Buchbesprechung - Wider den Systemzwang

Bernhard Grom
Wer bin ich?
Reichweite und Grenzen von Charaktertypen in Psychologie und Esoterik
Köln 2000, ISBN: 3-9806702-2-8, 31 s.

Es kommt nicht oft vor, dass das Enneagramm im Kontext akademischer Theologie zur Kenntnis genommen wird. Immerhin hat jetzt der Münchner Jesuit und Religionspädagoge Bernhard Grom einen Aufsatz zu Persönlichkeitsmodellen in Psychologie und Esoterik veröffentlicht, in dem er u.a. auf das Enneagramm eingeht. Grom skizziert zunächst die wissenschaftliche Beschäftigung mit Charaktertypen und stellt dieser dann die „esoterische“ Variante gegenüber, und zwar anhand zweier Beispiele: dem (christlich gedeuteten) Enneagramm und der („revidierten“) Astrologie.

Grom lässt keinen Zweifel offen, dass eigentlich nur die wissenschaftliche Psychologie der komplexen Wirklichkeit menschlicher Persönlichkeit gerecht wird. Dem Enneagramm hält er entgegen, dass seine „theoretische Begründung zu schwach ist.“ (s. 16) So sei es „unsäglich schlicht“ (s. 17), wenn etwa Rohr/Ebert Machtinstinkt, Sexualität und Triebe als im Unterleib angesiedeltes ‚Rohmaterial‘ menschlicher Existenz in einen Topf werfen. Ferner fallen die Versuche einer Harmonisierung von Enneagramm und wissenschaftlichen Typologien (Freud, C.G.Jung, etc.) wenig überzeugend aus – was ja schon Markus Becker in seiner Diplomarbeit gezeigt habe. Apropos Markus Becker: Dessen in „Erfahrungen mit dem Enneagramm“ abgedruckten Testergebnisse bestätigen, so Grom, den Verdacht des gesunden Menschenverstands, der sich bereits beim einfachen Lesen meldet: „Die neun Typen lassen sich nicht klar voneinander abgrenzen, sind keine unabhängigen Größen, sondern überlappen einander.“ (s. 18) Überhaupt müsse man doch fragen, warum jeder Mensch nur „ein führendes ‚zentrales Charaktermuster‘ “ haben soll, noch dazu ein negatives. Es sei „doch auch möglich, dass viele Personen recht ausgeglichen und durch eine Vielzahl von Eigenschaften, Motiven und Fähigkeiten und einigen Schwächen zu beschreiben“ seien. (s. 18) Und außerdem: „Hängen mit der zentralen Grundtendenz wirklich all die andern Eigenschaften zusammen, die in den Typenbeschreibungen angenommen werden; gibt es diese Kombinationen/Komplexe von Merkmalen – oder sollte ich diese nicht lockerer nehmen – als Liste von weithin unabhängigen Eigenschaften, über die ich nachdenke?“ (s. 18f)

Dieser letzte Punkt scheint mir in der Tat bedenkenswert. Nicht jede Eins ist zwangsläufig auch ordentlich oder gar putzwütig (ich weiß, wovon ich rede). Nicht jede Neun neigt zur Selbstbetäubung, und nicht jede Vier fühlt sich von der Geradlinigkeit der Eins angezogen. Vielleicht sollte man das Enneagramm tatsächlich einfach als unsystematische „Liste“ von Themen verstehen, von denen man sich zum Nachdenken anregen lassen kann. Sicher: der geheime Zauber, der von der kunstvollen Enneagramm-Figur und den dadurch symbolisierten Gesetzmäßigkeiten ausgeht, würde wohl verloren gehen, wenn man es stattdessen mit einer schlichten, prosaischen Aufzählung zu tun hätte. Doch dafür würde man ein größeres Maß an Offenheit gewinnen. Man könnte sich dann auch durch solche Themen zum Nachdenken anregen lassen, die eigentlich nicht dem eigenen, sondern anderen Typen zugeordnet werden.

Am Ende seiner fachkundigen und lesenswerten Darstellung überrascht es nicht, wenn sich Grom von Enneagramm und Astrologie abgrenzt und stattdessen für eine wissenschaftlich geleitete Selbstbeobachtung plädiert, die „gegenüber esoterischen Diagnose-Angeboten den Vorteil (hat), dass sie offener ist – in einem doppelten Sinn: 1. Sie zwängt uns nicht in ein geschlossenes System, in dem eine Eigenschaft angeblich mit anderen zusammenhängt. 2. Sie erhebt nicht den Anspruch, objektive Erkenntnis aufgrund altehrwürdiger Tradition, Weisheit oder Intuition zu sein.“

Auch wenn Groms Kritik am Enneagramm meines Erachtens kaum von der Hand zu weisen ist, so muss hier doch wenigstens angemerkt werden, dass der eigentliche Vorzug des Enneagramms von Grom gar nicht zur Kenntnis genommen wird. So weist das Phänomen, dass das Enneagramm gerade in christlichen Kreisen bis heute faszinierend wirkt, doch darauf hin, dass darin eine Form gefunden scheint, neu und lebensnah über alte Themen wie Sünde und Gnade nachzudenken und sich mit anderen solidarisch darüber auszutauschen. Das Enneagramm beinhaltet offenbar eine ganz praktische spirituelle Dimension, die durch wissenschaftliche Persönlichkeitsmodelle nicht zu ersetzen ist.

Übrigens: Auch im Internet ist der Vortrag abrufbar, und zwar unter
http://kirche.kath.de/akademie/rahner/vortrag/Grom_eso.htm

Johannes Bartels

[aus: EnneaForum 20, November 2001, S. 25

Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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