Märchenstunde

Zahlreiche Filmhelden, Comicfiguren und Gestalten aus Bibel und Weltliteratur haben schon Eingang in die Enneagrammbücher gefunden. Nicht ganz so leicht war es, für alle neun Typen ein Märchen zu finden, das die entsprechenden „Typen” charakterisiert. Manchmal zeigt ein Märchen mehr die negative Fixierung eines Typs, manchmal eher seine Schokoladenseite.

Auch wenn die ausgewählten Märchen darum untereinander nicht ausgewogen sind (überraschend viele Märchen der Gebrüder Grimm halten den NeunerFaulpelzen erbarmungslos den Spiegel vor), so vermittelt vielleicht eine abendliche Märchenstunde unter Enneagrammgesichtspunkten manche zusätzliche Erkenntnis zu den neun Typen.

EINS: König Drosselbart

Tiki-Bild Märchen-Eins(Grimm Nr. 52)
Alle Einser werden an der Prinzessinnenerziehung des König Drosselbarts ihre helle Freude haben. Das ganze Märchen kreist um Einserthemen: Der Prinzessin ist kein Freier gut genug (Perfektion), ihr Vater schwört im Zorn, sie müsse den erstbesten Spielmann heiraten, und König Drosselbart bringt seiner verwöhnten Prinzessin die Tugenden von Fleiß und ehrbarer Arbeit näher. Ein schönes Bild für den Beginn ihres Verwandlungsprozesses: Auf dem Marktplatz zerspringt das irdene Geschirr der Prinzessin „in tausend Scherben”!

ZWEI: Die Sterntaler

Tiki-Bild Märchen-Zwei(Grimm Nr. 153)
Was macht eine arme Zwei ohne Vater, ohne Mutter, ohne Kämmerchen, ohne Bettchen, ohne Freunde? Weil sie „gut und fromm” ist, hat das Schenken noch lang kein Ende! Das letzte Stück Brot und alle Kleider bis zum buchstäblich letzten Hemdchen gibt es her – allerdings in der „Nacht” und ohne dabei gesehen zu werden! „Und wie es so stand und gar nichts mehr (zum Verschenken!) hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel. Und es hatte ein neues Hemdlein an. Da sammelte es sich die Taler hinein.”

DREI: Der gestiefelte Kater

Tiki-Bild Märchen-Drei(Grimm)
Die Geschichte einer glanzvollen Tellerwäscher-Karriere vom Mühlenkater, der erster Minister wird. Ein paar prachtvolle Stiefel („damit ich mich unter den Leuten sehen lassen kann”), Überredungskunst, Witz, jede Menge Erfindungen und Lügen, falsche Namen und ein geniales Manöver, um den mächtigen Zauberer auszutricksen, das sind die Mittel dieses Märchen-Dreiers, um sich selbst und dem Müllerburschen zu Ansehen und Reichtum zu verhelfen.

VIER: Die Prinzessin auf der Erbse

Tiki-Bild Märchen-Vier(H. Chr. Andersen)
Eigentlich sind fast alle Märchen von Andersen Vierermärchen. Die Prinzessin auf der Erbse und das Märchen vom Schweinehirt thematisieren besonders deutlich die schmerzlich-melancholische Suche der Vierer nach Authentizität (wie findet man eine echte Prinzessin; was ist echter: eine natürliche Rose oder die vollendete Schönheit eines Kunstwerks?) Bei der empfindsamen Prinzessin auf der Erbse gibt es zwar ein Happy End, aber klar ist auch: Keiner leidet so wie diese echte Prinzessin, die von einer gewöhnlichen Erbse grün und blau am ganzen Körper wird.

FÜNF: Die kluge Bauerntochter

Tiki-Bild Märchen-Fünf(Grimm Nr. 94)
Von Carl Orff vertont, verkörpert „die Kluge” viele positive Fünferzüge: Den Mörser im Acker will sie lieber behalten und weiß eine kluge Begründung dafür, ihn nicht dem König zu bringen: „Dann will er auch den Stößel”. Man solle lieber Zurückhaltung üben („darum schweigt lieber still”). Sie weiß das schwierige Rätsel des Königs bravourös zu lösen. Als Königin behält sie ihre Weisheit nicht für sich, sondern berät einen einfältigen Bauern, der um seinen Besitz (!) gebracht werden soll. Zur Strafe muß sie das Schloß verlassen, darf aber das Liebste und Beste mitnehmen. Sie nimmt den schlafenden König mit – der sich durch so viel aktive Fünfer-Liebe freudig versöhnen läßt.

SECHS: Die kluge Else

Tiki-Bild Märchen-Sechs(Grimm Nr. 34)
„Die hat Zwirn im Kopf” heißt es von der Else, „die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten”. Dieses Märchen beschreibt sehr genau die Sechserfalle: Ein scheinbar schlüssiges Argumentations- und Beobachtungssystem führt der klugen Else ihr künftiges Unglück vor Augen: Wenn ich den Hans heirate und ein Kind habe und das Kind in den Keller schicke, dann wird es erschlagen von der Kreuzhacke über dem Faß. Diese Angstvision ist so plastisch, daß sie reglos im Keller sitzt und nicht mehr handeln kann. Der Schluß des Märchens beschreibt konsequent das Drama des Selbstverlustes einer unerlösten Sechs: „Da stand sie eine Zeitlang zweifelhaft und dachte: Bin ich’s oder bin ich’s nicht?” Zu diesem Märchen gibt es übrigens eine hervorragende Drewermann-Deutung.

SIEBEN: Hans im Glück

Tiki-Bild Märchen-Sieben(Grimm Nr. 83)
Bezeichnenderweise ist das Stück Gold, das Hans am Anfang bekommt, so groß wie sein Kopf. Nach sieben Jahren Dienst will dieses Siebenerkind heim zur Mutter. Unterwegs begegnen ihm lauter Leute, deren Eigentum Hans stets noch bessere Optionen versprechen. Der reale Verlust, den Hans bei jedem Tausch erleidet, wird erst gar nicht ins Denken eingelassen. Hans rechnet sich nur die Vorteile und schönen Seiten aus. „Seine Augen leuchteten vor Freude: Ich muß in einer Glückshaut geboren sein, alles was ich wünsche, trifft mir ein wie einem Sonntagskind”. Aber die Freude über einen Tausch weicht schnell dem Kummer, den er sich damit einhandelt – die verdrängten Schattenseiten rächen sich jedesmal und machen Hans arg zu schaffen.

ACHT: Der starke Hans

Tiki-Bild Märchen-Acht(Grimm Nr. 166)
Noch ein Hans, nicht zu verwechseln mit dem Eisenhans! Dieser Hans wird als Kind mit seiner Mutter gewaltsam entführt, wächst in einer dunklen Räuberhöhle auf und „wird groß und stark”. Mit neun Jahren macht er sich einen Knüppel und legt sich mit dem Räuberhauptmann an: „Wenn du mir nicht gleich sagst, wer mein Vater ist, schlag ich dich nieder!” Nachdem er den Räubern entkommen ist, zieht er mit zwei Riesen durch die Welt, die ihm aber an Kraft nicht gleichkommen und ihn betrügen. Als Achter sorgt Hans selbst für Rache und Gerechtigkeit – auf seine Art: „Und in heftigem Zorn… gab er den bösen Gesellen ihren verdienten Lohn und warf sie ins Wasser”.

NEUN: Die 12 faulen Knechte

Tiki-Bild Märchen-Neun(Grimm Nr. 151 *)
„Zwölf Knechte, die den ganzen Tag nichts getan hatten, wollten sich am Abend nicht noch anstrengen, sondern legten sich ins Gras und rühmten sich ihrer Faulheit”. Köstlicher, lustiger und übertriebener kann man, glaube ich, die Wurzelsünde der Neun nicht beschreiben. Immerhin einer gesteht, daß ihm die Faulheit auch Schaden gebracht hat: „Ich lag auf dem Fahrweg und hatte die Beine ausgestreckt. Da kam einer mit einem Wagen und die Räder gingen mir darüber. Ich hätte die Beine zurückziehen können, wenn ich den Wagen gehört hätte. Aber die Mücken summten mir um die Ohren und wer macht sich schon die Mühe, das Geschmeiß wegzujagen?”

Viel Vergnügen beim Nachlesen!

Marion Küstenmacher

[aus: Enneagramm-Rundbrief 4, Januar 1993, S. 26

Aus EnneaForum 04 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 04 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

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Pfau Pia · 21.01.2014 19:38 → Kommentarlink 001634

Ich finde die Märchen gut getroffen!
Die Prinzessin bei “König Drosselbart” sehe ich als sx4, im Unterschied zum Einser-König.
Für die 9 gibt es auch viele wie “Die goldene Gans” oder “Die drei Federn”, immer da wo der “Dummling” am Ende über die anderen Brüder siegt. “Schneeweißchen und Rosenrot” beschreibt auch schön die ursprüngliche Heile Welt der 9.
“Meister Pfriem” – eine sp1
“Rotkäppchen” – eine sp2 oder doch sx2, natürlich als junges Mädchen…
Nur für die sp4 ist mir noch kein Märchen eingefallen.
Gruß

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