Buchbesprechung - Das Enneagramm - Idee – Dynamik – Dimensionen

Wilfried Reifarth
Das Enneagramm
Idee – Dynamik – Dimensionen
Ein Lernbuch mit Illustrationen von Elisabeth Holz
ISBN 3-17-006781-8, DM 39,90

Beim ersten Durchblättern des Buches fällt auf: Mit dem Layout hat man sich besonders Mühe gegeben. Von den theoretischen Texten abgesetzt findet man grau unterlegt kleine Geschichten mit Detailaspekten des Typs. Jeder Typbeschreibung geht eine Tabelle voraus, welche die Typbezeichnungen der wichtigsten Enneagramm-Literaten auflistet. Zudem stößt man auf mannigfache graphische Illustrationen der Künstlerin Elisabeth Holz. Alles in allem: keine Textwüste!Reifarths „Vorschläge für den Umgang mit Enneagramm-Ideen, Anleitung zu einer Umweltverträglichkeitsprüfung“ erregten als nächstes mein Interesse. Ich fand 10 Gebote für einen behutsamen Umgang mit Enneagramm-Wissen, die mir beachtenswert erschienen, fielen mir doch sofort eigene Unzulänglichkeiten ein.

Von diesem Schlußteil fiel mein Blick auf den Anfang des Buches und fand 5 verschiedene Vorworte, Anmerkungen, Einführungen zum Enneagramm. Ich ackerte mich durch die 24 Seiten dieser Einführung, um schließlich der Frage zu begegnen: „Was ist ein Enneagramm?“ Es folgten dann weitere 25 Seiten zur Theorie des Enneagramms, noch einmal vier Seiten „erläuternde Vorbemerkungen“, ehe der Autor damit beginnt, die Typen 1–9, die er lieber „Muster“ nennt, konkret darzustellen. Nach diesen immerhin 57 Seiten Einleitung nahm ich mir eine gewisse Gereiztheit nicht übel und dachte: „Da ist schon ein gehöriges Maß an Betulichkeit am Werk, das finde ich überflüssig.“ Dabei ist das, was da ab Seite 30 an Einblicken in die Struktur des Eneeagramms steht, für Leser, die an Theorie interessiert sind, durchaus instruktiv. Der Übersichtlichkeit und Verständlichkeit des Buches wäre es allerdings dienlicher, diese Passage mit den übrigen ähnlichen („Wie alles mit dem Ganzen zusammenhängt“) zusammen an den Schluß zu stellen. Denn üblicherweise geht der „Zirkel des Verstehens“ von der „Anschauung zum Begriff“ (Kant), um dann erst zurückzuschwingen. „Der Weg des Menschen zum Muster (1–9)“ wird so beschrieben, daß man recht gut versteht, wie der seiner inneren Automatik verhaftete Mensch in Verhalten und Erleben, Denken und Fühlen seiner typspezifischen Form von Unerlöstsein ausgeliefert ist.Im Kontrast dazu beleuchtet der Autor Zustände eines relativen Erlöstseins, die sich als „Lohn schmerzhafter Lernprozesse“ einstellen. „Ein genauerer Blick in die innere Dynamik“ soll dazu führen, daß die so beschriebene Oberfläche des Verhaltens und Erlebens besser verstanden wird. An den Nahtstellen des Textes fügt Reifarth Geschichten metaphorischer Art – meist Sufi-Texte von Idris Shah – ein, die auf witzige, ironische oder nachdenkliche Weise der Sache ein Licht aufsetzen. Mit dem Einsatz solcher Texte in Beratungs- oder Fortbildungsprozessen hat Reifarth seit längerem gezielte Erfahrungen gesammelt. Die Absicht, „… noch etwas von der Melodie, der spezifischen Energie, der besonderen Machart … und dem besonderen Geschmack …“ des bestimmten Typs begreifbar zu machen, scheint mir gelungen. Die Aufgabe der Veranschaulichung wird hier auf andere Art gelöst als durch Fallgeschichten aus dem Therapeuten-Alltag. So werden die Leser nicht zu Voyeuren fremder Existenzen. Details aus dem eigenen Leben hinzu zu assoziieren, wird so zu einer Beschäftigung des „inneren Kindes“, dessen bedeutsame Mitwirkung bei der „Arbeit am Ich“ automatisch stattfindet, wenn sie mit Humor und Witz und Sinnlichkeit verbunden ist. Am Ende eines jeden Kapitels soll eine Graphik von Elisabeth Holz „zum kontemplativen Umgang geradezu einladen …“ Damit sind die Graphiken m.E. überfrachtet. Mag es im Einzelnen auch dazu kommen, so meine ich doch, dass die ganzseitigen Graphiken eher als skurrile Beigaben überblättert werden. Offenbar war der Autor sich dieser Sache selbst nicht ganz so sicher: Jede Graphik wird ihrerseits erläutert, damit auch ganz klar wird, was gemeint ist. Was wirklich veranschaulicht, braucht keine Erläuterung. Auch die Enneagramm-Graphik, die dem „genaueren Blick in die innere Dynamik des Musters“ vorangestellt ist, läßt nur bei „genauerem Blick“ dechiffrieren, was sie eigentlich soll: Die graphische Ver-Zeichnung der Zahlen 1–9 ist ebenso mißlich wie die Richtung der Pfeile, man muß raten. Hier wird das graphische Beiwerk in seiner künstlerischen Idee der hinweisenden Funktion eher hinderlich, wie ich meine.

Seine Wertschätzung für Helen Palmer bringt Reifarth unmißverständlich zum Ausdruck; Wer Helen erlebt hat, den wundert es nicht. Was mich hingegen erstaunt: Bei aller Vorliebe für Theoretisches erwähnt er Helens Lehre von den Subtypen mit keinem Wort. Ich selbst bin der Meinung, dass das Konzept der Sybtypen der Kritik bedarf. Dass sie einfach unter den Tisch fallen sollte, halte ich für falsch.1

Der Weg des Menschen führt vom Zustand des Unerlöstseins hin zum Zustand eines „relativen Erlöstseins“. Was in Reifarths Darstellung fehlt, ist eine Schilderung des Weges selbst, nicht nur seiner Ausgangs- und Zielpunkte. Zwar schreibt er von „Selbsterkenntnis und Selbstdisziplin“ von „liebenvoll-kritischer Selbstbeobachtung“, insgesamt gehe man „… einen mühsamen Weg …“, dessen Dunkelheit allenfalls durch eine „… innere Warnlampe …“ zu erhellen sei, die ein Abgleiten verhindern könne. Äußerungen wie diese werden aber nicht weiter konkretisiert und bleiben deshalb merkwürdig inhaltsleer. Was hier fehlt, ist eine Methode des Self-Coaching, die für jeden anwendbar zeigt, wie Ziele der Selbstveränderung angestrebt werden können. Den Ansatz dazu kann man bereits bei Gallen/Neidhardt (1994 ff.) lesen.Was Reifarth in seinen „Skizzen möglicher Konsequenzen“ am Schluß des Buches erwägt, ist, – wie das ganze Buch – vernünftig, kenntnisreich und klug formuliert, aber es versagt, wenn es um die Praxis der Selbstveränderung geht. Das wundert nicht, weil Reifarth annimmt, Muster des Verhaltens seien „ausgesprochen zählebig und oftmals viel stärker … als die meisten Vorsatzbildungen …“, so dass sich tatsächlich viel weniger ändere, als wir vorgeben. Letztlich komme es nur darauf an, „… gelassen hinzunehmen, was nicht veränderbar ist, mit Mut die Dinge anzugehen, die veränderbar sind und mit Klarblick das eine vom anderen unterscheiden zu lernen.“ Schade, dass Reifarth den in seinem Konzept metaphorischer Texte vorliegenden Ansatz einer Veränderungsarbeit, die nicht nur mühevoll-steinig, sondern auch humorvoll-witzig fortschreitet, nicht weiter verfolgt. Statt dessen herrscht ein mühsam unterdrückter Skeptizismus vor, der die Lust auf weitere Arbeit mit dem Enneagramm deutlich mindert.Wer eine Einführung sucht, die bekannte Sachverhalte mit Übersicht zusammenfaßt ud theroretische Strukturen beleuchtet, der kommt hier auf seine Kosten. Wer den Weg selbst sucht, der vom Typ zum Original sucht, muss weitersuchen.

Gerd Heck

Denn die Zuordnung zu einem bestimmten Typ, die Typisierung, erfährt durch die Beachtung der Subtypen eine Vergewisserung und Differenzierung, die ihr sonst fehlt. Erst wenn ich mich frage: – Wie verhältst du dich zu dir selbst? (Subtyp der Selbsterhaltung) – Wie verhältst du dich in deiner Intim-Partnerschaft? (Subtyp der Sexualität) – Wie verhältst du dich zu anderen Sozialpartnern ? (Subtyp des Sozialverhaltens), erhalte ich die profilierten Informationen, die eine klare Typisierung plausibel machen. Die „Subtypen“ sind Filter, Instrumente der Informationsgewinnung, auf die man als Enneagramm-Lehrer nicht verzichten sollte.

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 30-31

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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