen, hin und
her und hin und her, die
wie in der Hand gehaltenes Wasser
mich verrinnen lassen wollen.
Lass nicht zu, dass sie mich zum Stein machen und dass sie mich verrinnen lassen.
Andernfalls töte mich.)

Das Enneagramm als Hilfe in der Vorschulpädagogik

Die Qualität der Vorschulerziehung und Schulbildung ist seit der Pisa-Studie in aller Munde. Betrachtet man politische Bildungskonzepte, Lerninhalte verschiedener Schulen und dann die Realität, in der viele Kinder und Jugendliche heute leben, so kommt einem der Gedanke, dass Bildung insbesondere für die jüngeren Kinder möglichst wenig kosten soll. Die Individualität des Kindes zu beachten, das heißt seine speziellen Begabungen und Fähigkeiten zu fördern, scheint nur bedingt möglich. Sie müssen dem Durchschnitt entsprechen. Was aber soll Bildung in der früheren Kindheit eigentlich vermitteln?
Prof. Tassilo Knauf von der Universität Duisburg formulierte es anlässlich einer Tagung frei nach Antoine de St. Exuperie sinngemäß folgendermaßen:

Kinder brauchen Wurzeln. Diese stehen für:

  • Verlässliche Beziehungen, Wärme und Geborgenheit
  • Interesse und aktive Engagiertheit der Bezugspersonen in einer intensiven Beziehung
  • Vertaute Räume und Gegenstände
  • Orientierung gebende Regeln und Rituale eingebettet in wiederkehrende Rhythmen
  • Werte
    Kinder brauchen Flügel; diese stehen für:
  • Höhepunkte, Ausnahmesituationen
  • Erleben von Glück und Stolz durch Erfolg u. Anerkennung
  • Herausforderungen und Anforderungen
  • Identität, die sich entsprechend der Begabungen und Fähigkeiten entwickeln darf.

Dann, so Knauf, werden Kinder bereitwillig und mit Freude lernen, was sie für ihren Weg brauchen.
Nicht alle Kinder brauchen alle diese Wurzeln und Flügel im gleichen Umfang. Was angeboten wird, muss den Bedürfnissen und Begabungen des jeweiligen Kindes entsprechen.
Wie können wir als Eltern, Lehrer oder Erzieher Kindern helfen, in dieser wirklich nicht einfachen Welt diesen Weg zumindest ansatzweise zu finden, zu bestehen und das zu werden, was als Möglichkeit in ihnen angelegt war? Eine Aufgabe, die große Verantwortung mit sich bringt und viel Kraft kostet.

Das Enneagramm als Hilfe?

Kann uns das Enneagramm, dieses uralte Symbol für den Weg in der Gemeinschaft, helfen, diese Verantwortung zu tragen?
Gleich zu Anfang: Das Enneagramm ist keine Gebrauchsanweisung für Menschen, kein Schubladensystem und kein Rezeptbuch. Mit derartigen Erwartungen werden wir unweigerlich enttäuscht. Jeder, der sich mit dem Enneagramm befasst, weiß, wie schwierig es ist, Muster bei sich selbst und häufig auch bei dem Gegenüber zu erkennen und zu akzeptieren. Jedes Muster hat Flügel mit einem nicht geringen Einfluss, es gibt Untergruppen, und in Extremsituationen verhält man sich anders als normal. Aber das Enneagramm kann eine Art Landkarte sein. Man sieht Flüsse und Strassen, auf denen etwas transportiert werden kann. Man sieht Gebirge, die überwunden werden müssen und Täler in die vielleicht weniger Licht kommt. Man kann jedoch nicht erkennen, ob das Land unter Dürre leidet oder ein Wirbelsturm darüber hinweggefegt ist. Man kann auch nicht sehen, wie stabil oder hoch die Häuser der Menschen sind, die dort wohnen. Dazu muss man hinfahren dürfen.
Kinder sind noch ganz am Anfang. Ihre Emotionalität und Spontanität überlagert vieles, was in ihnen schlummert. Ihr Umfeld, dazu gehören die Menschen, die sie umgeben, die kulturelle, wirtschaftliche und soziale Situation, in die sie geboren wurden, wird sie noch formen oder verformen. Kinder deren Muster schon klar zu erkennen ist, gibt es, aber sie sind eher selten.
Bei meiner Arbeit in einer Kindertagesstätte hat mir das Enneagramm dennoch geholfen, Kinder so einzuschätzen, dass ich ihnen das Einfügen in eine Gruppe, die Trennung von Bezugpersonen oder das Erlernen bestimmter Fähigkeiten erleichtern konnte. Derartige Hilfen mussten schnell erfolgen und das in einer Situation (Gruppenstärken von 18 bis 25 Kindern), in der für die Beobachtung des einzelnen Kindes nicht allzu viel Zeit bleibt. Ich habe dabei immer versucht, über längere Zeiträume offen zu bleiben und nicht voreilig zu typisieren.

Die drei Zentren

Beobachtet man eine Gruppe von Kindern und hört ihnen genau zu, so wird relativ schnell deutlich, dass auch sie schon drei unterschiedliche Arten haben, auf Menschen und Situationen zu reagieren. Wir alle können fühlen, handeln und denken. Ganzheitliches Lernen mit Fühlen, Handeln und Wahrnehmen ist in der Pädagogik unabdingbar. Bei jedem Menschen dominieren jedoch ein oder zwei dieser Bereiche das Verhalten und die Art zu lernen.
In der Literatur wird wie folgt unterschieden: Da gibt es die „Bauchmenschen“ mit den Mustern 8,9 oder 1. Bei ihnen dominiert das effektive Zentrum der körperlichen Kraft, der Bewegung, der sexuellen Energie. Sie sind instinktorientierte Menschen, die intuitiv reagieren. Sicherheit durch Macht und Einfluss ist ihnen wichtig.
Die „Herzmenschen“ mit den Mustern 2, 3 oder 4 be­vor­zugen das affektive Zentrum. Sie beschäftigen sich mit Beziehungen, an denen sie sich orientieren. Es ist das Zentrum der persönlichen Aktivität. Nur durch Interaktion mit Menschen ist es möglich, sich wertvoll und lebendig zu fühlen.
Bei den „Kopfmenschen“ schließlich (Muster 5,6 oder 7), spielt das theoretische Zentrum die Hauptrolle. Sie beschäftigen sich mit dem Denken und Entscheiden, um zu einer für sie objektiven und damit sicheren Einschätzung einer Situation zu gelangen.
Die einzelnen Muster sind die der Arbeit mit Kindern zunächst weniger ausschlaggebend. Um dem Kind Geborgenheit zu vermitteln, seine Beziehungsfähigkeit zu entwickeln und seine Lernlust zu wecken, muss ich versuchen zu begreifen, mit welchem Zentrum vorwiegend auf die Umwelt reagiert wird.
Die Dominanz eines dieser Zentren ist in der frühen Kindheit vielleicht noch nicht endgültig, aber man muss auf die momentane Situation des kleinen Menschen eingehen und so auf ihn reagieren wie er sich jetzt gibt. Vorab: Alle Kinder brauchen Liebe, Zuwendung, Achtung, Distanz, Regeln und Rhythmen. Bestimmte Gruppen von Kindern brauchen manches aber eben ein bisschen intensiver.

Das Bauchzentrum

Kinder dieser Gruppe reagieren auf einen neuen Raum, eine fremde Situation instinktiv. Diese Reaktion ist meist zu erkennen, denn diese Kinder tun es mit dem ganzen Körper. Es ist ihnen wichtig, ihre Position in dieser Gruppe von Menschen zu erfassen und zu akzeptieren. Gelingt ihnen das nicht, folgt Zorn oder Abkehr bzw. Verweigerung. Man muss also notfalls schnell helfen, ihnen eine Position oder Rolle zuzuweisen. Finden sie diesen Platz, von dem sie glauben, dass er ihnen zusteht oder auf dem sie sich wohl fühlen, werden sie oft zu einer Zentralfigur der Gruppe, entweder als Führerpersönlichkeit, als harmonischen Mittelpunkt, den alle „Kampfhähne“ mögen oder auch als Fachmann. Zuwendung oder Argumente reichen nicht bei allen als Motivation für die verschiedensten Tätigkeiten. Die Autorität des Erwachsenen muss akzeptiert werden können. Stellen sie sich gegen eigene Regeln, sind sie ungerecht ohne das rechtfertigen zu können ( z. B. ein krankes Kind braucht Sonderrechte), können sie Chaos oder Unruhe in der Gruppe nicht verhindern oder Herausforderungen nicht bieten, wird das schwierig. Gelingt ihnen das aber, regelt sich vieles ganz von selbst. Sie werden ihnen vielleicht sogar dann einen Gefallen tun oder eine Aufgabe übernehmen, wenn sie vorher sicherheitshalber erst einmal „NEIN“ gesagt haben und den Erwachsenen auch dann oft unterstützen, wenn er einmal schwach ist. Körperliche Nähe wird genau so energisch eingefordert wie gewünschte Distanz und Eigenständigkeit.

Das Herzzentrum

Das wichtigste Thema dieser Menschengruppe sind zwischenmenschliche Beziehungen. Diese Kinder erleben Verhaltensweisen und Gefühle der Mitmenschen, stärker als andere Kinder, als Reaktion auf sich. In einer neuen Gruppe werden sie sich so bald wie möglich eine Bezugsperson, nicht nur einen Spielkameraden, suchen. Finden sie den nicht, brauchen sie einen Erwachsenen, der ihnen Vertrauen einflößt. Sie sind oft Meister der Rollenspiele und die spielen sie wie ein kleines Mädchen es einmal formulierte „in echt“. Anerkennung und Liebe sind Grundvoraussetzungen zum lernen wollen. Zuweilen wird für einen Erwachsenen gespielt, gelernt oder gebastelt, was nicht unbedingt positiv ist, denn sie unterlassen das Ganze auch, wenn eine solche Beziehung für sie nicht stimmt. Dann ist Rückendeckung für das Kind durch einen weiteren Erwachsenen notwendig. Verantwortung wird gerne übernommen, handeln dürfen ist wichtig. Sie zeigen dann mit Phantasie, Einsatz und Einfühlungsvermögen, das sie gebraucht werden. Und man braucht sie wirklich, sonst wäre die Gruppe manchmal keine Gruppe. Wichtig ist es hier, Stimmungen aufzufangen und durch Zuhören und Zuwendung zu trösten, um zu bewirken, dass sie sich selbst so wichtig nehmen wie sie sind.

Das Kopfzentrum

Kinder, die dieses Zentrum bevorzugen, werden ihnen wahrscheinlich nicht so schnell auf den Schoß klettern auch dann nicht, wenn sie den Erwachsenen mögen. Eine Ausnahme sind diejenigen, die sich gerne auf diese Art auf Blödsinn einlassen. Das ist dann ein Spiel, bei dem sie keine tieferen Emotionen zeigen müssen.
Kommen diese kleinen Menschen in eine neue Gruppe oder Situation, beobachten sie zunächst alles mit etwas Distanz. Fremdes macht Angst, auch wenn das nicht bewusst ist. Rhythmen und immer wiederkehrende Abläufe und vertaute Räume nehmen Angst und helfen, sich auf Menschen oder Spiele einzulassen. Diese Kinder bringen oft Ideen für bestimmte Aktivitäten mit. Sie hinterfragen oder bezweifeln aber auch vieles und beobachten genau. So wurde ich einmal gefragt, warum meine Kollegin immer die Augenbrauen zusammenzieht, wenn sie eine bestimmte Mutter sieht. Vertrauen gewinnt man häufig durch geduldiges Erklären von Zusammenhängen und Abläufen. Erkennen sie diese, werden sie helfen, Situationen zu bewältigen und viele neue Gedanken einbringen und alte Strukturen zu beleben.

Der Erwachsene und sein Muster

Einen Haken hat natürlich das relativ unproblematisch dargestellte Arbeiten mit den verschiedenen Gruppen von Kindern: Das ist das Muster, das Eltern und Pädagogen haben. Es gibt Situationen, die sie entsprechend ihrem Typ besser erkennen, Verhaltensweisen, die sie besser verstehen als andere.
Eine Hilfe ist es, mit anderen Erwachsenen, die hoffentlich ein anderes Verhaltensmuster haben, über das entsprechende Kind oder die Situation zu kommunizieren. Da ich in einer Tagesstätte mit offenen Gruppen arbeite, sind „Fallbesprechungen“ aus unterschiedlicher Sicht eine Notwendigkeit. Auch manches Verhalten von Eltern kann von einer Kollegin vielleicht besser erklärt werden. Auf der anderen Seite gehen viele Kontakt- und Beobachtungsmöglichkeiten mit dem einzelnen Kind verloren. Ich persönlich arbeite gerne mit meinen Beobachtungsbögen. Nicht diese entsetzlichen Blätter, in denen Defizite aufgezählt und Fähigkeiten abgehakt werden. Ich versuche, Formulierungen oder Verhaltensweisen, Vorlieben oder Abneigungen sowie Hinweise auf Ängste, Begabungen zu beschreiben. Wichtig sind danach auch die sozialen oder kulturellen Verhältnisse, in denen ein Kind lebt. Diese Vorliebe für Beobachtung kann aber auch einfach an meinem Muster Sieben liegen.
Was man als Erwachsener mit einem bestimmten Muster tun kann, um ein Kind mit einem ganz anderen Muster besser zu verstehen? Dabei hilft auch die Beschäftigung mit dem Enneagramm.
Wichtig ist vielleicht noch der Hinweis, dass nicht jede Schulform und jede Pädagogik (z.B.: Montessori-, Reggio- oder Waldorfpädagogik) für alle Kinder geeignet ist. Dies darzustellen würde jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Marianne Nitsche

[aus: EnneaForum 27, Mai 2005, S. 16

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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