Meditation im Stakkato-Stil

Helen Palmer auf der europäischen EnneagrammlehrerInnenkonferenz in Bristol

Bericht von Ulla Peffermann-Fincke und Rainer Fincke

„Integration von spirituellem und psychologischem Wachstum“ – der Titel machte jeden neugierig, der sich für die spirituelle Dimension des Enneagramms interessiert.

Die Referentin: Helen Palmer, eine der bekanntesten Enneagrammlehrerinnen unserer Zeit in Amerika. Die Jahrestagung der europäischen EnneagrammlehrerInnen Pfingsten 2001 versprach also, besonders interessant zu werden und so nahmen wir immense Kosten und eine lange Anfahrt nach Bristol in Westengland in Kauf, um an dieser Tagung teilzunehmen.

Im vornehmen Stadtteil Clifton hoch über dem Avon liegt das „Emmaushouse“, ein altes herrschaftliches Gebäude in typisch britischen Stil mit wunderschönen Gärten und einer phantastischen Aussicht. Dieses von einer christlichen Kommunität geleiteten Haus hat sich seit einigen Jahren zu einem überregional bekannten Zentrum für Enneagrammarbeit in Großbritannien entwickelt und lohnt in jedem Fall einen Besuch!

Ca. 50 TeilnehmerInnen aus 13 Nationen fanden den Weg hierher, um sich untereinander auszutauschen und Helen Palmer live zu erleben.

Psychologische und spirituelle Aspekte

Helen Palmer unterschied zunächst zwischen der psychologischen und spirituellen Arbeit mit dem Enneagramm.

Bei der psychologischen Seite geht es darum, mein Persönlichkeitsmuster kennenzulernen. Helen Palmer versteht darunter die kognitive Analyse meiner psychischen Struktur, bzw. meines Handlungsmusters.

Auf der spirituellen Seite geht es darum, über mein Muster hinauszuwachsen und es damit loszulassen. Dies geht mit Hilfe von Meditation. Meditation ist für Palmer weniger ein aktiver Vorgang, drückt sich vielmehr in einer rezeptiven Haltung aus. Sie spricht von „teilnehmender Erfahrung“. Dabei ist unser Beitrag vor allem, die Aufmerksamkeitsausrichtung auf die Atmung zu legen. Wenn ich bewusst meinen Atmungsprozess beobachte, kann ich die Gedanken und Gefühle loslassen die mich normalerweise typbedingt beherrschen. Gelingt dieser Prozess, vollzieht sich eine Verwandlung zu einem höheren Bewusstsein.

Wie wird diese Verwandlung deutlich?

Palmer nannte einige Beispiele: Ich werde offen, ich bin in der Gegenwart, ich werde innerlich weit (die 9 Muster sind eigentlich Kontraktionen, also Einengungen), ich werde neutral im positiven Sinn, d.h. ich kann die Dinge so sehen wie sie sind, uneingefärbt von meinem Persönlichkeitsmuster.

Diese Verwandlung geschieht durch Gnade! An diesem Punkt brachte Helen Palmer immer wieder Gott ins Spiel als Subjekt gnädigen Handelns.

Helen Palmers Gottesverständnis

Ihr Gottesbegriff ist allerdings nicht klar zu fassen. Ihr Hauptkritikpunkt an kirchlichem Gottesverständnis liegt in der von ihr dort wahrgenommenen Trennung zwischen göttlicher und menschlicher Natur. Gott sei demnach nur außerhalb unserer Existenz als handelndes Subjekt zu finden. Palmer betonte demgegenüber das ausschließliche Wirken des „Göttlichen“ in uns. Unklar bleibt, ob Gott als Person, als wenn auch inneres Gegenüber zu verstehen ist oder als göttliches Prinzip oder Sein.

Hier blieb für uns die Diskussion noch offen. Helen Palmer scheint selber noch auf der Suche nach Formulierungen, die die von ihr gemeinten spirituellen Erfahrungen richtig beschreiben.

Die immer wieder in die Vorträge eingestreuten „Meditationen“ waren für uns dabei nicht so hilfreich.

Es waren keine Meditationen im uns bekannten Stil, wo der Lehrer einige Anregungen gibt oder auch nur den spirituellen Raum öffnet durch Gesten und Rituale und der Hauptteil dann im individuellen „Versenken“ in der Stille liegt.

Meditationen ohne Stille

Nein, Helen Palmer schweigt nicht, sie führt die Gedanken der Teilnehmerinnen mit geradezu stakkatoartiger Sprache. Dabei geht es immer um Folgendes: Helen Palmer will den „Energiefluss“ reinigen. Unsere Energie soll frei fließen, aber das ist oft nicht der Fall. Blockaden mit unterschiedlichen Ursachen verstopfen unseren Energiefluss. Die Reinigung erfolgt für Helen Palmers durch das Atmen. Immer wieder wird deshalb der freie Atemfluss geübt.

Der blockierende „Pfropf“ soll so rausgedrückt werden.
Viele TeilnehmerInnen waren an diese Form der „Meditation“ gewöhnt, sie machten mit oder kamen in eine wohlige Dämmerung. Für uns war sehr anstrengend und wir konnten längst nicht alle Meditationen mitmachen.

Nichtsdestotrotz ist die Begegnung mit Helen Palmer sehr bereichernd. Ihre Stärke liegt ganz deutlich in den Interviews, im individuellen Gespräch, in der persönlichen Zugewandtheit, in ihrem enormen Wissen. Und sie beschäftigt sich gerade in letzter Zeit besonders mit der Verbindung von Spiritualität und Enneagrammarbeit. In diesem Zusammenhang hat sie viel Kontakt mit Richard Rohr, die beiden verstehen sich offenbar sehr gut., haben im Sommer einen gemeinsamen Kurs zum Thema „Transformation“ in Philadelphia gegeben, wo Richard Rohr den theologischen Teil und Helen Palmer den Psychologischen Teil übernahm.

Das Enneagramm erobert das Fernsehen

Auch in ihrem neuen Fernsehfilm, in dem sie in mehren Folgen das Enneagramm vorstellt, erhält die spirituelle Dimension des Enneagramms eine besonderer Bedeutung. Dies ist umso bemerkenswerter als dieser professionell produzierte Film zur besten Sendezeit in mehreren Bundesstaaten der USA und eine sehr gute Resonanz hat. Natürlich gab es bei Pursten auch über diese Aktion Streit ist es doch ein weiterer Schritt weg von der ursprünglichen mündlichen Tradition über die Verschriftlichung hin zu einer multimedialen Darstellung des Enneagramms. Wir fanden allerdings, dass dieser Film der weitaus beste ist über das Enneagramm, den wir kennen und es bleibt zu hoffen, dass er bald in Deutschland zu erhalten ist, wenn auch eine deutsche Synchronisierung eher unwahrscheinlich ist.

Nächstes Jahr in Prag

Alles in allem hat sich die Fahrt nach Bristol also gelohnt nicht zuletzt auch wegen der interessanten Begegnungen mit EnneagrammlehrerInnen aus vielen verschiedenen Ländern. Es waren zum Beispiel überraschend viele Christinnen dabei, sodass wir einen schönen Gottesdienst am Pfingstsonntag feierten. Uns ist noch einmal deutlich geworden, dass es einen Zusammenschluss von christlichen Enneagramminteressierten wie den ÖAE außerhalb Deutschlands nicht gibt. Umso wichtiger ist es, dass wir den Kontakt über die europäische EnneagrammlehrerInnenkonferenz weiter intensivieren und nicht in einer deutschsprachigen Enge bleiben. Übrigens: Die nächste Tagung findet im Frühjahr 2001 in Prag statt mit David Daniels, dem wichtigsten amerikanischen Mitarbeiter Helen Palmers. Also schon mal vormerken!

Ulla Peffermann-Fincke
Rainer Fincke

[aus: EnneaForum 20, November 2001, S. 28-29

Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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