Enneagramm und Spiritualität

Rück- und Einblick: ein Wochenende im schönen Wittenberg

Im Juli trafen sich etwa 22 Ennegrammfreunde und -freundinnen zum schon traditionell stattfindenden Wochenende in Wittenberg. Im Mittelpunkt stand die biblische Geschichte von Josef (Typus Vier), von denen wir einige Stationen hautnah miteinander er-lebten, er-spielten, er-zählten, er-sangen, er-fuhren – jeder seinem Typus entsprechend anders. Dabei ging es darum, sich selbst in der Geschichte zu entdecken und dem „roten Faden“ im persönlichen Leben auf die Spur zu kommen. Unter Leitung von Karin Steinberg kamen wir, die „alten Hasen“ des Kreises, und viele Neue miteinander ins Gespräch und ins Miterleben.

Zum „Hineinschnuppern“ in Josefs Lebensweg hier eine Nacherzählung von Heike Heinze.

Josef war ein Träumer. Als der zweitjüngste von zwölf Söhnen hatte er es nicht leicht, seinen Platz im Leben zu finden. Doch er hatte seine Träume. Er träumte von Getreidegarben und Himmelsgestirnen, und immer war es seine Garbe oder sein Stern, vor dem die anderen elf sich beugen mußten. Diese Träume gefielen ihm gut, seinen Brüdern allerdings weniger. Naiv und selbstbezogen wie er war, hatte er sie ihnen brühwarm am Frühstückstisch erzählt. Und genauso naiv zeigte er ihnen seinen schönen bunten Mantel, den ihm der Vater, dessen Liebling er war, als einzigem geschenkt hatte. Was suchte er? Anerkennung? Zuwendung? Verständnis? Er bekam nichts dergleichen. Froh, einen Sündenbock zu haben, richteten die älteren Brüder ihren ganzen Zorn auf ihn. Und als er allein zu ihnen aufs Feld kam, warfen sie ihn wütend in eine leere Zisterne. Das hatte er nun von seiner Angeberei! Sollte er doch sehen, wo er blieb. Und als zufällig eine Karawane vorbeikam, verkauften sie ihn kurzentschlossen als Sklaven nach Ägypten. So waren sie den lästigen, sich immer für etwas Besseres haltenden Bruder endlich los.

Für Josef brach indessen eine Welt zusammen. Er, der sich nie etwas hatte zuschulden kommen lassen, wurde so hart bestraft. Warum gerade er? Womit hatte er das verdient? Traurig zog er nach Ägypten, eine offene Wunde im Herzen, die so schnell nicht verheilen würde.

In Ägypten freilich hatte er Glück im Unglück. Er wurde Hausdiener bei einem reichen Mann, und da er eifrig und begabt war, nahm er bald das Amt des obersten Aufsehers ein. Er war sehr beliebt im Hause des Potiphar. Vielleicht ein wenig zu sehr. Die Wünsche, die Potiphars Frau an ihn hatte, konnte er jedenfalls nicht erfüllen, und als er sich offen weigerte, mußte er dafür büßen. Sie klagte ihn der versuchten Vergewaltigung an, und Josef wurde ins Gefängnis abgeführt.

Ich glaube, hier im Gefängnis hat die Josefsgeschichte ihren tiefsten Punkt erreicht. Wieder war Josef, der nichts Schlimmes getan, ja nicht einmal Schlimmes gewollt hatte, das Opfer seiner Naivität, seines Charmes, seines Vierseins geworden. Er war verletzt, gedemütigt, getreten worden. Tiefer konnte er nicht mehr fallen. Und ich denke, diese Erfahrung war nötig, um Josef reifen zu lassen. Vielleicht begriff er hier, daß ihn gerade seine Begabungen und Stärken unweigerlich in Schwierigkeiten brachten, wenn er sie einfach auslebte ohne darüber nachzudenken. Josef wurde demütig hier im Gefängnis, und er besann sich auf Gott. Jetzt nahm er sein Schicksal an, und er machte das Beste daraus. Als Gefangener mit mustergültiger Führung durfte er schon bald kleine Arbeiten verrichten und den Aufsehern helfen. Das war nicht gerade das, wovon er geträumt hatte, aber es half ihm, zu überleben. Und als nach Jahren der Mundschenk und der Bäcker des Pharaos gefangengesetzt wurden, war er bereit für das, was kommen sollte. Er konnte ihre zukunftsträchtigen Träume deuten, und der Mundschenk, der bald darauf wieder an den Hof des Pharaos zurückkehrte, vergaß das nicht. Als der Pharao zwei angstmachende Träume hatte, die niemand ihm deuten konnte, erinnerte er sich an ihn. Und so schlug Josefs Stunde. Er konnte das Gefängnis verlassen und wurde vor den großen Herrscher geführt.

Aber wie sehr hatte sich sein Auftreten geändert. Da war kein Platz mehr für Angeberei oder eitle Selbstbeweihräucherung. „Niemand kann Träume deuten als allein Gott, der Herr“, sagte er zum Pharao. Allen Ruhm wies er von sich, obwohl Gott mit ihm war und er das Rätsel der Träume von fetten und mageren Kühen und Getreideähren, die einander auffraßen, lösen konnte. Und nun bekam er die ersehnte Bestätigung. Der Pharao spürte, hier war ein Mann, der etwas leisten konnte, auf den Verlaß war. Und er machte ihn zu seinem Minister.

Josef war jetzt ein großer Mann. Er hatte die wichtige Aufgabe, für die in den Träumen angekündigte Dürrezeit Vorratshäuser bauen zu lassen und später die Verteilung des Getreides zu beaufsichtigen. Er hatte einen Palast, viel Geld, Frau und Kinder und eine wichtige Aufgabe. Beinahe war alles gut. Wenn da nur nicht die Vergangenheit gewesen wäre! Sie holte ihn ein, als die Brüder selbst aus Kanaan kamen, um Getreide zu kaufen. Und Josef spürte, als er sie sah, einen so heftigen Schmerz wie nur ein Vierer ihn fühlen kann, der mit seiner unbewältigten Vergangeheit konfrontiert wird. Jetzt, wo sie kamen, sich vor ihm verneigten und ihn in seinem Reichtum gar nicht erkannten, wurde er der Situation nicht mehr Herr. Konnte er sich ihnen zu erkennen geben, würde er ihnen verzeihen können? Viele Tränen, viele innere Kämpfe und viele Wege der Brüder zwischen Kanaan und Ägypten waren noch nötig, ehe er seinen Zorn loslassen und sie als seine Brüder in die Arme schließen konnte. Dann aber war alles eitel Sonnenschein. Der alte Vater wurde von Kanaan geholt und konnte den längst verloren geglaubten Sohn in die Arme schließen, und alle fanden in Ägypten eine Bleibe, um hier die Dürrezeit zu überstehen. Fast schien es so, als hätte Josef genau diesen Weg gehen müssen, damit das Volk Israel jetzt gerettet würde. Und so erfüllten sich seine Träume am Ende doch. Aber es war ein langer Weg gewesen.

Das Feedback am Schluß der Tagung war reichhaltig und vielfältig. Zum Geschmack-Finden lassen wir Euch in den „Obstkorb“ schauen, der gefüllt ist mit allerlei Früchten an Erfahrungen, Erkenntnissen und Eindrücken,die die TeilnehmerInnen an dem Wochenende für sich gewannen:

  • Ich habe die Vielfalt der Typen – ihre Unterschiedlichkeit neu erkannt
  • persönliche Aha-Erlebnisse
  • Sein im Theater ohne den Drang, gleich auf die Bühne zu steigen genießen
  • Sein auf dem Spielplatz meines Lebens
  • mit Freude im Herzen dem Leid begegnen
  • Der Weg führt weiter – durch Höhen und Tiefen einen roten Faden entdecken – das ist gar nicht so einfach. Hier wurde viel Unterstützung geschenkt.
  • Treffen von Ostdeutschen und Westdeutschen, von Katholiken und Evangelischen – ohne daß diese Unterschiede zum Thema gemacht werden – verbunden alle durch das Interesse an und die Arbeit mit dem Enneagramm.
  • Ein Traum, der durch den Boden bricht, wächst, sich entfaltet zur Realität.
  • Söhne/ Väter Verständnis und Parallelen
  • Kontakte
  • Ost/West
  • Wie sehen mich andere? Was strahle ich aus?
  • Erleben der Josefsgeschichte durch Theater, Tücher, Erzählen, Gottesdienst Meditativer Tanz, Spiritualität spürbar
  • menschliche Begegnung und Offenheit
  • Für mich war das Erlebnis einer guten fröhlichen Atmosphäre wieder eine angenehme „süße“ Frucht.
  • Besinnung auf den eigenen Lebensweg ist immer auch eine gute Frucht.
  • Trotz der vielen Aktionen fand ich viele, sehr viele stille Momente. Auch sehr bewegende Momente. Ich hätte nicht gedacht, daß ich mich so schnell so wohl in einer neuen Gruppe fühle. Ich danke für die Gastfreundschaft und die Wärme der Mitglieder.
  • Wenn ich es wage, zu verzeihen und mich als die, die ich bin, zu erkennen zu geben, können alte Wunden heilen.
  • Was mir wichtig war: Spielen, auch trommeln zu können, dabei loslassen und Spannung lösen zu können. Was mich berührt hat: Stuhltheater. Was wieder sein sollte: ein Gespräch unter Männern.
  • Mit Josef ein Stück Weg gehen. Gemeinschaft feiern. Ich bin bunt und freu’ mich dran.
  • Ökumene
  • „Selbstverwaltung“
  • Kreativität
  • Achtung
  • Josef
  • Daß ein roter Faden durch mein Leben zieht, habe ich vorher so nicht gesehen. Ich habe die Anregung mitgenommen, mehr dem nachzuspüren.
  • Immer wieder neu: Fast völlig fremde Menschen zu Anfang – durch das Erleben zu Freunden/Freundinnen geworden!
  • Ich gehe meinen Weg: Erfahrung: Ich kann mich beeinflussen zum Erhebenden, Befreienden. Mein Blick wird eingeschränkt.
  • Begegnung Vater-Sohn
  • Gottesdienst: Mut, um Traumrealisierung zu beten und zu bitten
  • Tränen der Hoffnung und Zuversicht, der Erleichterung und Erlösung; Tränen, die den roten Faden unter meinen Füßen aufleuchten lassen.
  • Kraft für eine neue spannungsgeladene Arbeitswoche.
  • Männer unter sich: fruchtbar füreinander.
  • Spontan gegenseitiges Verständnis erleben.
  • Spüren, welche Kraft in einer Gruppe steckt, die sich unter Gottes Namen zusammengefunden hat, ohne Einmischung und Kenntnis der Profis (nur die Vornamen stehen da).
  • Neuer Mut zur Kreativität
  • Als Sieben tun mir solche Tiefgänge und „gezwungene“ Auseinandersetzungen mit den Wunden meines Lebens gut – Ablenkung und Flucht war nicht möglich. Danke.
  • Wichtige Entdeckung: mich nicht mit allen Kräften, aller Energie gegen eine Situation wehren, sondern durch Warhnehmung dieser Situation, durch Akzeptieren diese Situation überwinden. Ich muß mir Erlaubnis geben.

[aus: EnneaForum 16, Oktober 1999, S. 18-19

Aus EnneaForum 16 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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