Die Geschichte von den zehn Aussätzigen

oder: Warum neun nicht umkehrten, um Jesus zu danken.

„Wo sind die neun?” fragt Jesus den zehnten der vom Aussatz Geheilten. Warum nur einer umkehrte, um ihm zu danken, ist eine bis heute offene Frage. Bis heute? Bis gestern! Denn seit heute liegt eine Forschungsarbeit vor, in der Frau Dr. Änne Agram die Ergebnisse sorgfältiger Recherchen vorlegt, durch die die ersten Schritte, Taten und Worte der neun anderen Aussätzigen dokumentiert werden. Die wichtigsten Er-gebnisse stellen wir hier erstmals der interessierten Öffentlichkeit vor:

Die zehn waren noch unterwegs zu den Priestern, als sie plötzlich bemerkten, daß ihre Haut wieder rein und sie selbst wieder gesund waren. Herr Überflieg entdeckte es als erster, als die Haut noch gar nicht einmal ganz rein war. Sogleich sah er nach dem Stand der Sonne und ob er es noch bis zum Abend nach Hause schaffen würde und zu seinem Geschäft. „Ich habe ein Geschäft aufgebaut”, sagte er, „und eine Familie gegründet: Tüchtige Frau, Superkinder, und ich habe diese Krankheit überstanden. Was soll mich nun noch stoppen?” Sprach’s und verschwand hinter der Staubwolke, die von seinen Füßen aufgewirbelt wurde.

Unterdes hatte Herr Sorgenfrei alle Mitkranken stürmisch umarmt. „Das muß gefeiert werden!” rief er, und seine Augen leuchteten – blickten aber gleichzeitig nach der nächsten Schenke aus. Die lag tatsächlich am Wegesrand und wurde alsbald von Herrn Sorgenfrei gestürmt. „Wein, bring mir Wein, schönes Mädchen! rief er der Bedienung zu, sie gleichzeitig an Wangen und Po tätschelnd. „Du wieder gesund? Wie kommt das denn?” fragte ihn ein Gast, der ihn voller Erstaunen wiedererkannte. „Ja, wieder gesund! Laß uns trinken und fröhlich sein, aber frag mich nicht mehr nach der Krankheit. Vorbei ist vorbei!” Und Herr Sorgenfrei hob prostend seinen Becher mit Wein.

Nur Herr Polter war mit in die Kneipe gekommen. „Weißt du”, sagte er zu dem Gast, der sich so sehr über die plötzliche Gesundung wunderte, „man muß eben seinen ganzen Willen und seine ganze Kraft einsetzen. Man darf sich einfach nicht unterkriegen lassen. Ich habe mich nie damit abgefunden, krank zu sein. So habe ich durchgehalten, und jetzt bin ich wieder gesund. Nun freue ich mich schon auf das ungläubige Staunen meines älteren Bruders, der schon geglaubt hatte, die Familiengeschäfte allein führen zu können.”

Draußen vor dem Gasthaus rümpfte Herr Bleibtreu die Nase. Aber er sagte nichts, verabschiedete sich mit Handschlag und „besten Wünschen für die Zukunft” von den noch verbliebenen ehemaligen Leidensgenossen und ging geradeaus weiter. Später will man ihn zuerst bei den Gesundheitspriestern gesehen haben, wo er sich ordnungsgemäß überprüfen ließ. Noch am Nachmittag desselben Tages meldete er sich beim Bürovorsteher und nahm seine Arbeit als Schreiber wieder auf. Nach Feierabend soll er auf dem Markt eingekauft haben, Lebensmittel, Besen und Scheuertücher. Seine Nachbarn berichteten, daß er seine Wohnung bis spät in die Nacht geputzt habe, nachdem er sich bei ihnen zurückgemeldet und sie zu einem “Wiedersehenskaffee” für den nächsten Tag eingeladen habe, eine Stunde nach Dienstschluß.

In der Zwischenzeit hatte sich Frau Nimmermüd auf den Weg zu ihrer Familie gemacht, nicht ohne für ihren Mann und ihre beiden Töchter noch etwas auf dem Markt zukaufen: ein von Leprakranken geschnitztes Salzfäßchen für ihre älteste Tochter, die bald heiraten wollte, ein ebenso geschnitztes Namensschild für die Haustür für ihren Mann, für die jüngere aber eine Sanduhr, die sie ihr mit den Worten überreichte: „Stunde um Stunde habe ich an dich gedacht. Aber du hattest sicher keine Zeit, mir einen Gruß zukommen zu lassen.” Dann erzählte sie von ihrem Kranksein, wie schlecht es ihr gegangen war und wie sie noch denen geholfen hatte, die ihr Leben als Kranke nicht organisieren konnten oderganz verzweifelt waren. „Und Gott hat es mir gelohnt, Kinder, er hat es mir gelohnt. Ich bin wieder gesund bei euch. Aber nun sagt erst mal: Seid ihr denn so ganz ohne mich auch zurechtgekommen?”

„Es war schon etwas Besonderes”, erzählte drei Straßen weiter in dem etwas abseits gelegenen Haus mit den violett gestrichenen Türen Frau Extrava ihrem zweiten Mann und dem Sohn aus erster Ehe. „Dieses Leben außerhalb aller gewohnten Bindungen. Jeden Tag bin ich vor Sehnsucht nach euch fast gestorben. Jeden Tag dachte ich, es keinen Tag länger ertragen zu können. Aber merkwürdig: Jetzt, wo ich wieder hier bin, da ist mir fast, als fehlte mir etwas. Diese Kontakte, die ich hier nie haben werde; dieser völlig andere Lebensrhythmus; diese ganz besondere Atmosphäre mitten in Leid und Elend. Und nun wieder der stinknormale Alltag, fast fürchte ich mich davor. Fast sehne ich mich nach dem Leben draußen vor den Toren der Spießbürgerlichkeit zurück.”

Die Wege von Herrn Logophil blieben weitgehend im Verborgenen. Einizig ein Bibliothekar wußte zu berichten, daß ein Herr seines Aussehens tagelang damit zugebracht habe, die medizinisch-psychologische Fachliteratur zu studieren. Später soll Herr Logophil Seminare geleitet haben: „Wege aus der Krankheit”, „Wie ich die Selbstheilungskräfte im Menschen mobilisieren kann” oder ähnlich sollen sie geheißen haben.

Herr Haberecht konnte die allgemeine Freude der Gesundeten nicht so schnell teilen. Er prüfte lange und gründlich seinen ganzen Körper, bis er wirklich keine Spur der Krankheit mehr erkennen konnte. Dann glitt so etwas wie ein triumphierendes Lächeln über sein Gesicht, und er sagte zu der einzig noch anwesenden Frau Lamar: „Ich wußte es. Ich wußte es von Anfang an. Dieser Jesus war der richtige Mann. Wie gut, daß ihr meinem Plan gefolgt seid und euch mit mir am alten Feigenbaum augestellt habt. Ich wußte, dort würde er am Vormittag vorbeikommen. Ich wußte, er hört auf uns, wenn wir aus einiger Entfernung, aber doch laut rufen würden. Ach, ein gutes Gefühl, wenn so ein Plan voll aufgeht. Wie gut, daß ich es gründlich vorbereitet hatte!”

Frau Lamar hörte kaum, was Herr Haberecht sagte. Sie saß nur da und blieb auch noch sitzen, als Herr Haberecht längst gegangen war. Einer Freundin hat sie später von ihren Gefühlen an diesem Tag berichtet: „Ich saß da und schaute die Welt an und konnte es nicht recht begreifen. Was war mit mir geschehen? Die Gesundung kam über mich wie ein Gefühl tiefster Zufriedenheit. Und gleichzeitig war alles völlig unbegreiflich. Eigentlich wollte ich mich bei Jesus bedanken, aber ich konnte mich einfach nicht von meinem Platz wegbewegen. Ich mußte das erst spüren, empfinden. Ich konnte und wollte mich einfach nicht so schnell auf den Weg machen. Später dann kam mein Mann, der schon von der Heilung gehört hatte, und brachte mich nach Hause. Eigentlich hätte ich noch Stunden so sitzen können.”

Warum aber der zehnte zu Jesus ging, um ihm zu danken, darüber Frau Änne Agram keine Erkenntnisse gewinnen können. Es wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

Lothar Förster

[aus: Enneagramm-Rundbrief 4, Januar 1993, S. 3

Aus EnneaForum 04 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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