Von der „Reaktion" zum Verstehen

Beziehungsdynamik rund ums Enneagramm – am Beispiel des Musters Nummer SIEBEN

EEE-EnneagrammEs ist der letzte Vormittag des Workshops „Enneagramm I – Klärung von Charaktermustern”. Die Kursgruppe steht in einem Pulk in der Ecke des Gruppenraums, wo auf einem Zettel eine SIEBEN an die Wand gepinnt ist. Wir sprechen zunächst über die Bilder, Vorstellungen, Vor-Urteile, die jeder über diesen Enneagramm-Punkt in sich hat – nach dem Motto „was habe ich persönlich mit dieser Nummer am Hut?” Also: Was ist mir ganz persönlich an diesem Charaktermuster, so wie ich es mir vorstelle, eindrücklich, faszinierend, fremd, abstoßend, vertraut usw.? An wen muß ich denken, wenn ich mich mit diesem Muster beginne zu beschäftigen? Wie geht’s mir eigentlich mit dieser Person?

Die spontanen Äußerungen aus der Gruppe lassen Teilaspekte des Musters Nr. 7 deutlich werden. Und zeigen gleichzeitig, wie sehr jede® von uns aus seinem eigenen Charaktermuster heraus „positiv” oder „negativ” auf ein anderes Muster „einsteigt`.( Übrigens: Nicht alle der folgenden Äußerungen sind in dieser Kursgruppe so gefallen, z.T. habe ich gestrafft, z.T. ergänzt):

EINS über SIEBEN:

„Oberflächlich”, „leichtfertig”, „vergnügungssüchtig” – deutlich wertende Adjektive. Solche Bilder über SIEBEN entstehen offenbar am ehesten in Menschen, deren eigenes Charaktermuster u.a. nach dem Motto „erst die Arbeit, dann das Vergnügen” funktioniert. Der scheinbar fehlende „Tiefgang”, die scheinbar mangelnde Ernsthaftigkeit von SIEBEN stellt das Lebensmotto von EINS in Frage.(EINS: Ich kann mich erst entspannen, wenn alles hundertprozentig erledigt ist). Wie denn – der sog. „Trostpunkt” als Ärgernis? Freilich: Das, wovon wir ahnen, daß es – als „Gegenprogramm” zur eigenen Charakterprogrammierung – hilfreich und verlockend sein könnte, genau das weckt auch den Widerstand, weil uns da Erlebens- und Verhaltensqualitäten präsentiert werden, die uns aus subjektiv „guten” Gründen nicht unbedingt zu Verfügung stehen.

ZWEI über SIEBEN:

„Ich lasse mich gern von der Lebensfreude anstecken, die diese Leute ausstrahlen. Aber näher kann ich irgendwie nicht mit so jemand zu tun bekommen.” SIEBEN ist beziehungsmäßig schwierig für ZWEI. ZWEI sucht bei SIEBEN nach der „Not`, die zum „Helfen” berechtigt, spürt oft den abgewehrten Schmerz bei SIEBEN, kommt aber nicht heran. Kann sich nicht nützlich machen und kann sich damit auch nicht (innerhalb des Musters ZWEI) durch SIEBEN wertgeschätzt fühlen.

DREI über SIEBEN:

„Innovativ, kreativ. voller guter Ideen. Man muß nur achtgeben, daß so jemand nicht davonspringt und anderswo ein Feuerwerk abbrennt. Aber ansonsten kann man mit so jemandem sicher gut zusammenarbeiten.” Das Muster SIEBEN, gesehen von DREI aus (Leitmotiv der DREI: Wofür ist diese Person mir nützlich?)

VIER über SIEBEN:

„Diese viele Fröhlichkeit ist mir oft zu unecht. Die lachen ja sogar, wenn sie eigentlich weinen.” Der scheinbar fehlende Tiefgang von SIEBEN läßt VIER an der „Echtheit` zweifeln, ohne daß VIER bemerken würde, daß der eigene „Tiefgang” manchmal ein bißchen allzu „echt` ist.

FÜNF über SIEBEN:

„Faszinierend dieser Optimismus, könnte meinen Pessimismus mildern. Bei dieser Art von Geselligkeit kann ich relativ gut mitmachen”. SIEBEN scheint für FÜNF deswegen kontaktmäßig eher unproblematisch zu sein, weil in SIEBEN wie in FÜNF ein eher distanzierender Beziehungsstil vorherrscht. Beide Muster dienen – wenn auch mit eher gegensätzlichen Strategien – der Angstvermeidung. Wie denn: der sogenannte „Streßpunkt” als zwischenmenschliche Attraktion?

Freilich: FÜNF „kennt” SIEBEN aus den Situationen, in denen das eigene Charaktermuster überlastet ist, „heißläuft” und auf das „Notprogramm” (sog. Streßpunkt) umschaltet. Bei FÜNF kommt es zur inneren Überlastung, wenn zu viel zwischenmenschliche entstanden ist und es keine Rückzugsmöglichkeiten gibt. Dann steigt FÜNF mit dem Kopf aus und beginnt nach Art von SIEBEN zu „planen”.

SECHS über SIEBEN:

„Zu wenig verläßlich, zu flatterhaft. Zu kindlich-naiv und zu gutgläubig. Ich fühle mich leicht von Untreue bedroht.” SECHS zweifelt. Zweifelt natürlich auch an der „heilen Welt” von SIEBEN . (Da steckt doch was anderes dahinter!)

ACHT über SIEBEN:

„Interessant. Weckt meine Abenteuerlust. Nur – man kann sich mit diesen Leuten nicht ernsthaft auseinandersetzen.” Da, wo ACHT gern kämpfen möchte, weicht SIEBEN (z.B. in den Witz) aus.

NEUN über SIEBEN: „Zu anstrengend”.

Achterlei Reaktionen und Bilder über das Muster Nr. SIEBEN. Keinesfalls vollständig, keinesfalls als fundierte theoretische Aussagen zu betrachten.

Eher flüchtige Impressionen und Assoziationen, die natürlich – je nach der persönlich-individuellen Färbung der Enneagramm-Muster auch anders ausfallen könnten. Worauf es uns bei der Skizze dieses Workshop-Szenarios aber entscheidend ankommt, das ist folgendes:

Wir alle nehmen selektiv wahr. Das heißt: Mein Charaktermuster „entscheidet” auf einer normalerweise vorbewußten Ebene, welcher Erlebens- und Verhaltensaspekt einer anderen Person (oder, wenn ich ein Enneagramm-Muster studiere, welche der vielen Merkmale eines anderen Musters) bevorzugt für mich Bedeutung gewinnt, im „Guten”, wie im „Schlechten”. Unsere Wahrnehmung ist immer mehr oder weniger selektiv, d.h. eingefärbt von unseren ganz subjektiven Empfindungen, Einstellungen usw.

Aufmerksamkeitsstile

Nun sind weder Enneagramm-Kursleiter noch Autoren von Enneagramm-Büchern ganz frei von solchen „charakteristischen”(!) Wahrnehmungs-Selektionen, die mit den subjektiven Vorlieben und Abneigungen zu tun haben. Man vergleiche etwa die Kapitel über das Muster Nr. SECHS bei Riso, Rohr/Ebert und Palmer. Die weichen in Stil und Inhalt so stark voneinander ab, daß man fast meinen könnte, sie würden nicht von ein und demselben Muster schreiben! Stimmt aber nicht: Die Gewichtungen und Bewertungen differieren. Nach unserer Aufassung ist das im Prinzip nicht weiter schlimm – eher im Gegenteil: Solche Divergenzen können uns dabei behilflich sein, daß das Enneagramm ein Modell ist, das je nach persönlicher Färbung (und Charaktermuster) der Autoren immer etwas anders interpretiert wird. Das Enneagramm ist keine Wahrheitslehre, die uns einen endgültigen Dogmatismus über das Funktionieren der menschlichen Psyche bescheren würde.

So brauchen wir in der Arbeit mit dem Enneagramm neben dem Bemühen um größtmögliche Präzision im Verstehen der neunerlei Wahrnehmungs-, Denk-, Fühl- und Verhaltensstile vor allem eine Grundhaltung kritisch-bewußter Subjektivität, die anerkennt, daß wir die (anderen acht) Muster halt immer durch die Brille unseres eigenen Musters wahrnehmen. Und entsprechend gefühlsmäßig reagieren. „Gegenübertragung” nennt man das in der Psychoanalyse. Das ist einerseits eine heilsame Relativierung unserer Erkenntnis- und Arbeitsmöglichkeiten. Das ist andererseits eine wertvolle innere „Informationsquelle”. Denn: Je besser ich meine eigenen „charakteristischen”(!) (Gegenübertragungs-)Reaktionen auf die anderen Muster kennen- und unterscheiden lerne, desto eher kann ich „mein” und „dein” auseinanderhalten. Und desto eher werde ich einen freieren Verstehenszugang zu den „inneren Welten” der anderen Muster finden können.

Da entdeckt z.B. jemand, wie er neidisch (!) nach der so ganz anderen Art von SIEBEN schielt, mit Schmerz umzugehen. Was für das eigene Muster wie ein gewaltiges Drama erscheinen mag, könnte sich für SIEBEN als Problemchen darstellen, das sich mit Optimismus und ein wenig intelligenter Planung relativ leicht beheben ließe. Diese neidische Person braucht wahrscheinlich ein wenig, um mitzukriegen, daß das für SIEBEN „wirklich” so ist, und daß die eigene Neigung, schmerzliche Erlebnisse zu dramatsieren halt auch nicht das Maß aller Dinge ist. An dem Neid und an der „spontanen” (automatisierte Regungen sind eigentlich nicht „spontan”, sie kommen einem nur so vor) inneren Re-Aktion wäre zunächst einmal der für das Muster Nr. VIER typische Aufmerksamkeitsstil zu beobachten: „Selektive Ausrichtung auf das Beste im Abwesenden und das Schlechteste im Vorhandenen” (Palmer). Nach der Klärung der eigenen Re-Aktion gäbe es dann eine gute Gelegenheit, das andere Muster als das zu sehen, was es ist, und was es subjektiv bedeutet.

Was passiert z.B. einer in SIEBEN fixierten Person, wenn ein mit schmerzlichen, ängstlichen oder sonstwie unangenehmen Gefühlen verbundenes Problem auftaucht? Wie organisiert sich in diesem Moment die Aufmerksamkeit? „Die Aufmerksamkeit verlagert sich auf erfreuliche mentale Assoziationen und optimistische Zukunftspläne” (H. Palmer). Wichtig zu begreifen: Das passiert einfach „im Kopf”, da ist „normalerweise” kein Bewußtsein von „ich denke jetzt absichtlich an was Schönes”, es „geschieht einfach so”.

Und ob dieses automatische Verlagern der Aufmerksamkeit dann der kreativen Problemlösung dient oder der Problemvermeidung, das steht noch mal auf einem anderen Blatt. Fallbeispiel: Eine Lehrerin berichtet, wie sie, schon leicht entnervt, in einer unruhigen Klasse ein sechste Schulstunde zu halten hat. Während sie an der Tafel steht, stellt sie sich automatisch vor, was sie anschließend essen wird, welches Badeöl sie heute benutzen will und welchen Film sie am Abend ansehen wird. Diese Verlagerungen der Aufmerksamkeit auf erfreuliche mentale Assoziationen und optimistische Zukunftspläne” sind in ihr so lebendig, daß die Schulstunde rasch vorübergeht. Und: Schon als kleines Mädchen auf der Flucht vor den Russen hatte sie sich gegen all die Angst innerlich dadurch über Wasser gehalten, daß sie ganz fest sich vorstellte, wie das werden würde, wenn der schreckliche Alptraum vorbei sein würde. An diesem Beispiel ist zweierlei gut zu sehen: Wie das Charaktermuster ursprünglich als kreative, „maßgeschneiderte” Not-Lösung „erfunden” wurde. Und: die vordergründig kaum erkennbare enge Verwandtschaft zwischen SIEBEN und SECHS:

Der Aufmerksamkeitsstil im Muster Nr. SECHS ist ebenfalls zweigeteilt, wenn auch auf andere Art und Weise („paranoider Stil”: Suche nach verborgenen Absichten und Motiven).

Beziehungsstile

Mit unserem automatisierten Aufmerksamkeitsstil re-agieren wir auf Situationen und vor allem natürlich auf andere Personen. Die Vor-Urteile sind zunächst einmal einfach da, die gewohnheitsmäßigen Re-Aktionen auf die anderen acht Muster lassen sich nicht einfach aus der Welt schaffen.

Zumindest prinzipiell können wir aber daran auch sehen, wieso wir an immer wieder denselben Stellen in unseren zwischenmenschlichen Kontakten „nur noch Bahnhof verstehen”, uns ärgern, uns „verhaken” und verletzen.

Im weiteren Verlauf dieses letzten Vormittags im Workshop Enneagramm I hören wir in der Gruppe einem Teilnehmer zu, wie er aus seinem Leben berichtet. Viele konkrete Beispiele darüber, wie „sein” Muster (SIEBEN) in seinen Licht- und Schattenseiten „funktioniert”. Überm Zuhören fallen allmählich die subjektiv gefärbten VorUrteile gegenüber dem Muster Nr. SIEBEN und auch gegenüber diesem Teilnehmer. Da klärt sich auch viel bisher Unausgesprochenes in der Beziehung zu dieser Person. Wir können beginnen, dieses Charaktermuster, aber auch diesen einen konkreten Menschen, von innen her zu begreifen – seine innere Welt mit ihrer ganz eigenen „Logik”, die Stimmungslage, die Not. Wir können übers Zuhören und Nachspüren aus den eigenen Gegenübertragungsreaktionen herauskommen und uns empathisch wahrnehmen.

Wenn das gelingt, werden Begegnungsmöglichkeiten eröffnet, die das Automatisierte unserer Aufmerksamkeitsstile und Reaktionen aufeinanderetwas aufweichen. Wenn Verstehen auf diese Weise gelingt, wird auch Achtung und Akzeptanz möglich.

Darin liegt vielleicht das besonders Wertvolle an der Arbeit mit dem Enneagramm: Daß der Blick „hinter die Kulissen” der Charaktermuster neue Chancen dafür eröffnet, einander unmittelbarer im Hier und Jetzt, sozusagen „frisch” erkennen zu können.

Hans Neidhardt, Maria-Anne Gallen

[aus: Enneagramm-Rundbrief 4, Januar 1993, S. 17

Aus EnneaForum 04 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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