Eine Tradition, die sich selbst korrigiert

Andreas Ebert und Richard Rohr im Gespräch mit Marion Küstenmacheranläßlich des 300000. Enneagrammbuches am 21. Juni 1999

von Marion Küstenmacher

ÖAE: Herzlichen Glückwunsch zum 300 000sten verkauften Exemplar eures Buches! International liegt die Auflage durch die mehr als 12 Lizenzausgaben ja noch weit höher. Ihr habt es geschafft, gegen den rückläufigen Trend auf dem religiösen Buchmarkt einen Megaseller zu plazieren. Euer kommerzieller Erfolg wurde von unseren LeserInnen auch inhaltlich bestätigt: Sie haben euer Buch zum beliebtesten aller deutschsprachigen Enneagrammtitel gewählt. Der Grund: Euer persönliches Engagement, die lebendige Sprache und die vielen sprituellen Impulse. Viele nannten die Lektüre Eures Buches ein Schlüsselerlebnis, das ihr Leben entscheidend verändert hat. Habt Ihr auch von solchen Erfahrungen erzählt bekommen?

Richard: Ja, ständig, es ist wahrscheinlich die allerwichtigste Erfahrung die ich machen konnte. Die Menschen, denen ich begegne, erzählen mir, daß es ihr Leben verändert hat und daß sie nach dem Lesen nicht mehr die selben waren wie vorher. Die wertvollsten Aussagen betreffen Partnerschaft und Ehe. Viele sagen mir, daß sie das Gefühl haben, die Kenntnis des Enneagramms habe ihre Ehe gerettet. Und das macht mich überglücklich! Sie sagen: „Das Enneagramm hat mir endlich einen Weg gezeigt, meinen Ehepartner zu verstehen. Es ermöglicht mir sogar, kritische Dinge zu meinem Ehepartner zu sagen, ohne dabei gefühlskalt zu wirken. Ich sage: Jetzt bist du wieder zu viel die Sieben oder die Eins oder welches Muster es eben ist. Wir haben jetzt eine neue Sprache gefunden.“ Für mich ist diese neue Sprachebene etwas ganz Tolles. Bei Beziehungsproblemen und im Streit übertreiben wir sonst meistens die Schattenseiten des anderen oder wir vermeiden es ganz, etwas auszusprechen. Und dann heizt sich innerlich alles auf. Das Enneagramm bietet uns da eine „mittlere Tonhöhe“ an, eine Sprache, die „abgekühlt“ genug ist, um anzukommen und verstanden zu werden. Wir können also unseren Partnern oder Freunden gegenüber Kritik üben, ohne kritisch zu sein – und das ist das Wunderbare.

Andreas: Drei Geschichten fallen mir spontan ein. Meinem früheren Schuldirektor, den ich nach vielen Jahren wieder traf, schenkte ich aus Freude über das Wiedersehen unser Enneagrammbuch. Er hat mir einen Brief geschrieben. Er hatte dieses Buch erst einmal in sein Bücherregal gestellt und erst ein Jahr später, „komischerweise“ an Pfingsten, hatte er das Gefühl, er solle es lesen. Er hat dann die Eins aufgeschlagen, gelesen und gemeint: „Ich habe plötzlich mein Leben verstanden. Mit 70 Jahren habe ich in Nachhinein mit Erschrecken und gleichzeitig einem Glücksgefühl begriffen, was mein Leben war, was mein Muster war.“ – ein wunderbarer Brief!

Eine zweite Begebenheit: Einem jüngeren Pastor, eine Acht, ein Evangelikaler bzw. fast schon ein Fundamentalist, dessen Frau gestorben war, fiel in der Trauerzeit unser Buch in die Hände. Er sagte zu mir, er hat im Nachhinein begriffen, was in ihrer Ehe schiefgelaufen ist. Es hat ihm, so schwer das war, unwahrscheinlich bei der Trauerarbeit geholfen, weil ihm das Enneagramm das Instrument geliefert hat, diese Beziehung zu verstehen.

Die dritte Begegnung: Eine unserer Verantwortlichen vom ÖAE schrieb mir vor langer Zeit einen Brief und berichtete von einem wunderbaren Wandlungsprozeß in ihrem Leben, ausgelöst durch die Lektüre des Buches. Diese Veränderung zu einem erlösteren Leben hin konnte ich von außen regelrecht miterleben und sehen. Allein diese drei Geschichten sind für mich sehr beglückend.

ÖAE: Ihr habt nach 10 Jahren beschlossen, dieses Buch in veränderter Aufmachung mit neuem Cover und inhaltlicher Überarbeitung erscheinen zu lassen. Warum ändert ihr einen „Klassiker“?

Andreas: Wir ändern es nicht wirklich. Es geht nicht um eine grundlegende Revision, wir haben kein neues Buch geschrieben. Aber es gibt einige Erkenntnisse, die dazugekommen sind, z.B. über die Entstehungsgeschichte des Enneagramms. Wir haben herausgefunden, daß die Wurzeln des Enneagramms aller Wahrscheinlichkeit nach christlich sind und nicht sufistisch. Dies habe ich in dem Buch noch mal entfaltet. Bei einigen Typenbeschreibungen gab es Dinge, die wir damals noch nicht so gut verstanden haben, auch Fehler. Auch einige neue Einschätzungen sind hinzugekommen bzw. verändert worden, was Heilige oder biblische Gestalten anbelangt oder die Aktualität lebender Persönlichkeiten (z.B. Reagan oder Gorbatschow sind nicht mehr so aktuell). Es sind kleinere Veränderungen – mehr ist nicht nötig gewesen. Es gibt so viele andere gute Bücher, so daß unseres nicht das Standardwerk sein muß, in dem alles drin steht. Es ist unser Buch geblieben, einfach etwas ‘up to date’.

Richard: Das Wesen einer lebendigen Tradition ist es, wenn eine Tradition sich von innen heraus selbst kritisieren und korrigieren kann. Das ist der Geist der Bibel. Jesus zum Beispiel handelt aus diesem Geist, wenn er am Sabbat Körner pflückt: Er steht in Davids und Abrahams Tradition und erneuert sie von innen heraus … Das Enneagramm hat die Kraft, dies auf eben solche Art zu tun: sich selbst zu korrigieren, sich selbst zu vertiefen, die Kriterien für neue Einsichten von innen heraus zu gewinnen. Wer nur von äußeren Kriterien abhängt, funktionalisiert das Enneagramm und mißversteht es. So ist es nur natürlich, daß wir nach 10 Jahren eine revidierte Ausgabe machen, weil die Enneagrammtradition lebendig ist und uns immer Neues lehrt. Deshalb bin ich sehr froh, daß vor allem Andreas die Energie und Ausdauer aufgebracht hat, unser Buch zu überarbeiten und neue Einsichten zu integrieren.

ÖAE: Gibt es ein anderes Enneagrammbuch, welches ihr schätzen oder lieben gelernt habt?

Richard: Ich mag sehr Suzanne Zuerchers Bücher. Ich denke, sie hat einen sehr spirituellen und wahrhaftig einsichtsvollen Zugang zum Enneagramm, wirklich exzellent. Es ist aber nicht so, daß ich die anderen nicht schätzen würde. Jedes Buch hat seine spezifische Stärke. Und dann fallen mir noch die Bücher von Elizabeth Wagele und Renee Baron ein (Anm. d. R.: Enneagramm leicht gemacht und, noch unübersetzt, Enneagramm for parent consulting); man sieht die vielen Cartoons und denkt, ach, das ist ohne Tiefgang, aber das stimmt nicht, diese Bücher sind gut und sehr nützlich. Ich habe sie auch an meine Geschwister verschenkt, damit sie ihre Kinder besser verstehen können.

Andreas: Ich kann mich da nur anschließen. Welches ich auch schätze, ist das Buch von unseren ÖAE-Mitgliedern Marianne Gallen und Hans Neidhardt, Das Enneagramm der Beziehungen; von diesem habe ich sehr viel gelernt. Und ich habe von vielen Leuten gehört, daß dieses Buch gerade für Partnerschaftsgeschichten (das haben wir ja nur am Rand gestreift, weil wir beide Junggesellen sind) eine ganz wunderbare Hilfe sei. Mein heimliches Lieblingsbuch zum Enneagramm ist Marion Küstenmachers Enneagramm der Weisheit, weil es so eine Schatztruhe ist, mit wunderbaren Geschichten und Gedichten, ein wunderbares Brevier zum Enneagramm, in dem ich immer wieder lese und blättere.

ÖAE: Was hat das Enneagramm euch beiden in den letzten 10 Jahren für Neuerkenntnisse gebracht für euren persönlichen Entwicklungsweg? Ihr habt ja beide mal gesagt, das Enneagramm habe euch schon ein bißchen gelangweilt … Ist das so geblieben oder gibt es nach wie vor etwas am Enneagramm, das euch persönlich herausfordert?

Richard: Ja, da ist noch immer etwas, das mich wirklich herausfordert. Natürlich gibt es manches, das mich langweilt, das habe ich auch gesagt. Aber ich würde lügen, wenn ich nicht zugäbe, daß darin eine Art Schlüssel zur Erkenntnis und der Schau des Wesentlichen verborgen liegt, der jetzt als Intuition in meinem Bewußtsein verankert ist. Und so hilft das Enneagramm mir noch immer in dieser Hinsicht zu lernen und zu wachsen. Es klingt so abgedroschen, so offensichtlich, wenn ich das als Eins sage, aber ich glaube einfach meinen Urteilen nicht mehr. Sie sind immer falsch. Ich habe sie, aber ich glaube ihnen nicht mehr. Sie sind immer falsch und angefüllt mit meinem Ego, meiner Angst, mit all dem, was bei mir auf der Tagesordung steht. Es wendet sich geradezu ins krasse Gegenteil: Was ich für richtig hielt, ist meistens falsch. Von daher ist der Kern, das Herz des Enneagramms für mich wahr und macht mich ebenso betroffen wie vor 28 Jahren. Und es hält an, mir die Augen zu öffnen, solange ich mich nicht von meinem Alltagskram gefangen nehmen lasse.

Andreas: Für mich ist es auch eher etwas Peinliches, was ich sagen muß. Ich hab’ das Gefühl, mich 10 Jahre später in gewisser Weise unerlöster zu fühlen als vorher. Weil ich mit Erschrecken die Tiefe und die Tragik der Verstrickung meines eigenen Lebens immer schonungsloser sehe. Das ist etwas, was sehr weh tut. Dabei merke ich immer wieder, daß das Enneagramm recht hat, daß das, was ich damals entdeckt habe auf einer viel oberflächlicheren Ebene, daß das Muster so brutal ist. Die Unausweichlichkeit und das Erschrecken vor meiner Sünde und Verzweiflung an meiner Verstrickung nehme ich deutlich wahr. Und meine Hilflosigkeit darüber mündet immer tiefer in die Sehnsucht nach Erlösung und nach Gott, denn ich weiß: Ich kann überhaupt nichts machen, ich kann mich nicht ändern. Das Enneagramm hat mich überhaupt nicht auf einen Pfad der Selbsterlösung geschickt, sondern im Gegenteil: Ich war mir noch nie im Leben meiner eigenen Erlösungsbedürftigkeit so gewiß wie heute. Das hat mit den Erkenntnissen des Enneagramms zu tun. Ich muß meiner Sünde in die Augen sehen und kann mir keine Illusionen machen. Ich bin auf Gottes Gnade angewiesen.

ÖAE: Wir haben hier in der Enneagramm-Szene erlebt, daß manche Menschen auch noch nach 4, 5 oder mehr Jahren merken, daß sie doch ein anderes Enneagramm-Muster haben. Wie ist es mit euch beiden? Habt ihr euch das auch gefragt?

Richard: Es kommt manchmal vor, daß mir Freunde sagen: Du bist keine Eins, du bist eine Zwei. Und ich muß zugeben, daß meine Zweier-Anteile so groß sind, daß ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, eine Zwei zu sein.

Andreas: … oder auch eine Drei, sagen manche …

Richard: Ja, ich selbst habe das nie gesehen – außer meiner typisch amerikanischen „Dreier-Prägung“ natürlich, die ich kollektiv mitbringe. Ich bin aber von Haus aus nicht ehrgeizig, das weiß ich. Andererseits kann ich eine Menge schaffen, das schaut dann wohl wie bei der Drei aus.

Andreas: … und du bist erfolgreich …

Richard: Die meisten halten mich trotzdem noch eher für eine Zwei. Aber ich würde noch immer sagen, daß meine zugrunde liegende Leidenschaft die der Eins ist. Es gab aber Zeiten wo ich mich fragen mußte, ob ich in Wirklichkeit nicht doch eine Zwei sein könnte. Darum waren meine Aufenthalte in der Einsiedelei so spannend und klärend. Sie gaben mir die Möglichkeit, alles, was immer an Zwei in mir war, zu durchbrechen. Jeder braucht ein Gegenüber in seinem Leben, jeder kennt den Wunsch, für irgend jemanden da und wichtig zu sein. Da steckt aber oft viel wechselseitige Abhängigkeit dahinter und das war bei mir nicht anders. Das zeigte sich in der Einsiedelei. Außerdem nahm es mir bis zu einem gewissen Grad meine Einser-Kritiksucht. Aber vor allem klärte es diese Zweier-Anfragen. Es tat mir so gut und ich fühlte mich so frei in der Einsiedelei. Aber ich weiß, ich stecke oft in dieser Abhängigkeit, daß ich die Bedürfnisse anderer Leute erfülle, und auf sie eingehe und ihnen das Feedback gebe, das sie sich wünschen, da bin ich oft „gefällig“, wenn man so will.

Andreas: Manche Freunde haben mir gesagt, ich könnte auch eine Drei oder Vier sein, mit der Vier habe ich auch geliebäugelt, bin aber zur Zwei zurückgekommen. Ich glaube, daß die Untertypen sehr wichtig sind und daß ich eine selbsterhaltende Zwei bin. Bei Naranjo habe ich gelesen, daß eine selbsterhaltende Zwei mit ihrem Privilegdenken oft wie eine Vier aussieht, und daß die Unabhängigkeit, die Egozentrik und der Individualismus nach außen hin viel sichtbarer sind und man nach außen hin gar nicht unbedingt so danach aussieht, daß man immer für andere da ist. Aber ich habe gemerkt, daß mein inneres Programm und Anspruchssystem ein völliges Zweiersystem ist. Ich habe das schlechte Gewissen, ich tue meiner Meinung nach zu wenig, habe das Gefühl, immer mehr für andere tun zu müssen. So, als bestünde mein Lebenssinn darin, mich für andere zu verströmen. Diese Abhängigkeit und die Schwierigkeit, wirklich bei mir selbst zu bleiben und mich nicht von der Zuwendung anderer her zu definieren, sondern mich mir selbst zuzuwenden, ist meine Lebensaufgabe.

ÖAE: Zur internationalen Enneagramm-Szene: Wie steht ihr zum immer stärker werden Eindringen des Enneagramms in die Business-Welt?

Richard: Ich bin einerseits froh, daß es dorthin vorstößt – auf der anderen Seite beobachte ich dabei eine deutliche Trivialisierung. Es wird reduziert auf reine Funktionalität, auf praktischen Nutzen, auf schnelle Umsetzbarkeit und Hilfe. Es geht nur noch um Pragmatismus, Effektivität – wie wir Amerikaner es eben mit allem machen – anstatt um spirituelles Wachstum und Transformation. Meine Enttäuschung besteht an der Stelle, daß das Enneagramm seine ungeheuere Kraft zur spirituellen Transformation einbüßt zugunsten dieser Trivialisierung. Diese Kritik habe ich auch bei einer Enneagrammtrainer-Konferenz in Denver formuliert und die positive Resonanz darauf war überwältigend. Irgendwie wissen es ja alle und sind dankbar, daß man es sagt. Aber sie wissen nicht, was sie machen sollen. Wie soll man bei einem Training vor United Airlines Leuten von Gnade sprechen und Vergebung und Gott?

Also, das Enneagramm in der Business-Welt, das nenne ich „a mixed blessing“, einen gemischten Segen.

Andreas: Ich sehe dies schärfer als Richard und fast ausschließlich kritisch. Wenn man das Enneagramm in der Unternehmensberatung nutzt, ist die große Gefahr, daß man aus der Not eine Tugend macht. Das Enneagramm wird als Herrschaftswissenschaft verkauft. Man bringt mir bei, was z.B. ein potentieller Kunde für ein Enneagrammtyp ist und wie ich ihn anpacken muß, damit ich ihm mein Produkt verkaufen kann. Hier wird Schindluder betrieben mit einer spirituellen Weisheit, wenn sie so zu Markt getragen wird. Natürlich haben auch wir beide als Buchautoren mit dem Enneagramm Geld verdient. Aber es war nie meine Intention, mit dem Enneagramm Geld zu verdienen und erst recht nicht, damit andere reich und berühmt zu machen. Gerade als Zwei bin ich sehr empfindlich für die Macht der Manipulation. Ich wüßte daher nicht, aus welchem anderen Grund das Enneagramm in der Geschäftswelt eingesetzt werden sollte außer als Herrschaftsinstrument. Gewissermaßen benutzt man doch die Sünde der anderen, um sie leichter zu packen für die eigene Verkaufsstrategie. Ich würde mit dem Enneagramm nicht in der Geschäftswelt arbeiten und habe es auch nicht getan.

Richard: Ich habe es einmal getan für United Airlines in Paris und würde es nicht wieder tun. Es war zwar eine tolle Erfahrung für mich, weil alle so dankbar waren. Ich möchte sie auch nicht verurteilen, denn sie alle haben ja etwas gewagt und eine Menge Zeit und Geld geopfert. Ich weiß auch nicht, ob das dort fortgesetzt wurde, denn ich habe nichts weiter von ihnen gehört. Aber was mich selbst betrifft, so hatte ich das Gefühl, mich selbst zu kompromittieren und gegenüber dem, woran ich glaube, nicht mehr wahrhaftig zu sein. Es ging darum, Geld zu machen, und ich war plötzlich ein Teil davon, auch weil es mich auf dem Business-Sektor und in säkularen Kreisen bekannter gemacht hätte. Es kam mir vor, als würde ich mich prostituieren.

ÖAE: Was haltet ihr denn von dem Prozeßmodell? Es gibt die Typologie, wie ihr und die meisten anderen Autoren sie beschreiben (Jeder ist nur ein Typ). Als Alternative gibt es das Prozeßmodell, nach dem man bei jeder Erfahrung oder Aktion neun Schritte vollzieht. Und die dritte Variante, die Mischung aus beidem: Jeder schlüpft im Laufe seiner Entwicklung in alle neun Typen, bis er das ganze „Enneagrammfeld“ durchwandert und integriert hat.

Richard: Ich möchte natürlich nicht dogmatisch sein. In all dem liegt womöglich etwas Wahres. Aber das ist meine Befürchtung: Es klingt so, als ob es ein moderner, säkularer Versuch ist, zur Ganzheit zu gelangen. Das Evangelium ist um so vieles weiser. Es lehrt uns nicht Ganzheit, es lehrt uns vielmehr Gebrochenheit. Und das ist viel gnädiger und viel hilfreicher als ersteres. Das gibt mir ein Gefühl in Bewegung zu sein und zu wachsen, ohne daß dafür Tiefe notwendig wäre. Ich will nichts verurteilen, aber meine Intuition sagt mir, daß da eine Menge säkularisierter und personalisierter Eschatologie drin steckt, die vielen gar nicht bewußt ist: Haltet bloß nicht mein persönliches Wachstum hin zu meiner künftigen Ganzheit auf! Aber wenn du durch alle neun Muster oder Stadien gegangen bist, wo bist du dann? Ich glaube nicht an die „höheren Ebenen“ beim Enneagramm, das ist nicht franziskanisch. Und es weckt in den Leuten falsche Hoffnungen, die scheitern müssen, weil es um Selbsterlösung geht. Es mag ja auch etwas Wahres dran sein. Auch ich habe in mir schon Aspekte aller neun Typen entdeckt. Aber das ist ja nicht gemeint. Ich fürchte, es verspricht den Menschen ein Ziel, das gar kein wirkliches Ziel ist.

Ich glaube, das Ziel sind nicht die „höheren Ebenen“. Das Ziel des Evangeliums ist viel realitätsbezogener. Es weiß, wo sich dein persönlicher Schrott stapelt. Das Ziel des Evangeliums heißt, erst einmal in deinem schwarzen Dreckloch zu sitzen mit deinem Schmerz, mit deiner Gebrochenheit, mit deiner Trauer. Da unten im Dreck passiert die Verwandlung. Das ist ein völlig anderes Paradigma.

Andreas: Ich möchte noch einen anderen Aspekt hinzufügen. Ich glaube, daß es in bestimmten Prozessen schon hilfreich ist, sich z.B. in einem Rollenspiel oder Bibliodrama in eine ganz andere Person hineinzuversetzen, einen ganz anderen Typus, um diese Seite an sich auch kennenzulernen. Aber der Hauptpunkt kann nur der sein, etwas barmherziger zu sein mit den Menschen, die es verkörpern. Aber wenn das Ziel diese „Ganzheit“ oder das „höhere Bewußtsein“ ist, denke ich an Lehrer, die dieses höhere Bewußtsein lehren. Und gerade von ihnen waren etliche in sehr unschöne Auseinandersetzungen verwickelt um Image- und Urheberfragen zum Enneagramm. Da leuchtet einem so viel Ego entgegen – im Namen der vollständigen „Ego-Überwindung“, daß ich denke: Hier stimmt etwas nicht. Wie kann ein zu höherem Bewußtsein Gelangter und vom Ego „Befreiter“ so eifersüchtig, so kämpferisch, so neidisch auftreten?

ÖAE: Ist es nicht vielleicht so, daß, je länger wir uns mit dem Enneagramm befassen, umso deutlicher auch die Sünde ans Tageslicht kommt?

Andreas: Ich will nicht andere beurteilen. Doch ich bin zutiefst skeptisch und das ist einfach meine zutiefst christliche Überzeugung, daß wir auf dieser Welt nicht zur Erlösung gelangen, sondern daß wir auf einem Weg sind, der wie im Labyrinth mal mehr nach innen, mal mehr nach außen geht. Wir wissen, wir werden in der Mitte ankommen, aber ich glaube, nicht endgültig in diesem Leben. Wir erleben Momente der Gnade, in denen der Vorhang sich teilt und wir dies schauen und merken: Es ist wahr. Und dann gehen wir wieder runter vom Berg der Verklärung, und das Leben ist wieder wahnsinnig banal und wir schämen uns, wie wenig Glauben und Vertrauen wir haben. Es sind nur Momentaufnahmen der Erlösung, die wir in diesem Leben erfahren.

ÖAE: Gibt es noch einen guten Rat, die ihr als Seelsorger weitergeben könnt an unsere ÖAE-Mitglieder?

Richard: Ich möchte warnen vor jeglicher Idealierung einer „Technik“ oder Methode, denn dies wäre doch nur einfach eine andere Art der Selbsterlösung, das Richtige zu tun oder gefunden zu haben. Für mich ist das große Geschenk des Evangeliums schlicht und einfach die Ankündigung daß wir es nicht richtig machen müssen; wir müssen überhaupt nichts „richtig“ machen. Gott wird das nutzen, was wir ihm anbieten, was es auch immer sein mag. Was du Gott gibst – Gott wird es nutzen. Und es ist gleichgültig, ob dies etwas Richtiges oder Falsches ist. Entscheidend ist dein Angebot, deine Hingabe. Für mich ist dies die gnadenvollste und umfassendste Botschaft, die die Welt braucht. Darum sollten wir jeglichen dogmatischen, funktionalen Gebrauch des Enneagramms vermeiden, der die Betonung auf die technische Seite oder auf eine perfekte Methode legt. Es ist etwas für die ganz persönliche Einsicht und Hingabe, aber nicht dazu da, um meine oder deine Realität zu kontrollieren. Wenn Kontrolle im Spiel ist, glaube ich nicht, daß es aus dem Heiligen Geist kommt. Denn der Heilige Geist drängt uns zur Aufgabe von Kontrolle. Das ist mein Ratschlag.

Andreas: Also für mich ist das Wichtigste beim Umgang mit dem Enneagramm der Humor. Man darf das Enneagramm nutzen, auch ernstnehmen als ein wertvolles Instrument des Wachstums, der Umkehr. Das Enneagramm lehrt uns, über uns zu lachen. Und immer wenn dieses Lachen erschallt, bin ich sehr dankbar. Das Lachen (nicht das Auslachen!) ist ein Instrument der Barmherzigkeit mit sich selbst und mit anderen.

Richard: Wenn du so lachen kannst, wirst du frei.

[aus: EnneaForum 16, Oktober 1999, S. 6-11

Aus EnneaForum 16 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 16 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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