Bartels, Johannes: Mitten in die Seele hinein – Das Enneagramm im Kontext religiöser Erwachsenenbildung

Buchbesprechungen

Mitten in die Seele hinein

Johannes Bartels: ‚mitten in die Seele hinein‘ – Das Enneagramm im Kontext religiöser Erwachsenenbildung. (Dissertation) LIT Verlag Münster, 2005

Vorerst ist die gute Lesbarkeit dieser Dissertation lobend hervorzuheben. Das Buch ist in allen Teilen auch für ‹Laien› verständlich, und der sonst übliche Fachjargon wird vermieden.
Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile: Zuerst bietet es eine sorgfältig recherchierte Darstellung des Enneagramms in Geschichte und Gegenwart. Im zweiten Teil stellt Bartels aufgrund der aktuellen Fachdiskussion seinen Ansatz der Erwachsenenbildung vor, auf dessen Hintergrund er im anschließenden dritten Teil ausgewählte Sequenzen lebendiger Arbeit mit dem Enneagramm analysiert.
Johannes Bartels geht es auch um die Beantwortung der Frage, ob und wie sich christliche – speziell protestantische – Theologie und das Enneagramm gegenseitig vertragen. Dies beantwortet er im letzten und vierten Teil seiner Studie positiv und mit vertiefenden Hinweisen.
Mit seiner ‹genetischen Rekonstruktion› der Geschichte des Enneagramms wissen wir es nun definitiv: das Enneagramm ist zwar ein altes (kosmisches) Symbol, aber als Persönlichkeitstypologie, wie wir das Enneagramm heute benutzen, geht sie auf das legendäre Arica-Training 1971 von Oscar Ichazo zurück. Es gibt zwar ältere – und mit den Wüstenvätern des 4. Jahrhunderts auch alte – Vorläufer und Ahnungen der schließlich im Enneagramm Oscar Ichazo›s zusammengefassten Gesetzmäßigkeiten. Besonders interessant ist die Darstellung der dem Enneagramm ähnlichen Figuren von Raimund Lull (Ende 13. Jh.) und Athanasius Kircher (17. Jh.), die jedoch nach Bartels nicht guten Gewissens in die Überlieferungslinie des Enneagramms gestellt werden können. Als ‹weisheitliche Charaktertypologie›, die weder historisch noch wissenschaftlich hergeleitet und bewiesen werden kann, legitimiert sich das Enneagramm einzig durch seine Evidenz. Johannes Bartels spricht von willkürlichen Setzungen (S. 70), die 1971 getroffen wurden, ich würde sie eher als intuitiv gefundene Entdeckungen von psychisch-spirituellen Gesetzmäßigkeiten bezeichnen, die vermutlich mit wachsender Erkenntnis in absehbarer Zeit auch theoretisch breiter abgestützt werden können.
Für die Bildungstheorie (Erwachsenenbildung) stützt sich Johannes Bartels insbesondere auf die Ansätze der ‹Perspektivenverschränkung› und der ‹Verknüpfung von Deutungsmustern›, die bildende, entwickelnde und transformative Effekte bei Teilnehmern an Bildungsprozessen bewirken. Für die theologisch-kirchliche Erwachsenenbildung wird auf die vielbenutzte Korrelationsdidaktik (Glaube/Theologie und Leben/Alltag werden aufeinander bezogen) von Paul Tillich verwiesen.
Zu diesem Ansatz passt nun das Enneagramm wie die Hand zum Handschuh. Johannes Bartels untersucht dazu Sequenzen von Panel-Interviews aus dem Zürcher Seminar, wie sie Helen Palmer im Gefolge von Claudio Naranjo entwickelt hat.
Bartels geht ins Einzelne: Aus 6 sorgfältig editierten Transkripten analysiert er Schlüsselpassagen unter verschiedenen erwachsenenbildnerischen und theologischen Aspekten. Die Wiedergabe und sorgfältige Analyse dieser Passagen aus dem Zürcher Seminar stellen das Herzstück der Studie dar. Es ist interessant – und plastisch – Helen Palmer auf diese Weise über die Schultern blicken zu können. Ich war ja selbst dabei, staune jedoch, wie vielschichtig das Geschehen auf einem Panel sein kann. Es gelingt Johannes Bartels in erstaunlicher Weise, nicht nur das sachliche, sondern auch das emotionale Geschehen erlebbar – und darin die verschiedenen pädagogischen Ebenen und Aspekte sichtbar zu machen.
In der ‹Synthese› seiner Studie empfiehlt er zunächst den Weg von der ‹gesetzlichen zur heuristischen Anwendung des Enneagramms›. Hier überzeugen mich nicht alle Schlussfolgerungen: die ‹Nebenstrukturen› wie Flügel, Triaden, Pfeile und die Subtypen vermögen gerade den heuristischen Wert des Enneagramms meiner Erfahrung nach zu steigern: man findet mehr, Präziseres und auch für die Entwicklung Hilfreicheres als ohne sie.
Wo ich jedoch aus vollem Herzen zustimme ist, dass – gerade vom Evangelium her gesehen – der Mensch immer ‹mehr› ist als bloss ein Typ.
Mit der These ‹vom Mythos der Ganzheit zur Akzeptanz der Fragmentarität› steckt Bartels dem Machbarkeitsdenken der Transformation Grenzen. Die Leistungskraft der Arbeit an sich selbst ist begrenzt; und vermessen, wer glaubt, sein Ego definitiv und vollständig überwunden zu haben. Obschon Bartels bei Gurdjieff und Ichazo vollmundige Zitate dieser Art findet und aufführt, rennt er meines Erachtens hier offene Türen ein: die großen Enneagrammlehrer sind hier realistisch genug – und ich kenne keinen, der entwicklungspsychologische mit soteriologischen Kategorien verwechselt. Die missverständliche Rede vom ‹erlösten› Typen bei Rohr/Ebert ist in der Neuausgabe korrigiert. Meiner Erfahrung nach gibt es jedoch tatsächlich, – entwicklungspsychologisch und sogar entwicklungsspirituell – reifere und unreifere Ausprägungen eines Typs. Interessanterweise gehören m.E. immer wieder diejenigen Menschen zu den am weitesten ‹Transformierten›, die sich mit schweren Schicksalsschlägen oder Krankheiten auseinandersetzen mussten, die also (um die Gurdjieff›schen Kategorien zu benutzen) eben gerade nicht durch ‹freiwilliges Leiden› so weit gekommen sind. Mir macht fast den Anschein, also ob Bartels die Unterscheidung von ‹Stufen› der persönlichen Entwicklung grundsätzlich ablehnen würde. Ich selbst habe jedoch gerade im Enneagramm eine Art Landkarte gefunden, anhand derer auch in dieser Frage eine sorgfältige und differenzierte Orientierung gefunden werden kann, wie ich sie bei keinem zweiten System auch nur annähernd finde – und mir im Alltag die Augen dafür aufgehen (womit wir nochmals bei der Evidenz wären). Dass das Leben – und Entwicklung – fragmentarisch ist und bleibt, halte ich für eine der hilfreichsten ‹Ent-Täuschungen› des Enneagramms selbst.
Sehr interessant finde ich Bartels Vertiefung ‹von den Barrieren zur Wurzelsünde›: Er stellt fest, dass zwar nicht das Enneagramm selbst, jedoch Anwender oft einem oberflächlichen Sündenverständnis unterliegen. Man nimmt lieber Begriffe wie ‹Fehler›, ‹Barrieren› und ‹Behinderungen› in den Mund, um dem radikaleren Begriff ‹Sünde› auszuweichen (ein anderes Indiz dafür ist, dass in Enneagrammseminaren viele immer schon zu den ‹Erlösteren› gehören wollen, auch wenn sie erst Umrisse ihres Typs erkannt haben). ‹Sünde› meint eine grundsätzliche Zielverfehlung, und Bartels stellt fest, dass sogar Rohr und Ebert davon streckenweise einen zu verharmlosenden Gebrauch machen. Sünde meint im Kern, dass ich mein Vertrauen, wenns darauf ankommt, lieber auf meine Persönlichkeit (meinen Typ) als auf Gott setze.
Hier scheint mir Claudio Naranjo klarer, da bei ihm der Typ an sich die Krankheit darstellt, und nicht bloss die ‹problematischen Aspekte› des Typs. Zustimmen möchte ich der – zutiefst evangelischen – Einsicht, dass erst aus dem Licht der Glaubens das ganze Kaliber dessen, was mit Sünde gemeint ist, und die ganze Destruktivität, die wir im Alltag mit dem Ausagieren unseres Typs in den Welt setzen, erst als solches zum Vorschein kommt – erst in diesem Licht überhaupt erkannt werden kann. Insofern ist Sünde immer ‹Todsünde›. Bartels stützt sich hier auf die klassisch lutherische Rechtfertigungslehre und fordert aus dieser Perpektive eine ‹theologische Vertiefung des Sündenverständnisses›. Weniger zustimmen möchte ich ihm in der Sache, den Menschen nur als Sünder zu definieren. Er ist auch Geschöpf und Ebenbild Gottes, trotz seines Falls – und er ist aufgefordert (und in gewisser Weise auch fähig im Sinne von dafür würdig befunden), das seine zur Umkehr beizutragen. Ich erinnere hier an Matthew Fox’ bereits wieder etwas in Vergessenheit geratenes Buch ‹Der Große Segen›, der den ersten Glaubensartikel gegenüber einer zu extremen christologischen Engführung insbesondere der protestantischen Theologe in Erinnerung ruft. Ob der Mensch einen gesunden ‹natürlichen› Kern hat (das umstrittene Thema der natürlichen Theologie), oder zugespitzt gefragt: ob im Menschen gar – nebst der Sünde – auch ein ‹göttlicher Kern› zu finden ist oder zumindest schlummert (was nicht nur eine esoterisch anmutende Formulierung ist, sondern in der Ostkirche seit je her auch geglaubt wird), ist in der protestantischen Theologie eine immer noch ungelöste Frage. Ich plädiere hier für Luther und Fox, ein radikales ‹Sowohl als Auch›.
Aber Johannes Bartels hat sicher recht, wenn er am Schluss davor warnt, dass die ‹Fortgeschrittenen› und Menschen, die ‹an sich arbeiten›, oft (im schlimmsten Fall sogar: vor allem) ein elitäres Selbstbewusstsein entwickeln, um sich pharisäisch von den ‹Unbewussten› abzuheben. Bereits den Wüstenvätern war bewusst, dass es am Schluss nochmals dem (spirituellen) ‹Stolz› an den Kragen gehen muss. Bescheidenheit gehört nach wie vor zu einem der wichtigsten Markenzeichen wahrer Meister. Man trifft sie vorzugsweise bei solchen, die tatsächlich in die Tiefe gegangen sind bzw. gehen mussten. Es gibt beim Enneagramm fast nichts Schlimmeres, als nicht ‹den Geist des Anfängers› zu bewahren, weil der Missbrauch sich so subtil nahe neben dem eigentlichen Gebrauch einnisten kann. Niemand soll (vorschnell) behaupten, dass er z.B. seine Wurzelsünde bereits umfassend erkannt hat oder gar frei geworden sei davor im Alltag.

Johannes Bartels Buch ist allen – gerade auch eingefleischten – Enneagrammern wärmstens zur Lektüre empfohlen.

Samuel Jakob

[aus: EnneaForum 27, Mai 2005, S. 28-29

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Aus EnneaForum 27 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930