Die Mitte des Enneagramms – das Geheimnis des Herzensgebets

von Andreas Ebert

In der Mitte des Enneagramm-Symbols klafft ein riesiges Loch. Nicht einmal der Mittelpunkt des Kreises, der das Neuneck umschließt, ist sichtbar dargestellt. Dieser Leer-Raum lädt zur Deutung ein. Ich verstehe ihn (im Zusammenhang mit dem Enneagramm der Persönlichkeit) als Symbol für die Personmitte und als Platzhalter für das Christusgeheimnis. Unseren innersten Kern bezeichnet die biblische Tradition als das Ebenbild Gottes in uns; manche Mystiker sprechen vom „gottförmigen Vakuum in der Seele“ und C. G. Jung vom „wahren Selbst“. Dieses Unsichtbare ist unser Wesen. Das, was uns zutiefst ausmacht. Wer sind wir vor unseren Sünden, Leidenschaften, Fixierungen und Charaktermustern? Wer werden wir sein, wenn all unsere Verwundungen, Egotrips und Irrwege geläutert sind im Schmelztiegel der göttlichen Liebe, wenn endlich „erscheinen wird, was wir sein werden“ (vgl. 1 Johannes 3,2)? Paulus spricht davon, dass „unser (wahres) Leben mit Christus in Gott verborgen“ ist (Kolosser 3,3). Von dieser geheimnisvollen, unanschaulichen Mitte aus vollzieht sich jene Transformation, die die Energien unserer ichbezogenen Leidenschaften so zu reinigen vermag, dass sie sich in Charismen und göttliche Kräfte zurückwandeln, die dem Leben und der Gemeinschaft dienen.

Kampf und Kontemplation

Wie aber vollzieht sich der Transformationsprozess? Die Wüstenväter des 4. Jahrhunderts, denen wir wesentliche Elemente des „Ur-Enneagramms“ zu verdanken haben, sprachen immer wieder davon, dass der Weg der Heiligung, Läuterung und „Vergottung“ des Menschen zwei wesentliche Aufgaben umfasst, die sich komplementär ergänzen: Kampf und Kontemplation. Der „Kampf“ gilt den Leidenschaften oder „Dämonen“, die der Wüstenmönch Evagrius Pontikus meist einfach als „Gedanken“ bezeichnet. Es sind jene Denk- und Verhaltensmuster, die sich der Liebe Gottes widersetzen und die uns von unserer tiefsten Bestimmung wegziehen. Durch aufmerksame Selbstbeobachtung und asketische Übungen soll ich versuchen, ihnen auf die Schliche zu kommen, und sie möglichst schon im Vorfeld daran hindern, von mir Besitz zu ergreifen. Freilich birgt diese Art von Selbsttherapie die Gefahr, dass ich mich erst recht mit mir selbst befasse, um mich selbst kreise und in religiös-therapeutische Werkgerechtigkeit verfalle. Schon die Wüstenväter wussten, dass Heiligung nicht „machbar“ ist. Asketische Verbissenheit ohne jene Gelassenheit und Barmherzigkeit (auch sich selbst gegenüber), die Frucht der Gottesgnade sind, produziert keine Heiligen, sondern Pharisäer. Deshalb ist wichtiger als alle Übung und aller Kampf die Kontemplation, die liebevolle, absichtslose Ausrichtung auf Gott – das „reine“ Gebet.

Dem Wüstenmönch Evagrius Pontikus (gestorben 399) verdanken wir, wie die meisten wissen, zwei wesentliche Bausteine zur spirituellen Psychologie des Enneagramms. Er hat acht (einmal auch neun) „Gedanken“ oder Leidenschaften beschrieben, die uns von Gott fernhalten oder in die Gottesferne führen. Und er hat ein Symbol aus Quadrat, Dreieck, Kreis und Sechseck konstruiert, das entsteht, wenn man die geheimnisvolle biblische Zahl 153 anhand der Zahlenmystik des Pythagoras geometrisch darstellt. Dabei deutet Evagrius das Dreieck als Symbol der Trinität oder der drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Das Sechseck steht – wegen der sechs Schöpfungstage – für die geschaffene Welt. Ich habe dies alles in der überarbeiteten Neuauflage unseres Enneagrammbuches ausführlich beschrieben (Rohr/Ebert, Das Ennegramm, Auflagen seit 1999, S. 20-35).

Die Darstellung des erwähnten zahlenmystischen Symbols steht am Anfang eines Büchleins mit dem Titel „Über das Gebet“, das aus 153 (!) sehr kurzen „Kapiteln“ besteht (Evagrius Pontikus, Praktikus und Über das Gebet, Münsterschwarzach 1986). In diesem Text gibt Evagrius, der an anderer Stelle ausgiebig den Kampf gegen die „Gedanken“ schildert, eine Anleitung zum beschauenden Gebet, zur Kontemplation.

Diese kleine Abhandlung ist so wichtig, dass sie später Aufnahme in die „Philokalie“ fand, eine Sammlung der wichtigsten geistlichen Texte der Ostkirche zum Gebet, insbesondere zum „Herzensgebet“.

Gebet ist für Evagrius der innige Umgang des Menschen mit Gott. Es setzt voraus, dass sich der Mensch durch Tränen der Reue, (die nicht selbst produziert sind, sondern ein Gnadengeschenk!), mehr und mehr von den Leidenschaften löst. Die „Kunst“ des Betens besteht darin, sich nicht von Sorgen und Gedanken von der Ausrichtung auf Gott abhalten zu lassen. Der Geist soll „ganz taub und still“ werden. Eine weitere Voraussetzung des Gebets ist für Evagrius die Versöhnungsbereitschaft, weil Groll einen Schatten über das Gebet wirft. „Ein Gebet, das durch nichts mehr abgelenkt wird, ist das Höchste, das der Mensch zu Wege bringt.“ Wichtig ist für Evagrius ferner, dass echtes Gebet „bildlos“ ist: „Halte deinen Geist frei von jeglicher Form! Du darfst dir nichts vorstellen!“ Es geht letztlich darum, dass der innerste Raum in uns (das „gottförmige Vakuum“) entleert wird und leer bleibt, damit Gott selbst ihn füllen kann. Damit Gott kommen kann, müssen auch unsere Gottesbilder verschwinden. Ferner schärft Evagrius ein, dass man beim Beten nicht viele Worte machen soll und dass das Gebet eher dem des Zöllners („Gott sei mir Sünder gnädig!“) als dem des Pharisäers („Ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen …“) gleichen soll.

So wie Evagrius der „Urahn“ des Enneagramms ist, ist er auch der „Urahn“ jener kontemplativen Gebetsweise, die sich im Lauf der Jahrhunderte im östlichen Mönchtum weiter entwickelt hat und bis heute in Russland und auf dem Berg Athos als „Herzensgebet“ oder „Jesusgebet“ gepflegt wird. Bei Evagrius gehören „Lasterlehre“ und „Gebetsschule“ zusammen. Das ist meines Erachtens bis heute aktuell. Bereits zweimal habe ich zusammen mit Marion Küstenmacher Exerzitien unter dem Titel „Enneagramm und Jesusgebet“ angeboten. Die Erfahrungen dieser Einkehrtage haben mich ermutigt. So wie mir das Enneagramm durch meinen franziskanischen Lehrer Richard Rohr „zugefallen“ ist, durfte ich einem zweiten Lehrer begegnen, dem Jesuiten Franz Jalics. Ihm verdanke ich den methodischen Weg des Jesusgebetes, der mir bereits als Jugendlichem kurz aufgeleuchtet ist.

Franny, Zooey und ein einfacher russischer Bauer

Als Gymnasiast verschlang ich die Bücher des amerikanischen Erzählers J. D. Salinger. Ihm war es in den 50-er Jahren gelungen, das Lebensgefühl, die Sprache und den aufkeimenden Protest der Großstadtjugend seiner Zeit einzufangen. Besonders berührte mich seinerzeit seine zweiteilige Erzählung „Franny und Zooey“, deren zentrales Thema die Auseinandersetzung um das ostkirchliche Jesusgebet darstellt:

Die Studentin Franny wird von einer Art Daseinsekel heimgesucht. Sie leidet geradezu körperlich unter Oberflächlichkeit und krankhafter Ichbezogenheit – der eigenen und vor allem der ihrer Umwelt. In dieser Krise fallen ihr „Die aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ aus der Feder eines anonymen russischen Bauern in die Hand. Dieser unbekannte schlichte Christ in der Mitte des 19. Jahrhunderts wollte herausfinden, wie er die biblische Aufforderung „Betet ohne Unterlass!“ verwirklichen könnte. Im Rahmen seiner Suche wird er von einem „Starez“ – einem erfahrenen Seelenführer – in das Geheimnis des Jesusgebets eingeweiht. Es besteht in der fortwährenden Wiederholung des Satzes: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Wenn man diesen Satz ständig spricht, erst mit den Lippen, allmählich immer verinnerlichter, so der Starez, dann geschehe nach einiger Zeit eine Verwandlung: Die Worte des Gebetes synchronisierten sich mit dem Herzschlag und dem Atem des Betenden, und es beginne in ihm von selbst „ohne Unterlass“ zu beten. Der Beter, die Beterin werde durch das Gebet mehr und mehr von egoistischen Strebungen und Gedanken gereinigt und werde immer gottförmiger, reiner und liebevoller.

Das Buch, das Franny in die Hand fällt, schildert die Abenteuer und Reflexionen dieses einfachen Mannes – erst als Lernender, dann als Lehrer des Jesusgebets. Die Studentin, die aus einem liberalen jüdischen Elternhaus stammt und nicht religiös ist, ist vor allem davon fasziniert, dass das Ganze „automatisch“ zu gehen scheint – und dass man nicht einmal an das, was man tut, zu glauben braucht. Noch mehr begeistert sie, dass dieselbe Art des Wiederholungsgebetes („Mantra“) auch in anderen Religionen mit dem Namen Buddhas oder mit dem „Om“ funktioniert. Franny versucht, diese Faszination ihrem nüchternen und smarten Freund Lane zu vermitteln, den vor allem die nachweisbaren Resultate dieses Betens interessieren. Sie antwortet: „Du bekommst Gott zu sehen, in einem völlig unkörperlichen Winkel deines Herzens … du siehst Gott, das ist es … und nun frag mich bitte nicht, wer oder was Gott ist. Ich weiß nicht einmal, ob es ihn gibt. Als ich klein war, glaubte ich …“.

Erfahrung und Wahrheit

Frannys Suche ist bezeichnend für die westliche Welt der letzten 50 Jahre. Der traditionelle Glaube hat sich mehr und mehr aufgelöst, seine Formeln und Inhalte sagen vielen Zeitgenossen nichts mehr. Aber was tritt an seine Stelle? Die spirituelle Sehnsucht der Menschen lässt sich durch Konsum und weltliche Erfolge nicht stillen. Gibt es Wege, die – losgelöst von traditionellen Dogmen und Bekenntnissen – einen Zugang schaffen zu einer Erfahrung von Sinn oder „Göttlichkeit“ im eigenen Inneren?

Abt Emmanuel Jungclaussen aus Niederalteich, Herausgeber der deutschen Ausgabe des „russischen Pilgers“, sieht bei Franny eine „Eigenart vieler heutiger Sinn-Sucher … nämlich deren Faszination durch das Zauberwort ‚Erfahrung‘, eben dass ‚etwas passiert‘“. Im zweiten Teil des Buches ist es Frannys Bruder Zooey, der in langen Gesprächen mit seiner Schwester bezweifelt, dass man die Frage nach der Wahrheit und nach dem Inhalt einfach zugunsten einer „Erfahrung“ aufgeben darf. Zooey meint, wer zu Jesus betet, der könne nicht einfach mechanisch seinen Namen plappern, um ein gutes Gefühl zu bekommen: „Wenn du Jesus nicht genau als den siehst, der er wirklich war, dann geht dir der Sinn des Jesus-Gebetes vollkommen verloren … du nimmst nur an einer Art organisierter Heuchelei teil … Das Jesus-Gebet hat den Zweck, die Person, die es spricht, mit Christus-Bewusstsein auszustatten.“ Sonst habe man nur ein „Stelldichein mit einer klebrigen, anbetungswürdigen, göttlichen Persönlichkeit“, die die Menschen von allen Pflichten entbinde und den Weltschmerz verscheuche.

Müssen sich „Wahrheit“ und „Erfahrung“ ausschließen? Oder sind sie womöglich zwei Seiten einer Medaille? Ist es gleichgültig, zu wem man betet, solange es „wirkt“? Oder ist es gerade entscheidend, in welchem Namen und zu welchem Gott ich bete?

Gebet, östliche Meditation und Christusmystik

Die Krise der westlichen Religion ist nicht zuletzt eine Krise des Gebets. Ähnlich wie die Dogmen und Bekenntnisformeln der Vergangenheit erleben viele Menschen die traditionelle Gebetssprache als sinnentleert – auch viele treue Kirchgänger. Die vorformulierten Gebete des Pfarrers erreichen meist kaum den Kopf und noch seltener das Herz. Und nur wenige Christen praktizieren daheim eine regelmäßige Form des persönlichen Gebets, die sie wirklich mit Freude und Kraft erfüllt. Das Gebet ist zwar nach christlicher Lehre die wesentlichste und innigste Lebensäußerung des Glaubens, aber die Kirchen versuchen und vermögen kaum die Menschen beten zu lehren – so als könne „man“ das ohnehin schon. Die Jünger Jesu kannten ihr eigenes Unvermögen und baten den Herrn: „Lehre uns beten!“

Die Gebetswände großer Kirchen sind zwar übersät mit Zetteln, auf denen viele Hilferufe und auch einige Danksagungen an die Adresse Gottes Niederschlag finden. Aber nach biblischer Lehre ist Beten ja mehr als Danke und Bitte sagen. Beten ist inniger und vertrauter Umgang mit Gott. Beten ist kein Werk des Menschen, sondern die Erfahrung, dass Gott selbst in unserem Innersten wohnt und betet, weit über unsere Worte hinaus: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen … Aber der Geist selbst tritt mit unaussprechlichem Seufzen für uns ein“ (Römer 8). Beten ist weniger ein Reden mit Gott oder zu Gott, sondern es bedeutet, in Gott zu sein und zu ruhen. Kann man lernen und üben, in Gott zu ruhen? Wenn Gott ewige Gegenwart ist (sein hebräischer Name bedeutet „Ich bin da“), dann können wir ihm nur begegnen, wenn wir selbst „da sind“ – in der Gegenwart. Tiefes Gebet ist nur möglich, wenn wir einen Weg aus der Zerstreuung in die Sammlung finden. Und da liegt das Problem des gestressten und permanent abgelenkten modernen Menschen.

Ein Heilmittel scheint in Sicht zu sein: Viele Suchende – Kirchennahe wie Kirchenferne – haben in den letzten Jahrzehnten die Zen-Meditation entdeckt. Sie sitzen unter kundiger Anleitung in der Stille, lauschen dem eigenen Atem und versuchen, ganz wach in der Gegenwart da zu sein, bis die vielen Gedanken, Erinnerungen, Pläne und Sorgen zur Ruhe kommen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf keinen Gegenstand, auch nicht auf „Gott“, nicht zuletzt, weil der Buddhismus ohne den Glauben an einen persönlichen Gott auskommt, der uns „Du“ und Gegenüber ist und uns beim Namen ruft. Es geht zunächst einmal darum, radikal leer zu werden – auch leer von bisherigen Gottesbildern. Evagrius lässt durchaus grüßen.

Andere Sucher unserer Zeit gelangen durch die Körperübungen des hinduistischen Yoga zu spiritueller Sammlung. Wieder andere singen oder sprechen fernöstliche Mantren, wiederholen einen fremden, geheimnisvollen Gottesnamen. All das sind religiöse Erfahrungen, wie sie die meisten in der Kirche so intensiv nie machen konnten. Einige von denen, die Zen praktizieren, bezeugen, dass sie gerade auf diesem Weg einen neuen Zugang zum Glauben gefunden haben. Das stille Verweilen in der Gegenwart habe sie wieder empfänglich gemacht für die Kraft der christliches Botschaft (zumal wenn die Zenlehrer selbst Christen sind wie der verstorbene Jesuit Enomiya-Lasalle oder der Würzburger Benediktiner Willigis Jäger). Aber auch das Umgekehrte geschieht: Solche Praktiken können dazu beitragen, dass Menschen der Kirche und dem christlichen Glauben endgültig den Rücken kehren. Die Übertritte zum Buddhismus haben sprunghaft zugenommen: Weshalb Christ bleiben, wenn die überzeugendsten Anleitungen zeitgemäßer Spiritualität aus den östlichen Religionen kommen?

Auch deshalb melden manche Christen – und nicht nur Erzkonservative – Bedenken an. Sollen wir die Rettung und Erneuerung christlicher Spiritualität tatsächlich vom Buddhismus oder Hinduismus erwarten? Haben wir nichts Eigenes und Gleichwertiges – auch wenn es vielleicht vergessen und verschüttet ist? Gibt es keine authentischen Gebetstraditionen im Christentum, die das Anliegen von Zen und Yoga teilen, Menschen zur Achtsamkeit, zum Dasein und zur Sammlung zu führen? Einen Weg, den Christinnen und Christen gehen können, ohne um ihre Identität bangen zu müssen? Als ich kürzlich in den USA einem zum Buddhismus konvertierten Friedensaktivisten vom Jesusgebet erzählte, bekam er große Augen: „Genau danach hungern viele Christen,“ sagte er. „Aber wer lehrt das Jesusgebet methodisch? Selbst in christlichen Klöstern meditiert man fernöstlich.“

Äußerlich setzt das Jesusgebet wie Zen und Yoga beim Körper und beim Atem an, wie hinduistische Mantra-Meditationen bei der Wiederholung des Namens. Deshalb ist es eine wundervolle Brücke zwischen Christentum und östlichen Religionen. Aber inhaltlich zielt es ausdrücklich auf die Verwurzelung des Betenden in Jesus Christus. Es geht um Selbsterfahrung und um Christuserfahrung, um Christusmystik, die paradoxe Identitätserfahrung des Paulus: „Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“.

Wüstenväter, Athosmönche und der Pilger

Die Wurzeln des Jesusgebetes reichen wie gesagt bis in die Frühzeit des Christentums zurück, in jene Tage der ersten Wüstenmönche, als „Religion noch nicht langweilig war“ (so der Autor Hans Conrad Zander). Zahllose Männer (und einige Frauen) verließen nach dem Ende der Christenverfolgungszeit die Städte und die immer angepasstere Staatskirche, um in der Einsamkeit der ägyptischen Wüste Gott zu suchen. Ihr Kampf richtete sich gegen jene „Leidenschaften“, „Gedanken“ oder „Dämonen“, die Herz und Hirn besetzen und von der Ausrichtung auf Gott ablenken. Ihr Ziel war es, Gott zu schauen und in Gott zu ruhen. Ruhe heißt auf griechisch „hesychia“; die mönchische Bewegung, die dieses Ziel verfolgte, nannte sich daher „Hesychasmus“.

Evagrius Pontikus entwickelte als erster die Lehre vom „reinen Gebet“ ohne Gedanken und Bilder, ganz ähnlich der Zen-Meditation. Fast gleichzeitig betonte der Mönch Makarios die Sammlung der Aufmerksamkeit im eigenen Herzen beim Gebet. Die ständige Wiederholung von biblischen Stoßgebete („Gott, sei mir Sünder gnädig!“, „Mein Herr und mein Gott!“) sollte zudem helfen, die Aufmerksamkeit auf Gott zu lenken. Schließlich setzte sich ab dem 6. Jahrhundert als Formulierung der Schrei des blinden Bartimäus durch: „Herr Jesus Christus, (Sohn des lebendigen Gottes,) erbarme dich meiner!“ So entstand aus vielen Mosaiksteinen allmählich das, was dann seit dem 13. Jahrhundert (vor allem in der Mönchsrepublik Athos) als „Jesusgebet“, „Herzensgebet“ oder „Ruhegebet“ methodisch gelehrt und von unzähligen Christinnen und Christen der Ostkirche praktiziert wurde: eine Kombination von Körper- und Atemübung mit der Wiederholung dieses Stoßgebetes, das manchmal noch weiter reduziert wurde auf die Wiederholung des Namens Jesu.

Schließlich kam das Gebet nach Russland, wo es seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine wahre Blütezeit erlebte. Auslöser war die „Philokalie“ („Tugendliebe“), eine Sammlung mit Texten großer orthodoxer Autoren seit dem 3. Jahrhundert, die um das Herzensgebet kreisten. In Russland waren und sind es besonders die „Starzen“, spirituell erfahrene Mönche und Nonnen, die Suchende auf dem inneren Weg anleiten und begleiten. Im Westen entdeckte man das Herzensgebet erst im 20. Jahrhundert durch die oben zitierten „Aufrichtigen Erzählungen“ (erstmals 1925 auf deutsch erschienen). Die Erzählungen des Pilgers offenbaren übrigens eine weiteren Vorzug des Jesusgebets: Es muss nicht im strengen Meditationssitz geübt werden, sondern kann ebenso beim Wandern und bei den alltäglichsten Verrichtungen geübt werden, bis es „in Fleisch und Blut“ übergeht.

Gebet eines Gefolterten

Viele, die das anrührende Buch jenes unbekannten russischen Bauern gelesen haben, haben – wie Franny in Salingers Erzählung – auf eigene Faust versucht, diese schlichte Art des Betens zu praktizieren. Methodische Anleitung und Hilfe fanden sie selten, weil es in den Kirchen des Westens keine Starzen und nur wenige geistlich erfahrene Seelenführer/innen gibt. Neben Abt Emmanuel Jungclaussen aus Niederalteich ist es bei vor allem der ungarische Jesuit Franz Jalics, der diese schlichte Weise des Betens methodisch lehrt und Tausenden die Tür zu einer auf Jesus Christus ausgerichten Form der Meditation und Kontemplation („betrachtendes Gebet“) geöffnet hat.

Pater Franz Jalics wurde 1927 in Budapest geboren, wurde früh Soldat und landete am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Ende der 40-er Jahre trat er in den Jesuitenorden ein und wurde in den 50-er Jahren nach Chile und dann nach Argentinien geschickt, wo er viele Jahre lang Dogmatik dozierte. Nachdem er mit zwei Mitbrüdern in ein Armenviertel gezogen war, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen, wurde er 1976 von einem rechtsextremistischen Todesschwadron verschleppt und fünf Monate lang gefesselt und mit verbundenen Augen an einem unbekannten Ort festgehalten. Die Anrufung des Namens Jesu trug dazu bei, dass er die psychischen Qualen dieser Zeit wie durch ein Wunder überlebte. Seit 1978 lebt er in Deutschland und gibt Exerzitienkurse, bei denen er das Jesusgebet vermittelt – seit den 80er Jahren in einem eigenen Meditationshaus in Oberfranken. Tausende von Suchenden haben bei ihm einen spirituellen Weg kennen gelernt, der sie im Alltag begleitet – unter ihnen zahlreiche evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer und eine Reihe von Schwestern der „Christusbruderschaft Selbitz“ und anderer Kommunitäten.

Einfach und dennoch anspruchsvoll

Die Praxis des Jesusgebets ist einfach und erfordert dennoch Entschiedenheit und Beharrlichkeit. In zehntägigen Exerzitienkursen im Schweigen vermitteln Pater Jalics und seine Schüler die Anfangsgründe dieses Weges. 1994 erschien sein Buch „Kontemplative Exerzitien – Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet“. Es liest sich streckenweise wie ein Krimi, besonders da, wo der Autor die eigene Biographie sprechen lässt. Vor allem aber handelt es sich um einen Leitfaden, der in zehn Kapiteln die Einübung des Herzensgebets im Selbststudium ermöglicht, sich aber auch als Begleitlektüre für Exerzitienkurse eignet.

Die Grundeinsicht aller kontemplativen Gebetsweisen besagt: „Gott ist immer da. Gott ist ewige Gegenwart. Aber wir sind nicht da. Wir sind zerstreut, sind mit Gedanken, Sorgen und Plänen in der Vergangenheit und Zukunft, kreisen um uns selbst. Gott aber können wir nur in der Gegenwart begegnen.“ Deswegen beginnt kontemplatives Beten mit Übungen, die uns helfen, „da zu sein“, die Gegenwart wahrzunehmen. Die Natur ist nach Jalics eine vorzügliche Lehrmeisterin des „Da-Seins“. Konsequenterweise schickt er seine Schülerinnen und Schüler zu Beginn der Exerzitien auf lange Spaziergänge. Dabei sollen sie üben, allmählich die Alltagsgedanken hinter sich zu lassen und ganz wach wahrzunehmen, was jetzt da ist. Einem Vogel zu lauschen, einen Baum oder eine Blume zu betrachten, den Wind auf der Haut spüren – der Weg zum „Sinn“ führt zunächst über die Sinne. Vielen wird bereits jetzt klar, wie schwierig es ist, auch nur wenige Augenblicke lang einfach da zu sein.

Eine zweite Übung findet im Sitzen statt: Der Körper kommt auf einem Stuhl oder einem Meditationshocker zur Ruhe. Ich beginne, den eigenen Leib wahrzunehmen, aufmerksam hinzuspüren, wo er zum Beispiel Bodenkontakt hat. Dann wende ich mich dem eigenen Atem zu. Ich kontrolliere ihn nicht, ich verändere ihn nicht, ich „beobachte“ ihn nicht einmal. Ich versuche, ihn kommen und gehen zu lassen und ihn mit wachem Interesse zu begleiten – und stetig dabeizubleiben. Auch das klingt einfacher, als es für die meisten ist. Alle menschlichen Handlungen bestehen aus dem Dreischritt Wahrnehmen – Urteilen – Handeln. Unser Schulsystem und die Gewohnheit lehrt uns, nur Bruchteile von Sekunden wahrzunehmen, was ist – um dann gleich Urteile zu fällen und zur Tat zu schreiten. Das Jesusgebet beginnt wie jede Form der Kontemplation damit, beim ersten Schritt zu verweilen: zu lauschen und zu schauen und mich der gegenwärtigen Wirklichkeit interessiert und achtsam zuzuwenden.

Die Hände und der Name

Schließlich richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Innenfläche der Hände, wo nach christlicher Tradition die Wundmale Jesu „eingezeichnet“ sind. Ich spüre in die Mitte der Handflächen hinein, wo sich Blut- und Nervenbahnen treffen. Auch die Hände helfen mir, in der Gegenwart zu sein. Nach einer Weile spüren viele Übende in der Mitte der Hand Wärme oder den eigenen Puls. Gedanken, Gefühle und Körperschmerzen lasse ich dabei zu, aber ich fixiere mich nicht auf sie, sonder kehre immer wieder zurück zum Atem und zur Wahrnehmung der Hände. Wenn es mir eine Weile gelingt, so gegenwärtig zu sein, verbinde ich den Atem mit dem Namen Jesu Christi.

Die Langform des Jesusgebetes besteht aus dem Satz „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“, wobei meist beim Einatmen der Name ausgesprochen wird, beim Ausatmen die Gebetsbitte.

In der konzentrierten Form des Jesusgebets, wie sie Franz Jalics lehrt, besteht das Gebet nur aus dem Namen: Beim Ausatmen spreche ich innerlich den Namen „Jesus“, beim Einatmen den Namen „Christus“. Dabei lausche ich, ob sich Namen und Atem verbinden und ob sie gemeinsam in den Händen „ankommen“.

Es geht nicht darum, den Namen mit irgendwelchen Bildern und Gefühlen zu verbinden. Das ruhige Aussprechen des Namens „reinigt“ ihn vielmehr vom Wust religiöser Vorstellungen.

Es geht darum, den Namen Jesus Christus (auf deutsch: „Gott rettet“ und „Der Gesalbte“) als Gebet zu verstehen, in dem alles gesagt ist, was zu unserem Heil nötig ist. Paulus sagt: „Kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, durch den sie gerettet werden können.“

Indem ich beim eigenen Atem und bei seinem Namen verweile, nehme ich gleichzeitig mich selbst als lebendiges Geschöpf Gottes an – und Jesus als Quelle meines Heils. Meine Sorgen, Gedanken, Erinnerungen und Pläne können zur Ruhe kommen. Ich kann da sein vor meinem Gott, der uns in Jesus Christus seine Zuwendung bekundet hat.

Absichtslosigkeit und Leidensbereitschaft

Kontemplativ beten bedeutet, nichts mehr erreichen zu wollen, sondern sich loszulassen in Gottes Hand. Die Zeit, in der ich versuche, vor Gott dazusein, schenke ich ihm. Bei einem Schweigekurs mit dem Jesusgebet können das vier bis acht Stunden täglich sein, die ich in der stillen Anrufung verweile. Diese Zeit entzieht sich meiner Verfügung. Ich bin bereit, das, was Gott mir zumutet oder schenkt, zu empfangen. Oft löst die Stille Körperschmerzen aus. Verdrängte Gefühle kommen ans Licht. Zur Kontemplation gehört die Leidensbereitschaft: Ich lasse auch die dunklen Gefühle, Zeiten der Zerstreuung, Ängste und Schmerzen zu und überlasse Gott die Heilung. Viele, die so beten, erleben, dass in der Stille innere Wunden aufbrechen – und heilen. Viele erleben, dass sie allmählich fähig werden, sich von innen heraus mit sich selbst und mit ihren Mitmenschen zu versöhnen.

Das Jesusgebet vermittelt eine besondere Begegnung mit dem dreieinigen Gott. Ich begegne dem Schöpfer durch meinen Leib und durch meinen Atem. Ich begegne dem Erlöser im Namen Jesu Christi. Und ich begegne dem Heiligen Geist in der Gemeinschaft der Suchenden und Glaubenden, die mit mir beten, die zusammen mit mir unterwegs sind zu Gott, die sich nach Kontakt und Heilung sehnen.

Die Leere dient der Fülle

Das große Loch inmitten des Enneagrammsymbols hat eine doppelte Botschaft. Heilung und Transformation kommen aus der „unanschaulichen Mitte“ und geschehen auf dem Weg des Leerwerdens und Loslassens. Die Leere ist aber kein Selbstzweck, sondern dient der göttlichen Fülle. Jesus sagt, er sei gekommen, damit wir das „Leben in Fülle“ haben. Und Paulus schreibt, dass in Christus „die Fülle der Gottheit“ wohnt. Weil dem so ist, ist das Christentum letztlich keine asketische Religion. Die Übung dient dem Leben und die Wüstenzeit dient dem Fest. Am Ende erwarten Juden und Christen keine Auflösung in einem wie auch immer gearteten „Nirwana“, sondern ein Fest, bei dem der Wein fließt, bei dem alle Tränen getrocknet sind, bei dem wir Gott loben. „Wir werden ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ sagt Paulus. Die Praxis des kontemplativen Gebets ist – wie das Abendmahl – ein Vorgeschmack des Festes, bei dem wir Gott schauen.

Es ist möglich, das Jesusgebet alleine zu üben, zum Beispiel anhand des Buches von Franz Jalics. Hilfreicher ist es aber zumindest zu Beginn, unter erfahrener Anleitung zu meditieren. In Deutschland bietet zum Beispiel das Christkönigskolleg solche Exerzitien an (Bergfried 1, 94034 Passau, Klaus Spiegel, Tel. 0851-51137). Sr. Adelheid Wenzelmann von der Christusbruderschaft gibt im Kloster Wülfinghausen ähnliche Kurse (31832 Springe, Tel. 05044-1305). Marion Küstenmacher und ich planen, auch im kommenden Jahr wieder Exerzitien anzubieten, die Enneagrammarbeit und Jesusgebet miteinander verbinden.

Literatur:

Emmanuel Junclaussen (Hg): Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers, Herder verlag Freiburg, dm 18,80;

Emmanuel Jungclaussen (Hg.): Das Jesusgebet – Anleitung zur Anrufung des Namens Jesus von einem Mönche der Ostkirche, Friedrich Pustet Verlag Regensburg, dm 12,80;

J. D. Salinger: Franny und Zooey, Rowohlt Taschenbücher Reinbek, dm 12,90.

Franc Jalics: Kontemplative Exerzitien – Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet, Echter Verlag Würzburg, dm 38,–

[aus: EnneaForum 20, November 2001, S. 4-9

Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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