Enneagramm und psychosomatische Erkrankungen

Zwischenbericht aus der Untersuchung zu Krankheitsmustern und Enneagrammtypen von Dr. Hans-Udo Kessler

Der Zusammenhang zwischen Psyche, Charakter und Persönlichkeit wird schon seit langem diskutiert. Ich habe nun zum ersten Mal den Versuch gestartet, den Enneagrammtyp mit den verschiedensten Krankheiten, besser Krankheitstendenzen und die Prädisposition für Krankheit zu erforschen.

Nachdem Samuel Jakob in seinem letzten Rundbrief meinen Fragebogen verschickt hat, kamen 242 auswertbare Rückantworten. Ich möchte hiermit allen für das große Interesse und die Unterstützung meiner Arbeit danken und ein kurzes Feedback über die Ergebnisse veröffentlichen. Um nicht den Rahmen dieses Informationsblattes zu sprengen, versuche ich die Ergebnisse möglichst objektiv und deskriptiv weiterzuleiten. Eine ausführliche Interpretation sowie Therapievorschläge sind Stoff für eine größere Arbeit, auf die ich mich schon sehr freue.

Zum Fragebogen noch eine kurze Bemerkung: Ich habe versucht, verschiedene Krankheitsstufen zu berücksichtigen (z. B. innere Unruhe / Herzklopfen / Herzinfarkt). Mir ist bewußt, daß dieser Fragebogen nicht das gesamte Krankheitsspektrum umfaßt. Dazu ist weitere Arbeit nötig.

Ich erhielt Zuschriften von 168 Frauen und 74 Männern. Das Durchschnittsalter betrug 48 Jahre und streute zwischen 25 und 75 Jahren.

Im folgenden werde ich die Häufigkeit der Symptome bzw. Erkrankungen der einzelnen Enneagrammtypen mit dem Mittelwert aller Antworten (jeweils in Klammern angegeben) vergleichen.

Enneagrammtyp 1

Zum Enneagrammtyp 1 gehörten 46 Menschen (32 Frauen, 14 Männer) zwischen 25 und 75 Jahren (Durchschnittsalter 47).

Im Bereich der allgemeinen Symptome kamen bei 28% (14%) Schweißausbrüche, bei 57% (40%) Muskelverspannungen und bei 41% (31%) Schlaflosigkeit vor. Über Rückenschmerzen klagten 43% (36%), verbunden mit Bandscheibenschäden 22% (19%), Migräne beschrieben 28% (19%). Über Streß klagten 66% (62%).

Scheinbar reagiert der Perfektionist auf das Bestreben, alles „richtig“ zu machen, psychosomatisch besonders im Bereich des Halteapparates. Aus der Muskelverspannung über Rückenschmerzen entwickelt sich hier ein Bandscheibenschaden, also ein körperliches Gebrechen. Geistig und emotional ist Entspannung auch schwer, was sich in Schlaflosigkeit, Streß und letztendlich in Migräne niederschlägt.

Enneagrammtyp 2

Von Menschen des Enneagrammtyps 2 erhielt ich 24 Fragebögen, davon waren 23 Frauen und ein Mann im Alter zwischen 34 und 70 Jahren (Durchschnittsalter 52).

Hier liegt die Inzidenz der allgemeinen Symptome unter dem Schnitt, außer bei der Angst 25% (21%) und dem nervösen Magen 25% (22%), und auch hier nur leicht. Allein auffällig ist nur das Symptom Verstopfung 25% (17%), was ich als körperliches Halten, im Gegenpol zum „leidenschaftlichen“ Geben, Fließen interpretiere. Auch das verstärkte Auftreten von Adipositas 21% (12%) könnte auf ein körperliches „Zu-sich-Nehmen“, das im Gegenzug zum „Geben-Müssen“ aus Leidenschaft geschieht, zurückzuführen sein.

Beschrieben wurden in zwei Fällen Asthma (insgesamt 9mal), einmal wurde Anorexia nervosa (Magersucht) genannt (insgesamt 5mal). 16% (5%) der Frauen haben Regelprobleme. 12% (8%) der Zweier haben einen erhöhten Blutdruck, was eine Folge von Adipositas sein kann. Nur 50% (62%) leiden unter Streß und 54% (51%) beschreiben sich als empfindlich.

Enneagrammtyp 3

Von den Dreiern haben nur 5 Frauen und 3 Männer geantwortet (42 bis 63 Jahre alt), was nur wenige Angaben zuläßt.

Hier beschrieben 3 von 7 „innere Unruhe“, sowie 2 von 7 Kopfschmerzen. Bei der Frage „Haben Sie wiederkehrende Schmerzen ?“ haben alle mit „nein“ geantwortet.

Was die Erkrankungen betrifft, haben wir immerhin einen Fall von Magersucht, zwei Fälle von Depression und ein Basaliom. Auffällig ist, daß hier eine Angabe über einen Bandscheibenschaden vorkommt, aber keine Schmerzen empfunden werden.

Unter Streß leiden 4 von 7, und nur einer von 7 bezeichnet sich als empfindlich.

Enneagrammtyp 4

Zum Enneagrammtyp 4 gehörten 19 Frauen und 5 Männer im Alter zwischen 33 und 66 Jahren (Durchschnittsalter 47).

Sehr auffällig bei der Vier sind die hohen Inzidenzraten bei den Allgemeinsymptomen: Angstzustände 38% (21%), „innere Unruhe“ 67% (45%), Herzklopfen 29% (18%), nervöser Magen 25% (22%), Muskelverspannungen 63% (40%), Kopfschmerzen 63% (32%), Schlaflosigkeit 42% (31%). Wiederkehrende Schmerzen geben 79% (47%) an!

Bei folgenden Erkrankungen liegen die Vierer höher als der Schnitt: Adipositas 16% (12%), Anorexia nervosa 8% (2%), Rückenschmerzen 54% (36%), Bandscheibenschäden 29% (19%), Depression 63% (25%)!, Regelprobleme 26% (12%) der Frauen, Hypertonie 12% (7,9%), Migräne 25% (19%), gynäkologische Erkrankungen 12% (10%). 75% (62%) leiden unter Streß und 79% (51%) bezeichnen sich als empfindlich.

Wenn wir den „tragischen Romantiker“ anhand dieses Fragebogens betrachten, sollten wir am Ende anfangen, bei der extrem hohen Empfindsamkeit 79% (51%). Diese korreliert mit dem hohen Schmerzempfinden 79% (47%) und der Depression 63% (25%). Hier liegt vielleicht die Tragik des Romantikers, daß „alles“ als „stark“ und „schwer“ empfunden wird. Körperlich ist der Halteapparat wie Wirbelsäule und Rücken betroffen und auch hier bestätigt sich die Korrelation Hypertonie 12% (7,9%) mit dem Risikofaktor Adipositas 16% (12%).

Enneagrammtyp 5

Der Enneagrammtyp 5 ist der einzige, bei dem mehr Männer (22) als Frauen (19) geantwortet haben, sie waren zwische 34 und 67 Jahre alt (Durchschnittsalter 48).

Über dem Schnitt liegt die Fünf bei den Symptomen Schweißausbrüche 20% (14%) (ähnlich wie der Enneagrammtyp 1 22%), schnelle, flache Atmung 12% (9%), Durchfall 27% (21%) und Verstopfung 20% (17%). Dagegen beschreiben nur 34% (47%) wiederkehrende Schmerzen.

Hier zeigt sich eine deutlich erhöhte Neigung zu Hautkrankheiten 28% (20%), davon Neurodermitis 7% (3%) und Psoriasis 10% (4,5%), außerdem zu Erkrankungen aus dem allergischen Themenkreis, wie zum Beispiel Asthma 7% (3,7%) und natürlich wieder Neurodermitis.

Im Gegensatz zur Eins beschreibt die Fünf weniger Muskelverspannungen 34% (40%) und Rückenschmerzen 24% (36%), jedoch wie bei der Eins eine hohe Zahl an Bandscheibenschäden 22% (19%).

Von allen 242 Teilnehmern findet sich hier der einzige Fall eines Herzinfarktes, kombiniert mit Angina pectoris. Gestreßt fühlen sich 68% (62%) der Fünfer, als empfindlich beschreiben sich 59% (59%).

Wie bei den (auch zwanghaften) Einsern treten hier Erkrankungen des Halteapparates sowie Schweißausbrüche auf.

Bei der Fünf haben wir die meisten Fälle von Neurodermitis (3) und Psoriasis (4). Die Haut ist die Grenze zwischen Innen und Außen, sie reagiert bei der Fünf am stärksten. Vielleicht versuchen die auf der Haut auftretenden Effloreszenzen (Hautveränderungen) ihre Besitzer auf das Vorhandensein ihres Körpers aufmerksam zu machen. Dies gilt bezeichnenderweise für alle Kopftypen.

Da hier auch, wie bei den Zweiern, eine Problematik von Geben und Nehmen besteht, treten auch die Symptome Durchfall 27% (21%) und Verstopfung 20% (17%) gehäuft auf.

Enneagrammtyp 6

Ich habe 27 Zuschriften von Sechsern erhalten (20 Frauen, 7 Männer) im Alter zwischen 30 und 63 Jahren (Durchschnittsalter 48).

Wie erwartet, ist bei der Sechs die Angst am größten 41% (21%), kombiniert mit innerer Unruhe 78% (45%), Herzklopfen 33% (18%) und flacher Atmung 19% (9%), den physiologischen Begleitern der Angst. Nervöser Magen 30% (22%), Durchfall 37% (21%) und Schlaflosigkeit 44% (31%) vervollständigen das Bild der „inneren Unruhe“.

Wiederkehrende Schmerzen treten ebenfalls erhöht auf 56% (47%).

Die Sechs regiert, wie auch die Fünf, stark im Bereich der Haut, aber eher aus der Richtung Allergie, z. B. Neurodermitis 7% (3%), Asthma 7% (3,7%), Ekzeme 11% sowie andere allergische Reaktionen 11%. Insgesamt treten bei 27% (20%) Hautkrankheiten auf).

Auf geistiger Ebene ist eine hohe Inzidenz an Depressionen zu erkennen 44% (25%). In 15% (3,3%) wurde eine Gastritis beschrieben, in einem Fall (insgesamt 8) ein Magengeschwür. Hier treten die beiden schwersten Krebserkrankungen auf: ein Fall von Leukämie und einer von Morbus Hodgkin, beides Krebserkrankungen des Blutes.

Die Streßbereitschaft liegt deutlich über dem Schnitt mit 74% (62%), 67% (51%) der Sechser bezeichnen sich als empfindlich.

Die Angst scheint einherzugehen mit Erkrankungen auf allen drei Ebenen, der geistigen, emotionalen und körperlichen. Sie scheint das Immunsystem (unser Abwehrsystem) am stärksten zu beeinflussen und unser Dasein ganzheitlich zu beeinträchtigen.

Enneagrammtyp 7

Von den Epikureern haben 17 Frauen und 7 Männer geschrieben, zwischen 30 und 60 Jahre alt ( Durchschnittsalter 47).

Bei der Sieben tritt auch die Angst 29% (21%) mit ihren physiologischen Manifestationen auf: Herzklopfen 21% (18%), schneller Puls 21% (9%), Schweißausbrüche 21% (17%). Die Kopfschmerzen 38% (32%) kann man als Symptom der Überbelastung werten (alle Möglichkeiten werden wahrgenommen).

Wie bei allen Kopftypen treten auch bei den Menschen des Enneagrammtyps 7 vermehrt Hautkrankheiten auf 38% (20%), sie sind wahrscheinlich ein Signal des Körpers: „Hier bin ich!“.

Die Inanspruchnahme aller Möglichkeiten führt bei der Sieben zu chronischer Überbelastung, die sich von der Muskelverspannung 38% (40%) über Rückenschmerzen 46% (36%) bis zu Bandscheibenschäden 25% (19%) verfolgen läßt.

Streß beschreiben nur 46% (51%), denn Vielfalt erzeugt in der Sieben eher ein Wohlgefühl als Streß. Nur 33% (51%) beschreiben sich als empfindlich.

Enneagrammtyp 8

Es haben nur 12 Bosse (9 Frauen, 3 Männer) zwischen 32 und 65 Jahren (Durchschnittsalter 49) den Fragebogen ausgefüllt, das läßt, wie bei den Dreiern, nur wenige Aussagen zu.

Wie beim Enneagrammtyp 4 ist auch hier die letzte Frage bedeutsam: Nur 16% (51%) bezeichnen sich als empfindlich. Die hohe Energie der Acht läßt sie auch den Streß als niedrig empfinden: 50% (62%).

Wiederkehrende Schmerzen werden nur in 42% (47%) der Fälle empfunden, davon aber Kopfschmerzen in 42% (32%) und Rückenschmerzen in 32% (36%).

Auffällig ist hier das Übergewicht 25% (12%), das aus einem exzessiven Bedürfnis zu essen hervorgehen könnte. Da keine Angaben über Hypertonie gemacht wurden, empfehle ich den Achtern, ihren Blutdruck messen zu lassen.

Enneagrammtyp 9

Von den Neunern erhielten wir 37 Antworten (24 Frauen, 13 Männer) zwischen 32 und 60 Jahren (Durchschnittsalter 43 Jahre).

Betrachten wir die allgemeinen Symptome, fällt auf, daß die Neun meist unter dem Durchschnitt liegt, außer beim Symptom Durchfall 24% (21%). Dies könnte mit einer erhöhten Inzidenz von Stoffwechselerkrankungen korreliert sein. Adipositas tritt in 14% (12%) der Fälle auf, Diabetes in 2 Fällen (insgesamt 3), Gicht in einem Fall, Gallensteine in einem Fall.

Der erhöhte Blutdruck 10% (7,9%) geht einher mit seinem Risikofaktor Übergewicht 14% (12%).

Der häufige Befall der kleinen Gelenke könnte ein Hinweis auf Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises sein. Sarkoidose (ein Fall) sowie Rheuma sind Autoimmunerkrankungen.

Diese Wanderung um den Kreis des Enneagramms erzählt uns von den Erfahrungen anderer Menschen. Wir sind oft so mit unserer Leidenschaft verhaftet, daß wir, selbst wenn wir uns ihrer bewußt werden, die Schritte zu unserer persönlichen Entwicklung hinausschieben. Der Zusammenhang zwischen Enneagramm und psychosomatischen Erkrankungen sollte uns dazu anregen, die Aufmerksamkeit sofort aufzubringen, die uns zur Erkenntnis unserer selbst führt.

Dr. Hans-Udo Kessler

[aus: EnneaForum 16, Oktober 1999, S. 24-26

Aus EnneaForum 16 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Aus EnneaForum 16 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

  • 1
Vifian Marianne · 19.02.2014 15:39 → Kommentarlink 001639

Grüezi Mitenand
Habe ILP-Kurse gemacht und möchte Sie anfragen, ob es ein Enneagramm-Buch über Psychsomatik gibt oder ob eventuelle Unterlagen darüber
zu bekommen wären, da nichts Ausführliches zu bekommen ist.Für Ihre Bemühung besten Dank und freundliche Grüsse
Vifian Marianne
Stauffacherstrasse 13
9000 St. Gallen

  • 1




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930