David Daniels

Interview

David Daniels ist einer der bekanntesten Enneagrammlehrer in den USA. Gemeinsam mit Helen Palmer hat er das Ausbildungskonzept des EMT entwickelt. Das Interview führten Christine Hahn, Rainer Fincke, Ulla Peffermann-Fincke, Jürgen Gündel und Pamela Michaelis

Wie hast du das Enneagramm kennengelernt und was war dein Motiv, sich damit zu beschäftigen?

Daniels: Ich hatte Helen Palmer getroffen und sie lud mich zu ihrem Seminar ein. Ich hatte keine Ahnung vom Enneagramm und 3 Monate später kam ich in ihren Enneagramm-Kurs, das war 1984. Dort saßen auf einem Panel fünf 3er, die sie interviewte. Es war für mich eine unglaubliche Erfahrung, weil ich in meiner Praxis begonnen hatte, mit Aufmerksamkeitsstilen zu arbeiten, nur hatte ich keinen Namen dafür. Zum Beispiel kannte ich einige Leute, die nur auf Ziele focusiert waren und Gefühle aussen vor ließen. Ich wußte auch von extrem kritischen Leuten; die einen mußten aus Gefühlen aussteigen, andere hineinkommen usw. Sofort erkannte ich, daß es ein unglaublich mächtiges und zutreffendes System ist, das menschliche Verhalten zu verstehen. Ich war bisher „gekrabbelt“, während das Enneagramm bereits „lief“.
Dein beruflicher Hintergrund ist die wissenschaftliche Psychologie. Wie ist das Enneagramm in den USA in der psychologischen Arbeit akzeptiert ?

Darüber mache ich mir keine Sorgen. Es gibt so viele Interessenten. Ich focusiere meine Energien nicht auf mögliche Widerstände. Ich denke jedoch, daß es wichtig ist, für das Enneagramm etwas zu etablieren, eine wissenschaftliche Basis, wenn wir eine breite Akzeptanz garantieren wollen. Es gibt viele psychologische Berater und andere Wissenschaftler, die an Studien in akademischen Institutionen arbeiten. Es war wichtig für uns, Gültigkeitsstudien mit dem Enneagramm als Instrument durchzuführen. Es wurden z.B. 970 Probanden getestet, die von Experten typisiert worden sind und viele haben sich nach einem Enneagramm-Seminar selbst typisiert. Interessant ist, dass die Ergebnisse derjenigen, die sich selbst typisiert haben, eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den Ergebnissen der Experten aufwiesen. Diese Art der Arbeit etabliert die Glaubwürdigkeit. Wir haben Tests gemacht, um Wahrscheinlichkeitsberechnungen durchzuführen. Mehr kann man nicht machen. Das Ziel ist erreicht.
Wir haben an diesem Wochenende deinen Weg, das Enneagramm zu lehren, kennengelernt. Siehst du Unterschiede zu Helen Palmer oder Richard Rohr ?

Ich kenne Richard Rohr. Ich glaube, wir haben ähnliche Unterrichtsstile. Mit Helen arbeite ich seit 14 Jahren zusammen, wir haben ergänzende Stile. Sie hat unglaublich intuitive Fähigkeiten, die spirituelle Seite zu erfassen. Ich bringe stärker die Persönlichkeitsaspekte hinein. Wir sind gute Lehrer füreinander gewesen. Helen führte die mündliche Tradition der Interviews ein. Dies ergab sich aus Naranjos fragenden Interviews.
Im Christentum spielt die Vergebung als göttlicher Gnadenakt eine große Rolle. Was bedeutet Vergebung auf der spirituellen Ebene für dich?

Die Vergebung ist sehr wichtig für spirituelles Wachstum. Mit Ressentiments kann ich kein spirituelles Wachstum erreichen. Wenn ich meine Vorbehalte nicht aufgeben kann, kann ich zwar religiös sein, aber nicht spirituell.
Die 9 bildet mit der 3 und der 6 das innere gleichschenkelige Dreieck des Enneagramms. Du hast uns heute mit dem Gedanken bekannt gemacht, durch eine gedachte Linie von der 5 zur 2 diese beiden Punkte zusammen mit der 8 zu einem ebenfalls gleichschenkeligen Dreieck verbinden zu können. Das gleiche geht mit einer gedachten Linie von der 4 zur 7, der dritte Punkt dieses Dreiecks ist dann die 1. Diese gedachten Linien zwischen 7 und 4, bzw. 2 und 5 können als “Pfad zur Ganzheit” verstanden werden. Hat das auch etwas mit Vergebung zu tun, weil es ein „Sich-hin-Bewegen“ auf eine entfernte, möglicherweise befremdende Energie bedeutet ?

Ich spüre, dass es wichtig ist, dass wir alle „ganze“ Menschen sind und unsere drei Intelligenzzentren Kopf, Herz und Bauch in Einklang miteinander haben. Wenn wir diese Dreiecke machen, dann unterstützt es die Bewegung um diese drei Zentren. In diesem 9-3-6-er Dreieck finden wir alle Aspekte, in die z.B. eine 9 hineingeraten kann.

Wird eine 9 zu sehr bedrängt, kann sie ängstlich werden und in die 6 gehen und dann aufwachen und in die 3 gehen und dann kommt sie irgendwann wieder zurück in die 9.
Das Enneagramm geht davon aus, dass jede Persönlichkeit in einem der 9 Punkte beheimatet ist. Kann mich die Entwicklung meiner Persönlichkeit und die Arbeit an meiner Ganzwerdung irgendwann in meinem Leben auch zu den anderen Punkten führen, so dass ich den Kreis evtl. mehr oder weniger vollständig durchlaufe?

Wenn wir wachsam sind und arbeiten, können wir Qualitäten aller Typen annehmen, Mut, Hoffnung, Ausgeglichenheit, Freude, Authentizität usw. Je freier unsere eigene Persönlichkeitstsruktur ist, desto mehr können wir mit unserer Aufmerksamkeit dahin gehen, wohin wir wollen bzw. was die jeweilige Situation gerade erfordert.
Kannst du etwas zum Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Psychologie und Spiritualität sagen? Man sieht Glaubenssysteme hier und Glaubenssysteme da. Die wissenschaftliche Seite kannst du beweisen, bei der spirituellen glaubst du an dieses oder jenes, an eine Version. Kannst du zu diesem Spannungsverhälnis etwas sagen ?

Diese Dualität ist da, in dieser Spannung stehen wir. Das Enneagramm bietet ein fundiertes Potential, diese beiden Welten zusammen zu bringen, denn die Wahrheit ist, dass sie verbunden sind. Wenn wir das vom Enneagramm her erfassen, dann ist es auch offensichtlich. Es ist zum Beispiel offensichtlich für mich in meiner Persönlichkeit als 6-er: ich habe Glaube durch Sicherheit ersetzt.
Stellst du bei deinem Besuch hier in Deutschland Unterschiede fest, wodurch sich die Arbeit hier anders gestaltet als in den USA ?

Ja und nein. Grundsätzlich gibt es keine wesentlichen Unterschiede. Der amerikanische Stil ist rebellischer, oberflächlicher bzw. individualistischer. Der Deutsche ist disziplinierter. Die Brasilianer sind lebhafter, die Finnen zurückhaltender und die Australier angepasster. Aber das ist natürlich alles nur graduell und an der Oberfläche betrachtet.

[aus: EnneaForum 21, Mai 2002, S. 27

Aus EnneaForum 21 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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