Die Charismen und die 3 Zentren im Enneagramm

Vortrag von Marion Küstenmacher

Das Enneagramm spricht mit uns allen Klartext: es benennt unsere Stärken ebenso wie unsere Schwächen. Es beschreibt sehr menschliche Fallen und Fixierungen, aber es spricht uns auch himmlische Talente und Geistesgaben zu. Vor allem inspiriert es zu einer Pilgerreise, bei der ich mich verwandeln lasse. Solange, bis mich die Heilige Idee Gottes für mich ganz und gar durchdringt. Bis aus meinem Talent (mag ich es bisher eher zum Guten oder eher zum Schlechten genutzt haben) ein Charisma hervortritt, ein Geschenk der Gnade.

Jedes Zentrum hat ein Grundcharisma

Diese Verwandlung kann ich nicht machen. Aber ich kann sie an mir geschehen lassen. Sie betrifft nicht nur mein Muster, sie vollzieht sich auch in den drei Zentren, die unseren Mustern zugrunde liegen: Vitalität und Autonomie (Bauch 8/9/1), Beziehung und Wirkung (Herz 2/3/4) sowie Orientierung und Sicherheit (Kopf 5/6/7). Jedes Zentrum repräsentiert ein Grundcharisma. Jedes Zentrum legt einen besonderen Akzent auf das „Leben in der Gnade Gottes“. Aber in allen dreien spüren wir die Verwandlung, wenn unsere Charismen „geboren“ werden. Die Angehörigen eines Zentrums erleben das natürlich unterschiedlich, können aber den heiligen Dreiklang der drei Zentren spüren und einander „erkennen“.

Das Charisma des Herzzentrums

Bei den Herztypen ZWEI, DREI und VIER liegt der spirituelle Schwerpunkt auf der Menschlichkeit Gottes. Sobald sie anfangen, diese Wahrheit zu erfassen, suchen sie Gott unter den Menschen. Sie gehen auf andere zu, weil sie die wunderbare Hoffnung in sich tragen, Gott in der Seele der Schwestern und Brüder zu finden. Teilhard de Chardin hat das als Gebet des Herzens formuliert:

„Laß mir im Leben des anderen DEIN Antlitz leuchten. Ich möchte in ihnen das unwiderstehliche Licht deiner Augen erkennen, das auf dem Grund der Dinge erstrahlt. Es hat mich schon zu jedem Werk begleitet, das ich vollbringen, und zu jedem Schmerz, den ich ertragen mußte. Gib, dass ich DICH auch und vor allem im Innersten der Seele meiner Brüder und Schwestern erkenne.“

Das ist das große Credo des Herzzentrums. Die Charismen der drei Herztypen sind von dieser tiefen Verbundenheit durchdrungen. Sie verstehen die himmlische Kunst, uns zu ehren, indem sie Gott in uns die Ehre geben. Wenn sie jetzt auf andere schauen, so schauen sie dabei auf Gott: „Es ist schön zu denken, sagt Christian Morgenstern, „daß so viele Menschen heilig sind in den Augen derer, die sie lieben.“ Aus der Ehrsucht des Herzzentrums (Wie findet ihr mich? Wie komme ich bei euch an? Liebt ihr mich?) ist die liebevolle Verehrung Gottes geworden.

Die Transformation und Heiligung im Herzzentrum führt aber noch einen Schritt weiter. Sie lockt die ZWEI, DREI und VIER in das Herz Gottes hinein, bis zum Punkt der völligen Selbst-Hingabe. Dort können sie sagen: Gottes Wesen umschließt alle anderen Beziehungen. Er ist mir alles, er allein genügt. Diese Herzmenschen entwickeln dann eine großartige Aufmerksamkeit für das „liebevolle Entgegenkommen Gottes“. Sie wissen: Gott eilt uns mit ausgebreiteten Armen entgegen. Ihr Ostern findet dann statt, wenn sie sich ganz der Erfahrung öffnen, daß Gottes Liebe sich in ihrem eigenen Herzen finden läßt. Die Brücke für diese Erfahrung ist der heiligende Blick auf andere Menschen. Ein gutes Beispiel dafür ist Maria Magdalena im Neuen Testament, die als Erste dem Auferstandenen begegnet und ihn für den Gärtner hält. Sie tastet sich an Christus heran, indem sie sich im Gespräch auf einen anderen Menschen, den vermeintlichen Gärtner konzentriert. Das macht ihre Seele bereit für die unmittelbare Christuserfahrung. Hinter dem menschlichen Bild tritt Christus hervor. Die Menschlichkeit wird vergöttlicht, die Gottheit menschlich. So gibt es für Herzmenschen am Ende keine Dualität mehr. Sie erkennen in jedem anderen das Ebenbild Gottes, auch in sich selbst und sind untrennbar mit Gott verbunden.

Das Charisma des Kopfzentrums

Bei FÜNF, SECHS und SIEBEN heißt das Charisma des Kopfzentrums Gottvertrauen. Sie haben die Gabe, als Kinder Gottes die ganze Schöpfung voller Vertrauen zu erfassen. Es ist das genaue Gegenteil ihrer Absicherungspolitik in den Mustern. Augustinus formulierte das so: Bei Gott allein finde ich Ruhe und „festen Stand auf festem Grund“. Petrus hat das erlebt, als er vertrauensvoll über das Wasser auf Jesus zuging.

Erlöste Kopfmenschen leben uns die Gabe vor, die „Unbeschwertheit des heiteren Himmels zu leben“. Statt ängstlicher Absicherung suchen sie vertrauensvoll nach dem, „was die Welt im innersten zusammen hält“(Goethe). Vom Charisma her lebende Kopftypen sind begnadete Kosmiker. Sie feiern das ganze Universum als „Verschwörung zu meinem Wohl“, geschaffen und getragen von der Fürsorglichkeit Gottes.

Das Charisma des Kopfzentrums lehrt uns alle eine unglaubliche Einsicht: Jeder einzelne Mensch ist für Gott unendlich wichtig und bedeutungsvoll. Gott interessiert sich für mich, als wäre ich allein auf der Welt. Mit den Worten Martin Luthers: „Christus wacht mit größerer Sorge über dich als du selbst.“ Aus dieser Gewißheit heraus lädt das Kopfzentrum zur Freiheit und Freigebigkeit der Kinder Gottes ein.

Das dritte Charisma gehört zum Bauchzentrum

Hier werden alle Arten von Gegensätzen stark erlebt. Die Bauchmenschen ACHT, NEUN und EINS schwanken oft zwischen dem liebevollen und allmächtigen Gott hin und her. Das spiegelt sich auch in ihren menschlichen Beziehungen wieder. Widerstand und Ergebung heißt ihr Lebensthema. Wenn sich das Charisma des Bauchzentrums entfaltet, macht es die göttliche Urkraft deutlich, die beide Aspekte Gottes zusammenhält, die Liebe und die Macht.

Für das Bauchzentrum fühlt sich das Entstehen des eigenen Charismas so an, daß sich die eigenen Willensimpulse verändern. Sie ordnen sich neu und in „Wohlwollen“ auf Gott hin, schmiegen sich an den Willen Gottes an. Er ist der Herr und die drei Bauchtypen sind zufrieden mit seinen Entscheidungen und bereit, sie in die Tat umzusetzen. Sie haben ihre eigene Macht auf die Liebesmacht Gottes übertragen. Durch paradoxe Bilder drücken sie die Vereinigung der Gegensätze aus, wie etwa Paulus im 2. Korintherbrief. Da rühmt er sich nicht seiner eigenen Stärken oder Charismen, sondern er rühmt sich seiner Schwachheit, durch die sich die Gnade und Kraft Gottes erweist. Zum Charisma des Bauchzentrums gehören Beistehen und Aufrichten. Es mobilisiert eine behutsame und klare Kraft, die anderen in ihrer Schwäche beistehen und Mut machen kann. Diese Kraft beruht auf einer geistlichen Einsicht, die der Mystiker Johannes vom Kreuz so formuliert hat: „Je größer und wirkmächtiger etwas ist, um so feiner ist es in sich; und je zarter und durchdringender verteilt, um so mehr breitet es sich aus und teilt sich mit. Das WORT ist unendlich zart und durchdringend, seine Berührung berührt die Seele. Die Seele selbst ist zu einem großen und aufnahmefähigen Gefäß geworden. O selig und überselig die Seele, die du, Gott, sanft und lind berühren willst, in all deiner furchtbaren Macht.“

Die drei heiligen Bänder

Alle 3 Zentren sind miteinander verbunden durch 3 Heilige Bänder. Paulus schreibt in seinen Briefen, was eine pneumatische, vom Geist getragene Gemeinschaft braucht. In Epheser 4,3 spricht er vom Band des Friedens, das Einigkeit stiftet und in Kolosser 3,14 von der Liebe als dem Band der Vollkommenheit. In 2 Korinther 2,14 ist zwar nicht von einem Band, aber (noch sinnlicher) vom Duft der Erkenntnis die Rede.

Das Herzzentrum entwickelt das herzliche Band der Liebe. Dazu gehört das Mit-Gefühl, das Leiden miteinander und mit der Welt. Wird diese Solidarität verfehlt, so entsteht eine Fehlhaltung, bei der das Leiden aneinander dominiert.

Das Kopfzentrum schenkt das duftende Band der Erkenntnis. Den anderen klar erfassen und verstehen und mutig für den anderen einstehen ist die Gabe. Als Fehlhaltung wird daraus das über anderen stehen und in Gedanken gegeneinander stehen.

Das Bauchzentrum stiftet das sanfte Band des Friedens. Frieden wirkt aktiv gestaltet, indem wir füreinander handeln und für andere Frieden schaffen. Isoliertes, autonomiesüchtiges Handeln durchtrennt dagegen das Band des Friedens, wir handeln dann gegeneinander und bekämpfen uns.

Marion Küstenmacher, Gröbenzell

[aus: EnneaForum 21, Mai 2002, S. 12

Aus EnneaForum 21 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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