Buchbesprechung - Die neun Welt-Übel

Claudio Naranjo
Das Enneagramm der Gesellschaft. Die Übel der Welt – Das Übel der Seele
Petersberg 1998
DM 34,00

Endlich einmal ein Enneagramm-Buch, das die gesellschaftlich-politische Dimension nicht nur nebenbei mit abhandelt, sondern zum selbständigen Thema macht. Freilich ist dieses Thema auch bei Enneagramm-Altmeister Naranjo, der in den USA und in Chile u.a. als Psychiater und Gestalttherapeut tätig ist, eng mit der individuellen Dimension verbunden. Das deutet schon der Untertitel an. Gesellschaftliche und individuelle Aspekte gehören zusammen, und so überrascht es nicht, daß „die Übel der Welt“ erst im Schlußkapitel entfaltet werden, nachdem in den drei vorangehenden Kapiteln „das Übel der Seele“ unter verschiedenen Gesichtspunkten dargestellt wird.

Im ersten Kapitel bringt der Autor steckbriefartige Kurzbeschreibungen der neun Typen, die für die meisten LeserInnen nichts Neues enthalten dürften.

Anders das zweite Kapitel, das die neun Muster noch einmal etwas ausführlicher beschreibt und das durch Abbildungen italienischer Masken ebenso anschaulich illustriert wird wie durch Zitate aus „Charaktere“, einer antiken Typologie des Aristoteles-Schülers Theophrast.

Bemerkenswert ist das dritte Kapitel über neun Formen „schlechter Liebe“, welche die echte Liebe auf je spezifische Weise verhindern. So kann sich schlechte Liebe als (1) „überlegene“, (2) „leidenschaftliche“, (3) „narzißtische Liebe“ etc. äußern. Wie oft scheitern unsere Versuche zu lieben – und zwar weniger aufgrund ungünstiger Umstände, sondern weil wir uns dabei schlicht und einfach selbst im Weg stehen! Gestützt auf seine Erfahrungen als Psychotherapeut untersucht Naranjo auf eindrückliche Weise, „wie in jeder einzelnen Charakterneurose die Liebe erschwert und verfälscht wird und welche problematischen Folgen daraus erwachsen.“ (79)

Im vierten Kapitel schließlich zeigt Naranjo, wie aus dem Übel der Seele die Übel der Welt erwachsen. So wird aus Zorn ein repressives Justiz- und Polizeiwesen, kollektiver Stolz bringt parasitäre Strukturen hervor, Eitelkeit führt zum Diktat des Profitdenkens etc. In diesem Kapitel erschließt Naranjo ein innerhalb der Enneagramm-Literatur völlig neues Terrain, und angesichts der Plausibilität seiner Ausführungen überrascht es, daß dies nicht schon längst zuvor geschehen ist.

Sehr erfreulich ist, daß Naranjos Buch trotz des hohen psychologischen Niveaus gut lesbar ist. Seine Sprache ist prägnant und kreativ. Auffällig sind etliche sprachliche Kreationen von Naranjo wie die „egozentrische Großzügigkeit“ der Zwei und der „Statthalter-Narzißmus“ der Sechs. Über solche Wendungen liest man nicht einfach hinweg (wie das bei den immer wieder neuen Büchern zum alten Thema Enneagramm leicht passieren kann), sondern man wird gezwungen, genau hinzusehen ? und staunt nicht selten darüber, wie zielsicher hier der Nagel auf den Kopf getroffen wird.

Das Buch ist geprägt von einem negativen Ansatz, der die LeserInnen mit ihren „neurotischen Motivationen“ konfrontieren möchte. Naranjo: „Ich hoffe, daß die Leser das nötige dicke Fell haben“. (113) M.E. wäre es jedoch schade, wenn das Fell der LeserInnen allzu dick wäre und sie die Konfrontation mit dem „Übel“ ihrer Seele nicht berühren könnte. Sie würden eine gute Chance zur Selbsterkenntnis vergeben.

Johannes Bartels

[aus: EnneaForum 16, Oktober 1999, S. 27

Aus EnneaForum 16 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 16 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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