Buchbesprechung - Risiken und Nebenwirkungen

Klaus Schreber
Das Enneagramm – ein Heilsweg?
Lage: Logos-Verlag 1999
48 s., DM 6,80

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Broschüre von Klaus Schreber ist ein durch und durch polemischer Verriss. Es ist Schrebers Ziel, das Enneagramm als gefährliche Irrlehre zu entlarven, und auf dieses Ziel läuft die gesamte Argumentation konsequent zu. Dabei ist die Darstellung freilich nicht immer ganz sachlich. Urteile wie „unheilvoll“, „verhängnisvoll“, „antichristlich“, etc. finden sich nicht erst im vernichtenden Fazit, sondern durchziehen von Anfang an die Erörterung, die sich um einen seriösen Eindruck daher vergeblich bemüht.

Sieht man allerdings über diese Mängel hinweg, so findet man bei Schreber durchaus auch Einwände, die ernst zu nehmen sind. Der erste Einwand betrifft das okkulte Gedankengut, das nach Schreber untrennbar mit dem Enneagramm transportiert wird: „Auch wenn es die Anhänger des Enneagramms nicht hören wollen: Verbindungen zwischen dem Enneagramm und okkulten Lehren lassen sich nicht leugnen. Die Berichte über G.I. Gurdjieff und O. Ichazo belegen eindeutig, daß diese beiden federführenden Entwickler des Enneagramms Okkultismus betrieben haben. Die Bibel wendet sich ausdrücklich gegen jede Form okkulter und esoterischer Praktiken (Belege …); deshalb ist es wichtig, Christen vor dem okkulten Hintergrund des Enneagramms zu warnen, damit sie sich nicht solchen Lehren öffnen und darüber ihren Glauben und ihr Vertrauen in Jesus Christus gefährden.“ (s. 44)

Dass sowohl Gurdjieff als auch Ichazo nicht gerade rechtgläubige Christen waren bzw. sind, ist nicht zu bestreiten.2, geraten die Begriffe durcheinander: Das ‚Trostpunkt-Verhalten‘ ist einerseits Anzeichen (Indikativ) innerer Befreiung, andererseits soll man es durch eigene Anstrengung herbeiführen (Imperativ). Eine ähnliche Vermischung von Reifung und Erlösung liegt vor, wenn Andreas Ebert von „unerlösten“ und „erlösten Haltungen“ spricht. Dieser Sprachgebrauch hat sich inzwischen eingebürgert – auch wenn Ebert inzwischen (seit der 35. Auflage) nicht mehr von „(un)erlösten“, sondern von „(un)reifen“ Haltungen spricht. Bleibt zu hoffen, dass diese Korrektur bemerkt und aufgenommen wird. Denn die Chance des Enneagramms liegt m.E. gerade darin, besonders eindrücklich dem Mythos der erreichbaren Selbstvervollkommnung entgegenzuwirken. Den vollkommenen Typ, den „Übermenschen“ gibt es eben nicht. Vielmehr repräsentieren alle neun Typen ganz spezifische Gaben, aber auch ganz spezifische Mängel.

Es geht noch weiter: „Ferner vermittelt das Buch von Rohr und Ebert ein unbiblisches Gottesbild, das den christlichen Gott mit dem höchsten Wesen anderer Religionen gleichsetzt und sich damit über das erste Gebot hinwegsetzt. In gleicher Weise lehrt Rohr, aufgrund seiner erlebnis- und erfahrungsorientierten Theologie, eine Vermischung religiöser Praktiken aus allen Religionen und Weltanschauungen.“ (s. 45f)

Klingt fast so, als sei eine „erlebnis- und erfahrungsorientierte Theologie“ etwas Anrüchiges. Dabei ist es m.E. die große Kunst, Theologie so zu treiben, dass sie erfahrungsrelevant ist, und nicht steile Dogmen zu formulieren, die mit dem Leben nichts zu tun haben. Was nun Rohrs Gottesbild betrifft, so macht dieser tatsächlich keinen Hehl daraus, dass er für das christliche Gottesbild im Prinzip keinen Absolutheitsanspruch anmeldet. Doch praktisch kann ich bei Rohr keine Religionsvermischung erkennen. Im Gegenteil: Seine Theologie trägt deutlich christliches – wenn auch freilich nicht immer konservativ genormtes – Profil.

Am Ende zieht Schreber sein „Fazit: Das Enneagramm ist aus drei gravierenden Gründen abzulehnen: 1. Es entstammt einem okkulten Hintergrund und enthält eine esoterische Lehre der Selbsterlösung. 2. Seine Gültigkeit läßt sich wissenschaftlich nicht nachweisen. 3. Die Theologie hinter dem Enneagramm ist ganz eindeutig unbiblisch und muß als Irrlehre bezeichnet werden.“ (s. 46) Auch wenn Schrebers Kritik zum Teil berechtigt ist – mit seiner Verdammung des Enneagramms ist er über das Ziel hinausgeschossen.

Johannes Bartels

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu EnneaForum 17, 17–21 (zu Gurdjieff) und EnneaForum 18, 19–23 (zu Ichazo).

  1. Vgl. dazu EnneaForum 19,17–21.

[aus: EnneaForum 20, November 2001, S. 25

Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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