Enneagramm und Exerzitien

Dokumentation von P. Alex Lefrank SJ

Dieser Vortrag wurde gehalten auf der Mitgliederversammlung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm im November 1990. Das nachfolgende Skript entstand aus einem Tonbandmitschnitt. Klaus Stemmler und Christian Wulf haben es überarbeitet.

Einleitung

Ich verstehe meine Aufgabe heute morgen so, daß ich einige Hinweise zu geben versuche, wie das Enneagramm in diesem Prozeßgeschehen der Exerzitien hilfreich sein kann und wo wichtige Schlüsselpunkte liegen. Ich meine, das Enneagramm kann eine sehr wesentliche Hilfe sein, damit dieser Prozeß gut und für die Menschen richtig läuft.

Ich werde erstens etwas sagen zur zwanghaften Gestalt und dem Selbsterlösungsversuch, der natürlich nicht gelingt – das heißt, leider gelingt er etwas, und das ist die Tragik. Zweitens, und das ist in gewissem Sinn der Hauptpunkt, die entscheidende Rolle des Glaubens und der Umkehr sowie drittens einige Punkte zur Unterscheidung der Geister.

Die Enneagrammgestalt als Selbsterlösungsversuch

Tief unten in der Seele eines jeden Menschen schlummert eine erschreckende Einsicht. Sie wird geahnt, auch wenn sie nicht unbedingt im Bewußtsein ist. In der Theologie wird dieses Phänomen in Verbindung zur „Erbsünde” zu bringen sein. Es ist die Ahnung, daß der Mensch – in den unterschiedlichsten Versionen – schlecht, unfähig, böse oder dergleichen ist. Diese mehr oder minder schlummernde und erschreckende Einsicht liegt hinter allen Erfahrungen, die hier angesprochen und vermieden werden.

Gleichsam noch darunter liegt der Schrecken darüber, daß das Leben eigentlich eine schmerzvolle Angelegenheit ist, eine tiefe Erfahrung der Verwundbarkeit und des Verwundetseins. Die unterschiedlichen Versionen ließen sich z.B. so definieren: In der Tiefe einer SECHS steckt letztlich die Erfahrung des Nihilismus, in einer DREI die Erfahrung eines Versagers und in einer ACHT die Erfahrung des Ausgeliefertseins. Wie auch immer das jetzt im einzelnen sein mag, es liegt sehr tief und ist nur schwer zugänglich. Wie immer haben im menschlichen Leben diese Wunden und die damit verbundene Verletztheit auch etwas mit Schuld zu tun. Schmerz, Wunde und Schuld sind oft sehr eng miteinander verbunden. Im übrigen verwunden wir uns ja letztlich selbst und zutiefst dadurch, daß wir selber schuldig werden.

Vermeidung und Tugenden

Wichtig für einen geistlichen Umkehrprozeß ist es – und darin leistet das Enneagramm einen wichtigen Beitrag – die jeweils eigene Persönlichkeitsgestalt mit der ihr eigenen Dynamik der Vermeidung in den Blick zu bekommen. Es geht darum, dieser Not und Angst, die daraus geboren wird, „Herr zu werden”, um zu überleben.

In der frühen Kindheit werden Abwehrmechanismen aufgebaut, um dieser Angst im persönlichen Leben „Herr zu werden” und um so zu überleben. Diese Leistung verdient großen Respekt. Geht es doch darum, Not und Angst zu meistern. Vermeidung und Abwehrmechanismen sind echte Hilfen, die Menschen das Überleben ermöglichen.

So zweifelhaft und hinderlich das alles sein mag, es ist zunächst einmal eine erstaunliche Leistung, die man vielleicht methaphorisch damit vergleichen kann, daß Gott nach dem Sündenfall den nackten Stammeltern Felle mit auf den Weg gab. Es geht im Kern um die Abwehr einer tiefen Bedrohungserfahrung. Gott selbst „machte” die Felle, weil der Mensch in dieser Situation der Not, der Angst und des Verwundetseins dies dringend braucht. Interessant ist nun, daß sich aus diesen Vermeidungen Tugenden entwickeln, die in sich betrachtet wirkliche Tugenden sind. Nur der Zweck, zu dem sie entwickeltund gebraucht werden, ist problematisch. Dies gilt es einmal auf sich wirken zu lassen, geht es dabei doch um wirkliche Werte. Tugenden werden unter diesem Blickwinkel aus einem emotionalen Grundbedürfnis der Sicherheit heraus geboren. So entwickelt z. B. die SECHS die Tugend der Loyalität gegenüber Autoritäten, Normen und Gegebenheiten, die ihm dann wiederum Sicherheit vermitteln. Hier liegt die Tugend in der Nähe einer Versuchung, nämlich dem Streben, der eigenen Unsicherheit Herr zu werden. So verhält es sich etwa auch mit anderen entscheidenden und erstrebenswerten Fähigkeiten der Menschen, wie z.B. Gerechtigkeit oder Echtheit. Es ist sehr wichtig, daß wir darin das Verführerische, die Versuchung sehen.

„Helfen” oder „Liebe zu den Bedürftigen” oder „Einsatzbereitschaft” sind wichtige Tugenden und sollten sich als Ideale in unserem Gewissen einschreiben. Die „Tüchtigkeit” einer DREI besteht z.B. darin, sich für den anderen oder für eine Gruppe einzusetzen. Dies ist aber auch damit verbunden, daß die DREI, indem sie diese Tugenden lebt und verwirklicht, die Wertschätzung der Umwelt gewinnt. Die Frage des Selbstwertes wird damit verkoppelt. Die Frage des Selbstwertes ist immer die Frage nach der Anerkennung, die es zu befriedigen gilt. Der Mensch kann nur leben, wenn er anerkannt wird. Wenn das Kind nicht angenommen und anerkannt wird, dann stirbt es. Als Erwachsene sterben wir daran nichtmehr. Unsere Lebensaufgabe aber ist es, in diesem Sinn selbständig zu werden, daß wir die Nöte und Sehnsüchte des Lebens ertragen und tragen lernen – obwohl das Bedürfnis dennoch in uns lebt.

Die Dynamik der Veränderung

Das Enneagramm bietet Hilfe zur Erkenntis, wo wir stehen, was uns fehlt, wo wir schiefliegen und wo die Dynamik der Vermeidung – soviel Ehrfurcht sie auch verdienen mag – uns nicht weiterbringt. Die große Frage ist – wie übrigens bei allen psychologisch-diagnostischen Typenlehren – woher bekomme ich die nötige Kraft, Hilfe und Energie für einen Veränderungsprozess? Das ist also die Preisfrage. Rohr und Ebert bezeichnen ihre Antwort in ihrem Buch mit dem Stichwort „Einladung”. In der englischen Version ist es die „Holy Idea”. Formulierte „Einladungen” unterstreichen den Charakter eines „Angebotes”. Der entscheidene Punkt daran ist: Wir können und vor allem wir brauchen uns dabei nicht selbst zu erlösen. Geistlich und biblisch verstanden ist es eine Grundbotschaft des Evangeliums und der Reformation, daß wir uns Erlösung schenken lassen dürfen. Es ist eine enorme Entlastung von einer unmenschlichen und übermenschlichen Last, sich selbst aus einer tiefen Not herausarbeiten zu müssen. Diese Not wird hinweggenommen durch die Weise, wie Gott ist und wie er auf uns zukommt.

Die Hilfe des Enneagramms besteht darin, daß wir dieser Einladung persönlich auf die Spur kommen können, sobald wir sie für uns als ernste Einladung akzeptieren. Diese Botschaft des Glaubens will uns nicht entmündigen, sie will uns als Person einladen und treffen, damit wir „wir selbst” sein und werden können. Heute ist es sehr weit verbreitet, Glaube gegen Leistung zu setzen. Das hat seine gute Berechtigung. Aber im Menschen, der sein will und sein darf, soll ja ein Zentrum von Aktion und Veranwortung sein. Dabei ist es schwierig, die Glaubensbotschaft so zu formulieren, daß sie den Menschen nicht in eine immer größere infantile Abhängigkeit sozusagen hineintreibt oder hineinführt. Die Glaubensbotschaft will den Menschen einerseits entlasten und befreien. Aber andererseits darf sie ihm nicht den Ernst der Verantwortung und den „Auftrag, Mensch zu sein” nehmen. Zwischen diesen beiden Straßengräben hindurchzusteuern, hierfür ist das Enneagramm eine sehr gute und wichtige Hilfe.Wird z.B. einer NEUN als Frohbotschaft verkündet: „Fühle dich entlastet! Du brauchst dich nicht anzustrengen! Ich erlöse dich eh!” – dann führt man sie direkt in ihre Falle hinein. Bei „Es ist ja gut!“lehnt sich eine NEUN zurück und schläft ein. Wenn man einer FÜNF sagt: „Gott ist es, der alles tut und lenkt! Du brauchst dich nicht in die Auseinandersetzung einzulassen!” – dann zieht sie sich in ihre Höhle zurück, sagt: „wunderbar!” und kommt nicht weiter.

Einladung zur Umkehr

Sinn einer Einladung ist es, zwischen den beiden geschilderten Straßengräben zu gehen versuchen. Aus einer tiefen Not heraus sind wir sozusagen dazu „verdammt”, diesen Selbsterlösungsversuch zu unternehmen. Darin sind unsere Energien, darin leben wir und dieses loszulassen kommt einer Art „Sterben” gleich. In diesem Sinne jedoch geschieht christliche Umkehr. Obwohl es sich hierbei um einen Vorgang – exerzitienmäßig gesprochen – der ersten Woche handelt und nicht der dritten Woche, so geschieht dennoch eine Art Teilnahme an Tod und Leben, an Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Wir müssen sterben. Und wenn ich als FÜNF der Tugend des Wissens und der Tugend „die Dinge zu durchschauen” entsage, ist das furchtbar bedrohlich. Dabei geht es um Angst. Bedrohlichkeit mobilisiert Angst.

Die Einlassung auf eine Entsagung die ser Art ist nur möglich an der Hand eines Stärkeren und das ist letztlich Gott selbst. Mit anderen Worten: Umkehr und Bekehrung ist nur in dem Maße möglich, als ich eine Beziehung eingehe. Dieses Beziehungsangebot gilt es in der Einladung anzunehmen, um sich führen zu lassen. Darum trifft die Frage nach dem Gebet den Lebensnerv.

Das Gebet ist für das christliche Leben nicht irgendeine Tätigkeit, sondern Ausdruck und Stärkung einer Beziehung zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf,ein Ausdruck des Bewußtseins, als Geschöpf und als Person zu leben. Gebet ist Atem, Atem der Seele. Dies bewirkt die Gnade. Es ist vom Menschen her nicht machbar. Es ist die Umwertung aller Werte.

In Philipper 3 schreibt Paulus gleichsam in einer Minibiografie über den Wendepunkt seines Lebens: „Alles, was mir bisher als Pharisäer als Gewinn erschien, habe ich um Jesu Christis willen als Verlust erachtet. Ja, ich sehe es geradezu als Dreck an, um Jesus Christus zu gewinnen.” Dann legt Paulus den Finger auf den entscheidenden Punkt: Gerechtigkeit aus dem Glauben an Jesus Christus zu gewinnen heißt, das Risiko eingehen, „nackt und böse” oder unvollkommen dazustehen, was für einen Pharisäer eine tödliche Bedrohung darstellt.

Wandlung des Gottesbildes

Bei der entscheidenen Rolle des Glaubens im Umkehrprozeß ist auch von der Rolle des Gottesbildes zu sprechen. Zu unserem seelisch geistigen Kosmos gehört immer auch ein Gottesbild. Auch der Atheist hat ein Bild eines „Sinngrundes” in sich, oder wie immer man dies nennen mag. Unser Gottesbild ist natürlich immer auch ein Stück Götzenbild. Insofern ist die biblische Botschaft ganz entscheidend undwichtig, weil wir dort lernen können, wer und wie denn der Gott Abrahams, Isaaksund Jakobs ist.

Ich empfinde es als eines der erschütterndsten Ausdrücke, daß Gott sich in seiner Selbstoffenbarung mit dem Namen von Menschen benennt und damit sagt: Wer mich kennenlernen will, der muß mir wie diese Menschen mit Namen Abraham, Isaak und Jakob begegnen. Er kann sich in die Geschichten einlesen und in ihnen leben. Dabei kommt er in seine eigene Geschichte hinein und er lernt Gott kennen, indem er sich auf das, was in seinem Leben geschehen will, einläßt. Dort wird er mir begegen, so wie Abraham mir begegnet ist.

Es gilt, sich das Gottesbild von der biblischen Botschaft her zusprechen zu lassen, damit das bisherige Gottesbild sich öffnet, weitet, neu in Bewegung kommt, sich wandelt und verändert. Im Hinblick auf das Enneagramm bedeutet dies, daß einer bestimmten Enneagrammgestalt ein bestimmtes Gottesbild „guttut” oder vielmehr „nottut”. Am Beispiel der EINS wird von Gott her gesagt: Ich (allein) bin der Vollkommene. Schau mich an, wie ich vollkommen bin. Mein Eifer für Recht und Vollkommenheit ist voll Langmut und Geduld.

Der den einzelnen Persönlichkeitsgestalten zuzuordnende Zuspruch Gottes liegt immer etwas in Richtung der Tugenden und Versuchungen. Dies verdeutlicht die alte Dynamik des unerlösten Menschen, der sein will wie Gott. Vielleicht sollte man etwas barmherziger sagen: der meint, sein zu müssen wie Gott und sich in dieses unmenschliche Unternehmen hineingezogen fühlt. Und der den Versuch macht, die Tugenden der Vollkommenheit, der Loyalität, der Treue, des Optimismus u.a. aus sich heraus zu erreichen, anstatt Gott Gott sein und sich von ihm erlösen zu lassen. Einer FÜNF kann von Gott her gesagt werden: Ich (allein) bin allwissend. Du brauchst , nicht alles zu wissen und du kannst ruhig zugeben, daß alle deine Wissensbemühungen ein Sicherungsbemühen ist, das aus deiner Armut unddeiner Nacktheit kommt. Du kannst in mir geborgen sein. Du brauchst dir die Geborgenheit nicht selbst zu schaffen. Eine ZWEI, die sich abrackert und meint, ständig für andere etwas tun zu müssen, darf sich sagen lassen: Ich bin der, der für alle sorgt. Ich bin der, der zur Verfügung steht. Ich bin der, der in seiner Vorsehung alles Nötige herbeischafft und bereitstellt. Du darfst da schon mitmachen. Es ist nicht so, daß das böse wäre, wenn du hilfst – aber du brauchst nicht deinen Selbstwert und dein Leben daran aufzuhängen. Mit diesen Beispielen wird deutlich: Ein Umkehrprozeß enthält auch die Annahme einer Glaubensbotschaft und damit die Korrektur unseres Gottesbildes.

Damit endet der erste Teil des Referates. Der zweite Teil (Unterscheidung der Geister-„echte” Umkehr-Geistesfrüchte – und Pfeile) folgt im nächsten Rundbrief.

[aus: Enneagramm-Rundbrief 4, Januar 1993, S. 7

Aus EnneaForum 04 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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