Erfahrungsbericht einer Sechs

Christine Hagel aus Wien (42 J., kath., vh., 2 Kinder) schrieb dem ÖAE ihre Kennenlern-Erfahrungen mit dem Enneagramm. Es ist immer wieder interessant, den Spuren anderer Menschen auf ihrem Reifungsweg zu folgen und eine Wegstrecke lang an ihrem Wachsen teilzuhaben. Daher drucken wir Frau Hagels Brief – leicht gekürzt und mit Überschriften gespickt – mit ihrer Genehmigung ab:

Eine gewisse Garantie für die Seriosität des Buches …

„(…) Ich habe das Eneagramm über eine Freundin kennengelernt. Vorsichtig habe ich mich dem esoterisch anmutenden Buch genähert, es durchgeblättert, es interessant gefunden. Meine Freundin, ein zurückhaltend-kluger Typ (…) und religiös (…), war mir eine gewisse Garantie für die Seriosität des Buches von Rohr und Ebert. Nebenbei hat mir auch der Hintergrund des Autorenpaares die mir nötige Sicherheit gegeben, mich näher mit dem Enneagramm auseinanderzusetzen. Damals konnte ich mich noch nicht entscheiden, faszinierende Möglichkeiten boten sich an.“

Ich bin eine Sechs … ungern …

aber unausweichlich …

„Aber schon mein vorletzter Satz kennzeichnet mich: Ich bin eine Sechs. Ungern, wirklich ungern, aber unausweichlich. So viel Angst, wie ich zu entwickeln (und zu tarnen) imstande bin, schafft nicht leicht ein zweiter. Habe ich jedenfalls geglaubt. Ich habe meine Ängste und Sorgen verflucht, gehasst, gefürchtet – und tu’s zu einem großen Teil heute noch. Erst als ich Liesel Scheichs Beitrag in „Erfahrungen mit dem Enneagramm“ las, wurde mir klar, dass ich Geistesverwandte habe. Es war, als blickte ich in einem Spiegel. Das Gute daran ist aber, das nicht ich mir entgegenblickte, sondern ein fremdes Gesicht mit sehr vertrauten Zügen. Denn in meinen Versuchen, meinen Schatten loszuwerden, habe ich mich oft und oft wie rasend im Kreis – um mich selbst – gedreht.“

Angst: keine Krankheit, sondern notwendige Seite meines Lebens

„Das Wichtigste, was mir das Enneagramm vermitteln konnte, war die Erkenntnis, dass meine Angst keine Krankheit, keine seelische Behinderung, sondern notwendige Seite meines Lebens ist. Ich stehe an der Schwelle dieser neuen Denkwelt und mein Vertrauen ist noch sehr schwach entwickelt, aber es kann nie mehr so werden wie früher. Und das ist schon eine Sensation! Ich bin nie damit klargekommen, dass ich, ein von Gott ergriffener Mensch, mit meinem Leben solche Schwierigkeiten habe.“

Ein schwer beladener Wagen – auf kantigen Rädern …

„Ich kam mir oft vor wie ein schwer beladener Wagen auf kantigen Rädern; manchmal auch wie eine Maus in der Falle. Das Leben – eine Riesenfalle, mit nichts bestückt als einem lächerlichen Brocken Käse. Wo war da Gott und das Gefühl von Freiheit und grenzenlosem Glück, das ich immer wieder einmal verspürte und das meine Sehnsucht nach dem wirklichen Leben wach hielt?

Gott liebt mich, wie ich bin. Ich muss mich lieben, um andere lieben zu können. Ich habe immer gespürt, das das stimmen muss, aber in mir drinnen waren da nichts als Grenzen, Mauern, Dunkelheit, Wirrwarr. Meine Energien sog dieses schwarze Loch auf. (Ich spreche in der Vergangenheit, denn ich erkenne jetzt einige Irrwege schon recht gut und kann sie vermeiden.)“

Die Angst –

getarnt als Mahnung

zum richtigen Tun …

„Und immer wieder diese verdammte Angst, die sich herrlich als Mahnung zum rechten Tun und Denken tarnen konnte. Heute noch kostet es mich Mühe, in der Nacht bei „Rot“ die menschen- und autoleere Straße zu überqueren. Bei kirchlichen Geboten ist es für mich natürlich ungleich schwerer, frei meinen Weg zu wählen. Sarkasmus ist das Höchstmass an Rebellion, das ich mir erlaubt habe. Jetzt höre ich auf mit meinem Bad in Angst und Dunkelheit, denn die intensive Beschäftigung damit erzeugt drückende Gefühle.“

Stresspunkt 3: Wie ein Zugpferd in vollem Geschirr …

„Weiter war für mich erhellend, als ich auf meinen Stresspunkt stieß: die Drei. Wie ein Zugpferd hab ich mich ins Geschirr geschmissen, um ein Dreier zu werden. Aber, wie gesagt, mein Wagen hat unrunde Räder. Alle Versuche, als Dreier Erfolg zu haben, waren mit gewaltiger Kraftanstrengung und Nervenflattern verbunden. Nie, nie, nie war ich mit meinen Dreier-Erfolgen wirklich zufrieden. Trotzdem sehe ich auch jetzt noch mit Bedauern über die Achsel auf die Drei. Schön wär’s ja schon.

Mein Blick geht jetzt endlich auf die Neun.“

Trostpunkt 9:

Ich darf mir Ruhe und Entspannung gönnen …

„Vor zwei Jahren habe ich, in familiär schwieriger Zeit, mit Supervision begonnen und wurde von meiner Therapeutin immer wieder darauf hingewiesen, dass ich mit mir und meinen Leistungen so zufrieden sein dürfe, dass ich mir Ruhe und Entspannung („etwas Gutes“) gönnen dürfe – solle – müsse. Das war vielleicht schwierig! Mir ging es nicht in den Bauch. Aus einem unklaren Grund konnte ich mir die Erlaubnis zum leichteren Leben kaum geben. Aber steter Tropfen höhlt den Stein; irgendwann kam ich unter dem Teppich hervor und blieb für längere Zeit an der Oberfläche. Mein schlechtes Gewissen war nicht mehr im Dauereinsatz.

Meine allerbeste Freundin ist eine strahlende Sieben. Sie ist der einzige Mensch, mit dem ich, wenigstens noch vor kurzem, tauschen wollte. Leben ohne schweres Gepäck, was für ein Traum! Liebenswürdig, gewinnend, warmherzig, großzügig, stets zu lachen bereit und Mut genug für alle Lebenslagen. Sie hat mich berühren gelehrt. (…)“

Ausblick:

Zutrauen gewinnen –

mich in der Hängematte durchtragen lassen …

„Wenn Gott so gut ist, wie ich es ihm zuzutrauen beginne, wird er mir auch die nächste Tür weisen, sie vielleicht sogar öffnen und mich durchtragen – in der Hängematte …“

[aus: EnneaForum 16, Oktober 1999, S. 12-13

Aus EnneaForum 16 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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