Wo steht die Enneagrammarbeit heute?

Eine Umfrage unter Kursleiterinnen und Kursleitern.

Von Michael Schlierbach

Was ist eigentlich gerade der Stand der Arbeit mit dem Enneagramm?
Diese Frage stellte sich angesichts des 20er-Jubiläums des Rundbriefs (siehe Seite 30).
In einer kleinen e-Mail-Umfrage wurden einigen Enneagramm-Kursleitern folgende Fragen gestellt:

  • Welche Menschen kommen in Ihre Kurse – jüngere oder ältere?
  • Welche Aspekte stehen in der Arbeit mit diesen Menschen im Vordergrund?
  • Was erwarten sich Ihre Kursteilnehmer vom Enneagramm?
  • Wo sehen Sie Schwerpunkte, an denen sich die Enneagramm-Arbeit in den nächsten Jahren entwickeln muss?
  • Wo sehen Sie die Kernkompetenz der Enneagrammarbeit?

Hier nun schlaglichtartig einige Antworten, eine genauere Darstellung folgt im nächsten EnneaForum.

Weitere Antworten und Beiträge sind willkommen.

Aspekte der Enneagramm-Arbeit

„1. Selbsterkenntnis – im Sinne von „Aha,so ist es“ 2. Erkennen von festgefahrenen Denkstrukturen 3. Verändern von Wahrnehmungspositionen 4. Ziel ist das Entdecken der eigenen Begabungen und Werte, sie zu leben und dadurch Heilung und Ganzheit erlangen / Selbstfindung, Lebenskrisenbewältigung, Verständnis für andersartige Menschen zu bekommen, persönliche spirituelle Weiterentwicklung. / Eigene Schwächen und Schwierigkeiten kennenzulernen und besser zu verstehen, und als Ziel das eigene Potential und Selbstbewußtsein zustärken. … und die des Partners oder der engeren Familie, Kollegen besser verstehen – und dadurch mehr Empathie in der Beziehung erfahren. … und um die eigene spirituelle Entwicklung voranzubringen / zunächst das Erkennen des Musters, dann aber v.a. Wege, wie die unbewusste, automatische Identifikation mit dem Muster durch Bewusstheit, Klarheit, Entschlossenheit in Nicht-Identifiziertsein übergeführt werden kann und so der persönliche Freiraum differenzierter und reicher wird. / Im Vordergrund … Erkennen des eigenen Typs – und wie er sich im Alltag zeigt, also die Selbsterkenntnis, um zu verstehen (Hintergründe), was man an sich (und den andern 8 Typen) tagtäglich erlebt. Dabei steht das Erhellen eigener blinder Flecken im Vordergrund. / alle sollten zumindest die Spitze des Eisberges ihrer emotionalen Leidenschaft (Rohr: Wurzelsünde) erkennen, um nach dem Kurs diese vertieft und immer umfassender selber beobachten zu lernen. / Selbst-Orientierung, weniger Anwendung des Enneagramms auf berufliche Zwecke … die Frage „Wie verstehe ich meine (n)PartnerIn besser?“ spielt immer mit. / Selbsterkennen, eigene Aufmerksamkeit einüben, Bewusstheit und Wege zur Veränderung finden. / E. ist für mich … ein diagnostisches Hilfsmittel …

Schwerpunkte für die Zukunft

Es sollte stärker als bisher die Einsicht gefördert werden, dass das E. kein abgeschlossenes … System psychologischer Typologisierung darstellt, sondern als … Suchhilfe zur Artikulation von „Deutungsmustern“ zu verwenden ist. Es sollte noch stärker als bisher die von Richard Rohr und anderen bereits angebahnte Einsicht in die Gebrochenheit menschlichen Lebens akzentuiert werden. Das E. wird oft als Instrument zur Erlangung spiritueller Vollkommenheit missverstanden. Dabei könnte gerade das E. als aussagekräftiges Symbol für die prinzipielle Unabschließbarkeit spiritueller Entwicklungsprozesse dienen: Auf Erden ist keine spirituelle Vollkommenheit erreichbar, sondern bestenfalls „ein Neuntel der Wahrheit“ (Rohr). / Es könnte noch stärker als bisher das Selbstverständnis von E.-Gruppen als „Gemeinschaft der Verwundbarkeit“ (Rohr) akzentuiert werden, und zwar als bewusstes Widerlager zu dem in der Praxis oft gepflegten „Wir-Gefühl“ der „spirituell Fortgeschrittenen“ / Es wäre wunderbar, wenn die E.-arbeit sich in der Kirche mehr verbreiten würde. Um spirituelles Wachstum zu lehren, um die Lehre von Sünde und Tugend begreiflich zu machen. / die Frage „was kommt nach der Typisierung?“ / Seit den ersten schriftlichen Veröffentlichungen hat das E. als Typenlehre … einen großen Boom erlebt. Doch schon heute zeigt das abnehmende Interesse am E. als reiner Typenlehre, dass diese Beschränkung in Frage gestellt werden muss. …

Kernkompetenz

In der religiösen Erwachsenenbildung, genauer in der Artikulation und Aufarbeitung elementarer „Deutungsmuster“, d.h. normalerweise unbewusst bleibenden Alltagswissens. / Enneagramm ist für mich zuständig für die Selbsterkenntnis im Sinne von Selbstentlastung … Dabei sind Kindheitserfahrungen wichtig (Arbeit mit dem innern Kind), Eigenverantwortung leben (raus aus der Opferrolle), Versöhnung mit sich und anderen, Sinn des eigenen Lebens finden (Spiritualität). / man gewinnt … ein unglaublich klares Verständnis für menschliche Verhaltensweisen und Kommunikationsstile. … ebenfalls für die tiefe unbewusste Motivation, die dahinter steckt. / ein Werkzeug vor, das uns … tiefe Einsichten in das Wesen des Menschen ermöglicht und gleichzeitig Wege der Heilung aufzeigt. …

Ende des Beitrags im Heft.

Hier ungeordnet die weiteren Antworten:

Was erwarten …?
Selbsterkenntnis zunächst – dann in den Aufbauseminaren Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit

Schwerpunkte

Entwicklungsimpulse in Form von lösungsorientierten Methoden (bei mir mit nlp)

Kernkompetenz

So sehe ich meine Arbeit und ich bin nach wie vor fasziniert von diesem Modell.

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Schwerpunkte

Kernkompetenz

Verstehensmodell der Unterschiedlichkeit der Menschen und Ihrer Charakter.
Spirituelles persöhnlichkeits-Entwicklungsmodell
Spiegel zur realistisches Selbst und Fremdeinschätzung
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Aspekte

Erwartungen

Lebenshilfe in ihren Beziehungen – zu sich selber und mit anderen. Häufig suchen sie nach mehr Verständnis des Lebens überhaupt und ihrer eigenen spirituellen Wahrheit.

Schwerpunkte
Kernkompetenz
Man wird dadurch überhaupt in die Lage versetzt, neue Lebensmuster auszuprobieren. Auf einer tieferen Ebene geht es hier um Transformation und das Enneagramm hilft uns, diesen Weg zu finden und zu verkürzen.

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Genau das erwarten auch die Kursteilnehmer.

Kernkompetenz: Das Enneagramm ist eine besten Landkarten für psychische Strukturen und strukturgebundene Erlebensprozesse. Als Hilfsmittel bei dem Versuch, auf solche Strukturen und Prozesse aufmerksam zu werden, ist es hervorragend geeignet.

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3) Das lässt sich nicht so leicht beantworten,
da sich diese Frage im Lauf des Kurses verschiebt und vertieft. Viele kommen, weil sie an Entwicklung interessiert sind – und neugierig sind auf das Enneagramm. Sie wissen oft (aus der Ausschreibung oder einem Einführungsvortrag), dass es um 9 Persönlichkeitstypen geht – und sind neugiereg, wie diese funktionieren und was das Modell des Enneagramms bringt.

Z.T. werden von Anfang an auch spirituelle Erwartungen damit verbunden, für die meisten ergibt sich dies jedoch erst im Kurs, wenn diese Perspektive des Enneagramms spürbar wird.

4) Subtypen.
Dort liegt ein wichtiger Schlüssel, die Theorie dazu ist jedoch noch sehr verworren und z.T. falsch. Die Subtypen unterscheiden sich voneinander (wenn sie rein vorkommen, was sehr selten ist) phänomenologisch meist stärker voneinander als zwei verschiedene Typen. Dann wird sicher noch mehr als bisher die eigentliche Transformationsarbeit im Vordergrund stehen: Wachsen mit dem Enneagramm, Arbeit an sich selbst. Ein wichtiger Zweig ist für uns die

Paar-Arbeit, weil sich nichts so stark als Ferment (und Druck) für die eigene Entwicklung erweist wie die Paarbeziehung (wenn sie lebendig ist. d.h. gerade durch die bestehende Fremdheit zw. 2 Typen, die Reibung und die Konflikte, in die 2 verschiedene Typen miteinander zwangsläufig geraten). Ich bin speziell interessiert an der ganzen Psychosomatik (Studie mit Dr. med. Udo Kessler, wir sind z.Zt. am Manuskript einer ersten ausführlicheren Publikation). Wichtig scheint mir auch die Erschliessung der feinstofflichen Dimensionen der neun Typen (z.B. wie die Chakren organisiert sind). Und im Zentrum steht natürlich die Schulung des Inneren Beobachters durch verschiedene Praxen der Achtsamkeit. Ohne einen wachen – typ-unabhängigen – Inneren Beobachter kann man sich auf dem eigenen Weg gar nicht orientieren, weil man nicht weiss, wo man ist (was wirklich Sache ist, so lange man in den Täuschungen des Typen-Beobachter lebt).

Was noch schlecht erforscht und in der Literatur beschrieben ist, ist die transformierte Gestalt jedes Typs. Ich finde das immer wieder etwas vom Faszinierendsten.

Was ebenfalls nicht zu unterschätzen ist – und nirgends beschrieben wird – sind psychische und spirituelle Krisen, in die durch die (konsequente) Arbeit an sich selbst durch das Enneagramm spätestens dann gerät, wenn wichtige Stützen der eigenen Persönlichkeit einbrechen.

5) Fachkundig sein in der Erfahrung und Kenntnis psychischer und zugleich auch spritueller Prozesse.
Die Basiskompetenz ist und bleib ein fundiertes und detailliertes Tiefenverständnis der 9 Typen und des Modells des Enneagramms (z.B. die Bedeutung der Linien) – was man auch nach 10 Jahren der Beobachtung und (z.T. therapeutischen) Begleitung von Menschen erst zu einem Bruchteil ausgeschöpft hat.
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1. In unseren Enneagramm-Kursen finden wir hauptsächlich TeilnehmerInnen mittleren Alters (ab 35 J) , vereinzelt auch SeniorInnen (ab 70 J).

3. Schwerpunkte der Enneagramm-Arbeit sind nach unserem Verständnis:
Die Frage hat zwar unterschiedliche Antworten bekommen, ist aber noch nicht zum Kern eines anerkannten Konzeptes geworden:

dass das Enneagramm eher eine Landkarte bietet, aus der Ziele persönlicher Entwicklung abzulesen sind, scheint den meisten klar. Wie diese Ziele erreicht werden können, bleibt weiterhin unklar.

Gehe ich einen rein spirituellen Weg des Glaubens, der methodisch höchstens durch Meditation geleitet werden kann ?( R. Rohr)

Wenn ich diesen Weg gehe, muss ich mich dann auf christliche Angebote (welche?)beschränken oder kann ich buddhistische Meditationserfahrungen einbeziehen?(Jon Kabat-Zinn)

Beziehe ich ferner psychotherapeutische Konzepte (zB.Focussing, Transaktionsanalyse, Existenzanalyse u.a.) gezielt mit ein ? (H. Neidhardt, J.Gündel, U.Böschemeyer).

In diesem Zusammenhang scheinen Grundsatz-Diskussionen wenig hilfreich.

Wenn es dagegen gelänge, experimentell-praktisch vorzugehen ggf auch in einem zeitlich überschaubaren Rahmen, wäre viel zu gewinnen.

Jürgen Gündel hat kürzlich in der emt-Zeitschrift einen Bericht über ein einjähriges Experiment mit einer buddhistischen Meditationsform vorgelegt. Das könnte Modell-Charakter gewinnen.

„Erfahrungen mit dem Enneagramm“liegen seit 1991 vor(Ebert,Rohr). Die dort verarbeiteten Fragen und Anregungen haben zu neuen Erfahrungen geführt, die der Auswertung bedürfen. Nachzufragen ist u.E.:

welche Konzepte für Meditation liegen vor ? wie hilfreich sind sie ?
wer vermittelt sie?

welche Erfahrungen wurden mit der Verbindung von Enneagramm und professioneller Psychotherapie gemacht (Neidhardt, Böschemeyer,Gündel) ?
Gelingt es, diese Quellen von Erfahrung weiter nutzbar zu machen, kann die Frage der Entwicklung der Persönlichkeit n a c h erfolgter Typisierung eine überzeugende Antwort finden. Bleibt die Typisierung der einzige Hauptpunkt von Enneagramm-Arbeit , bleibt das Enneagramm eine interessante, aber austauschbare Typenlehre. Ob ich mich als „Vier“ oder als „Krebs“ verstehe, ist Jacke wie Hose, beides „hat was“; entscheidend ist, wie finden wir einen besseren Weg im Leben. Wenn das geklärt ist, kann und muss der Weg in die bessere Bekanntheit, die grössere Wirksamkeit des Enneagramms gesucht werden.

4. Kernkompetenz des Enneagramms:
Orientierungsfunktion/ Erfahrung der „Geschwisterlichkeit“in der Gruppe/
„Spiritualität“als notwendige Erfahrung von Ganheitsbezug.
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Selbsterkennen, eigene Aufmerksamkeit einüben,Bewusstheit und Weg zur Veränderung finden.
sich selbst besser kennenzulernen,die verschiedenen Teile der Persönlichkeitsstruktur annehmen und einen Weg heraus aus der „Falle“
Weiter Verbreitung des Enneagramms; Transformationsarbeit, im Sinne von „jetzt kenne ich meinen Typ und wie geht es jetzt weiter“.
Paararbeit und Ausbildung von EnneagrammlehrerInnen.
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Wo sehen Sie Schwerpunkte, an denen sich die Enneagramm-Arbeit in den nächsten Jahren entwickeln muss?

Das Konzept des Primärenneagramms (siehe EnneaForum 1/01) vereint diese beiden Traditionen indem es die neun Grundenergien des Enneagramms auf den primären Prozess der Menschwerdung (intrauterine Zeit, Geburt und frühe Kindheit) zurückführt.

Wo sehen Sie die Kernkompetenz der Enneagrammarbeit?
Nach vielen Jahren Misserfolg und Unklarheit in der weltlichen Psychotherapie und Psychiatrie – beides noch relativ junge Disziplinen – in denen psychisches und psychosomatisches Leiden kaum verstanden und geheilt wurde, liegt mit dem Enneagramm Insbesondere das Wissen um die tiefenpsychosomatischen Wurzeln der Enneatypen ermöglicht ein schnelles Verständnis der jeweiligen Grundstörung und eine sehr individuelle Therapie.

[aus: EnneaForum 20, November 2001, S. 3

Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 20 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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