Jahreshauptversammlung 2005 des ÖAE

Eindrücke der JHV 2005: Wertimagination nach U. Böschemeyer und was sich sonst Interessantes ereignete, von Heike Heinze

Die diesjährige JHV erwartete ich mit großer Spannung. Sollte ich doch in meiner neuen Rolle als Redakteurin von EnneaForum vorgestellt werden und auch gleich loslegen. So begann die JHV diesmal für mich mit Arbeit: eine Pinnwand gestalten, Themenvorschläge machen, Beiträge sammeln, Leute ansprechen … Ich hatte bis zum Abendbrot zu tun und war noch nicht einmal dazu gekommen, mir das Thema des Referats anzuschauen, das Prof. Böschemeyer am Abend und am folgenden Vormittag halten wollte.
Umso spannender war es für mich, diesen Mann, dessen Enneagrammbuch ich mit großem Interesse gelesen hatte, am Abend vor mir zu sehen und seinen Ausführungen zuzuhören. Mein Herz hatte er bald gewonnen. Als er gefragt würde, wie es ihm mit schwierigen Patienten ginge und ob er manche davon auch ablehnen würde, antwortete er lächelnd: „Wissen Sie … ich liebe die Menschen.“ Ein Satz, den man ihm umso mehr abnahm, je mehr man von ihm und seiner Arbeit erfuhr.
Worum ging es nun in seinem Vortrag? Nach einigen einleitenden Sätzen, er habe im Grunde eine Art Beleg für die Gültigkeit des Enneagramms erbracht, da er in der Arbeit mit Klienten mit inneren Bildern (Wertimagination*) bei bestimmten Typen immer wieder auf ähnliche Bilder träfe, war ihm das Interesse der Runde sicher. Anschließend beschrieb er gründliche Ausführungen zu jedem Typ. Da er es leider aus Zeitgründen nicht geschafft hat, den Inhalt des Referats so zu bearbeiten, dass er ihn uns zur Verfügung stellen konnte, werde ich im Folgenden versuchen, das Wesentliche hier wiederzugeben.
Die Methode, mit der Prof. Böschemeyer arbeitet, die Wertimagination, muss man sich in etwa so vorstellen: Nach einer kurzen Entspannung macht sich der Imaginand in Begleitung seines Therapeuten auf die innere Reise zu einem vorher vereinbarten Ort (Ort der Lebensfreude, Ort des inneren Widerstandes…). Dort begegnet er verschiedenen inneren Personen, Teilen seiner eigenen Persönlichkeit. So gibt es z. B. den Verbündeten und den Gegenspieler, den inneren Arzt, den Lebenskünstler und viele andere Gestalten, mit denen sich der Imaginand auseinandersetzt. In diesen Imaginationen kann Wesentliches passieren, lebensverneinende Kräfte können erkannt und entthront, lebensbejahende Kräfte können gefunden und zur Unterstützung herangezogen werden. Nicht selten geschieht es, dass Menschen durch so eine innere Begegnung verwandelt werden, dass etwas in ihnen Frieden findet oder innere Heilung.
In seinem Referat erzählte Uwe Böschemeyer uns, welche Erfahrungen er in seiner Praxis mit den einzelnen Typen bei ihren Wertimaginationen machte:

EINSer haben oft Angst, sich auf die Methode einzulassen. Was würde passieren? Würden sie alles richtig machen? Auf ihrer inneren Reise begegnete ihnen oft der innere Ankläger, eine Mose-Figur, streng, hart, ehrwürdig, Mephisto, ein genusssüchtiger Mönch, der Großinquisitor. Sie sahen tosende Meere, tiefe Abgründe, Kriegsbilder, eine Steinwüste, einen viel zu schweren Rucksack, der zu tragen ist. Positive Bilder waren z.B. der alte Weise oder die Christusfigur, die ihnen Mut machten, sie selbst zu sein.
ZWEIer haben oft Widerstände gegen die dunklen Bilder und die Tendenz, Dinge zu schönen. Innere Bilder von ZWEIern waren: der gefesselte Verbündete, eine Krone, die ihnen nicht gehört, ein riesiges Schiff, auf der sie die Kapitän/in sein soll, viele Menschen, die sie umzingeln und zum Raum des inneren Selbst mitkommen wollen. Wichtige Ziele für ZWEIER in der Imagination sind, ihre verborgene Bitterkeit, ihre verborgenen Wünsche, ihr ursprüngliches Bild und die echte Liebe zu finden.
DREIer neigen manchmal zu sehr eigenwilligen Interpretationen ihrer inneren Bilder, um sich vor der Erkenntnis zu schützen. Ihre Bilder zeigten oft die vielen Seiten ihrer Persönlichkeit. So gab es eine Lokomotive, die ein anderer fuhr, im Raum des Selbst traf ein DREIer auf vier unterschiedliche Personen und verließ verzweifelt den Raum, ein Bild zeigt einen wunderschönen Vorgarten – aber einen gefährlichen, der dahinter liegt, ein anderes einen See mit einem Eiswall drum herum. Ein DREIer aber reiste zu den Quellen des Glücks, sie waren in einem Raum, der so schön still war, dass er ihn gar nicht wieder verlassen wollte, und ein anderer, der die verhüllten Bilder seines bisherigen Lebens befreite, sagte beglückt: „Das bin ja eigentlich ich.“
VIERer lieben die innere Welt und kommen leicht hinein, haben aber die Tendenz, sich nur die dunklen Bilder anzusehen. Es gab ein Bild von der blauen Blume, die aus der Ferne schön anzusehen war, aus der Nähe will er sie nicht mehr. Das Bild einer Einladung, trotzdem blieb die VIER draußen stehen, als gehörte sie nicht dazu. Der innere Gegenspieler sagte: „Der Schmerz ist süß.“ Bilder vom KZ und Folterkammern tauchten auf und Bilder der Einsamkeit. Ziele auf der inneren Reise sind die innere Heimat, die Selbstannahme, Klarheit und Echtheit.
FÜNFer finden die Imagination an sich zwar hoch interessant, bleiben aber zunächst gern auf Distanz. Auf ihrer inneren Reise begegneten FÜNFer oft Bildern der Spaltung, der Starre, Eis und Eislandschaften, ein einsames Schloss, eine Glaswand, die ihn von anderen trennt, ein Mann im Reagenzglas. Ziele auf der inneren Reise sind die verborgene Angst oder Wut, die verborgene Wärme, die Fülle und Einheit.
SECHSer haben manchmal Angst vor ihren inneren Bildern, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt. Angst vor der Thronbesteigung, Angst ein Schiff selbst zu steuern, Angst vor 1000 Augen, die aus dem Dunkel auf sie gerichtet sind. Andere Themen sind Selbstopfer, Selbstvernachlässigung: ein vertrockneter Garten, Menschen, die zum Schafott gehen, er geht aus Loyalität mit. Heilend sind Bilder von Gemeinschaft, viele Herzen, die eins einhüllen, viele Wege, die vernetzt sind. Oder: der Verantwortliche führt ihn weg zu einem hellen Tempel, wo Ruhe und Geborgenheit sind.
SIEBENer haben die Tendenz zur Flucht, zur Hektik. Ein Bild kommt nach dem anderen, schmerzhafte Bilder werden vermieden. Ein SIEBENer sieht einen Garten, wild und schön, aber ohne Ordnung, ein Monster mit dem Fresskorb frisst und frisst, das Lebenselixier wird im Chemielabor gesucht, ein Hamster rennt im Laufrad. Ziele auf der inneren Reise sind der Ort des Getriebenseins, der Schmerzvermeidung, der Maßlosigkeit, aber auch der Ort des Bleibens, der Lebensbejahung und der inneren Nüchternheit.
ACHTer zeigen oft zuerst eine gewisse Abwehr, wollen die Kontrolle bewahren, so dass nichts geschieht, was sie umhauen könnte. In ihrem Inneren sehen sie oft gewaltige Bilder: eine Treppe durch den Kosmos in die Tiefe, Ozeane und Wasserfälle, ein sich verneigender Regenbogen, riesige Chöre, aber auch namenlose Bosheit, schwarze Abgründe und Schluchten, ein riesiger schwarzer Hund, der alles verschlingen will. Ziele auf ihrer inneren Reise sind ihre Aggressivität, ihre verdeckte Angst, ihre Verleugnung, aber auch die Anima, ihre verborgene Stärke und Weichheit.
NEUNer haben die Tendenz, mehr in ihren inneren Bildern zu leben als in der Realität. Sie sehen oft Nachtbilder, Mondlandschaften mit wenig Dynamik, aber auch Urwälder, lebendige Steine, den Lebensbaum, eine Brücke als Schnittstelle zwischen der äußeren und inneren Welt. Ziele auf ihrer inneren Reise sind der Ort der Kraftlosigkeit, der verdeckte Hochmut, die verborgenen Werte, der Ort der Lebensbejahung und der Verantwortung.

Die Teilnehmer hörten Prof. Böschemeyer gespannt zu, sehr dicht wurde es, wenn er beim jeweils eigenen Typ ankam. Manche Traumbilder waren auch mir durchaus vertraut. Ein Fest, ein schön gedeckter Tisch, ich bin eingeladen, traue mich aber nicht, mich dazuzusetzen… Das kann nur eine VIER erlebt haben. Am wichtigsten aber war für mich das immer wieder zum Ausdruck gebrachte Vertrauen darein, dass Veränderung, Verwandlung, Heilung möglich sind, wenn man sich auf die innere Welt einlässt und (so kann ich es nur sagen) Gott in sich wirken lässt. Faszinierend fand ich daher auch das häufige Erscheinen „göttlicher Figuren“ in den Imaginationen von Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen – nicht gerade Gottesbeweise, aber doch Zeichen dafür, dass göttliche Begegnungen in der Seele möglich und vielleicht sogar angelegt sind.
Am Samstag nach der Mittagspause gab es dann die Möglichkeit in Typengruppen einmal selbst eine Wertimagination zu versuchen. Unter dem Thema „Was wäre, wenn …“ konnten Interessierte sich nun mit Hilfe eines vorbereiteten Gruppenleiters selbst auf die innere Reise begeben. Die Gruppenergebnisse zeigten eine wunderbare Vielfalt – und vor allen Dingen sehr trostreiche und aufbauende Bilder.
Ich war zu dieser Zeit (leider?) schon wieder mit Arbeit befasst; in einer Kleingruppe sammelten wir Ideen für die Kirchentagsausgabe von EnneaForum, so dass ich bei den Imaginationen nicht dabei sein konnte. Doch war auch die Redaktionsgruppe eine gute und konstruktive Gruppe, aus der ich viele Impulse für die kommende Arbeit mitnehmen konnte.
Die eigentliche Mitgliedervollversammlung ging dann gut und unproblematisch über die Bühne und der neue Vorstand wurde einstimmig gewählt. Besonderes Highlight am Abend war schließlich der Gospelchor „Xang“ aus Wiesbaden, der uns mit Musik zu den drei Zentren unterhielt, während in den Pausen die Ergebnisse der Typengruppen vorgestellt wurden. Die Musik war mitreißend und professionell dargeboten von den begabten SängerInnen und Instrumentalisten – am Ende hielt es kaum einen mehr auf seinem Platz, und in ausgelassener Stimmung feierten wir das 15-jährige Bestehen unseres Vereins.
Die Thomasmesse am Sonntag war ein harmonischer Abschluss, für mich wie immer überzeugend durch die Kreativität der verschiedenen Angebote. So gab es z. B. einen Klangraum und eine Enneagramm-Figur, bei der man die verschiedenen Energien „auftanken“ konnte. Auch eine Segnung war wieder möglich, für mich besonders hilfreich im Hinblick auf meine neue und verantwortungsvolle Aufgabe.
Im Ganzen war die JHV trotz aller Aufregung für mich eine großartige und runde Sache, ich habe viel mit nach Hause nehmen können: Ermutigung, Ansporn, Freundschaft, Nachdenkliches, Tröstliches und (dank Werners und Heidruns Büchertisch) auch ein dickes Buch von Uwe Böschemeyer, in dem ich seitdem immer wieder gern und begeistert lese.

*Uwe Böschemeyer, sieht sich als Schüler von V. Frankl, dem Begründer der Logotherapie (sinnzentrierte Psychotherapie), und arbeitet seit etwa zehn Jahren an einem Konzept, das er „wert­orientierte Persönlichkeitsbildung“ nennt. Dieses sieht er als einen dritten Weg neben der krankheits- und konfliktorientierten Psychotherapie; es ist gedacht als geistig-emotionale Begleitung gesunder Menschen auf dem Weg zu sich und anderen und daher zum Sinn. Es geht um eine Wiederentdeckung der „Dimension der Tiefe“, ein Erkennen der lebensverneinenden Gefühlskräfte, die Sinnfindung verhindern – wie Aggression, Überheblichkeit, Unwahrhaftigkeit, Melancholie, innere Leere, Angst, Maßlosigkeit, Machtlust und Antriebsarmut – , aber auch der lebensbejahenden und sinnstiftenden Gefühlskräfte, der spezifisch menschlichen Werte Geduld, Liebe, Wahrhaftigkeit, Echtheit, Freiheit, Mut, Heiterkeit, Güte, Verantwortung. Wertimaginationen sind behutsam geführte Gespräche zwischen dem Imaginanden und seinem Begleiter auf Wanderungen in die innere Welt, die der Imaginand bewusst erlebt. Siehe das Buch von U. B.: „Worauf es ankommt“.

[aus: EnneaForum 27, Mai 2005, S. 4

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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