Der dreigeteilte Mensch

Tiki-Bild dreigeteilter MenschDer Mensch, wie jede, jeder von uns weiß,
Ward gut geschaffen – lang ist’s her – im Paradeis.
Gott gab ihm alles, Kopf und Herz und auch,
Damit nichts fehlte, einen schönen Bauch.
(Dazu, das kennen wir aus Gerhardts Morgenliedern,
Beschenkt er ihn mit allen seinen Gliedern.)
Der Mensch – wie Gott es ihm gegeben,
Hat einst genossen sein ursprünglich Leben.
Doch leider währte dieses Glück nicht lange.
Die Frucht war süß und listig war die Schlange.
Der Mensch jedoch – als er vom Obst ein wenig nur genascht –
War völlig baff und ziemlich überrascht,
Als er sich sah in einem hohen Bogen
Aus seinem so geliebten Paradeis geflogen.
Und – das mag die Pointe der Geschichte sein –
Er fühlt nicht nur zerschmettert sein Gebein.
Auch seine Ganzheit war ihm irgendwie genommen –
Nicht nur den bösen Menschen; auch den frommen.
Der Mensch war sozusagen nur ein Drittel:
Von Kopf, Herz, Bauch blieb eines ihm nur noch als Mittel,
Sein Leben zu erfahren oder zu gestalten
Und sich hinaufzuschwingen zu den höheren Gewalten.
Und – das ist die Tragik eines jeden Menschenlebens –
Sein Streben ist, bei aller Frömmigkeit, seitdem vergebens,
WENN NICHT – und mag es noch so schmerzvoll sein und voller Qual,
Er für sich findet seine eigene Zahl:
Die Zahl, die in die Wiege ihm zwar nicht gelegt,
Ihn aber doch von allererster Kindheit an geprägt.
Die Zahl, die Zorn bezeichnet, Stolz und Lüge oder Neid,
Habsucht und Furcht und auch Unmäßigkeit;
Dazu – für manchen Menschen ist’s ein Kummer –
Bedeutet „schamlos” oder „faul” die eig’ne Nummer.
Wenn nun der Mensch – durch seinen Rausschmiß aus dem Paradies geteilt – Bei seiner Wurzelsünde hier erst einmal verweilt
Und sich besinnt auf seine meist versteckten Fallen
(Die sich mit Nachbarn manchmal noch zusammenballen),
Wenn also nun der Mensch sich selber akzeptiert
Und sich – wie’s Theologen gerne tun – nicht lange ziert,
Weil ihm das Kreuz zu spät kommt oder was auch immer,
Dann leuchtet schon der erste Hoffnungsschimmer.
Warum? Weil sich der Mensch nur von dem Ballast richtig trennt,
Den er als seinen wirklich eigenen erkennt.
Und dann, das darf der Mensch ganz evangelisch hoffen,
Ist für die Gnade oder für die Gaben er ganz offen.
Dann – von der Wurzelsünde erst entbunden,
Hat er das Heil zwar noch nicht voll gefunden,
Doch jenem allerersten gottgewollten Schöpfungsglück
Hat sich der Mensch, auch wenn gedrittelt nur, genähert schon ein kleines Stück
Und kann den Schöpfer, den dort droben
Mit Herz, Kopf oder Bauch hinnieden schon ganz tüchtig loben.

Unbekannter Dichter

[aus: Enneagramm-Rundbrief 4, Januar 1993, S. 15

Aus EnneaForum 04 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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